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7. Dezember 2008






italo.log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
aus Italien.

Herausgegeben
von Roberto Galaverni
und Theresia Prammer.
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111: Andrea Ponso
110: Paolo Bertolani
109: Andrea Temporelli
108: Ermanno Krumm
107: Patrizia Cavalli (3)
106: Vivian Lamarque
105: Giancarlo Majorino
104: Toti Scialoja
103: Emilio Rentocchini
102: Eugenio Montale (4)
101: Maria Luisa Spaziani
100: Ignazio Buttita
099: Simone Cattaneo
098: Nanni Balestrini
097: Nino Pedretti
096: Marco Giovenale
095: Valentino Zeichen
094: Elio Pagliarani
093: Bartolo Cattafi
092: Luciano Cecchinel
091: Eugenio de Signoribus
090: Guido Ceronetti
089: Andrea Zanzotto (4)
088: Matteo Marchesini
087: Nicola Gardini
086: Attilio Bertolucci (2)
085: Flavio Santi
084: Gesualdo Bufalino
083: Gherardo Bortolotti
082: Giuliano Mesa
081: Albino Pierro
080: Beppe Salvia
079: Ottiero Ottieri
078: Eugenio Montale (3)
077: Antonio Riccardi
076: Amelia Rosselli (2)
075: Nelo Risi
074: David Maria Turoldo
073: Pier Paolo Pasolini (3)
072: Franco Scataglini
071: Patrizia Vicinelli
070: Milo de Angelis (2)
069: Umberto Piersanti
068: Giorgio Orelli
067: Elisa Biagini
066: Remo Pagnanelli (2)
065: Carlo Bettocchi
064: Vittorio Sereni (2)
063: Giorgio Bassani
062: Federico Italiano
061: Gabriele Frasca
060: Andrea Zanzotto (3)
059: Patrizia Cavalli (2)
058: Antonio Porta
057: Vincenzo Frungillo
056: Gianni D'Elia
055: Gregorio Scalise
054: Giorgio Caproni (2)
053: Stefano Dal Bianco
052: Biagio Marin
051: Elsa Morante
050: Franco Buffoni
049: Franco Loi (2)
048: Ferruccio Benzoni
047: Eugenio Montale (2)
046: Adriano Spatola
045: Dario Bellezza
044: Tonino Guerra
043: Luciano Erba
042: Jolanda Insana
041: Mario Luzi
040: Primo Levi
039: Valerio Magrelli (2)
038: Paolo Volponi
037: Alda Merini
036: Pier Paolo Pasolini (2)
035: Patrizia Valduga
034: Aldo Nove
033: Raffaello Baldini
032: Maurizio Cucchi
031: Piero Bigongiari
030: Andrea Zanzotto (2)
029: Gerhard Kofler
028: Remo Pagnanelli
027: Andrea Gibellini
026: Fabio Pusterla
025: Michele Sovente
024: Anna Maria Carpi
023: Gian Mario Villalta
022: Edoardo Sanguineti
021: Roberto Roversi
020: Patrizia Cavalli
019: Giuseppe Conte
018: Giovanni Giudici
017: Valerio Magrelli
016: Giorgio Caproni
015: Andrea Zanzotto
014: Attilio Bertolucci
013: Emilio Villa
012: Giampiero Neri
011: Giovanni Raboni
010: Amelia Rosselli
009: Sandro Penna
008: Antonella Anedda
007: Pier Paolo Pasolini
006: Fernando Bandini
005: Milo de Angelis
004: Vittorio Sereni
003: Franco Fortini
002: Franco Loi
001: Eugenio Montale




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42:
Jolanda Insana


Hast du Dichter gesagt?



– hast du Dichter gesagt?
– ja, Dichter, Poet, poietés, der macht, schafft, Schöpfer letztendlich 
– und was machst du? Ich für meinen Teil stelle Regale her
   aus Tanne oder russischer Pinie, für die erlesensten Poesiereihen
   aber du, was machst du?


