Hier keine Kunst. Roman von Marc Degens.

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20. April 2008






italo.log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
aus Italien.

Herausgegeben
von Roberto Galaverni
und Theresia Prammer.
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09:
Sandro Penna


Homosexualität

Ihre geheimen Begierden, ihre
rohen Siege über das Fleisch
vertrauten sich einander an. Eines Nachts
(sie waren den ganzen, langen
Frühsommertag
zusammen durch die Gegend
gestreift) schliefen sie
vor Müdigkeit zusammen ein. Am Morgen
begegneten sich ihre nackten Körper.
Es war alles durch und durch natürlich.

(übertragen von Theresia Prammer)


Omosessualità

Le loro brame segrete, le loro
selvagge vittorie sulla carne
si confidavano. Una notte
(avevano il giorno tutto, giorno
di prima estate,
vagato per la campagna
insieme) insieme
di stanchezza dormirono. All’alba s’incontrarono
i loro corpi nudi.
Fu una cosa del tutto naturale.

(Aus: Stranezze, 1976)


Sandro Penna
© archivio Giovannetti/effigie

Sandro Penna wurde 1906 in Perugia geboren. Er lebte, mit Ausnahme eines kurzen Aufenthalts in Mailand als Angestellter in einer Buchhandlung, fast immer in Rom. Penna übte die verschiedensten Tätigkeiten aus: Buchhalter, Übersetzer, Lektor, Kunsthändler. Ab 1929 in Kontakt mit Umberto Saba, der Penna zum Schreiben ermuntert. 1938 Debut mit dem Band Poesie, es folgten Appunti (1950), Arrivo al mare (1955), Croce e delizia (1958) sowie der Prosaband Un po’ di febbre (1973). Mit der Sammlung Poesie, die 1957 bei Garzanti erschien, gewann Sandro Penna ein Jahr darauf den begehrten Premio Viareggio. 1970 kam mit Tutte le poesie die erweiterte Fassung der gesammelten Gedichte heraus. Sandro Penna starb 1977 in Rom. Kurz vor seinem Tod erschien der Band Stranezze (1976).


Cesare Garboli über Sandro Penna:

Sandro Penna ist einer der größten italienischen Dichter des 20. Jahrhunderts: Ich sage nicht „der größte“, ganz einfach, weil ich keine Ranglisten mag. Penna war, in unserem Jahrhundert, der einzige italienische Dichter, der mit weit aufgerissener Kehle gesprochen hat, der klar sagte, was er wollte und wer er war, im Gegensatz zur mächtigen und schließlich dominanten Formel Montales der Negativität. Und folglich zum Preis eines Tonfalls der ständigen Herausforderung sowie einer irrsinnigen, systematischen Übertretung, die sich nicht auf das Homosexuellenthema reduzieren läßt. Man könnte das Werk Pennas mit einem Wort als „Reflexion über das Begehren” bezeichnen. [...] Die Größe Pennas – einzig in unserem Jahrhundert – liegt letztlich in einer radikalen und extremen Entscheidung begründet: Penna ist der einzige Dichter des (nicht nur italienischen) 20. Jahrhunderts, der niemals, in keinster Weise, Kompromisse eingegangen ist mit der ideologischen, moralischen, politischen, gesellschaftlichen oder intellektuellen Wirklichkeit der Welt, in der wir leben. Niemals, auch nicht für einen Moment, hat Penna sich auf diese Wirklichkeit eingelassen. Er focht sie nicht an, er protestierte nicht gegen sie. Vor den Ideen dieses Jahrhunderts hatte Penna vielmehr Respekt; doch es war der Respekt eines Forschers, der voll Neugier einem Kinderspiel zusieht. Penna hatte die Welt der Erwachsenen abgelehnt; er hatte sie abgelehnt als eine unbedeutende, ein wenig gewöhnliche, ein wenig klägliche Welt, eine Welt, die aus zwielichtigen Geschäften und offen zutageliegenden Eitelkeiten bestand, aus kleinlichen Ängsten und lächerlichen Machenschaften. Penna hatte sich geweigert, „der Wirklichkeit anzugehören”; das Wort, das bei ihm das Thema vorgibt, ist „Leben”. Ob diese Wahl heroisch war, inwiefern klug und weitsichtig, das wird die Nachwelt entscheiden: „sofern es“ – so Penna, vor sich hinmurmelnd [...], mit dem kindlichen Stolz desjenigen, der einen gefährlichen Gedanken ausspricht – „sofern es eine Nachwelt geben wird’.” (In: Sandro Penna, Poesie, 1989; Vorwort von Cesare Garboli, Übersetzung: T. P.)




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