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22. Juni 2008






italo.log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
aus Italien.

Herausgegeben
von Roberto Galaverni
und Theresia Prammer.
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110: Paolo Bertolani
109: Andrea Temporelli
108: Ermanno Krumm
107: Patrizia Cavalli (3)
106: Vivian Lamarque
105: Giancarlo Majorino
104: Toti Scialoja
103: Emilio Rentocchini
102: Eugenio Montale (4)
101: Maria Luisa Spaziani
100: Ignazio Buttita
099: Simone Cattaneo
098: Nanni Balestrini
097: Nino Pedretti
096: Marco Giovenale
095: Valentino Zeichen
094: Elio Pagliarani
093: Bartolo Cattafi
092: Luciano Cecchinel
091: Eugenio de Signoribus
090: Guido Ceronetti
089: Andrea Zanzotto (4)
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087: Nicola Gardini
086: Attilio Bertolucci (2)
085: Flavio Santi
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18:
Giovanni Giudici


I.4

Das Unglaubliche nicht zu glauben
War die einzige Sünde der einzige Irrtum –
Als ich zu eurem Himmel eurer Blume
Liebenswürdig vorstieß – und das Herz, denkt nur
Wie es zusammenzuckt
Als Kind in mütterlicher Höhle warmem Moos
Sanfte Sonne eures Morgenrosarots
Spitzbübisch landet es
Ungläubig dann bei einer Liebe
Aus Tälern und Türen, halbgeöffnet
Bett süßer Seufzer, aufgelöstes Haar:
Wirklich ich? – so hingefragt
Und diesseits des Todes? – und ausgesprochen
Den Namen


II. 4

Nie ist ein Stern bei seinem Sterben lauterer gewesen
Leibhaftiger eine Morgana als sie schwand
Wie der zwielichtige Strahl
Eures Perlengesichts, reglos und hart
Das mir zwar Mut macht
Doch auch Angst einflößt
Indes zu wenig liebt und reichlich straft –
Euch also gilt der Preis für meine Plagen
Wenn Minne anderswo nach mir verlangt
Vertrau ich euch das Wappen und die Rüstung an
Veilchen und Rolandsschwert
Euch, die ihr mein Gut und auch mein Unglück wart
Wenn ihr auch nicht mehr Minne seid
Schließt auf das Schloß meiner Gefangenheit


V. 10

My name ist Magalhâes
So sehr der Welten und der Meere
Umfahrung unvollendet blieb
So bleibt mein Micherklären von euch ungeglaubt –
Haltlos meinem Tun davongetrieben
Das meine Kräfte übersteigt
Ach unbeugsames Weiter-Eilen
Schwarzes Segel meines Ferne-Seins:
Doch sei's um Euch auch wirklich treu zu dienen
Daß tot mehr als lebendig ich mich euch verschrieb
War doch mein Körper auch zugleich mein Brief
Wort-Leib, seinem Wesen nach Verwandlung:
An Eure Brust schmieg ich mich hin
Ich, der ich Pergament – und Tinte bin.

(übertragen von Theresia Prammer)


I.4

Non creder l’incredibile
Fu il solo sbaglio e peccato –
Graziosamente al vostro cielo e fiore
Quando pervenni – e il cuore, voi pensate
A come trasalisce
Bambino al caldo muschio e tana madre
Tenue sole d’un vostro rosa aurora –
Malandrino abutisce
Non credulo a un amore
Di schiuse valli e porte
Letto di bei sospiri e sparse chiome:
Io proprio? – domandando
E al di qua della morte? – e pronunziando
Il nome


II. 4

Mai fu stella al suo spegnersi più pura
Né più carnale al suo sfarsi morgana
Come l’ambiguo raggio
Del volto vostro perla fissa e dura
Che pur mi dà coraggio
E che mi fa paura
Però troppo castiga e meno ama –
Dunque a voi lascio il premio dei miei stenti
Se Minne altrove chiama
A voi confido stemma ed armatura
Viola e durlindana
Voi che foste mio bene e mia sventura
Se Minne pur non siete
Aprite il chiuso dove mi chiudete