Ordner von Schmerzen und Druckerschwärzen 
stillt das Buch mein barbarisches Ondulieren
doch die Einbildungskraft des Herzens reicht nicht
und zieht mich auf gut Glück durch Figuren der Zierde


wie durch den Schraubstock gedreht erscheinen mir diese Verse
die einen an die andren angelehnt
Vervielfachungen eines nämlichen Versuchs
der Autor verschwunden im Schwindel der Abzüge

den Vers zu ändern, ohne Worten mit Substanzen auf den Leib zu rücken
ohne sich festzubeißen an rostigen Nägeln
ist das nicht die allerschönste Kurzweil?
und dick werden die Dichter, die Marzipansprachen verpacken
über Feigen schwadronieren, die gereift zu Boden fallen
nie in sich gehend und auch nie aus sich heraus

wenn unser aprilwettriges Dasein am Wind
        des Geschwätzes hinge? 

läßt man sich ein auf rauhbeinige Phantasien
und ist doch anderer Meinung
wird das der Schlüssel-Stellung keinen Abbruch tun



dank einer Füllhorn-Hexerei 
gieße ich Un-Sätze in Entsetzliches um
und immer unverwundert leite ich die Ochsen im Trab
und habe meinen Spaß



er brennt der Reifen, dem ich nicht entkomme, in Gefahr



im Verschenken von Kopflosigkeiten ohne Hand und Fuß
hält die Verse-Klette fest an der Kunst, Schrott zu verkaufen,
ohne ihn jemals selber zu erwerben

so sacke ich zusammen, weiter ausgehöhlt
und im Durchkämmen von Alteisenhalden
importiere ich anderswo Kriegsmißgetön       



ich war die Oberstimme im täglichen Irrwitz
aus Scharmützeln und nahen Abgründen
und ich höre nicht auf den Gestank dieses Geschmachts,
das meinen Kopf zu einer Flammenhölle macht

so wuchs das Fasten mit der Zeit
doch runter mit den bösen Klauen, faß die Waagschale nicht an

ich spüle die Schaluppe der Träume rein
und mache mich für die schöne Reise bereit
zu der Insel, wo nada es todo
festgekrallt an Seilen und Scirocco-Sizilianereien
mein Herz aber bebt und trompetet
so mache ich Halt in der Hafenkneipe und fasele
     bestialisch vor mich hin        


ich unterscheide nicht zwischen Pfirsich und Fischen¹
so drifte ich, wenn ich fischen gehe
vom Fischteich ab in den nahen Pfirsichhain

¹ Wortspiel mit einem der signifikantesten Minimalpaare der italienischen Phonologie: „pésca“ (der Fischfang) ≠ „pèsca“ (der Pfirsich).

(übertragen von Theresia Prammer)


Hai detto poeta?



– hai detto poeta? 
– sì, poeta, poietés, che fa, che crea, fattore insomma
– e tu che fai? io per conto mio costruisco scaffali
   d’abete o pino russo per le più prestigiose collane
   di poesia, ma tu che fai?


ordinatore di pena e di penna
il libro si strempra il mio barbarico ondamento
ma la fantasia del cuore non è buona
e mi trae a caso per figure d’ornamento


paiono tirati al tòrcolo cotesti versetti
gli uni agli altri simiglianti
multipli di una stessa prova
persosi l’autore nell’intrallazzo delle copie

mutare verso sanza lupeggiare parole con sostanze
sanza addentare chiodi rugginosi
non è questo il più bel divertimento
e ingrassano i poeti che incartano lingue marzapanate
e chimerizzano sui fichi che cadono maturi
entrando mai in se stessi e mai uscendo

dal vento delle ciance dipende dunque la nostra vita
        marzeggiante?

a cacciarsi in fantasie burbesche
e pensando diverso
non è che cambi la positura della chiave



per maliamento di cornucopia
travaso sparole con spavento
e mai smiracolata porto i buoi al trotto
e mi diletto



