Hier keine Kunst. Roman von Marc Degens.




16. März 2008






italo.log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
aus Italien.

Herausgegeben
von Roberto Galaverni
und Theresia Prammer.
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05: Milo de Angelis
04: Vittorio Sereni
03: Franco Fortini
02: Franco Loi
01: Eugenio Montale




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04:
Vittorio Sereni


Auf der Cisa-Autobahn

Zehn Jahre noch, nicht einmal
ehe mein Vater in mir ein zweites Mal stirbt
(unsanft ließ man ihn hinab
und eine Nebelbank schob sich für immer zwischen uns).

Heute, einen Kilometer vom Paß entfernt
schwenkt eine haarige, zerzauste Erinnye
einen Lappen vom Rand eines Abhangs,
tilgt einen Tag, der schon getilgt ist, und Ade.

Weißt du – sagte mir beim Abschied gestern jemand –
du weißt doch, daß das hier nicht alles war,
von Augenblick zu Augenblick sollst du an dieses andre Leben glauben,
von Küste zu Küste, warte darauf und es kommt,
wie jenseits des Passes ein neuer Sommer beginnt.

So spricht die rückfällige Hoffnung, zerbeißt
in einer Melone das Sommerfruchtfleisch,
sieht dort unten immer noch die Bäume weiterwachsen
ein jeder trägt seine Nymphe in sich
und dahinter der Strahlkranz von Echos und Fatamorganen
in der verdorrten Ebene der Pulsschlag eines Teichs
macht aus Mantova ein Tenochtitlan.

Von Tunnel zu Tunnel von Blendung zu Blindheit
spanne ich die Hand. Sie kommt als leere wieder.
Ich strecke einen Arm aus. Umschließe eine Schulter aus Luft.

Weißt du noch immer nicht
– lispelt im Getöse der Kurven
die Sybille, jene
die immer lauter zu sterben verlangt –
ahnst du noch immer nicht,
daß die stärkste Farbe von allen
die unauslöschlichste
die Farbe der Leere ist?

(übertragen von Theresia Prammer)


Autostrada della Cisa

Tempo dieci anni, nemmeno
prima che rimuoia in me mio padre
(con malagrazia fu calato giù
e un banco di nebbia ci divise per sempre).

Oggi a un chilometro dal passo
una cappelluta scarmigliata erinni
agita un cencio dal ciglio di un dirupo,
spegne un giorno già spento, e addio.

Sappi – disse ieri lasciandomi qualcuno –
sappilo che non finisce qui,
di momento in momento credici a quell’altra vita,
di costa in costa aspettala e verrà
come di là dal valico un ritorno d’estate.

Parla così la recidiva speranza, morde
in un’anguria la polpa dell’estate,
vede laggiù quegli alberi perpetuare
ognuno in sé la sua ninfa
e dietro la raggera degli echi e dei miraggi
nella piana assetata il palpito di un lago
fare di Mantova una Tenochtitlàn.

Di tunnel in tunnel di abbagliamento in cecità
tendo una mano. Mi ritorna vuota.
Allungo un braccio. Stringo una spalla d’aria.

Ancora non lo sai
– sibila nel frastuono delle volte
la sibilla, quella
che sempre più ha voglia di morire –
non lo sospetti ancora
che di tutti i colori il più forte
il più indelebile
è il colore del vuoto?

(Aus: Stella variabile, 1981)


Vittorio Sereni
©archivio Giovannetti/effigie

Vittorio Sereni, 1913 in Luino (Lombardei) geboren, Literatur- und Philosophiestudium in Mailand. 1938 gehörte Sereni zu den Mitbegründern der Zeitschrift „Corrente“ und war Mitarbeiter von „Campo di Marte" und „Frontespizio“. 1941 erschien sein erster Gedichtband, Frontiera. Im zweiten Weltkrieg einberufen, wird er zunächst nach Griechenland, dann nach Sizilien geschickt. 1943 gerät er in Kriegsgefangenschaft und verbringt zwei Jahre in Gefangenenlagern in Algerien und Marokko. Diese Erfahrung geht direkt in sein zweites, Gedichte und Prosa verschränkendes Buch, Diario d’Algeria ein. Nach dem Krieg unterrichtete er und schrieb als Literaturkritiker für „Milano Sera“. 1965 publizierte er Gli strumenti umani, 1981 kommt bei Einaudi der Band Il musicante di Saint-Merry heraus, mit Übersetzungen von Pound, Char, Williams, Frénaud, Apollinaire, Camus, Corneille u.a. Im selben Jahr erscheint außerdem Stella variabile, mit dem Claudio Sereni im Folgejahr den Premio Viareggio gewinnt. Am 10. Februar 1983 stirbt Sereni in seiner Wahlheimat Mailand.


Franco Fortini schreibt über dieses Gedicht:

Bewunderer, Freunde und Gegner gleichermaßen sehen in Sereni den Erben Montales. Auch ich war dieser Ansicht. Nicht so sehr aufgrund des Geflechts an Verweisen auf Montales Verse, die ganz unverhohlen daherkommen, gleichsam als Exorzißmen gegen die einzigen gefährlichen Einflüsse: die verborgenen. Eher trifft es zu in Hinblick auf ein Dichten im Zeichen der „leisen Erhabenheit“, das die wichtigsten existentiellen Themen mit sofort erkennbarem Inhalt zum Anlaß nimmt, und zwar mit Bildern und in einer Sprache von gemäßigt-gehobener Natur, immer mit einem ironischen Korrektiv und nahe daran, in Schweigen aufzugehen, aus Komplizenschaft oder aus Unmut. Und doch mit einem gewaltigen Unterschied: Beim späten Montale war die ironische Versifizierung der Kultur vom Skeptizismus zum Zynismus übergegangen, während sie bei Sereni vom leise Zurückgenommenen zum Metaphysischen aufsteigt. Mit seiner wunderbaren Wortlegion bewegt sich Sereni auf eine nach wie vor sehr ausgedehnte gesellschaftliche Adressatenschicht zu, größer als jene der Poesieliebhaber seiner Jugend. Es sind jene, die immer noch aus der Ethik, aus der Diskretion heraus kommunizieren; und das nicht nur in poetischer Hinsicht. Und es sind auch jene, die in der Dichtung, in der bestrickenden Elena der Dichtung (an die sie eine unauflösliche Umarmung bindet) wie in einem deutschen Kupferstich des frühen 16. Jahrhunderts einen Lemuren historischen Schreckens, „ein Idol“ (in diesem Fall, aber auch nur in diesem Fall, mit Goethe gehend), einen bloßen Anschein, eine „Schulter aus Luft“ zwar zu übersehen versuchen, zu vermuten jedoch gezwungen sind. („Verso il valico“, in: Nuovi saggi italiani, 1987, Übersetzung: T. P.)




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