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29. März 2009






italo.log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
aus Italien.

Herausgegeben
von Roberto Galaverni
und Theresia Prammer.
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58:
Antonio Porta


für Edoardo Sanguineti

Wenn ich auch wüßte, vielleicht weiß,
daß unser Schicksal gar nichts heißt,
doch einer Frau zuhöre hinter einer Wand
oder dem Klang von Schritten auf dem letzten Pflaster
oder dem Lachen, offenherzig, ohne Hast,
oder dem Kind, das sagt: «Oh nein, ich bin nicht krank»,
dann spiele ich nicht mit bei dem Massaker,
und nehm’ mir von der Sprache das, was göttlich ist,
und gleich ist mir dann, Freunde, was ihr sagen werdet,
ich spreche wie der Unbedarfte (Freud), ihr wißt es, setze
das Böse voraus und verfolge verzweifelt das Gute.

Neues Tagebuch, 23. 3. 1986

(übertragen von Theresia Prammer)


a Edoardo Sanguineti

Se anche sapessi, e forse so,
che il destino nostro è niente,
ma se una donna ascolto dietro la parete
o il suono di passi sull’ultimo selciato
o una risata schietta, senza fretta,
o una bambina dice: «Io non sono malata»,
al gioco del massacro non ci sto,
del linguaggio mi prendo quel che è divino,
e non m’importa amici, di quello che direte,
parlo come l’ingenuo (Freud) lo sapete, do per scontato
il male il bene inseguo, disperatamente.

Nuovo diario, 23. 3. 1986

(Aus: Il progetto infinito, 1991)


Antonio Porta
Foto © Giovanni Giovannetti/effigi

Antonio Porta, Pseudonym für Leo Paolazzi, wurde 1935 in Vicenza geboren und starb 1989 in Mailand. Er war einer der souveränsten und unabhängigsten Protagonisten der italienischen „neoavanguardia” und des „Gruppo ’63“. Porta war einer der Begründer der Zeitschrift «alfabeta» (1979-1988), die er auch jahrelang leitete. Als Kritiker betreute er die Anthologie mit 70-er Jahre Schwerpunkt Poesia degli anni settanta (Mailand, 1979). Posthum erschien außerdem, herausgegeben von Giovanni Raboni, die Anthologie seiner kritischen Schriften, Il progetto infinito (Rom, 1991). Porta übersetzte Werke von Réverdy, Léautaud, Lee Masters, Hughes und Trakl ins Italienische und ist Verfasser mehrerer Erzählwerke, insbesondere Partita (Mailand, 1967), Il re del magazzino (Mailand, 1978) und Los(t) angeles (Florenz, 1966). Seinen ersten Gedichtband, Calendario (Mailand, 1956), publizierte er noch unter dem Namen Leo Paolazzi. Es folgen: I rapporti (Mailand, 1966), Metropolis (Mailand, 1971), Passi passaggi (Mailand, 1980), Invasioni (Mailand, 1984), Melusina (Mailand, 1987) und Il giardiniere contro il becchino (Mailand, 1988). Posthum komplettierten, herausgegeben von Niva Lorenzini, die Sammlungen Poemetto con la madre e altri versi (Mailand, 2000), Yellow (Mailand, 2002) sowie Poesie (1956-1988) (Mailand, 1988) das vielseitige Werk. Niva Lorenzini ist auch Herausgeberin des Gesamtwerks (Tutte le poesie 1958-1989), das soeben in der Klassikerreihe des Verlags Garzanti erschienen ist (Mailand, 2009).
Das Edoardo Sanguineti gewidmete Gedichtfragment „Se anche sapessi, e forse so“, hier in der ersten Niederschrift wiedergegeben, entstand 1986 im Rahmen einer Rezension von Sanguinetis Band Novissimum Testamentum (für die Zeitschrift «alfabeta»), wurde später in die Essaysammlung Il progetto infinito aufgenommen und ging schließlich, in abgewandelter Fassung, in den posthumen Band Yellow ein.


Niva Lorenzini über Yellow:

Die Faszination von Yellow, wie vielleicht der meisten posthum erschienenen Texte, ist in erster Linie jene einer Dichtung, die in progress geblieben ist, also nicht endgültig, offen für alle möglichen, multiplen Interpretationen. Angefangen beim Titel für den neuen Band, den Antonio Porta noch nicht ausgewählt hatte und der in den handschriftlichen Blättern in Bezug auf das Projekt zu einem „Gedichtbuch-Plan“ noch nicht auftauchte. Ein Projekt, das der Dichter, folgt man dem Pfeil der Manuskripte, in den letzten Jahren ausarbeitete und dessen Physiognomie er Mal für Mal modifizierte, obgleich sie, wie aus den zahlreichen Tagebuchnotizen hervorgeht, um einige konstante Nuklei kreiste. (...) Die Tagebücher („diari“) sind kostbare Rezeptakel. Und eines der Tagebücher ist eben Yellow, wie viele andere ein großes Heft im Din A4-Format, dem Porta von 1984 an biographische Notate, Chroniknachrichten, kritische Beobachtungen, Projekte, Fragmente und Schreib-Versuche in Versen und Prosa anvertraute.
Dabei ist Yellow im Vergleich zu den anderen ein besonders konsequentes und vollendetes Tagebuch, weshalb wir es hier auch beinahe in seiner Gesamtheit wiedergeben, ausgenommen nur die wenigen Notizen rein privater Natur oder die ein oder andere Gelegenheitsaufzeichnung. Eine Tagebuch-Erzählung, die zwischen emotionalen Befindlichkeiten und luzider Introspektion schwankt, die das Wort am Scheideweg zwischen deskriptiver Dimension und Chronik aufgreift und auch manchmal im Sprung zur thematischen Metamorphose, wobei den Impulsen des Unbewußten und Traum-Konfigurationen ebenso Raum gegeben wird wie einer fixierenden Gegenwartswahrnehmung. Angesichts einer so maßvollen und zugleich eindringlichen sprachlichen Energie, die konstitutives Merkmal der gesamten poetischen Produktion Portas von den Jahren des Debüts bis zu Los(t) angeles (1996) ist, kann man nicht umhin zu fragen, an welchem Punkt, und wie, aus der Prosaaufzeichnung das Gedicht hervorspringt und was den Vers von der blitzartigen Synthese des Tagebuchnotats unterscheidet. Und es ist Porta, der dafür Sorge trägt, die Poesiefragmente, welche in die Tagebuchnotate eingestreut sind (und deren umfangreichstes Corpus der Band Yellow aufweist, doch auch in Berkeley, City sowie in vereinzelten Blättern aus dem Zeitraum von 1984-1989 lassen sie sich finden) zu kennzeichnen, indem er sie mit der Signatur „Nuovo diario“ („Neues Tagebuch“) versieht. Und in jedem Fall ist der Durchdringungsgrad das primär Neue an diesem Schreibgestus, der sich als Mischgenre behauptet und der verlangt, mit voller Aufmerksamkeit und Aufgeschlossenheit gehört zu werden. (In: Antonio Porta, Yellow, 2002; Nachwort von Niva Lorenzini, Übersetzung: T. P.)