è infuocato il cerchio da cui non esco e rischio



volendo sversare capestrerie senza testa né coda
la piattola versaiola si ostina nell’arte di vendere
e mai comprare cianfrusaglia

io mi scompiscio e non mi sconcavo
e perlustrando discariche di ferraglia
porto altrove guerra smusicata



ho biscantato nel quotidiano sbalunamento
di schermaglie e precipizi vicini
e non ascolto il puzzore di cotesto sospiracchiare
che mi manda la testa in fiamma

così crebbe il digiuno
ma poni giù le male branche e non dare tratto alla bilancia

vo nettando la barcaccia dei sogni
e mi apparecchio al bel viaggio
per l’isola dove nada es todo
agguantandomi a corde e sicilianerie sciroccose
ma il cor mi trema e bùccina
così mi fermo alla berlocca e berlingo meco
        bestialissimamente


non distinguo tra pésca e pèsca
e così quando vado a pescare
sconfino dalla pescaia al pescheto vicino

(Aus: Il collettame, 1985)


Jolanda Insana

Jolanda Insana, 1937 in Messina (Sizilien) geboren, ist Dichterin, Publizistin und Übersetzerin vor allem aus klassischen Sprachen. (Bekannt sind ihre Versionen der Dichtung Sapphos.) Insana hat am Gymnasium und an der Universität unterrichtet und lebt seit 1968 in Rom. Seit ihrem Debütband Sciarra amara (Mailand, 1977), der vom Dichter Giovanni Raboni in der von ihm betreuten Reihe beim Guanda-Verlag vorgestellt wurde, zahlreiche weitere Veröffentlichungen, z.B.: Fendenti fonici (Mailand, 1982), Il collettame (Mailand, 1985), La clausura (Mailand, 1987), Medicina carnale (Mailand, 1994), La stortura (Mailand, 2002), La tagliola del disamore (Mailand, 2005). 2007 erschien bei Garzanti der Sammelband Tutte le poesie (1977-2006).


Walter Pedullà über Jolanda Insana:

Jolanda Insana ist, manchen der immer zahlreicheren und immer enthusiastischeren Interpreten zufolge, die Tochter von Talent und Disziplin. Anderen zufolge ist sie aus der Vermählung des jugendlichen Körpers (Herz, mit Rhythmusstörungen, sowie Sex, eine wahre Obsession) mit dem reifen Wort hervorgegangen (geübt in Vermischungen des Aulischen mit dem Obszönen). Wieder andere meinen, Sprache (aus dem barocken und ultraistischen Spanien stammend) und Psyche (immer auf der krampfhaften Suche nach einem nicht-flüchtigen Amor) hätten ihr zur Geburt verholfen. Und es soll auch Leute geben, die das Wörterbuch (von den dialektalen Archaismen zu den selbst geschmiedeten Neologismen) und Sizilien für ihre Eltern halten. (...) Griechische Tragödie und Komödie, doch in zerstückelter Form, Volkstheater und Sprichworttheater, das mit Geschrei rezitiert werden muß, wo die Fiktion auf den Nerv trifft. Ich bin süß und werde bitter. Von der Insel zum Kontinent: wo die Mutter-Sprache zur Glucke der immer fruchtbaren und nährreichen Dialekte wird. Wie viel Energie steckt in diesem Italienisch, dem es gelingt, für „Messerstiche von Schönheit“ zu sorgen, die oft auch „Messerstiche von Wahrheit“ sind. Jolanda warnt: Die Wolle sollst du haben, nicht das Schaf. Sucht ihr aber, unter der Wolle, nach warmen und flauschigen Metaphern, so werdet ihr einen Tiger grollen hören. Die Wege des Erhabenen sind unendlich. (Zit. nach: Tutte le poesie 1977-2006, Umschlagtext, leicht gekürzt, Übersetzung: T. P.)