V. 10

My name is Magalhâes
Quanto di mondo e mare
Fu il periplo incompiuto
Mio dirmi e da voi sempre non creduto –
Traviato alla deriva del mio fare
Ahimé che sopravvanza
Assiduo properare
Nera la vela della mia distanza:
Ma sia che per ben esservi leale
A voi mi scrissi quasi più che morto
Essendo la mia lettera il mio corpo
Parola per virtù transustanziale:
In seno a voi riposto
Io pergamena – e inchiostro

(Aus: Salutz, 1986)


Giovanni Giudici
© Giovanni Giovannetti/effigie

Giovanni Giudici wurde 1924 in Le Grazie (La Spezia) geboren. Von 1933 bis 1956 lebte er in Rom, wo er klassische Philologie studierte. Seit 1948 war er hauptberuflich als Journalist tätig, von 1949-1956 arbeitete er in einem amerikanischen Kulturbüro, bis zum Jahr 1980 in der Werbe- und Presseabteilung der Olivetti in Ivrea (Turin). 1959 Übersiedelung nach Mailand, wo er noch bis 1980 für dasselbe Unternehmen tätig blieb. Redakteur der Zeitschriften „L’Espresso“, der Tageszeitungen „Corriere della Sera“ und „l’Unità“. Giovanni Giudici engagierte sich als Übersetzer vor allem aus dem Englischen und Russischen; bekannt geworden ist seine Version des Onegin von Puschkin. Daneben Übertragungen von Werken Ezra Pounds, Roberto Frosts, Sylvia Plaths u. a. Ein Großteil von Giudicis Übersetzungen wurde in zwei organischen Bänden mit dem Titel A una casa non sua (Milano, 1997) und Vaga lingua strana (Milano, 2003) zusammengefaßt. Wichtigste Werke: La vita in versi (Mailand, 1965), Autobiologia (Mailand, 1969), Il male dei creditori (Mailand, 1977), Il ristorante dei morti (Mailand, 1981), Salutz (Turin, 1986), Quanto spera di campare Giovanni (Mailand, 1993), Empie stelle (Mailand, 1982), Eresia della sera (Milano, 1999), Meridiano: I versi della vita (Milano, 2000) Neben vereinzelten Prosaarbeiten veröffentlichte Giudici drei Essaybände: La letteratura verso Hiroshima (Rom, 1976), La dama non cercata (Milano, 1985), Andare in cina a piedi (Rom, 1992) und Per forza e per amore (Milano, 1996). Giovanni Giudici lebt in Mailand.



Giovanni Giudici über Salutz:

Am Abend des 7. März 1983 war ich in Padova zu Gast bei Gianfranco Folena. Nach dem Abendessen in der Trattoria und einem kurzen Spaziergang durch die kalten und nebligen Straßen, kamen wir wieder zurück in seine Wohnung und aus irgendeinem Grund, der sich nun meiner Erinnerung entzieht, brachte Folena das Gespräch schließlich auf den „epischen Brief“, den der Dichter Raimbaut de Vaqueiras im Jahr 1205 verfaßt hatte, als er sich mit Bonifaz von Montferrat (in dessen Dienst er einen Großteil seines Lebens gestanden hatte) in Thessaloníki aufhielt. Raimbaut war um das Jahr 1155 geboren und sollte im Jahr 1205 sterben. Der „epische Brief“ (der vielleicht nur in sehr weitem Sinn dem, hauptsächlich der Liebe verschrieben, Troubadourgenre zuzurechnen ist, das salutz heißt) ist mithin eine Art Bilanz, welche durch den verfrühten Tod des Dichters schließlich einen fast vortestamentarischen Sinn erlangen sollte: auch wenn Raimbaut sich hier auf eine höfliche, doch bestimmt vorgebrachte Bitte um Anerkennung für die dem Marquis geleisteten Dienste beschränkt. Folena trug die ersten Verse aus dem Gedächtnis vor, mit einer Stimme, die von einer zärtlichen Melancholie durchtränkt war. Am Morgen darauf nahm ich meine Reise nach Triest wieder auf, wo ich eine Rede zum 100. Geburtstag von Umberto Saba halten mußte. Doch die Idee, selbst ein salutz (oder mehr noch, im Akkusativ, ein salut) zu schreiben, war in meinem Kopf bereits gereift: ich hatte nur noch den geeigneten Moment abzuwarten [...]. („Nota“, in: Salutz, 1986, Übersetzung T. P.)


