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27. Juli 2008






italo.log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
aus Italien.

Herausgegeben
von Roberto Galaverni
und Theresia Prammer.
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23:
Gian Mario Villalta


was soll ich? protestieren? beteuern ich sei
eine Minderheit? wieder anfangen
bei der kleinsten Kleinigkeit? und wer
brächt es mir bei? Nicht einmal mein Großvater
spricht mehr wie einst.
Oder das Album meiner Kindheit anlegen
nicht müde der Verwunderung,
daß da jetzt Häuser stehen, wo zuvor der Mais,
und Autos schnell über die Straßen flitzen?
Als spräche man, um zu begreifen,
daß Blume meint, wer fior sagt,
oder als gäbe es kein Überleben, ohne die Gabel
piron zu nennen, can statt cane den Hund.
Und warum schreibe ich nicht nur auf Italienisch,
wo ich doch schon einmal dort gelandet bin?
Weil es eine Wette ist,
die mich gewettet hat – scometest, scomess,
scometù
– (und ich könnte nicht sagen,
welche von den dreien nun richtig ist), ohne ein Patt
vorherzusehen
bei einunddreißig Punkten von sechzig,
und alles bleibt gleich, bei veränderter Summe
damit die Rechnung aufgehen kann,
die für niemanden aufgeht.

(übertragen von Theresia Prammer)


che fasso? protesto? digo che son
na minoransa? torno a tacar
da i pensierini? E chi
che me ’nsegna? Gnanca me nono
el parla pi come che ’l parlèa.
O fasso l’album de co’ gero bocia
e gran de mareveia
che ghe sia case ndo’ che gera biava
e veture che core par la strada.
Come se se parlesse par capir
che ’l dise fiore chi che dise fior
o no podesse star sensa ciamarghe
a la forchetta piron, al cane can.
E parché no scrivo sol ch’in italian
xa che ghe son?
Parché l’è na scommessa
che la me à scometest, scomess
o scometù (e no savarìa
dei tre quel che l’è giust) sensa pronostegar
de ’ndar a pata
fasendo trentaun,
che la resta sul suo
calcando la pena, e ghe torna i conti
che no i torna a nissun.

(Aus: Vose di Vose / Voce di voci, 1995)


Gian Mario Villalta

Gian Mario Villalta, 1959 in Visinale (Veneto/ Provinz Pordenone) geboren, trat nach ersten Publikationen als Dialektdichter in den 80er Jahren (z.B.: Altro che storie!, Udine, 1988), 1995 mit dem vielbeachteten Band Vose de Vose/Voci di voci an die Öffentlichkeit. Gedichtpublikationen auf Italienisch: L’erba in Tasca (Mailand, 1992), Nel buio degli alberi (Meduno, 2001) und zuletzt Vedere al buio (Rom, 2007). Darüber hinaus Verfasser zahlreicher Romane und Erzählungen sowie kritische und herausgeberische Tätigkeit. Nach der Monographie zu Andrea Zanzotto, La costanza del vocativo (Mailand, 1992), kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem venetischen Dichter: So scheint Villalta 1999 (zusammen mit Stefano Dal Bianco und dem Autor selbst) als Herausgeber der Werkausgabe Zanzottos in der Klassikerausgabe „I Meridiani“ auf und betreut Zanzottos Aufsatzband Scritti sulla letteratura (Mailand, 2001). Villalta lebt und arbeitet als Gymnasiallehrer in Pordenone, ist Direktor des „Centro Studi P. P. Pasolini“ in Casarsa und künstlerischer Leiter des jährlich stattfindenden Festivals „Pordenonelegge“.



Roberto Galaverni über Gian Mario Villalta:

Gian Mario Villaltas Dialektdichtung geht aus einer Kondition der sowohl sprachlichen wie geographisch-kulturellen Entwurzelung hervor, die auch ständig thematisiert wird, so lange bis sie selbst zum Wahrzeichen einer tieferen und unheilbaren Kondition der Unzugehörigkeit und der Dezentrierung des Seins wird. In diesem Sinn kommt der poetischen Rede Villaltas Schwellencharakter zu, baut sie doch zur Gänze auf der Abwesenheit der wichtigsten Elemente auf, welche die bedeutendsten Erfahrungen dialektaler Poesie in diesem Jahrhundert charakterisiert haben, sprich, um der „prinzipiellen Gegenüberstellung“ Pier Vincenzo Mengaldos zu folgen (...), zwischen einem „Dialektgebrauch, verstanden als kommunikative und gemeinschaftliche Öffnung zu einem introvertierten oder ,endophasischen’ Dialektgebrauch“, der in der Betrachtung und „Spezialisierung“ des Dialekts als „Sprache der Poesie“ gipfeln kann. Die sprachliche und psychologische Problematik Villaltas kann also nicht, was, immer noch nach Mengaldo, insgesamt, jedoch nicht ohne Vorbehalt für einen Großteil der Dialektpoesie des 20. Jahrhunderts Gültigkeit hat, als „Widerstands- oder Reaktionsphänomen“ betrachtet werden, „das vom Gegengesang über die offene Polemik bis hin zu den Hegemoniemodellen der gleichzeitigen Poesie in der Hochsprache und ihrer kulturellen und ideologischen Grundlage reicht“. In Wirklichkeit ist die Bilinguismussituation bei Villalta (in die Zweiteilung der eigenen dichterischen Produktion hinein verlängert) von einer Natur, daß sie jede Hierarchie und Existenzmöglichkeit der sogenannten Muttersprache auf den Kopf stellt und faktisch annulliert, womit folglich auch die Eventualität eines Rückgriffs auf den Dialekt als poetische Sprache par excellence eliminiert ist: als reine, an einen fernen und beinahe heiligen Ursprung gebundene oder, im Gegenteil, in einer wiedererkennbaren (wenn auch schützenswürdigen) Gemeinschaft verwurzelte Sprache, die Trägerin einer positiven Andersheit ist – nicht nur in sprachlicher, sondern auch in kultureller Hinsicht (wobei letztere Operation wahrscheinlich bei Pasolini in der quälenden Nostalgie nach der unwiederbringlichen Mutter-Erde den Punkt größter Unumkehrbarkeit erreicht hat). (“Gian Mario Villalta”, in: Nuovi poeti italiani contemporanei, 1996, Übersetzung T.P.)




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