Hier keine Kunst. Roman von Marc Degens.




6. Juli 2008






italo.log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
aus Italien.

Herausgegeben
von Roberto Galaverni
und Theresia Prammer.
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20:
Patrizia Cavalli


Diese hübschen Bündel von Gedichten, von mir
aufgegeben nach dem ersten Vers, mitunter
nach dem zweiten, sie sind wie
Beau Brummels Schals: die Fehlschläge,
dem Diener zufolge. Doch ist es
nicht nur die erste, ungeschickte Geste,
die den Fehlschlag ausmacht, nein, die Dinge selber
sind vielleicht nicht willens zur Enthüllung.
Sie zeigen sich, doch dann, wie feindlich, bleiben sie
so stehen, ohne sich auszusprechen. Auch unter Zwang
entfalten sie sich schlecht, und keine Meisterschaft
könnte sie retten.
(Ach, Faulheit, was bis du vergeistigt!)

(übertragen von Theresia Prammer)


Questi bei fasci di poesie che trovo
abbandonate al primo verso, o anche
al secondo, sono come le sciarpe
di Beau Brummel: gli insuccessi,
a sentire il cameriere. Però
non è soltanto il goffo primo gesto
che causa l’insuccesso, c’è nelle cose stesse
forse una svogliatezza a rivelarsi.
Si affacciano, ma poi, ostili, restano
così, senza spiegarsi. Anche a sforzarle
cadono male, non c’è maestria
che le potrà salvare.
(O pigrizia, come sei spirituale!)

(Aus: Sempre aperto teatro, 1999)


Patrizia Cavalli
Foto: Privat

Patrizia Cavalli wurde in Todi (Umbrien) geboren und lebt seit 1968 in Rom, wo sie Philosophie studierte. Bei Einaudi erschienen die Bände Le mie poesie non cambieranno il mondo (Turin, 1974), Il cielo (Turin, 1981) und Poesie 1974-1992 (Turin, 1992) – der Sammelband, der die vorangegangenen Zyklen sowie den Band L’io singolare proprio mio enthält. Es folgen: Sempre aperto teatro (Turin, 1999), das Langgedicht La Guardiana (Rom, 2005) sowie Pigre divinità e pigra sorte (Turin, 2006). Patrizia Cavalli übertrug Werke Molières und Shakespeares ins Italienische und wurde selbst in zahlreiche Sprachen übertragen. Eine Anthologie ihrer Werke in deutscher Übersetzung ist in Vorbereitung.



Alfonso Berardinelli über Patrizia Cavalli:

Die Merkmale der Dichtung Patrizia Cavallis erschließen sich zwingend und unmittelbar: Erbarmungslosigkeit und Dreistigkeit, spekulativer Scharfsinn und Natürlichkeit des Ausdrucks. Doch die augenscheinliche Leichtigkeit und Frivolität sollte nicht zu Trugschlüssen Anlaß geben. Patrizia Cavalli verfügt über einen ausgesprochen hellhörigen und urteilskräftigen Verstand. Hinter ihren Versen, die sich bald entschieden in die Erinnerung einbrennen, bald wieder – vielleicht innerhalb ein und desselben Gedichts – in luftigen und kaum angedeuteten Rhythmen ausklingen, steht eine Kosmologie der Vollkommenheit und der Unvollkommenheit, der Präsenz und der Absenz, des Lichts und seiner Trübung. Diese manichäische Doppeltheit kann sich in anderen Fällen in eine Art humoristisch-mythologische Kreisbewegung verwandeln, die in scherzhaften und pathetischen Aphorismen beschrieben wird, in denen auch der wirkliche Schmerz noch ein Lachen zuläßt und die Langeweile, die schließlich alldem entsteigt, Mal für Mal die schlimmste Sünde wie auch das effizienteste Heilmittel sein kann. [...] Manche Gedichte sind Aphorismen der Traurigkeit oder der Dreistigkeit, andere gleichen Bühnenbildern oder Regieanweisungen, komplexen moralischen Meditationen oder satirischen Schmähungen oder Porträts. Die poetische Sprache der Cavalli ist zu Aussagen, die so direkt sind wie Pfeile, ebenso befähigt wie zu labyrinthischen, syntaktischen Arabesken. Doch sollte nicht außer Acht gelassen werden, daß die häufigsten und erfrischendsten Resultate dieser Dichtung humoristischer Natur sind. Eines Humorismus, der die gleichen Ursachen und Wurzeln hat wie das Leid, mithin aus dem Mißverhältnis, dem Ungleichgewicht von Wollen und Haben, Unschlüssigkeit und Begehren, Rhythmen des Geistes und Rhythmus der Natur hervorgeht. Das Glück muß existieren: So lautet der erste Artikel des Gesetzes, das für Patrizia Cavalli die Welt regiert. Allein daß, in der Regel, dieses Glück eben nicht existiert oder momentan abwesend oder aufgeschoben oder unauffindbar ist. („La poesia italiana alla fine del Novecento”, in: Casi critici. Dal postmoderno alla mutazione, 2007, Übersetzung T. P.)




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