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14. September 2008 italo.log Die wöchentliche Gedichtanthologie aus Italien. Herausgegeben von Roberto Galaverni und Theresia Prammer. » Kontakt » Zum Geleit ... 39: Valerio Magrelli (2) 38: Paolo Volponi 37: Alda Merini 36: Pier Paolo Pasolini (2) 35: Patrizia Valduga 34: Aldo Nove 33: Raffaello Baldini 32: Maurizio Cucchi 31: Piero Bigongiari 30: Andrea Zanzotto (2) 29: Gerhard Kofler 28: Remo Pagnanelli 27: Andrea Gibellini 26: Fabio Pusterla 25: Michele Sovente 24: Anna Maria Carpi 23: Gian Mario Villalta 22: Edoardo Sanguineti 21: Roberto Roversi 20: Patrizia Cavalli 19: Giuseppe Conte 18: Giovanni Giudici 17: Valerio Magrelli 16: Giorgio Caproni 15: Andrea Zanzotto 14: Attilio Bertolucci 13: Emilio Villa 12: Giampiero Neri 11: Giovanni Raboni 10: Amelia Rosselli 09: Sandro Penna 08: Antonella Anedda 07: Pier Paolo Pasolini 06: Fernando Bandini 05: Milo de Angelis 04: Vittorio Sereni 03: Franco Fortini 02: Franco Loi 01: Eugenio Montale satt.org-Links: Latin.Log Gedichte aus Lateinamerika (2005-2008). Herausgegeben von Timo Berger und Rike Bolte. Lyrik.Log Die Gedichtanthologie (2003-2005). Herausgegeben von Ron Winkler. |
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Wer weiß schon wie viel Grün sich unter diesem Grün verbirgt und wie viel Regen unter diesem Regen unzählbar die Unendlichkeiten die hier zusammenkommen und von hier wieder ausrücken unbedacht, wie betäubt Wer-weiß-schon Das ist der Überrest von solchem Überregensrest das Grün, das in das Äußerste des Grüns zurückstrebt Vielleicht wer-weiß durch eine taube Lichtbewegung stiebt es auf zu einem kurzlebigen Laut, und weiß Vielleicht läßt es sich flüchtig fassen, lugt heraus verbindet Glieder um Glieder, schert aus
(übertragen von Theresia Prammer)
Non si sa quanto verde sia sepolto sotto questo verde né quanta pioggia sotto questa pioggia molti sono gli infiniti che qui convergono che di qui s’allontanano dimentichi, intontiti Non-si-sa Questo è il relitto di tale relitto piovoso il verde in cui sta reticendo l’estremo del verde Forse non-si-sa per un sordo movimento di luce si distilla in un suono effimero, e sa Forse si lascia sfiorare, si sporge, congiunge membra a membra, ritorce
(Aus: Meteo, 1996)
Andrea Zanzotto (vgl. italo.log 15) wurde am 10.10.1921 in Pieve di Soligo (Provinz Treviso) geboren, wo er auch lebt. 1938 nahm er ein Literaturstudium an der Universität Padua auf. Über Diego Valeri wurde er vertraut mit den Werken Baudelaires und Rimbauds. Begeistert von Hölderlins Poesie bemühte er sich, neben dem Französischen, um das Erlernen der deutschen und englischen Sprache. Pendelnd zwischen Padua und Pieve di Soligo, begann Zanzotto 1940 zunächst in Valdobbiadene, später in Treviso an der Mittelschule zu unterrichten. 1942 schloss er sein Literaturstudium mit einer Arbeit über Grazia Deledda ab, 1943 wurde er einberufen, wegen seines akuten Asthmas jedoch bald entlassen. Während der Besetzung Pieve di Soligos durch deutsche Truppen leistete er als antifaschistischer Kämpfer auf Seiten der Partisanen freiwilligen Widerstand. Die Szenen der Brandschatzung und Verwüstung seines Heimatdorfes, denen er in den Folgemonaten beiwohnte, sowie die Ermordung einiger seiner besten Freunde prägten sein Leben und Werk nachhaltig. Langjährige Beschäftigung mit der psychoanalytischen Lehre sowie eigene Analyseerfahrungen. 1946 emigrierte Zanzotto für die Dauer eines Schuljahres in die Schweiz. Zurück in Italien, richtete er sich zunächst in Mailand ein, wo er mit Eugenio Montale, Salvatore Quasimodo und Claudio Sereni freundschaftliche Beziehungen unterhielt. Wechselnde Anstellungen in verschiedenen Gymnasien der Region Veneto bis zu seiner Pensionierung 1975. 