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14. September 2008






italo.log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
aus Italien.

Herausgegeben
von Roberto Galaverni
und Theresia Prammer.
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111: Andrea Ponso
110: Paolo Bertolani
109: Andrea Temporelli
108: Ermanno Krumm
107: Patrizia Cavalli (3)
106: Vivian Lamarque
105: Giancarlo Majorino
104: Toti Scialoja
103: Emilio Rentocchini
102: Eugenio Montale (4)
101: Maria Luisa Spaziani
100: Ignazio Buttita
099: Simone Cattaneo
098: Nanni Balestrini
097: Nino Pedretti
096: Marco Giovenale
095: Valentino Zeichen
094: Elio Pagliarani
093: Bartolo Cattafi
092: Luciano Cecchinel
091: Eugenio de Signoribus
090: Guido Ceronetti
089: Andrea Zanzotto (4)
088: Matteo Marchesini
087: Nicola Gardini
086: Attilio Bertolucci (2)
085: Flavio Santi
084: Gesualdo Bufalino
083: Gherardo Bortolotti
082: Giuliano Mesa
081: Albino Pierro
080: Beppe Salvia
079: Ottiero Ottieri
078: Eugenio Montale (3)
077: Antonio Riccardi
076: Amelia Rosselli (2)
075: Nelo Risi
074: David Maria Turoldo
073: Pier Paolo Pasolini (3)
072: Franco Scataglini
071: Patrizia Vicinelli
070: Milo de Angelis (2)
069: Umberto Piersanti
068: Giorgio Orelli
067: Elisa Biagini
066: Remo Pagnanelli (2)
065: Carlo Bettocchi
064: Vittorio Sereni (2)
063: Giorgio Bassani
062: Federico Italiano
061: Gabriele Frasca
060: Andrea Zanzotto (3)
059: Patrizia Cavalli (2)
058: Antonio Porta
057: Vincenzo Frungillo
056: Gianni D'Elia
055: Gregorio Scalise
054: Giorgio Caproni (2)
053: Stefano Dal Bianco
052: Biagio Marin
051: Elsa Morante
050: Franco Buffoni
049: Franco Loi (2)
048: Ferruccio Benzoni
047: Eugenio Montale (2)
046: Adriano Spatola
045: Dario Bellezza
044: Tonino Guerra
043: Luciano Erba
042: Jolanda Insana
041: Mario Luzi
040: Primo Levi
039: Valerio Magrelli (2)
038: Paolo Volponi
037: Alda Merini
036: Pier Paolo Pasolini (2)
035: Patrizia Valduga
034: Aldo Nove
033: Raffaello Baldini
032: Maurizio Cucchi
031: Piero Bigongiari
030: Andrea Zanzotto (2)
029: Gerhard Kofler
028: Remo Pagnanelli
027: Andrea Gibellini
026: Fabio Pusterla
025: Michele Sovente
024: Anna Maria Carpi
023: Gian Mario Villalta
022: Edoardo Sanguineti
021: Roberto Roversi
020: Patrizia Cavalli
019: Giuseppe Conte
018: Giovanni Giudici
017: Valerio Magrelli
016: Giorgio Caproni
015: Andrea Zanzotto
014: Attilio Bertolucci
013: Emilio Villa
012: Giampiero Neri
011: Giovanni Raboni
010: Amelia Rosselli
009: Sandro Penna
008: Antonella Anedda
007: Pier Paolo Pasolini
006: Fernando Bandini
005: Milo de Angelis
004: Vittorio Sereni
003: Franco Fortini
002: Franco Loi
001: Eugenio Montale




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30:
Andrea Zanzotto (2)



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Wer weiß schon wie viel Grün     
sich unter diesem Grün verbirgt
und wie viel Regen unter diesem Regen
unzählbar die Unendlichkeiten
die hier zusammenkommen
und von hier wieder ausrücken
		unbedacht, wie betäubt
Wer-weiß-schon		Das ist der Überrest
von solchem			Überregensrest
das Grün, das in das Äußerste des Grüns
					zurückstrebt  
Vielleicht wer-weiß durch eine
taube Lichtbewegung stiebt es auf
zu einem kurzlebigen Laut, und weiß              
		Vielleicht läßt es sich flüchtig fassen, lugt heraus  
		verbindet                                                
		Glieder um Glieder, schert aus

