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23. November 2008






italo.log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
aus Italien.

Herausgegeben
von Roberto Galaverni
und Theresia Prammer.
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110: Paolo Bertolani
109: Andrea Temporelli
108: Ermanno Krumm
107: Patrizia Cavalli (3)
106: Vivian Lamarque
105: Giancarlo Majorino
104: Toti Scialoja
103: Emilio Rentocchini
102: Eugenio Montale (4)
101: Maria Luisa Spaziani
100: Ignazio Buttita
099: Simone Cattaneo
098: Nanni Balestrini
097: Nino Pedretti
096: Marco Giovenale
095: Valentino Zeichen
094: Elio Pagliarani
093: Bartolo Cattafi
092: Luciano Cecchinel
091: Eugenio de Signoribus
090: Guido Ceronetti
089: Andrea Zanzotto (4)
088: Matteo Marchesini
087: Nicola Gardini
086: Attilio Bertolucci (2)
085: Flavio Santi
084: Gesualdo Bufalino
083: Gherardo Bortolotti
082: Giuliano Mesa
081: Albino Pierro
080: Beppe Salvia
079: Ottiero Ottieri
078: Eugenio Montale (3)
077: Antonio Riccardi
076: Amelia Rosselli (2)
075: Nelo Risi
074: David Maria Turoldo
073: Pier Paolo Pasolini (3)
072: Franco Scataglini
071: Patrizia Vicinelli
070: Milo de Angelis (2)
069: Umberto Piersanti
068: Giorgio Orelli
067: Elisa Biagini
066: Remo Pagnanelli (2)
065: Carlo Bettocchi
064: Vittorio Sereni (2)
063: Giorgio Bassani
062: Federico Italiano
061: Gabriele Frasca
060: Andrea Zanzotto (3)
059: Patrizia Cavalli (2)
058: Antonio Porta
057: Vincenzo Frungillo
056: Gianni D'Elia
055: Gregorio Scalise
054: Giorgio Caproni (2)
053: Stefano Dal Bianco
052: Biagio Marin
051: Elsa Morante
050: Franco Buffoni
049: Franco Loi (2)
048: Ferruccio Benzoni
047: Eugenio Montale (2)
046: Adriano Spatola
045: Dario Bellezza
044: Tonino Guerra
043: Luciano Erba
042: Jolanda Insana
041: Mario Luzi
040: Primo Levi
039: Valerio Magrelli (2)
038: Paolo Volponi
037: Alda Merini
036: Pier Paolo Pasolini (2)
035: Patrizia Valduga
034: Aldo Nove
033: Raffaello Baldini
032: Maurizio Cucchi
031: Piero Bigongiari
030: Andrea Zanzotto (2)
029: Gerhard Kofler
028: Remo Pagnanelli
027: Andrea Gibellini
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022: Edoardo Sanguineti
021: Roberto Roversi
020: Patrizia Cavalli
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017: Valerio Magrelli
016: Giorgio Caproni
015: Andrea Zanzotto
014: Attilio Bertolucci
013: Emilio Villa
012: Giampiero Neri
011: Giovanni Raboni
010: Amelia Rosselli
009: Sandro Penna
008: Antonella Anedda
007: Pier Paolo Pasolini
006: Fernando Bandini
005: Milo de Angelis
004: Vittorio Sereni
003: Franco Fortini
002: Franco Loi
001: Eugenio Montale




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40:
Primo Levi


Plinius

Laßt mich aufbrechen, Freunde, haltet mich nicht zurück.
Ich werde nicht weit fahren: nur bis ans andere Ufer;
Nur um diese finstere Wolke aus der Nähe zu betrachten,
Die aufsteigt über dem Vesuv und einer Pinie gleicht,
Herausfinden, woher dieser seltsame Schimmer kommt.
Willst du mich nicht begleiten, Neffe? Gut, so bleib hier und studiere;
Schreib die Notizen ins Reine, die ich dir gestern dagelassen habe.
Die Asche sollt ihr nicht fürchten: Asche über Asche,
Asche sind wir selbst, erinnert ihr euch noch an Epikur?
Rasch, stellt das Schiff bereit, denn schon wird es Nacht,
Nacht am helllichten Nachmittag, nie gesehenes Wunder.
Fürchte dich nicht, Schwester, ich bin vorsichtig und erfahren,
Die Jahre, die mich gebeugt haben, sind nicht umsonst verstrichen.
Bald werde ich wiederkommen, gewiß, gebt mir nur die Zeit
Um überzusetzen, die Erscheinungen zu betrachten und umzukehren,
Gerade so lange, um daraus morgen ein neues Kapitel
Für meine Bücher zu gewinnen, die, hoffentlich, noch leben werden,
Wenn die Atome meines alten Körpers schon seit Jahrhunderten
Versprengt in den Strudeln des Universums weiterwirbeln
Oder in einem Adler fortbestehen, einem Mädchen, einer Blume.
Seemänner, tut eure Pflicht, leitet mein Schiff in das Meer hinunter.

