Hier keine Kunst. Roman von Marc Degens.




8. Juni 2008






italo.log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
aus Italien.

Herausgegeben
von Roberto Galaverni
und Theresia Prammer.
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16:
Giorgio Caproni


Raub


Gott ist gestohlen worden.

Der Himmel leer.

Der Dieb ist noch auf freiem Fuß
(es stellt ihn keiner mehr).

(übertragen von Theresia Prammer)


Furto


Hanno rubato Dio.

Il cielo è vuoto.

Il ladro non è ancora stato
(non lo sarà mai) arrestato.

(Aus: „Versicoli del Controcaproni“, in: Poesie 1932-1986)


Giorgio Caproni
© Giovanni Giovannetti/effigie

Giorgio Caproni wurde 1912 im toskanischen Livorno geboren und wuchs in Genua auf, wo er sich, nach einem abgebrochenen Musikstudium, bald der Literatur zuwandte. 1939 einberufen, kämpfte er an der Westfront und blieb bis zur Befreiung bei den Partisanen in Val Trebbia (Provinz Genua). Vorübergehende Tätigkeit als Grundschullehrer. Nach seiner Übersiedelung nach Rom arbeitete Caproni als Kritiker für mehrere Zeitungen und Zeitschriften („Fiera Letteraria“, „Punto“, „Nazione“) sowie als Übersetzer, vor allem aus dem Französischen (Proust, Céline, Maupassant, Char etc.). In Rom freundschaftlicher Umgang mit Pasolini, Pratolini, Cassola und anderen Autoren. Zweimaliger Träger des Premio Viareggio (1952 und 1959), 1982 Premio Feltrinelli. Caproni starb 1990 in Rom. Ab 1936 eigenständige Veröffentlichungen, u.a.: Come un’allegoria (Genova, 1936); Cronistoria (Florenz, 1943); Il Passaggio d'Enea (Florenz, 1956); Il seme del piangere (Mailand, 1959); Congedo del viaggiatore cerimonioso & altre prosopopee (Mailand, 1965); Il muro della terra (Mailand, 1975); Il franco cacciatore (Mailand, 1982). Auf den Prosaband Il labirinto (Mailand, 1984) folgt 1986 der Gedichtband Il Conte di Kevenhuller (Mailand, 1986). Poesie 1932-1986, erschienen 1986 in Mailand, umfaßt alle Werke Capronis bis auf den letzten Band Res Amissa, der 1991 posthum von Giorgio Agamben herausgegeben wurde. 1998 wird das poetische Gesamtwerk in der Reihe „I Meridiani“ unter dem Titel L’opera in versi kritisch neu verlegt (hrsg. von Luca Zuliani, Einführung von Pier Vincenzo Mengaldo.)



Giorgio Agamben über Giorgio Caproni:

In der Figur der res amissa Gnade und Natur ineins setzend, macht Caproni mit einer sehr charakteristischen Gebärde die Kategorieaufteilungen, auf denen die westliche Theologie und Ethik gründen, hinfällig – oder besser er verkompliziert sie und verlegt sie in eine Dimension, in der ihr Sinn sich radikal umkehrt. Man könnte also für Caproni die boutade wiederholen, anhand der Benjamin sein Verhältnis zur Theologie veranschaulichte, und zwar im Vergleich mit jenem zwischen Löschpapier und Tinte: gewiß ist das Papier mit Tinte durchtränkt, aber wenn es auf das Löschpapier ankäme, wäre da kein einziger Tropfen mehr. Die Formel „negative Theologie“ (gegen deren Mißbrauch der Dichter sich verwehrt) ist also hier weder sinnvoll noch angebracht: vielmehr sollte man herausarbeiten, wie bei Caproni die Tradition der poetischen Atheologie (Caproni sagt auch „Pathotheologie“) der Moderne zu ihrer höchsten Bestimmung – wenn nicht zu ihrem Kollaps – gelangt. In Hinblick auf diese Tradition (vorausgesetzt, daß es sich dabei überhaupt um eine Tradition handelt) stellt die Dichtung Capronis so etwas wie die Bahnstation von Astapavo dar: den Punkt zufälligen Anhaltens, jedoch tatsächlich ohne eine Rückkehr, eine Reise, die nirgendwohin geht, doch die auf jeden Fall einer Flucht vor jeder vertrauten Figur des Menschlichen oder des Göttlichen gleichkommt. (...) Nicht vom freien Vers oder von einem typographisch gebrochenen Vers sollte also hier die Rede sein, sondern von Aprosodie (im Sinne der Neurologen, die von Aphasie sprechen, um die Störungen des logisch-diskursiven Apparats der Sprache zu charakterisieren und die Alterierungen ihres tonalen und rhythmischen Aspekts als Aprosodie bezeichnen): einer Aprosodie, die ganz offensichtlich sorgfältig kalkuliert ist und obsessiven Regeln untersteht (...) – was sie nicht weniger destruktiv macht.
Dem bereits hervorgehobenen polaren Charakter des poetischen Schreibens zufolge, produziert diese Entfremdung vom Prosodischen gleichwohl ein entgegengesetztes Residuum: die „versicoli del controcaproni“ („Verslein des Gegencaproni“). Man könnte sich fragen, worin die auffällige Vermehrung dieses (metrisch trivialen) Gegengesangs, der den gebrochenen Gesang der letzten Gedichte begleitet, ihren Ursprung hat: beinahe ein Liedchen-Summen oder ein Pfeifen inmitten der gestrafftesten Hymne, das dem Paradox eines Dichters, der in Personalunion mit einem Gegendichter lebt, Gestalt verleiht. Die „versicoli“ sind der Abfall – das zu sehr Eigene –, das sich als Splitter von der unerbittlichen Arbeit der Enteignung ablöst, welche die äußerste Manier Capronis charakterisiert.
In diesem Sinne birgt Res amissa tatsächlich den letzten Grund seiner Dichtung in sich. Denn nun ist für den alternden Dichter die Dichtung selbst zu einer res amissa geworden, in der es unmöglich ist, zwischen Natur und Gnade, Gewand und Geschenk, Besitz und Enteignung zu unterscheiden. Im Gleichgewicht, in einer Art transzendentaler Mimik zwischen der Aprosodie des unterbrochenen Gesanges und den allzu harmonischen versicoli, hat sie nunmehr ein Gebiet jenseits des Eigenen und des Uneigenen, der Rettung und des Untergangs erreicht. Das ist das unannehmbare Erbe, das die enteignete Manier Capronis der italienischen Dichtung hinterläßt, und dem kein Vorbehalt auszuweichen erlaubt. Wie ein Tier, das eine Mutation mitgemacht hat, die es über die Grenzen seiner Art hinausführt, ohne daß man es irgendeinem anderen phylon zuweisen, geschweige denn wissen könnte, ob es je imstande sein wird, anderen seine Mutation mitzuteilen, so ist die Dichtung, zugleich nicht wiederzuerkennen und zu vertraut, für uns definitiv zu einer res amissa geworden. Darum läßt sich, von sämtlichen Gedichtbänden, die nach wie vor erscheinen und mit Sicherheit weiter erscheinen werden, unmöglich sagen, ob auch nur einer von ihnen auf der Höhe des Ereignisses ist, das sich hier vollzogen hat. Was wir sagen können ist lediglich, daß hier etwas für immer zu Ende geht und etwas anderes beginnt und daß das, was beginnt, nur in dem beginnen kann, was zu Ende geht. („Disappropriata maniera“, Vorwort zu Res amissa, 2001, Übersetzung: T. P.)




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