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9. März 2008






italo.log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
aus Italien.

Herausgegeben
von Roberto Galaverni
und Theresia Prammer.
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109: Andrea Temporelli
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106: Vivian Lamarque
105: Giancarlo Majorino
104: Toti Scialoja
103: Emilio Rentocchini
102: Eugenio Montale (4)
101: Maria Luisa Spaziani
100: Ignazio Buttita
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097: Nino Pedretti
096: Marco Giovenale
095: Valentino Zeichen
094: Elio Pagliarani
093: Bartolo Cattafi
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005: Milo de Angelis
004: Vittorio Sereni
003: Franco Fortini
002: Franco Loi
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03:
Franco Fortini


Saba

Ein Julimorgen
und der weite Wasserstrahl aus dem Verteiler
greift über auf Treppen und Blätter
und drüben meine Frau, mit Sicherheit zufrieden
schwenkt fröhlich das Geglitzer...

Ein Vers von Saba kommt mir in den Sinn.
Doch es fehlt eine Silbe. Wie viele Jahre
es mir schwer fiel, ihn zu lieben
genervt von seinem abgehobenen
Gemurmel, von seinen Daseins-
Umkreisungen...

Jetzt wo mein Körper
und sein Buch gleichgültig
beieinander liegen
wie ein Stein und eine Pflanze
oder ein unbezwingliches Waldes-Dunkel
(in die Leere bricht die Sonne ein
ein Regenbogenschrei), erkenne ich
mit dem Staunen dessen, der in eine Wahrheit blickt
wie lange diese Dichtung, dieser Irrtum währte.

Du wirktest müde, wirktest krank
doch ich, der ich dich liebte, habe dich erkannt.

(übertragen von Theresia Prammer)


Saba

La mattina di luglio
e a volo l’acqua della manichetta
va su gradini e foglie
e là di certo contenta mia moglie
allegra agita lo scintillìo...

Va la memoria ad un verso di Saba.
Ma ne manca una sillaba. Per quanti
anni l’ho male amato
infastidito per quel suo delirio
biascicato, per quel rigirìo
d’esistenza...

E ora che riposano
il suo libro e il mio corpo
indifferenti
come un sasso e una pianta
o una invincibile ombra nel bosco
(nel vuoto il sole s’avventa
e un’iride ne grida) riconosco
con lo stupore di chi vede il vero
lunga la poesia, lungo l’errore.

Parevi stanca, parevi ammalata
ma t’ho riconosciuta, io che t’ho amata.

(Aus: Composita solvantur, 1994)


Franco Fortini
©Giovanni Giovannetti/effigie

Franco Fortini (Pseudonym für Franco Lattes), wurde 1917 in Florenz geboren, wo er auch studierte. Franco Fortini war Autor, Kritiker, politischer Denker, Übersetzer (Goethe, Artaud, Proust, Brecht, Kafka usw.), Verlagsbeauftragter und Professor für Literaturkritik an der Universität Siena. Er starb 1994 in Mailand. Zahlreiche Lyrikbände seit den frühen 50er Jahren, z. B.: Foglio di via e altri versi (Torino, 1946), Agonia di Natale (Torino, 1948), Dieci inverni (1947-1957) (Milano, 1957), Poesia ed errore (1937-1957) (Milano, 1959), Verifica dei poteri (Milano, 1965), L'ospite ingrato (Bari, 1966), I cani del Sinai (Bari, 1967), Composita solvantur (Torino, 1995), Il ladro di ciliege (Torino, 1983), Composita solvantur (Torino, 1994). In deutscher Übersetzung bislang erschienen: 1963 der Band Poesie, aus dem Italienischen von Hans Magnus Enzensberger sowie 2002 Composita Solvantur, deutsch von Manfred Bauschulte.


Roberto Galaverni schreibt über dieses Gedicht:

Charakteristisch für Fortini ist die ständige wechselseitige Durchdringung von Dichter und Kritiker. Im vorliegenden Fall entspricht der ausgebliebenen Nähebeziehung zu Sabas Versen das umfassende Verkennen und die Entfernung von seiner Dichtung. Die Erinnerung schweift zu einem Saba-Vers, doch es fehlt eine Silbe. Die Rechnung ist nicht aufgegangen, geht immer noch nicht auf. Silbe – Saba: diese Silbe (sillaba) enthält, buchstäblich, den ganzen Dichter. Wie viele Jahre es mir schwer fiel, ihn zu lieben, schreibt Fortini; zugleich – so läßt es sich wohl lesen – Saba und seinen Vers, die Saba-Silbe verfehlend. So hat dieses doch etwas von einer Schranke, die sich zwischen Fortini und den spezifischen Wirklichkeitshorizont schiebt, von dem Sabas Dichtung herrührte. Fortini kann gar nicht anders, als sich gegen Vers und Dichtung Sabas zu verschließen, wenn er die Wirklichkeit, der dieses poetische Wort Ausdruck gibt, nicht zu begreifen oder zu deuten vermag. Sagen wir also: Saba zu begegnen, durch das Auffinden der fehlenden Silbe den exakten Vers und zugleich die Dichtung Sabas zu erkennen, käme dem Nachvollzug der Wahrheit des anfänglichen Bildes gleich und somit jener primären Wirklichkeits-Ebene, jener elementar lebensnahen Ebene, die in der neueren italienischen Dichtung vor allem mit Saba gleichgesetzt wird. Im Grunde, so könnte man einwenden, eine geläufige Konstellation für einen Dichter, und eine Errungenschaft in Sachen Anschauung oder Erkenntnis hat nur dann Bestand, wenn sie mit der Errungenschaft eines bestimmten Verses einhergeht. Doch es liegt auf der Hand, daß diese Wechselseitigkeit bei Saba nicht nur mehr als bei jedem anderen zwingend ist, sondern als Kondition seiner Dichtung tout court gesetzt werden kann. Löst man sie aus dieser grundlegenden Verklammerung heraus, wird seine Poesie unverständlich wie sonst kaum eine, ihrer Legitimität und inneren Notwendigkeit beraubt. Gerade darum kann die Entdeckung des Saba’schen Verses und seiner Richtigkeit-Berechtigung für den gealterten Fortini nicht unabhängig von einer neuen Durchdringung der Wirklichkeit (oder gar, diesmal auch bei ihm, des Daseins) erfolgen. Welche Tragweite und welche umfassende Bedeutung auch immer man ihr geben will: Fortinis Kon-version (das plötzliche Zusammenstimmen mit dem Saba’schen Vers) muß auf der ganzen Linie als Konversion verstanden werden (Bekehrung eines Menschen, in diesem Fall zu einer bestimmten Lebensweise, einem bestimmten Lebensvers).