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23. März 2008






italo.log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
aus Italien.

Herausgegeben
von Roberto Galaverni
und Theresia Prammer.
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109: Andrea Temporelli
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106: Vivian Lamarque
105: Giancarlo Majorino
104: Toti Scialoja
103: Emilio Rentocchini
102: Eugenio Montale (4)
101: Maria Luisa Spaziani
100: Ignazio Buttita
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097: Nino Pedretti
096: Marco Giovenale
095: Valentino Zeichen
094: Elio Pagliarani
093: Bartolo Cattafi
092: Luciano Cecchinel
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008: Antonella Anedda
007: Pier Paolo Pasolini
006: Fernando Bandini
005: Milo de Angelis
004: Vittorio Sereni
003: Franco Fortini
002: Franco Loi
001: Eugenio Montale




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05:
Milo de Angelis


Stummer Stadtplan

Nun weißt auch du es
wir wissen es
während wir gerade neugeboren werden.
Franco Fortini


Wir betreten nun den letzten Tag, in der Apotheke
wo ihr weißes, ruheloses Gesicht den Gruß des Nachtwächters
nicht zurückgibt: durstiges Gesicht, ich kann es nicht übertreten,
es ist dasselbe, das ich einmal Liebe nannte, hier
im Nebel der Comasina.
Wir nähern uns noch einmal einer Scheibe. Dann wirft sie
Fahrplan und Brillen in einen Mülleimer,
streift den blauen Pullover ab und reicht ihn mir wortlos.
„Warum tust du das?“
„Weil ich so bin“, gibt eine Verhärtung der Stimme zurück,
ein Schmerz, der einzig
sich selber gleicht. „Weil ich...
...keines von beiden“. Wörter kommen vor
im Blut, Augen, die gegen das Neonlicht schlagen
frostig, klug und untröstlich,
Hände, die auf das Fenster den Schutzengel zeichnen und jenen,
der nicht Partei ergreift, fünf Finger umfassen einen Faden,
der tragende Gedanke des Nichts, die immer noch warme Kehle.

„Leben, mehr als Leben, das du dich vermischt
mit vielen Wesen, ehe du dann unsres bist ...
...Leben, eben du willst ihr
ein so eisiges Ende bereiten, gerade hier, wo die Jahre
einander suchen, auf einem Meter Asphalt...“

Doch unterbrechen wir die Anthologie
und die Beschwörung des Herzklopfens. Geben wir exakt
die Fakten wieder und die Wörter. Das,
das steht in meiner Macht. Um drei Uhr morgens
blieben wir vor einem Imbiß stehen, verlangten
zwei Gläser Rotwein. Sie wollte bezahlen. Dann
bat sie mich, sie nach Hause zu begleiten, in die Via Vallazze.
Die Wörter waren verständlich und der Mund
nicht mehr wie zugeklebt. „Wo warst du
mein ganzes Leben hindurch“ Mailand ist wieder stumm
und unendlich, verschwindet zusammen mit ihr, an einem dunklen
und feuchten Ort, der auch ihren Namen aufweicht,
in unser Blut einbricht ohne Musik. Doch zusammen
zusammen werden wir dann dieses Weinen
das ein Gedicht nicht hatte sagen können, jetzt siehst du es
und auch ich sehe es... wir sehen es,
jetzt sehen wir es... wir sehen es alle... jetzt...
...wo wir gerade neugeboren werden.

(übertragen von Theresia Prammer)


Cartina muta

Ora lo sai anche tu
lo sappiamo
mentre stiamo per rinascere.
Franco Fortini


Entriamo adesso nell’ultima giornata, nella farmacia
dove il suo viso bianco e senza pace non risponde al saluto
del metronotte: viso assetato non posso valicarlo,
è lo stesso che una volta chiamai amore, qui
nella nebbia della Comasina.
Camminiamo ancora verso un vetro. Poi lei
getta in un gestito l’orario e gli occhiali,
si toglie il golf azzurro, me lo porge silenziosa.
“Perché fai questo?”
“Perché io sono così”, risponde una forma dura della voce,
un dolore che assomiglia
solamente a se stesso. “Perché io...
...né prendere né lasciare”. Avvengono parole
nel sangue, occhi che urtano contro il neon
gelati, intelligenti e inconsolabili,
mani che disegnano sul vetro l’angelo custode
e l’angelo imparziale, cinque dita strette a un filo,
l’idea reggente del nulla, la gola ancora calda.

