Hier keine Kunst. Roman von Marc Degens.

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13. April 2008






italo.log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
aus Italien.

Herausgegeben
von Roberto Galaverni
und Theresia Prammer.
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08:
Antonella Anedda


Einem neuen Winter zugeschrieben

zum Tod von A. R.


Wär’ es nur das: an einen Ort gelangen
ganz deutlich seinen Namen sagen, angekommen sein.

Glücklicher Winter jetzt, wo der neue Winter zuende ist
nach einem Anfang, für uns noch immer namenlos
nicht anders als das sommerliche Queren von Netzen
vielleicht, ein schwacher Lichtkreis.
Ringsum nichts als Pflanzen
es wär’ dir nicht gelungen, ihnen auszuweichen
Wasser, auf die Steine gehaucht – Hagel,
von dem wir niemals wissen können, ob er diesen Ton mitbringt
den von den Dächern, dort, in deiner Zeit
in der weißen, menschlichen Reinheit der Waschräume.
Bis hierhin nur entschiedene Schritte,
denen du vielleicht mit glühendem Schweigen lauscht
und Luft zwischen Orangenbäumen, leise von den Lebenden bewegt.

Siehst du, nichts geht hier zum ersten Mal verloren.
Heut morgen haben sie die kalte Erde
gedroschen – erfüllt von der Freude über das Wasser
hat sie für dich den Balken
des Sessels vergessen, den zurückgeworfenen Nacken
den Wind im Hof.
So glückliche Nacht jetzt, wo es neuerlich Nacht wird
und es stimmt nicht, daß der Frost den Sieg davonträgt
und langsam den Gedanken niederhält
vielleicht ist da ein Ruck, der etwas Hohes
äußerst Hohes aufschließt –
eine Note
jenseits des Schnabels jenseits der leuchtenden Vogel-Augen
ein Hügelsplitter – der dort unten,
gegen das bronzegrüne Dach der Kirche gedrückt.

Glückliche Nacht dir
für immer abgrundlos, Steppe der kleinlauten Seele,
wo der Olivenbaum sich tonlos neigt
Jerusalem der Ruhe
der Ruhe und des Baumstumpfs, der den Tod umringt und einritzt
der ihn einsaugt in die Leere, in die Leere ihn hinabstößt
und gemächlich zermalmt.

Ich habe keine Stimme und kein Lied
nur eine Sprache, in die Stroh gewirkt ist
eine Seilsprache Salzsprache, verschlossen in der Faust
alle Ritzen abgedichtet
im Gittertor, das auf das harte Grab des Morgengrauens schlägt
von Dunkel zu Dunkel
für den, der bleibt
für den, der kreist.

(übertragen von Theresia Prammer)


Per un nuovo inverno

nella morte di A.R.


Se non fosse che questo: giungere a un luogo
esattamente pronunciarne il nome, essere a casa.

Felice inverno adesso che il nuovo inverno è passato
da un inizio per noi ancora senza nome
non diverso dal varco estivo di reti
forse, un cerchio debole di lumi.
Intorno, solo piante
che non avresti fatto in tempo a scansare
acqua soffiata sulle pietre – grandine
che mai sapremo se è arrivata col suono
che faceva sui tetti là nel tuo tempo
nella bianca, umana pulizia dei bagni.
Finora solo passi recisi
che forse ascolti con ardente silenzio
e aria tra gli aranci mossi piano dai vivi.

Vedi qui nulla per la prima volta si perde.
Stamattina hanno battuto la terra
fredda – colma della gioia dell'acqua
ha dimenticato per te
la sbarra della sedia, la nuca rovesciata
il vento del cortile.
Così felice notte ora che di nuovo è notte
e non è vero che il gelo resti
e abbassi piano il pensiero
forse uno scatto invece schiude qualcosa in alto
molto in alto –
una nota
oltre il becco oltre gli occhi lucenti di un uccello
una scheggia di collina – quella laggiù
serrata al tetto verde-bronzo della chiesa.

Felice notte a te
per sempre priva di abisso, una steppa dell'anima-sommessa
dove l'ulivo si piega senza suono
Gerusalemme della quiete
della quiete e del tronco che cerchia e incide la morte
che la succhia nel vuoto e nel vuoto la getta
e la macera piano.

Non ho voce, né canto
ma una lingua intrecciata di paglia
una lingua di corda e sale chiuso nel pugno
e fitto in ogni fessura
nel cancello di casa che batte sul tumulo duro dell'alba
dal buio al buio
per chi resta
per chi ruota.

(Aus: Notti di pace occidentale, 1999)


Antonella Anedda
Foto: Privat

Antonella Anedda (Anedda-Angioy), wurde 1958 in Rom geboren, wo sie Kunstgeschichte studierte. Einige Jahre hindurch unterrichtete sie an der Universität Siena. Sie lebt zwischen Rom und der Isola della Maddalena (Sardinien). 1992 Debüt mit dem Band Residenze invernali (Crocetti editore). Es folgen, 1999, Notti di pace occidentale (Donzelli), der mit dem „premio Montale” ausgezeichnet wird, sowie Il catalogo della gioia (Donzelli, 2003). Zuletzt erschien die Sammlung Dal balcone del corpo (Mondadori, 2007, Premio Napoli). Antonella Anedda ist Autorin zahlreicher Übersetzungen vor allem aus dem Französischen sowie zweier Aufsatzbände: Cosa sono gli anni (Fazi 1997) und La luce delle cose (Feltrinelli, 2000).

Vor dem Hintergrund der eigenen Wohnstatt, der Inselgegend der „Maddalena” in Sardinien oder der Kältelandschaft der Winterresidenzen, scheint die Dichtung Antonella Aneddas als Brandherd, als Lichtquelle auf, angefochten von einer heimlichen Unruhe, die aus dem „häuslichen Raum das Szenarium einer ultimativen Fremdheitserfahrung macht” (A. Baldacci). Im Jahr 1998 entsteht ein Buch mit Übersetzungen und Variationen, Nomi distanti, in dem die Autorin wahlverwandten Dichterinnen und Dichtern übersetzend nachspürt bzw. von ihnen im eigenen Schreiben heimgesucht wird: Prozesse der Assimilation und der Gastfreundschaft durchlaufend, kraft der Fähigkeit „ein Gespräch zwischen fernen Einsamkeiten zu etablieren” (R. Galaverni). Die Stimme dieser Gedichte konkretisiert sich in einer Art „Übergangs-Landschaft“ (vom „passaggio-paesaggio“ erzählt Anedda in einem Essay), einer Haltung des rezeptiven Abhorchens und vorsichtigen Aneinanderhaltens von Sprachen und Poetiken, wobei Anedda sich wiederholt auf die Celan-Mandelstam’sche Flaschenpostmetapher beruft. So ist die Zuhörende immer auch eine von (Auf-)Gelesenem Durchquerte; Trägerin eines Chors, der in einen Körper Einzug hält, in dem er widertönt und dem er vielleicht entspricht. Namengeben und Heimischwerden fallen ineins und bleiben doch reversibel („an einen Ort gelangen / ganz deutlich seinen Namen sagen, angekommen sein”), eingedenk der grundlegenden Unwirtlichkeit (Unwirklichkeit) der Welt ohne die Sprache.




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