1979 erhielt er den „Premio Viareggio“. Zanzotto war freier Mitarbeiter u.a. der Zeitschriften «Comunità», des sozialistischen Organs «Avanti!», sowie, analog zu Montale, des «Corriere della Sera». Zusammenarbeit mit Federico Fellini, Tätigkeit als Übersetzer vor allem aus dem Französischen (Lacan, Bataille, Leiris, Balzac). Wichtigste Werke: Dietro il paesaggio (Mailand, 1951), Vocativo (Milano, 1957), IX Ecloghe (Mailand, 1962), Sull’Altopiano e prose varie (Prosaerzählungen, Vincenza, 1964), La Beltà (Mailand, 1968), Gli Sguardi i Fatti e Senhal (Pieve di Soligo, 1969), Pasque (Mailand, 1973), Filò. Per il Casanova di Fellini (Venedig, 1976), Il Galateo in bosco (Mailand, 1978), Fosfeni (Mailand, 1983), Idioma (Milano, 1986), Meteo (Rom, 1996). 1999 erscheint der Sammelband Le poesie e prose scelte (Mailand, 1999, in der Reihe „I Meridiani”) und 2001 der bislang letzte Band Sovrimpressioni (Mailand, 2001). Zahlreiche Essays und kritische Texte, später eingegangen in die Bände Fantasie di avvicinamento (Mailand, 1991) und Aure e disinuanti nel Novecento letterario (Mailand, 1994). Lebendige Rezeption im deutschen Sprachraum, z.B. die monographische Studie Zanzottos Triptychon (Tübingen, 1989) von Maike Albath(-Folchetti), der Band Lesarten der Sprache. Andrea Zanzotto in deutschen Übersetzungen (Theresia Prammer, Würzburg, 2005, Nachwort von Peter Waterhouse); mehrere Übersetzungen ins Deutsche: Lorna, Kleinod der Hügel/Lorna, gemma delle colline (Tübingen, 1990; Übersetzung: Helga Böhmer, Gio Batta Bucciol), Lichtbrechung (Wien/Graz, 1987; Übersetzung: Donatella Capaldi, Ludwig Paulmichl, Peter Waterhouse), Pracht (Basel/Bozen/Weil am Rhein, 2001; Übersetzung: Donatella Capaldi, Maria Fehringer, Ludwig Paulmichl, Peter Waterhouse), Gli sguardi i Fatti e Senhal/Signale Senhal (ebd. Übersetzung: Donatella Capaldi, Maria Fehringer, Ludwig Paulmichl, Peter Waterhouse), u.a. |
Andrea Zanzotto: „Dichterisches Erleben und Körper“
Wir wissen im Grunde gar nicht, was ein „Text“ eigentlich ist, noch ob es ihn überhaupt gibt. Gesetzt den Fall, es gäbe ihn, so besteht kein Zweifel, daß ihm eine Unabhängigkeit von dem, was ihn hervorgebracht hat, zugeschrieben werden kann, in einem Genese- und somit Abspaltungsprozeß. Auch wenn man ihn als Abfall, als Überbleibsel, als Absonderung oder Ausscheidung ansehen will: der Text geht auf jeden Fall seiner eigenen Wege, er „hebt ab“, wie man sagt, und tritt ein in schwer zu beschreibende Umlaufbahnen. Der Text ist mit Sicherheit auch „ein Alien“, von der Sorte, wie sie in der Science-Fiction von „Draußen“ kommen, um ein Lebewesen, einen Körper-Psyche, der auf dieser Erde lebt, in ihre Herrschaft zu bringen, um sich darin einzukapseln und ihn zu besitzen, dergestalt, daß sie eins mit ihm werden. Letzteres wirkt seinerseits verändernd auf das Ufo (wenn wir es so nennen wollen) ein, und heraus kommt eine Art Chimäre oder Minotaurus, zugleich hier und außerhalb von hier.
Keineswegs kann man also den Prätext, den Extratext und Ähnliches außer Acht lassen, will man etwas von den Bedingungen oder gar von den Ursachen verstehen, welche die Präsenz des Textes ermöglicht haben. Die Tatsache schließlich, daß er vor allem Sprachspur ist, bindet ihn unvermeidlich zurück an die historische und biologische Zeit, erniedrigt ihn auf jeden Fall zum „Sprechakt“ und läßt alle mehr oder weniger metaphysischen Baldachine und Gerüste, die ihn abstützen, staubig zu Boden krachen. (Doch sie müssen nichtsdestotrotz vorausgesetzt werden und stehen auch weiterhin sperrig herum, es sei denn man nimmt die Gegenwart eines Textes als „etwas an sich“ oder „in sich“ an.) Es ist wahr, daß der Text („testo“) generell dazu neigt, als eng verbunden mit dem Kopf („testa“), mit dem Zungenorgan, mit dem Augen-Ohren-Organ, und zuletzt mit der Himmelhaftigkeit des Hirnkortex aufzutreten: nachdem er dampfend nach oben gefiltert ist aus dem philogenetisch und auch sonst tiefer gelegenen Gehirnteil.
