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20. Juli 2008






italo.log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
aus Italien.

Herausgegeben
von Roberto Galaverni
und Theresia Prammer.
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110: Paolo Bertolani
109: Andrea Temporelli
108: Ermanno Krumm
107: Patrizia Cavalli (3)
106: Vivian Lamarque
105: Giancarlo Majorino
104: Toti Scialoja
103: Emilio Rentocchini
102: Eugenio Montale (4)
101: Maria Luisa Spaziani
100: Ignazio Buttita
099: Simone Cattaneo
098: Nanni Balestrini
097: Nino Pedretti
096: Marco Giovenale
095: Valentino Zeichen
094: Elio Pagliarani
093: Bartolo Cattafi
092: Luciano Cecchinel
091: Eugenio de Signoribus
090: Guido Ceronetti
089: Andrea Zanzotto (4)
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087: Nicola Gardini
086: Attilio Bertolucci (2)
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061: Gabriele Frasca
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056: Gianni D'Elia
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006: Fernando Bandini
005: Milo de Angelis
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002: Franco Loi
001: Eugenio Montale




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22:
Edoardo Sanguineti


dem Zollbeamten im Minirock, der mich ausersehen hat, mit seinen Sybillen-, seinen
Taubenaugen, aus einer endlosen Reihe von Transit-Reisenden habe ich
die ganze Wahrheit gesagt, verbannt in ein Beicht-Séparé aus Sperr-
holz:
        ich habe ihm gesagt, daß ich einen Sohn habe, der Russisch und Deutsch studiert:
daß Bonjour les amis, der vierbändige Französischkurs, für meine Frau
gedacht war:
                    ich war bereit, noch mehr preiszugeben: ich wußte, daß es Rosa Luxemburg war,
die das Schlagwort „Sozialismus und Barbarei“ lanciert hat: und konnte daraus
ein umwerfendes Madrigal gewinnen:
                                                            aber ich schwitzte, kramte in meinen Taschen,
suchte umsonst nach der Rechnung des Operncafés: und dann, dann bist du 
hereingeplatzt, die Kinder im Schlepptau, verwundert und wunderbar:
(wir vergraulten dich mit den gleichen harten Gesten, ich und diese meine demokratische
Beatrice in Uniform):
                                  aber das Unumkehrbare war schon vollzogen, dort, an der Grenze
zwischen den beiden Berlins, an mir: Vierzigjähriger verführt von einem Polizisten:

(übertragen von Theresia Prammer)


al funzionario doganale in minigonna, che mi ha prescelto, con i suoi occhi di sibilla
e di colomba, dentro una fila interminabile di viaggiatori in transito, ho detto
tutta la verità, confinato in un séparé-confessionale di legno
compensato:
                    ho detto che ho un figlio che studia il russo e il tedesco:
che Bonjour les amis, corso di lingua francese in 4 volumi, era
per mia moglie:
                         ero pronto a concedere di più: sapevo che fu Rosa Luxemburg
a lanciare la parola d’ordine “socialismo e barbarie”: e potevo
ricavarne un madrigale strepitoso:
                                                      ma sudavo, frugandomi le tasche,
cercando invano il conto dell’Operncafé: e poi, hai fatto irruzione
tu, trascinandoti dietro anche i bambini, meravigliosi e meravigliati:
(ti scacciavamo con gli stessi gesti duri, io e quella mia beatrice
democratica in divisa): 
                                     ma l’irreparabile era già consumato, lì
alla frontiera tra le due Berlino, per me: quarantenne sedotto da un poliziotto:

(Aus: Reisebilder, 1971)


