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22. Juni 2008 italo.log Die wöchentliche Gedichtanthologie aus Italien. Herausgegeben von Roberto Galaverni und Theresia Prammer. » Kontakt » Zum Geleit ... 34: Aldo Nove 33: Raffaello Baldini 32: Maurizio Cucchi 31: Piero Bigongiari 30: Andrea Zanzotto (2) 29: Gerhard Kofler 28: Remo Pagnanelli 27: Andrea Gibellini 26: Fabio Pusterla 25: Michele Sovente 24: Anna Maria Carpi 23: Gian Mario Villalta 22: Edoardo Sanguineti 21: Roberto Roversi 20: Patrizia Cavalli 19: Giuseppe Conte 18: Giovanni Giudici 17: Valerio Magrelli 16: Giorgio Caproni 15: Andrea Zanzotto 14: Attilio Bertolucci 13: Emilio Villa 12: Giampiero Neri 11: Giovanni Raboni 10: Amelia Rosselli 09: Sandro Penna 08: Antonella Anedda 07: Pier Paolo Pasolini 06: Fernando Bandini 05: Milo de Angelis 04: Vittorio Sereni 03: Franco Fortini 02: Franco Loi 01: Eugenio Montale satt.org-Links: Latin.Log Gedichte aus Lateinamerika (2005-2008). Herausgegeben von Timo Berger und Rike Bolte. Lyrik.Log Die Gedichtanthologie (2003-2005). Herausgegeben von Ron Winkler. |
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Giovanni Giudici wurde 1924 in Le Grazie (La Spezia) geboren. Von 1933 bis 1956 lebte er in Rom, wo er klassische Philologie studierte. Seit 1948 war er hauptberuflich als Journalist tätig, von 1949-1956 arbeitete er in einem amerikanischen Kulturbüro, bis zum Jahr 1980 in der Werbe- und Presseabteilung der Olivetti in Ivrea (Turin). 1959 Übersiedelung nach Mailand, wo er noch bis 1980 für dasselbe Unternehmen tätig blieb. Redakteur der Zeitschriften „L’Espresso“, der Tageszeitungen „Corriere della Sera“ und „l’Unità“. Giovanni Giudici engagierte sich als Übersetzer vor allem aus dem Englischen und Russischen; bekannt geworden ist seine Version des Onegin von Puschkin. Daneben Übertragungen von Werken Ezra Pounds, Roberto Frosts, Sylvia Plaths u. a. Ein Großteil von Giudicis Übersetzungen wurde in zwei organischen Bänden mit dem Titel A una casa non sua (Milano, 1997) und Vaga lingua strana (Milano, 2003) zusammengefaßt. Wichtigste Werke: La vita in versi (Mailand, 1965), Autobiologia (Mailand, 1969), Il male dei creditori (Mailand, 1977), Il ristorante dei morti (Mailand, 1981), Salutz (Turin, 1986), Quanto spera di campare Giovanni (Mailand, 1993), Empie stelle (Mailand, 1982), Eresia della sera (Milano, 1999), Meridiano: I versi della vita (Milano, 2000) Neben vereinzelten Prosaarbeiten veröffentlichte Giudici drei Essaybände: La letteratura verso Hiroshima (Rom, 1976), La dama non cercata (Milano, 1985), Andare in cina a piedi (Rom, 1992) und Per forza e per amore (Milano, 1996). Giovanni Giudici lebt in Mailand. |
Giovanni Giudici über Salutz:
Am Abend des 7. März 1983 war ich in Padova zu Gast bei Gianfranco Folena. Nach dem Abendessen in der Trattoria und einem kurzen Spaziergang durch die kalten und nebligen Straßen, kamen wir wieder zurück in seine Wohnung und aus irgendeinem Grund, der sich nun meiner Erinnerung entzieht, brachte Folena das Gespräch schließlich auf den „epischen Brief“, den der Dichter Raimbaut de Vaqueiras im Jahr 1205 verfaßt hatte, als er sich mit Bonifaz von Montferrat (in dessen Dienst er einen Großteil seines Lebens gestanden hatte) in Thessaloníki aufhielt. Raimbaut war um das Jahr 1155 geboren und sollte im Jahr 1205 sterben. Der „epische Brief“ (der vielleicht nur in sehr weitem Sinn dem, hauptsächlich der Liebe verschrieben, Troubadourgenre zuzurechnen ist, das salutz heißt) ist mithin eine Art Bilanz, welche durch den verfrühten Tod des Dichters schließlich einen fast vortestamentarischen Sinn erlangen sollte: auch wenn Raimbaut sich hier auf eine höfliche, doch bestimmt vorgebrachte Bitte um Anerkennung für die dem Marquis geleisteten Dienste beschränkt. Folena trug die ersten Verse aus dem Gedächtnis vor, mit einer Stimme, die von einer zärtlichen Melancholie durchtränkt war. Am Morgen darauf nahm ich meine Reise nach Triest wieder auf, wo ich eine Rede zum 100. Geburtstag von Umberto Saba halten mußte. Doch die Idee, selbst ein salutz (oder mehr noch, im Akkusativ, ein salut) zu schreiben, war in meinem Kopf bereits gereift: ich hatte nur noch den geeigneten Moment abzuwarten [...]. („Nota“, in: Salutz, 1986, Übersetzung T. P.)