Alberto Bertoni über den Zyklus:

1986 erschienen, verwirklicht Salutz in der geschlossenen Struktur von 70 Gedichten mit je 14 (trotz der offensichtlichen Symmetrie zur Länge des Sonetts zu einer einzigen Strophe gebundenen) Versen, eingeteilt in sieben Kapitel mit je zehn Stücken, eine Art ambivalente Hommage an die provenzalische Liedtradition sowie jene der deutschen Minnelyrik. Protagonist ist die grausame und phantasmatische, wie schon im vorangegangenen Buch [Lume dei tuoi misteri, 1984] stark verdichtete und eine angemessene zwischenmenschliche Distanz negierende Beziehung zwischen einem Liebenden und einer Geliebten: unseren Zeitgenossen. In der zeremoniösen Anredeform der Minne wird nicht allein „die Dichtung selbst als Lebens-Sinn (bald finster strafender Stachel, bald trügerischer Honig, Mutter-Geliebte, Schoß der ursprünglichen und endgültigen Nacht“ [Di Girolamo]) faßbar, sondern auch als Grundlage [...] und zugleich als Schlüssel, das befremdet und befremdlich ist, geeignet, jeden Akt oder jeden Impuls der psychologischen oder existentiellen Hinterfragung aufzuheben, zugleich jedoch Grundbedingung von Dichtung sowie der produktiven Reflexe der sie ausmachenden Sprachen. Gerade in Salutz kommt andererseits die Belebung mit einem realistischen Element zum Tragen, mit mythisch-literarischem Substrat und einer gleich bleibenden Spannung der Rede – deren Konzentration und Stärke sich genau hier von der horizontalen und paradigmatischen Ebene des Verses nach und nach auf die vertikale und syntagmatische Ebene der Satzperioden verschiebt [...]. Dichtung des Begehrens heißt auch Dichtung der Leere und einer wiederherzustellenden Einheit: und es ist bemerkenswert, wie die Aggressivität, die Bitterkeit und die Ernüchterung, die in der hier dargestellten Ich-Erfahrung mitschwingen, auf der konkreten Ebene des Ausdrucks zu einer Erfindungs-Leichtigkeit, einer oft kristallinen Singbarkeit abgemildert werden, einer melodischen Textur, stets bereit, in ein polyphones und zugleich konstruktives Wortgeflecht einzumünden. [...] Erste Aufgabe des Schreibens wird so, die verstreuten Schimmer von Identität und Leben – dem visionären Wissen dessen entspringend, der einem zwischen Traum und Wachtraum, verschütteter und unfreiwilliger Erinnerung (weit eher sprachlich-wahrnehmungsbezogen denn existentiell) aufgehobenen Zustand Ausdruck verleiht – wieder zu einer dynamischen Einheit zusammenzufügen, wie es für den vermehrt zu Latinismen neigenden späten Giudici so typisch ist: „Pronta a fissarvi in segni spettri che volitate / Nel non sopito cèrebro e parlate”; „Bereit, zu Zeichen euch zu bannen, Geister, die ihr schwebend / Das ruhelose Hirn durchschweift mit euren Reden“ [...]. Der Alexandriner verwandelt sich hier in einen Elfsilbler und ein für alle Mal wird die – auch literarische – Identität der „Zeichen“ und der „Geister“ abgesegnet, die nunmehr lediglich durch eine hypothetische Zäsur getrennt sind und von jener „Euch“-Anrede zusammengehalten werden, die die Gespenster des Denkens, ein sehr leopardianisches „ruheloses Hirn“, mit der Minne verbindet. (In: Una distratta venerazione. La poesia metrica di Giudici, 2001, Übersetzung T. P.)