Edoardo Sanguineti
Foto © Giovanni Giovannetti/effigie

Edoardo Sanguineti, wurde 1930 in Genua geboren. Nach seinen Literaturstudien in Turin, wo er auch bald die Universitätslaufbahn einschlug, kam er erst nach Salerno und schließlich als ordentlicher Professor nach Genua. In den Sechziger Jahren war Sanguneti einer der Hauptvertreter und Theoretiker der in Palermo gegründeten neoavantgardistischen Künstlervereinigung „Gruppo 63“. Sanguineti verfaßte mehrere kritische Arbeiten zur italienischen Literatur bzw. der Tradition des 20. Jahrhunderts sowie Kommentare zu Dante, Giovanni Pascoli, Guido Gozzano und anderen. In den späten 50er Jahren führte er polemische Auseinandersetzungen mit Pasolini (der Sanguinetis Buch Laborintus als „typisches Produkt des post-hermetischen Neorealismus“ qualifiziert), nach der Gründung des „Gruppo 63“ zeigten sich vermehrt Reibungsflächen zu Andrea Zanzotto. Sanguineti schrieb Texte für das Theater und übertrug mehrere klassisch antike Texte (Sophokles, Euripides, Seneca u.a.) sowie Gedichte Shakespeares, Goethes oder Brechts ins Italienische und arbeitete intermedial u.a. mit dem Regisseur Luca Ronconi und dem Komponisten Luciano Berio als Opernlibrettist zusammen. 1971 verbrachte Sanguineti zusammen mit seiner Familie ein halbes Jahr in Berlin. 1979 wurde er zum Parlamentsabgeordneten für den PCI gewählt und blieb bis 1983 im Amt. Seine große Reiseleidenschaft führt Sanguineti in zahlreiche Metropolen Europas, Amerikas und Asiens. Als Dichter debütierte Sanguineti mit dem Band Laborintus (Varese, 1956), es folgen u.a.: T.A.T. (Verona, 1968), später wiederaufgenommen in Wirrwarr (Mailand, 1972), Postkarten (Mailand, 1978), Stracciafoglio (Mailand, 1980), Scartabello (Ancona, 1981), der Sammelband Segnalibro, Poesie 1951-1981 (Mailand, 1982), Novissimum Testamentum (Lecce, 1986), Senzatitolo (Mailand, 1992), der aktualisierte Sammelband Il Gatto Lupesco. Poesie 1982-2001 (Mailand, 2002) u.a. Herausgegeben von Erminio Risso erschien 2004 die umfangreiche Anthologie Mikrokosmos, Poesie 1951-2004. Darüber hinaus journalistische (z.B. war Sanguineti langjähriger Mitarbeiter der kommunistischen Zeitung „L’Unità“), herausgeberische (vgl. die Anthologie Poesia italiana del Novecento, Turin, 1969) und erzählerische (der Roman Capriccio italiano erscheint 1963) Aktivitäten und Qualitäten. Edoardo Sanguineti starb 2010 in seiner ligurischen Heimatstadt Genua.


Andrea Cortellessa über Edoardo Sanguineti:

Gemessen an der Ruinenlandschaft der Fünfziger Jahre einerseits, und am stark theatralischen und hyperfreudianischen Intermezzo einiger Hervorbringungen der Sechziger Jahre (T.A.T., 1968) andererseits, stehen die Siebziger Jahre in der Dichterlaufbahn Sanguinetis für einen entscheidenden Bruch. Was mit Sammlungen wie Reisebilder und Postkarten (die erste im Band Wirrwarr 1972, die zweite als eigenständiger Zyklus 1978 erschienen) eröffnet wird, ist ein „neofigurativer” Kurs, von dem man behaupten kann, daß er – sei es auch mit beträchtlichen Abweichungen und Abwandlungen wie z.B. dem großartigen „posthumen“ Zwischenspiel Novissimum Testamentum von 1986 – bis heute anhält. [...] Die drei deutschen Titel, Reisebilder, Postkarten und Wirrwarr, verweisen sämtlich auf das, was, im Vergleich zum tragisch-apokalyptischen Einbruch der ersten Sammlungen, zweifellos eine entsublimisierte, auch „elegisch“ genannte Dichtungsauffassung darstellt. In der Tat beginnt Sanguineti nun am unteren Rand jedes Stücks das Entstehungsdatum zu vermerken: wie um es einem „Tagebuch” zu übergeben (mit Sicherheit war hier auch die „herabgestufte” und „tagebuchartige” Manier des späten Montale nicht ohne Einfluß, vermutlich zu beiden Seiten) oder auch, noch allgemeiner, um (mit einer Marx-schen Kategorie) seinen „Gebrauchswert” zu bezeichnen, also den konjunkturellen und episodischen Wert: in keinster Weise fetischistisch geprägt, als „Wert“ an sich und für sich, sondern im Gegenteil nur zu „praktischen“ Zwecken bewertbar oder aufwertbar, kurz: „praktizierbar“, wie es in einem manifestähnlichen Gedicht aus Postkarten heißt, der Nummer 62: ein „sehr alltägliches (und wirklich sehr nach Alltag aussehendes Gedicht)“ und „sehr journalartig (und sehr journalistisch, / wenn man so will)”; während ein paar Seiten zuvor, in der Nummer 49, sogar das „Rezept“ einer solchen Dichtung preisgegeben wird: „um ein Gedicht zuzubereiten nehme man ,eine kleine wahre Begebenheit’ [...] achte man darauf / Ort und Zeit nicht zu vernachlässigen: ein genaues Datum, einen skrupulös festgelegten Ort“ etc. Kein „monumentum aere perennius“ also (welches als Haltung allen klassizistischen Ideologien teuer war), ganz im Gegenteil: Sanguineti entscheidet sich für die Streuung in die Unvorhersehbarkeit des Zufalls und der tausend „Gelegenheiten” einer Existenz, die wie so oft auf übersteigerte Weise „kulturisiert” ist dank der ständigen Reisen zu Ausstellungen, Tagungen usw. (wobei übrigens die Zitathaftigkeit und Vielsprachigkeit der Anfänge oft sozusagen durch die Hintertür wieder hereingeholt wird). („Edoardo Sanguineti, la morte in vacanza“, in: La fisica del senso, 2006, Übersetzung: T. P.)