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Die Box




21. Juli 2015
Kirsten Reimers
für satt.org

Mordsmäßig74

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Das grandiose Kampfschwein

  Liza Cody: Was sie nicht umbringt
Liza Cody: Was sie nicht umbringt
(Bucket Nut, 1992)
Aus dem Englischen von Regina Rawlinson
Ariadne/Argument 2015
Tb., 268 Seiten, 10 Euro
ISBN 978-3-86754-201-2
» Verlag | amazon

Liza Cody: Eva sieht rot
Liza Cody: Eva sieht rot
(Monkey Wrench, 1994)
Aus dem Englischen von Regina Rawlinson
Ariadne/Argument 2015
Tb., 255 Seiten, 10 Euro
ISBN 978-3-86754-203-6
» Verlag | amazon

Liza Cody: Eva langt zu
Liza Cody: Eva langt zu
(Musclebound, 1997)
Aus dem Englischen von Regina Rawlinson
Ariadne/Argument 2015
Tb., 287 Seiten, 10 Euro
ISBN 978-3-86754-205-0
» Verlag | amazon






Sie ist ein Trumm von einer Frau: Eva Wylie – groß, stark, hässlich, laut. Andere beschimpfen sie als »Kampfschwein«, sie selbst nennt sich die »Londoner Killerqueen«. Denn sie lebt ihren Kindheitstraum: Sie ist Profi-Catcherin. Ihr Geld verdient sie, indem sie mit ihren beiden Kampfhunden Ramses und Lineker einen Schrottplatz bewacht, auf dem auch ihr Wohnwagen steht. Weil das Geld immer knapp ist – die Zähne, das Catcherinnen-Outfit –, verdient sie sich mit kleinen zusätzlichen Aufträgen etwas hinzu – aber das geht mitunter gründlich schief.

Liza Cody hat mit Eva Wylie eine höchst ungewöhnliche und grandiose Figur geschaffen: furchtlos, aber ein bisschen paranoid, nicht besonders helle, ruppig, aber auch warmherzig und vor allem unabhängig. Unabhängigkeit ist ihr besonders wichtig, zu sagen hat ihr niemand was. Deshalb entzieht sie sich jedem Zugriff von außen: kein Konto, kein Strom, kein Führerschein. Braucht sie ein Auto, »leiht« sie sich eins. Ist sie wütend, reißt sie sich nicht zusammen, sondern schlägt zu – kräftig und direkt. Nicht immer die beste Lösung, aber wirkungsvoll. Sie hat eine Weile auf der Straße gelebt – da ist es gut, wenn man sich verteidigen kann. Andere Menschen sind eher nicht so ihr Ding.

»Hübschsein ist genauso für den Arsch wie Nettsein«

In drei Bänden lässt Liza Cody ihre unkonventionelle Heldin ihre Geschichten erzählen. In Band I (»Was sie nicht umbringt«, OT: »Bucket Nut«) gerät Eva zwischen die Fronten eines Untergrundkrieges, weil sie sich von den falschen Leuten für einen Rausschmeißerjob anheuern lässt. In »Eva sieht rot« (OT: »Monkey Wrench«) schult sie etwas widerwillig eine Gruppe von Prostituierten in Selbstverteidigung, was unvorhergesehene Folgen nach sich zieht. Und im dritten Band (»Eva langt zu«, OT: »Musclebound«) fällt ihr per Zufall eine Sporttasche voller Geld in die Hände, sie ist jetzt »Zillionärin«, ach was: sie hat Squillionen – und das kann nicht gut gehen.

Eva plaudert, wie ihr der Schnabel gewachsen ist: direkt und geradeaus, ohne Angst vor Schimpfworten oder treffenden Vergleichen: »Einen Arsch wie ein Elefant, Lauscher wie ein Karnickel und so viel Verstand wie eine Wollmaus«, so beschreibt sie zum Beispiel ihren Catch-Promoter. Mit Vorliebe wendet sie sich direkt an Leserinnen und Leser, gern mit Ratschlägen und Lebensweisheiten: »Hübschsein ist genauso für den Arsch wie Nettsein«, »Bier und Bauchmuskeln sind Todfeinde« oder auch: »Wer cool sein will, sollte auf seine Schnürsenkel achten«. Sie ranzt und rüpelt, ist distanzlos und ungehemmt, dass es eine Freude ist.

»Ich weiß ja nicht, wie es bei dir ist, aber mein Gehirn hat einen eigenen Kopf«

Ihr Blick auf die Welt ist eigen und etwas verschroben. Weil sie intellektuell nicht gerade beschlagen ist, hat sie sich ein Weltbild zusammengezimmert, das knapp eine Handbreit neben dem Offensichtlichen liegt. Andererseits ist gerade diese schräge Weltinterpretation in vielerlei Hinsicht entlarvend: Konventionen und Geschlechterrollen werden bloßgestellt, sexuelle Ausbeutung und soziales Gefälle klar benannt. Was naiv daherkommt, ist wie so oft in der Literatur hochreflektiert. Und grandios komisch. Aber Vorsicht: So geradeaus sie auch wirken mag, Eva Wylie ist eine unzuverlässige Erzählerin, der man nicht alles unhinterfragt abkaufen sollte.

In ihrer unbeugsamen, kratzbürstigen Art, in ihrer Weigerung sich anzupassen, vertritt Eva einen sehr handfesten Feminismus ziemlich rustikaler Art. Das ist enorm erfrischend. Dass die Bücher aus den neunziger Jahren stammen, fällt deshalb nicht auf. Derart schlagfertige Figuren, ein derart gekonntes Unterlaufen jeglicher Schönheits- und »Weiblichkeits«-Ideale, ein derart gelungenes Auf-den-Kopf-Stellen von Genrekonventionen ist immer aktuell. Darum ist es sehr schön, dass der Ariadne Verlag die Bücher wieder aufgelegt hat. Danke dafür!