(übertragen von Theresia Prammer)


Non si sa quanto verde
sia sepolto sotto questo verde
né quanta pioggia sotto questa pioggia
molti sono gli infiniti
che qui convergono
che di qui s’allontanano
	dimentichi, intontiti
Non-si-sa	Questo è il relitto
di tale		relitto piovoso
il verde in cui sta reticendo
			l’estremo del verde
Forse non-si-sa per un
sordo movimento di luce si
distilla in un suono effimero, e sa
	Forse si lascia sfiorare, si sporge,
	congiunge
	membra a membra, ritorce

(Aus: Meteo, 1996)


Gerhard Kofler
Foto © Giovanni Giovannetti/effigie

Andrea Zanzotto (vgl. italo.log 15) wurde am 10.10.1921 in Pieve di Soligo (Provinz Treviso) geboren, wo er auch lebt. 1938 nahm er ein Literaturstudium an der Universität Padua auf. Über Diego Valeri wurde er vertraut mit den Werken Baudelaires und Rimbauds. Begeistert von Hölderlins Poesie bemühte er sich, neben dem Französischen, um das Erlernen der deutschen und englischen Sprache. Pendelnd zwischen Padua und Pieve di Soligo, begann Zanzotto 1940 zunächst in Valdobbiadene, später in Treviso an der Mittelschule zu unterrichten. 1942 schloss er sein Literaturstudium mit einer Arbeit über Grazia Deledda ab, 1943 wurde er einberufen, wegen seines akuten Asthmas jedoch bald entlassen. Während der Besetzung Pieve di Soligos durch deutsche Truppen leistete er als antifaschistischer Kämpfer auf Seiten der Partisanen freiwilligen Widerstand. Die Szenen der Brandschatzung und Verwüstung seines Heimatdorfes, denen er in den Folgemonaten beiwohnte, sowie die Ermordung einiger seiner besten Freunde prägten sein Leben und Werk nachhaltig. Langjährige Beschäftigung mit der psychoanalytischen Lehre sowie eigene Analyseerfahrungen. 1946 emigrierte Zanzotto für die Dauer eines Schuljahres in die Schweiz. Zurück in Italien, richtete er sich zunächst in Mailand ein, wo er mit Eugenio Montale, Salvatore Quasimodo und Claudio Sereni freundschaftliche Beziehungen unterhielt. Wechselnde Anstellungen in verschiedenen Gymnasien der Region Veneto bis zu seiner Pensionierung 1975. 1979 erhielt er den „Premio Viareggio“. Zanzotto war freier Mitarbeiter u.a. der Zeitschriften «Comunità», des sozialistischen Organs «Avanti!», sowie, analog zu Montale, des «Corriere della Sera». Zusammenarbeit mit Federico Fellini, Tätigkeit als Übersetzer vor allem aus dem Französischen (Lacan, Bataille, Leiris, Balzac). Wichtigste Werke: Dietro il paesaggio (Mailand, 1951), Vocativo (Milano, 1957), IX Ecloghe (Mailand, 1962), Sull’Altopiano e prose varie (Prosaerzählungen, Vincenza, 1964), La Beltà (Mailand, 1968), Gli Sguardi i Fatti e Senhal (Pieve di Soligo, 1969), Pasque (Mailand, 1973), Filò. Per il Casanova di Fellini (Venedig, 1976), Il Galateo in bosco (Mailand, 1978), Fosfeni (Mailand, 1983), Idioma (Milano, 1986), Meteo (Rom, 1996). 1999 erscheint der Sammelband Le poesie e prose scelte (Mailand, 1999, in der Reihe „I Meridiani”) und 2001 der bislang letzte Band Sovrimpressioni (Mailand, 2001). Zahlreiche Essays und kritische Texte, später eingegangen in die Bände Fantasie di avvicinamento (Mailand, 1991) und Aure e disinuanti nel Novecento letterario (Mailand, 1994). Lebendige Rezeption im deutschen Sprachraum, z.B. die monographische Studie Zanzottos Triptychon (Tübingen, 1989) von Maike Albath(-Folchetti), der Band Lesarten der Sprache. Andrea Zanzotto in deutschen Übersetzungen (Theresia Prammer, Würzburg, 2005, Nachwort von Peter Waterhouse); mehrere Übersetzungen ins Deutsche: Lorna, Kleinod der Hügel/Lorna, gemma delle colline (Tübingen, 1990; Übersetzung: Helga Böhmer, Gio Batta Bucciol), Lichtbrechung (Wien/Graz, 1987; Übersetzung: Donatella Capaldi, Ludwig Paulmichl, Peter Waterhouse), Pracht (Basel/Bozen/Weil am Rhein, 2001; Übersetzung: Donatella Capaldi, Maria Fehringer, Ludwig Paulmichl, Peter Waterhouse), Gli sguardi i Fatti e Senhal/Signale Senhal (ebd. Übersetzung: Donatella Capaldi, Maria Fehringer, Ludwig Paulmichl, Peter Waterhouse), u.a.