“Vita, che non sei soltanto vita e ti mescoli
a molti esseri prima di diventare nostra...
...vita, proprio tu vuoi darle
un finale assiderato, proprio qui, dove gli anni
si cercano in un metro d’asfalto...”

Interrompiamo l’antologia
e la supplica del batticuore. Riportiamo esattamente
i fatti e le parole. Questo,
questo mi è possibile. Alle tre del mattino
ci fermammo davanti a un chiosco, chiedemmo
due bicchieri di vino rosso. Volle pagare lei. Poi
mi domandò d’accompagnarla a casa, in via Vallazze.
Le parole si capivano e la bocca
non era più impastata. “Dove sei stata
per tutta la mia vita” Milano torna muta
e infinita, scompare insieme a lei, in un luogo buio
e umido che le scioglie anche il nome,
ci sprofonda nel sangue senza musica. Ma diverremo,
insieme diverremo quel pianto
che una poesia non ha potuto dire, ora lo vedi
e lo vedrò anch’io...lo vedremo,
ora lo vedremo...lo vedremo tutti...ora...
...ora che stiamo per rinascere.

(Aus: Biografia sommaria, 1999)


Milo de Angelis
Foto: Viviana Nicodemo

Milo de Angelis wurde 1951 in Mailand geboren, wo er an einem Gefängnis unterrichtet. Er ist Verfasser zahlreicher Gedichtbände: Somiglianze (Guanda, 1976), Millimetri (Einaudi, 1983), Terra del viso (Mondadori, 1985), Distante un padre (Mondadori, 1989), Biografia sommaria (Mondadori, 1999) sowie Tema dell’addio (Mondadori, 2005). 2001 erschien, unter dem Titel Dove eravamo già stati, bei Donzelli eine Anthologie aus seinen bisherigen Gedichtbänden. Milo de Angelis ist auch Autor einer Erzählung (La corsa dei mantelli, Guanda, 1979) und eines Essaybands (Poesia e destino, Cappelli, 1982) sowie Übersetzer aus dem Französischen (Racine, Baudelaire, Maeterlinck, Blanchot, Drieu La Rochelle) und von Texten der klassischen Antike (Vergil, Lucrez, Properz, Anthologia Palatina). 2008 erschien, herausgegeben von Eraldo Affinati, sein poetisches Gesamtwerk. (Oscar Mondadori) Ebenfalls 2008, bei La Vita Felice, kam der Band Colloqui sulla poesia mit den wichtigsten Interviews über die Jahrzehnte heraus, zusammengestellt von Isabella Vincentini und mit einer DVD von Viviana Nicodemo und Stefano Massari.


Milo de Angelis im Gespräch mit Enzo Rega (im Sommer 2005):

E. R.: Was ist eigentlich geworden aus dem Roman „über“ Mailand, dem „Mailandroman“ (ich weiß nicht recht, wie ich ihn bezeichnen soll), den du einmal schreiben wolltest, grosso modo während der langen Entstehungszeit von Biografia sommaria?

M.D.A.: Der Roman, der Cartina muta heißen sollte, ist mehrmals gedacht und neu überdacht worden, komponiert und wieder zerbröselt, vom Inhaltsverzeichnis an wiederaufgebaut, mit unzähligen Kapiteln, Stadtvierteln, Dialogen, Szenen, Figuren: Freunde aus Kindertagen; Lebens-Lehrmeister; Schulfreunde und Straßenkumpels; Mädchen, in Turnhallen kennengelernt, im Kino, auf Sportplätzen; Schatten, die wieder Körper und Lächeln zurückgewinnen. Alles war da, bereit zu existieren, doch es belebte sich nicht zu einem Handlungsgeflecht oder zu einer Erzählung, es blieb isoliert in seiner Szene, ohne in eine Berührung oder ein Konzert einzutreten. Etwas in mir, damals wie heute, wehrte sich gegen die Architektur des Romans, gegen die Einstellung in der Halbtotalen, die dynamische Verbindung der einzelnen Teile, Stimmen, Handlungen. Doch ein paar Bruchstücke daraus sind übriggeblieben, ein paar auf ihre lyrische Kraft reduzierte Solopartien, die dann in eine Sektion von Biografia sommaria eingeflossen sind, die folgerichtig „Capitoli del romanzo“ heißt. Und „Cartina muta“ ist der Titel eines Gedichts geworden, eines meiner liebsten, das der Dichterin Nadia Campana gewidmet ist. (In: Milo de Angelis / Colloqui sulla poesia, 2008, a cura di Isabella Vincentini, Übersetzung: T. P.)