23. Mai 1978

(übertragen von Theresia Prammer)


Plinio

Non trattenetemi, amici, lasciatemi salpare.
Non andrò lontano: solo fino all’altra sponda;
Voglio osservare da presso quella nuvola fosca
Che sorge sopra il Vesuvio ed ha forma di pino,
Scoprire d’onde viene questo chiarore strano.
Non vuoi seguirmi, nipote? Bene, rimani e studia;
Ricopiami le note che ti ho lasciate ieri.
La cenere non dovete temerla: cenere sopra cenere,
Cenere siamo noi stessi, non ricordate Epicuro?
Presto, approntate la nave, poiché già si fa notte,
Notte a mezzo meriggio, portento mai visto prima.
Non temere, sorella, sono cauto ed esperto,
Gli anni che m’hanno incurvato non sono passati invano.
Tornerò presto, certo, concedimi solo il tempo
Di traghettare, osservare i fenomeni e ritornare,
Tanto ch’io possa domani trarne un capitolo nuovo
Per i miei libri, che spero ancora vivranno
Quando da secoli gli atomi di questo mio vecchio corpo
Turbineranno sciolti nei vortici dell’universo
O rivivranno in un’acquila, in una fanciulla, in un fiore.
Marinai, obbedite, spingete la nave in mare.

23 maggio 1978

(Aus: Ad ora incerta, 1984)


Primo Levi

Primo Levi (Turin 1919-1987) ist wie Paolo Volponi einer der wichtigsten Erzähler des vergangenen Jahrhunderts in Italien. Einer Familie jüdischen Ursprungs entstammend, wurde er 1944 nach Auschwitz deportiert. Diese tragische Erfahrung steht im Zentrum eines Großteils seiner Werke: Se questo è un uomo (Turin, 1947), La tregua (Turin, 1963), La chiave a stella (Turin, 1978), Se non ora, quando? (Turin, 1982). Seine Aufsätze und Reflexionen sind in den Bänden L’altrui mestiere (Turin, 1985) und I sommersi e i salvati (Turin, 1986) zusammengefaßt. Primo Levi ist auch Verfasser einiger Erzählbände, die zum Teil seinem bürgerlichen Beruf als Chemiker Anregungen verdanken. Darunter: Storie naturali (Turin, 1966) Vizio di forma (Turin, 1971) und Il sistema periodico (Turin, 1975). Seine Gedichte wurden unter dem Titel Ad ora incerta (Mailand, 1984) publiziert.



Franco Fortini über Primo Levi:

Bekanntermaßen – er selbst teilt es uns im Klappentext seines Gedichtbands im Oktober 1984 mit – hielt Primo Levi seine Verse nicht für herausragend. Er läßt den Leser wissen, daß „in seltenen Augenblicken (im Schnitt nicht öfter als ein Mal im Jahr) einzelne Stimuli naturaliter zu einer bestimmten Form gefunden haben, die meine rationale Hälfte nach wie vor für unnatürlich hält.“ Man beachte die ironische Note: nur für die eine Hälfte des Dichters ist das Verseschreiben unnatürlich, zu einem nicht geringeren Anteil indes scheint sie ihm völlig natürlich zu sein.
Man kann Levis Meinung teilen: diese Verse sind nicht herausragend; auch wenn es, wie ich zu erklären versuche, darunter welche gibt, die sehr aufmerksam gelesen werden müssen, weil in ihnen eine Wahrheit und ein ganz eigenes Timbre verborgen sind. (...) In anderen Worten: die Anlässe, die Gegenstände, die Inhalte dieser Gedichte müssen ermittelt werden.
Neben den Eingangsversen zu Ist das ein Mensch (Se questo è un uomo) mit dem Titel Shemà – im Übrigen eines der mit Recht bekanntesten Gedichte, das freilich seine ganze Kraft daraus bezieht, daß es an der Schwelle zu einem Totenbuch steht – lassen sich um die sechzig Stücke wiederkehrenden Thematiken zuordnen: Da sind die Verse, die direkt an die Deportationserfahrung anschließen, nicht ganz zehn an der Zahl; und da sind andererseits die Meditationen oder trostarmen, todesverhangenen moralischen Abhandlungen (nach Art der „crepuscolari“ oder von resigniertem Stoizismus), ebenfalls circa zehn; doch die beachtlichste Gruppe ist jene, in der, nach dem Modell von Spoon River, einer Figur eine Stimme geliehen wird (...). Ich erinnere nur an die Stücke „Plinius“, „Das Mädchen von Pompei“, „Huayna Capac“, „Sidereus Nuncius“... (Zit. nach: Ad ora incerta, 1984; Antologia della critica, Übersetzung: T. P.)