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10. Mai 2009






italo.log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
aus Italien.

Herausgegeben
von Roberto Galaverni
und Theresia Prammer.
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094: Elio Pagliarani
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64:
Vittorio Sereni (2)


An einem Arbeitsplatz


Diese Stufen, wo die Treppe einen Knick macht, nach all
diesen Menschen, die hier gegangen (und wieder gegangen sind, 
jeden Tag: zur Arbeit) auf der Treppe abbiegend, dem Leben.
                                                                                         Abgenutzt
von all diesen Wieder-Gängern ist der Teppich an jenem Punkt   
zu einem kalten Lichtreflex. Winters wie sommers                     
                                                                          hier kühlt er aus
auf der Lauer eines Gedankens, immer sich selber ähnlich     
immer für jenen Punkt vorhergesehen    
immer in gleicher Form gedacht 
der Blick der unbeirrbar fällt
jeden Tag jede Stunde
von Arbeitsjahren Lichtjahren
von Kälte – wie immer
wird dort ein Herbst beginnen.




An einem anderen Arbeitsplatz 


Du wirst mir doch nicht sagen wollen,
daß du du bist und ich ich.
Wir sind hier vorbeigegangen wie die Jahre vergehen.
Nichts ist von uns geblieben als ein Prototyp
oder besser die Imago, in die Leere hinein
verlängert – 
und Wasser betrachten uns und Scheiben
denken uns in der Zukunft: Halsüberkopf gekippt ins Danach
Glossen, schwächer und schwächer, 
ungewisse Duplikate dessen, was wir gewesen sein werden.            

                                                              Herbst 1975

(übertragen von Theresia Prammer)


Posto di lavoro


Quei gradini dove fa gomito la scala, tutta
quella gente passata (e ripassata ogni giorno:
per lavoro) svoltando dalla scala dalla vita.
					Logoro
di quei reiteranti il tappeto in quel punto
a un freddo riflesso di luce. Sia inverno sia estate
					e là si fredda
nell’agguato di un pensiero da sempre simile a sé
sempre previsto per quel punto
sempre pensato uguale
lo sguardo che invariabilmente cade
a ogni giorno a ogni ora 
di anni di lavoro di anni luce
di freddo – come sempre
là comincia un autunno.




Altro posto di lavoro
 

Non vorrai dirmi che tu
sei tu o che io sono io.
Siamo passati come passano gli anni.
Altro di noi non c’è qui che lo specimen
anzi l’imago perpetuantesi
a vuoto –
e acque ci contemplano e vetrate,
ci pensano al futuro: capofitti nel poi,
postille sempre più fioche
multipli vaghi di noi quali saremo stati.
					
			Autunno 1975

(Aus: Stella variabile, 1981)


Vittorio Sereni

Vittorio Sereni, 1913 in Luino (Lombardei) geboren, Literatur- und Philosophiestudium in Mailand. 1938 gehörte Sereni zu den Mitbegründern der Zeitschrift „Corrente“ und war Mitarbeiter von „Campo di Marte" und „Frontespizio“. 1941 erschien sein erster Gedichtband, Frontiera. Im zweiten Weltkrieg einberufen, wird er zunächst nach Griechenland, dann nach Sizilien geschickt. 1943 gerät er in Kriegsgefangenschaft und verbringt zwei Jahre in Gefangenenlagern in Algerien und Marokko. Diese Erfahrung geht direkt in sein zweites, Gedichte und Prosa verschränkendes Buch, Diario d’Algeria ein. Nach dem Krieg unterrichtete er und schrieb als Literaturkritiker für „Milano Sera“. 1965 publizierte er Gli strumenti umani, 1981 kommt bei Einaudi der Band Il musicante di Saint-Merry heraus, mit Übersetzungen von Pound, Char, Williams, Frénaud, Apollinaire, Camus, Corneille u.a. Im selben Jahr erscheint außerdem Stella variabile, mit dem Claudio Sereni im Folgejahr den Premio Viareggio gewinnt. Am 10. Februar 1983 stirbt Sereni in seiner Wahlheimat Mailand.
Die beiden Gedichte „Posto di lavoro“ und „Altro posto di lavoro“, folgen im Band nicht unmittelbar aufeinander und sind ein Beispiel für die von Vittorio Sereni gerne praktizierte Wiederaufnahme von Motiven aus längerem zeitlichem Abstand.


Andrea Zanzotto über Stella variabile:

Dichtung, gemacht aus Worten, die Instrumente des Alltäglichen und gleichzeitig Konkretion von soziohistorischen Spuren sind – bewegt sich in erster Linie „innerhalb“ einer bestimmten Sprache, ja mehr noch, sie ist deren wahre idiomatische Seele. Sie verweist nicht bloß auf die extreme Besonderheit „jener“ Sprache, die etymologisch gesehen als Idiom einer einzigen ethnischen Gruppe angehört. Vielmehr drückt sie (geradezu vorbildlich) deren Besonderheit aus, das ìdion, das berufen ist, als Einzigartigkeit in der Dichtung zu erscheinen und somit „erwählt“, „auserkoren“ zu werden. Die Sprache trägt die unendliche und notwendige Selbstliebkosung und die narzißtische Einschneckung der (ethnischen und nicht nur ethnischen) Gruppe in sich: das, was dann als Barriere wiederkommt, als Unmöglichkeit der rückstandslosen Übersetzung. Diese narzißtische Selbstliebkosung, die schon in der Vorstellung von idìoma verankert ist, führt – wiederum zwangsläufig – dazu, sich in der Sprache, in jeder Sprache, einerseits Paradiese autistischer Art vorzustellen, andererseits (letztlich umkehrbare) edenische oder pfingstliche Halluzinationen, die beide gleichermaßen entfernt sind von der tatsächlichen Brutalität „dieser“ Sprache, die unüberwindliches, unverrückbares Ereignis/Konvention ist, in die jeder Ausdruck in jeder „historischen“ Sprache einbricht, und um wie viel mehr noch die Form des Ausdrucks, die man Dichtung nennt. Der Versuch poetischer Erfahrung ist folglich mit einem „Risiko Sprache“ verbunden, worin nicht nur die Notwendigkeit gegenwärtig ist, die „Frequenzen“, die innersten „Berufungen“ dieser Sprache, die ihr innewohnenden Strömungen und Wirbel zu fühlen, sondern auch das Bewußtsein, daß alle diese Kräfte in ebendem Akt, in dem sie sich zur Sprache fügen, sie „verschließen“ und innerhalb des babelischen Schemas zum Feld des Ausschlusses, der Fragmentierung machen. Darum lebt in jedem Dichter die Sehnsucht nach einer Sprache fort, die universal sein soll und nicht „idiomatisch“, auch wenn sie trotzdem noch „muttersprachlich-eigen“ ist.
In diesem Spannungsfeld ist es der Dichtung beschieden, sich zwar als bloßer Signifikant darzustellen, der ein gewaltiges Spiel von Signifikanten stützt, aber im Gegenzug unbeherrschbare, unendliche Sehnsüchte nach Signifikaten ans Licht bringt, wie ein flatus vocis, innerhalb dessen sich ein dermaßen weites Sinnfeld auftut, daß es im Freudschen Sinn „unheimlich“ wird. Einer, der ausgehend von der Idee des Heimlichen, Häuslichen, des Zuhause-, im eigenen Gehäuse-Bleibens „Dichtung“ sagt, der hat die 273 Grad unter Null des kosmischen Raums im Nacken, der absoluten Fremdheit. Das rührt auch daher, daß er alles, was einen, vor allem sprachlichen Mikrokosmos ausmacht, zu unmöglichen Funktionen des Makrokosmos getrieben hat: doch anders konnte es sich nicht zutragen. An diesem Punkt wird es noch schwieriger, zum Problem eines Wissens um die Entstehung von Dichtung zurückzukehren, zur Dichtung als Versuch und Erfahrung, die zu einem Text, einem Gegenstand geführt haben. Was die Autoren betrifft, die sich in „jenem“ Augenblick „damit beholfen haben“ „jenen“ Text zu schreiben, so liefern sie die vollkommen aufgetrennte Serie von Indizien, von „Blitz-Poetiken“: aber vielleicht verweist jeder einzelne Punkt des Gedichts auf diese oder ist aus ihnen gebildet. Der Dichter wird Indizien zum „Idiom“ seines Schaffens geben, während er zugleich das von ihm gebrauchte historische Idiom bis an die Grenze seiner Idiomatizität/Besonderheit treibt. Vittorio Sereni wußte in Gli immediati dintorni grundsätzliche Dinge dazu zu sagen und er hat schließlich für sein letztes Werk einen der hellsichtigsten Titel gefunden, den man, wie ich meine, einem Gedichtband geben kann: Stella variabile – Wandelbarer Stern. Der Ausdruck verbindet ihn in gewisser Weise mit René Char, in der von Stefano Agosti oft betonten Weise. Und wir wissen um den Gegensatz und die fruchtbaren Affinitäten, die zwischen Char und Sereni bestanden.
Eine ganze Poetik mit all ihren Regeln ist in diesem Syntagma Stella variabile ausgedrückt. Der wandelbare Stern ist eine hohe Metapher, die das beständige Schwanken der nicht festgelegten Poetiken der Dichter bezeichnet. Und es wäre interessant, vor diesem Hintergrund die verschiedenen Kategorien von wandelbaren Sternen zu untersuchen; vielleicht würde daraus eine ganze Phänomenologie der nach bestimmten Sterntypen katalogisierbaren Dichtung entspringen ... und zwar ausgehend von jenen Sternen, die in Wirklichkeit aus zwei Himmelskörpern bestehen, von denen der eine den anderen (wie bei einer Sonnenfinsternis) auslöscht, bis hin zu jenen, die pulsieren, mit einer gewissen Regelmäßigkeit von einem Leuchtgrad zum anderen übergehen, bis hin zu jenen, die dazu beitragen können, die anderen, nicht wandelbaren Sterne besser kennenzulernen, und letztlich bis zu jenen, die zur Kategorie der Novas und Supernovas gehören, die Explosion sind, „Kurzschluß“ par excellence, und so weiter.
Die Dichtung kann also wie ein Fixpunkt „pulsierender“ Stabilität erscheinen, stabil, indem sie eine poetische Logik (gebunden an jede Form von Logik) einschließt, aber doch „unzuverlässig“ im beständigen Wechsel ihrer Leuchtkraft. Unzuverlässig als Erkenntnistatsache, die außerhalb der Dichtung angesiedelt ist, oder besser außerhalb des Werks des einzelnen Autors, und die keinerlei Gesetz für keinerlei Erfindung erkennen läßt, das sich nicht letztlich mit dem „gerade stattfindenden Text“ vermischt. Hier kehrt das alte Diktum wieder, demzufolge die Dichtung immer von sich selbst spricht, auch wenn sie glaubt, von anderem zu sprechen – trotzdem kann sie nur existieren, um sich auszusprechen, indem sie zum anderen und von anderem, von allem spricht. („Tentativi di esperienza poetica (Poetiche-lampo)“, in: Prospezioni e consuntivi, 1999, Übersetzung: T. P.)