Andrea Zanzotto: „Dichterisches Erleben und Körper“

Wir wissen im Grunde gar nicht, was ein „Text“ eigentlich ist, noch ob es ihn überhaupt gibt. Gesetzt den Fall, es gäbe ihn, so besteht kein Zweifel, daß ihm eine Unabhängigkeit von dem, was ihn hervorgebracht hat, zugeschrieben werden kann, in einem Genese- und somit Abspaltungsprozeß. Auch wenn man ihn als Abfall, als Überbleibsel, als Absonderung oder Ausscheidung ansehen will: der Text geht auf jeden Fall seiner eigenen Wege, er „hebt ab“, wie man sagt, und tritt ein in schwer zu beschreibende Umlaufbahnen. Der Text ist mit Sicherheit auch „ein Alien“, von der Sorte, wie sie in der Science-Fiction von „Draußen“ kommen, um ein Lebewesen, einen Körper-Psyche, der auf dieser Erde lebt, in ihre Herrschaft zu bringen, um sich darin einzukapseln und ihn zu besitzen, dergestalt, daß sie eins mit ihm werden. Letzteres wirkt seinerseits verändernd auf das Ufo (wenn wir es so nennen wollen) ein, und heraus kommt eine Art Chimäre oder Minotaurus, zugleich hier und außerhalb von hier.
Keineswegs kann man also den Prätext, den Extratext und Ähnliches außer Acht lassen, will man etwas von den Bedingungen oder gar von den Ursachen verstehen, welche die Präsenz des Textes ermöglicht haben. Die Tatsache schließlich, daß er vor allem Sprachspur ist, bindet ihn unvermeidlich zurück an die historische und biologische Zeit, erniedrigt ihn auf jeden Fall zum „Sprechakt“ und läßt alle mehr oder weniger metaphysischen Baldachine und Gerüste, die ihn abstützen, staubig zu Boden krachen. (Doch sie müssen nichtsdestotrotz vorausgesetzt werden und stehen auch weiterhin sperrig herum, es sei denn man nimmt die Gegenwart eines Textes als „etwas an sich“ oder „in sich“ an.) Es ist wahr, daß der Text („testo“) generell dazu neigt, als eng verbunden mit dem Kopf („testa“), mit dem Zungenorgan, mit dem Augen-Ohren-Organ, und zuletzt mit der Himmelhaftigkeit des Hirnkortex aufzutreten: nachdem er dampfend nach oben gefiltert ist aus dem philogenetisch und auch sonst tiefer gelegenen Gehirnteil.
Man wird also sehen, daß der Text nie „genug geboren“ ist, um sich vom Körper-Psyche lösen zu können, der ihn ermöglicht hat und von dem er vielleicht nur eine Projektion (und nicht eine wahre Filiation) sein kann. Der Körper-Psyche seinerseits ist etwas erschreckend Geschriebenes, Eingeschriebenes, Umgeschriebenes, Gemeißeltes, Getriebenes, Modelliertes, Koloriertes, von einem unendlichen Miteinander von Elementen Malträtiertes, in dieser Über-Brühe, in diesem General-Plasma, in dem er selbst nicht mehr als ein Gerinnsel oder ein Ganglion darstellt. Es läßt sich also nicht genau sagen, ob der Text nicht schlußendlich einem Lektüre-feedback dient, viel eher an den Körper-Psyche gerichtet, in dem er sich, dank dessen er sich, ungeachtet dessen Widerstands er sich geformt hat. Während jener Körper-Psyche seinerseits nur als transparenter Punkt zählt oder als Warnlicht, das rot anzeigt oder als