Man wird also sehen, daß der Text nie „genug geboren“ ist, um sich vom Körper-Psyche lösen zu können, der ihn ermöglicht hat und von dem er vielleicht nur eine Projektion (und nicht eine wahre Filiation) sein kann. Der Körper-Psyche seinerseits ist etwas erschreckend Geschriebenes, Eingeschriebenes, Umgeschriebenes, Gemeißeltes, Getriebenes, Modelliertes, Koloriertes, von einem unendlichen Miteinander von Elementen Malträtiertes, in dieser Über-Brühe, in diesem General-Plasma, in dem er selbst nicht mehr als ein Gerinnsel oder ein Ganglion darstellt. Es läßt sich also nicht genau sagen, ob der Text nicht schlußendlich einem Lektüre-feedback dient, viel eher an den Körper-Psyche gerichtet, in dem er sich, dank dessen er sich, ungeachtet dessen Widerstands er sich geformt hat. Während jener Körper-Psyche seinerseits nur als transparenter Punkt zählt oder als Warnlicht, das rot anzeigt oder als Beobachtungsstelle in Hinblick auf das Ökosystem, dem er doch nach wie vor zugehört und von dem er zumindest einige der Bedeutungen oder Sinnpfeile, die andernfalls in der Latenz verbleiben würden, „ausdrückt“ oder „erfindet“: und so erzeugt er Texte. An diesem Punkt taucht die Vorstellung vom Text als notwendige Autobiographie wieder auf, entlang der beiden Pfeile, in beiden Richtungen zu lesen, und zudem mit dem unterschwelligen Verweis, daß jede Biographie zur Pan-Graphie tendiert. Auch wenn man die Tatsache, daß das Graphem bereits im Pan enthalten war, nicht berücksichtigt oder unterdrückt. Körper-Psyche: doch den Körper gibt es nicht, es sei denn als fein strukturiertes psychisches Phantasma (und wehe man stört das Schema des Körpers auf, so wie er von der Psyche, dem Ich, in der normalen Cenesthesis begriffen wird.) Ist der vom Auge geschriebene/beschriebene Körper wahr? Oder vielmehr der vom Mikroskop, ja noch vom elektronischen Mikroskop und in immer größerer Tiefe beschriebene/geschriebene? Und die Psyche, punktförmig, armselig, völlig durchlöchert (so wie man sie heute gerne sieht), über und über verknotet und doch außerräumlich und überzeitlich auf ihre Art: treibt sie nicht andererseits auf diesem immensen atomisch-molekularen Strudel, der der Körper ist, dem sie angehört? Entsteht sie nicht aus den „Reflexen“ jedes einzelnen der Elementarpartikel, die zusammen das nämliche atomisch-molekulare Schloß ergeben, in dem sie, wenn sie nicht gut aufpaßt, als vermeintliche Herrin untergeht? Nicht hinauslehnen aus dem eigenen Körper: es kann mehr Schwindel verursachen als das Sichhinauslehnen über einen Abgrund von siebenhundert Metern! Vorsicht! Achtung! Oder wenn der Text letzten Endes nur eine mickrige und klapperdünne Brüstung wäre, die gewissen Psychen verbietet, in die lautréamont’schen Schlünde „ihres“ Körpers zu stürzen? Und durch sie hindurch in jene des Großen Alles, das, gerade weil es (mindestens) seit Plutarchs Zeiten untergegangen ist, nicht aufhört, extrem gefährlich zu sein, auch unter dem Zeichen der Verführung und nicht nur des höllischen Kummers?
Angenommen, es gäbe noch jemanden, der diejenigen, die Literatur machen (...) „mythisiert“: so wird gerade er der ideale Leser sein, wird er doch mit seinem Heiligen ins Gespräch kommen, seine Reliquien abküssend, vielleicht auch einen Streifen des besudelten Hemds, das so lange Zeit hindurch mit dem Angebeteten in engstem Kontakt gelebt und gelitten hat. Bis hin zum Begreifen, daß jenes Hemd oder jenes Stück Stoff zuletzt der eigentliche Ort der Heiligkeit waren. So wie vielleicht jedes geringste Quantum von ausgestandenem Schmerz oder Freude – das, was die Wahrheit ist – nirgendwo sonst „statthaben“ kann als in der Schrift. Auf jeden Fall dazu bestimmt, unlesbar zu werden, in Würde zurückgeführt zur vollendeten und endgültigen Stufe des Abfall-Rätsels. („Vissuto poetico e corpo “, in: Prospezioni e consuntivi, 1999, Übersetzung: T. P.)
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