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19. Oktober 2008






italo.log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
aus Italien.

Herausgegeben
von Roberto Galaverni
und Theresia Prammer.
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Gedichte aus
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(2005-2008).
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Die Gedichtanthologie
(2003-2005).
Herausgegeben
von Ron Winkler.

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35:
Patrizia Valduga


Oh nein, nicht doch! Ich hier vollkommen aufgelöst?
eine Schnecke, die wegschmilzt... entblößt?
Mit einem Herzen, das ausläuft, den Bauch
überschwemmt, die Schenkel... in Wasser taucht?
Und geht das weiter, gibt es daran Zweifel?
Nach und nach gräbt sich auch dieses Fleisch
noch seinen Weg, bewegt sich weg...
Oh nein, noch nicht, nicht doch, nicht meins,
noch nicht, ich habe Zeit, sag ich, ich habe Zeit.
Doch welche Zeit, hungriger Knochen, hündische
Zeiten! Ja, alles das ist nun verstrichen,
jahraus, jahrein, mit aufgeregten Bissen,
das Hirn zernagt bis an die Rinde,
nach Leibeskräften – alle Kräfte schwinden –
stülpe ich meine Eingeweide über die Beine.
Aber das ist es nicht, das ist nicht, was ich meine,
vielleicht sind da gar keine Beine, keine Arme...
So bin ich also kopflos? Habe kein Gesicht?
Und was bleibt mir dann übrig? Bleibt mir nichts?
Mir bleibt der Geist. Unbegreiflicherweise,
der Geist bleibt. Und nicht der Geist alleine.
Und dieses andre Rinnsal, das da treibt
gehört es auch zu mir? Ist es schon das Gehirn?
Da steh’ ich, einem Schlachttier gleich
gehäutet und gevierteilt, tropfend aufgehängt,
und kann mich nicht mehr weiter wagen
ist doch die Türe zugenagelt! Ach, habt Erbarmen
keiner soll mich sehen, ja es verwundert nicht,
wenn, wer mich anblickt, glatt zusammenbricht.
Ich weiß von nichts, weil es mich nicht betrifft,
doch meine Augen, meine Augen, ach, was ich
mit ihnen sehen mußte, fürchterlich! Bis sich,
im Dunkel, eine Tür dazwischenschiebt.

(übertragen von Theresia Prammer)


Oh non così! io qui uno sgocciolio?
una lumaca che si squaglia... io?
col cuore che si scioglie, che mi sciacqua
le viscere, le cosce... tutta in acqua...
E se continua, e come dubitarne?,
a poco a poco anche questa carne
si scava la sua via, se ne va via.
Oh, non ancora, no no, non la mia,
non ancora, ho tempo, dicevo, ho tempo.
Ma quale tempo, osso affamato, il tempo
del cane! Ecco, tutto mi è trascorso,
in anni e anni e anni a dar di morso,
in rodermi il cervello a scorza a scorza.
A forza ferma, senza un po’ di forza,
delle viscere mie le gambe vesto.
Ma non è questo, non è neanche questo,
forse non ho più gambe, non ho braccia...
Allora senza testa? senza faccia?
e che mi resta? non mi resta niente?
Mi resta la mente. Insperatamente
la mente resta. E non la mente sola.
E quell’altro rigagnolo che scola
è di me anche quello? è già il cervello?
Io qui come una bestia da macello
scuoiata, squartata, appesa a scolare,
come potrei ancora camminare
se la porta è inchiodata? Ah per pietà,
perché non mi si veda, che chissà,
può venire un collasso a chi mi guarda.
Non ne so niente io, non mi riguarda,
ma i miei occhi, oh i miei occhi, le cose
che hanno visto i miei occhi, oh se paurose!
Poi il buio, e la porta s’interpose.

(Aus: Donna di dolori, 1991)


Patrizia Valduga
Foto © Giovanni Giovannetti/effigie

Patrizia Valduga wurde 1953 in Castelfranco Veneto geboren und lebt in Mailand. Unter ihren Gedichtbänden: Medicamenta (Mailand, 1982), La tentazione (Mailand, 1985), Donna di dolori (Mailand, 1991), Requiem (Venedig, 1994), Cento quartine e altre storie d’amore (Turin, 1997), Lezione d’amore (Turin, 2004). Valduga ist auch als Übersetzerin aus dem Französischen und Englischen aktiv: Mallarmé, Valéry, Molière, Céline, Cocteau, Donne und Shakespeare gehören zu den von ihr bevorzugt übersetzten Autoren.



Martha Kleinhans über Patrizia Valduga:

Sa sedurre la carne la parola – das Wort kann das Fleisch verführen: Mit diesem suggestiven Vers Patrizia Valdugas deuten sich wichtige Elemente ihres Dichtens an: Körperlichkeit, Erotik, religiöser Diskurs und klangbetonte Wortkunst. (...) In Italien stieß Patrizia Valduga auf ein konträres Echo. (...) Innovativ erscheint der Mix aus hoher, aulischer Lyriksprache und aktuellem Sprachgebrauch bis hin zu vulgär-obszöner Ausdrucksweise. Valduga sucht einen neuen Dialog mit den anderen Künsten, etwas der Körper-Malerei Giovanni Manfredinis. Statt der mit Hugo Friedrich gesprochen leeren Transzendenz der Moderne setzt Valduga eine provokative Religiosität. Der Sexus wird zur Obsession: Die bis ins kleinste Detail präzisierten Mechanismen des Sexualakts wirken degoutant und wollen auch so gelesen werden. Paradoxerweise unterstreicht gerade dieses Insistieren die Negativität zwischengeschlechtlicher Sexualität, ähnlich wie die Vehemenz der Körpersprache alle Materialität negativiert, und verweist auf etwas Anderes, Höheres, Göttliches, das über dem Tod steht: die Poesie. Lyrik wird so zum Medikament, erhält eine therapeutische, erogene und ansiolytische Funktion. Allerdings halten nicht alle Gedichte ihrem hohen Anspruch stand. So hat Giorgio Manacorda mit seinem Verdikt von den „postmodernen Nichtigkeiten“ nicht immer Unrecht. („Die italienische Dichterin Patrizia Valduga: Violente Mystik und lyrisches Medikament oder postmoderne Nichtigkeiten?“. In: Postmoderne Lyrik – Lyrik in der Postmoderne, hrsg. von Gerhard Penzkofer, 2007)




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