Alberto Bertoni über den Zyklus:
1986 erschienen, verwirklicht Salutz in der geschlossenen Struktur von 70 Gedichten mit je 14 (trotz der offensichtlichen Symmetrie zur Länge des Sonetts zu einer einzigen Strophe gebundenen) Versen, eingeteilt in sieben Kapitel mit je zehn Stücken, eine Art ambivalente Hommage an die provenzalische Liedtradition sowie jene der deutschen Minnelyrik. Protagonist ist die grausame und phantasmatische, wie schon im vorangegangenen Buch [Lume dei tuoi misteri, 1984] stark verdichtete und eine angemessene zwischenmenschliche Distanz negierende Beziehung zwischen einem Liebenden und einer Geliebten: unseren Zeitgenossen. In der zeremoniösen Anredeform der Minne wird nicht allein „die Dichtung selbst als Lebens-Sinn (bald finster strafender Stachel, bald trügerischer Honig, Mutter-Geliebte, Schoß der ursprünglichen und endgültigen Nacht“ [Di Girolamo]) faßbar, sondern auch als Grundlage [...] und zugleich als Schlüssel, das befremdet und befremdlich ist, geeignet, jeden Akt oder jeden Impuls der psychologischen oder existentiellen Hinterfragung aufzuheben, zugleich jedoch Grundbedingung von Dichtung sowie der produktiven Reflexe der sie ausmachenden Sprachen. Gerade in Salutz kommt andererseits die Belebung mit einem realistischen Element zum Tragen, mit mythisch-literarischem Substrat und einer gleich bleibenden Spannung der Rede – deren Konzentration und Stärke sich genau hier von der horizontalen und paradigmatischen Ebene des Verses nach und nach auf die vertikale und syntagmatische Ebene der Satzperioden verschiebt [...]. Dichtung des Begehrens heißt auch Dichtung der Leere und einer wiederherzustellenden Einheit: und es ist bemerkenswert, wie die Aggressivität, die Bitterkeit und die Ernüchterung, die in der hier dargestellten Ich-Erfahrung mitschwingen, auf der konkreten Ebene des Ausdrucks zu einer Erfindungs-Leichtigkeit, einer oft kristallinen Singbarkeit abgemildert werden, einer melodischen Textur, stets bereit, in ein polyphones und zugleich konstruktives Wortgeflecht einzumünden. [...] Erste Aufgabe des Schreibens wird so, die verstreuten Schimmer von Identität und Leben – dem visionären Wissen dessen entspringend, der einem zwischen Traum und Wachtraum, verschütteter und unfreiwilliger Erinnerung (weit eher sprachlich-wahrnehmungsbezogen denn existentiell) aufgehobenen Zustand Ausdruck verleiht – wieder zu einer dynamischen Einheit zusammenzufügen, wie es für den vermehrt zu Latinismen neigenden späten Giudici so typisch ist: „Pronta a fissarvi in segni spettri che volitate / Nel non sopito cèrebro e parlate”; „Bereit, zu Zeichen euch zu bannen, Geister, die ihr schwebend / Das ruhelose Hirn durchschweift mit euren Reden“ [...]. Der Alexandriner verwandelt sich hier in einen Elfsilbler und ein für alle Mal wird die – auch literarische – Identität der „Zeichen“ und der „Geister“ abgesegnet, die nunmehr lediglich durch eine hypothetische Zäsur getrennt sind und von jener „Euch“-Anrede zusammengehalten werden, die die Gespenster des Denkens, ein sehr leopardianisches „ruheloses Hirn“, mit der Minne verbindet. (In: Una distratta venerazione. La poesia metrica di Giudici, 2001, Übersetzung T. P.)
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