Beobachtungsstelle in Hinblick auf das Ökosystem, dem er doch nach wie vor zugehört und von dem er zumindest einige der Bedeutungen oder Sinnpfeile, die andernfalls in der Latenz verbleiben würden, „ausdrückt“ oder „erfindet“: und so erzeugt er Texte. An diesem Punkt taucht die Vorstellung vom Text als notwendige Autobiographie wieder auf, entlang der beiden Pfeile, in beiden Richtungen zu lesen, und zudem mit dem unterschwelligen Verweis, daß jede Biographie zur Pan-Graphie tendiert. Auch wenn man die Tatsache, daß das Graphem bereits im Pan enthalten war, nicht berücksichtigt oder unterdrückt. Körper-Psyche: doch den Körper gibt es nicht, es sei denn als fein strukturiertes psychisches Phantasma (und wehe man stört das Schema des Körpers auf, so wie er von der Psyche, dem Ich, in der normalen Cenesthesis begriffen wird.) Ist der vom Auge geschriebene/beschriebene Körper wahr? Oder vielmehr der vom Mikroskop, ja noch vom elektronischen Mikroskop und in immer größerer Tiefe beschriebene/geschriebene? Und die Psyche, punktförmig, armselig, völlig durchlöchert (so wie man sie heute gerne sieht), über und über verknotet und doch außerräumlich und überzeitlich auf ihre Art: treibt sie nicht andererseits auf diesem immensen atomisch-molekularen Strudel, der der Körper ist, dem sie angehört? Entsteht sie nicht aus den „Reflexen“ jedes einzelnen der Elementarpartikel, die zusammen das nämliche atomisch-molekulare Schloß ergeben, in dem sie, wenn sie nicht gut aufpaßt, als vermeintliche Herrin untergeht? Nicht hinauslehnen aus dem eigenen Körper: es kann mehr Schwindel verursachen als das Sichhinauslehnen über einen Abgrund von siebenhundert Metern! Vorsicht! Achtung! Oder wenn der Text letzten Endes nur eine mickrige und klapperdünne Brüstung wäre, die gewissen Psychen verbietet, in die lautréamont’schen Schlünde „ihres“ Körpers zu stürzen? Und durch sie hindurch in jene des Großen Alles, das, gerade weil es (mindestens) seit Plutarchs Zeiten untergegangen ist, nicht aufhört, extrem gefährlich zu sein, auch unter dem Zeichen der Verführung und nicht nur des höllischen Kummers?
Angenommen, es gäbe noch jemanden, der diejenigen, die Literatur machen (...) „mythisiert“: so wird gerade er der ideale Leser sein, wird er doch mit seinem Heiligen ins Gespräch kommen, seine Reliquien abküssend, vielleicht auch einen Streifen des besudelten Hemds, das so lange Zeit hindurch mit dem Angebeteten in engstem Kontakt gelebt und gelitten hat. Bis hin zum Begreifen, daß jenes Hemd oder jenes Stück Stoff zuletzt der eigentliche Ort der Heiligkeit waren. So wie vielleicht jedes geringste Quantum von ausgestandenem Schmerz oder Freude – das, was die Wahrheit ist – nirgendwo sonst „statthaben“ kann als in der Schrift. Auf jeden Fall dazu bestimmt, unlesbar zu werden, in Würde zurückgeführt zur vollendeten und endgültigen Stufe des Abfall-Rätsels. („Vissuto poetico e corpo “, in: Prospezioni e consuntivi, 1999, Übersetzung: T. P.)