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Die Box




20. September 2008
Kirsten Reimers
für satt.org

Mordsmäßig8

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Sieben Tage lang werde ich frei sein

Jonny Glynn: Sieben Tage

Sieben Tage bleiben Peter Crumb noch. Dann ist er tot. Sieben Tage, während derer für ihn keine Grenzen mehr gelten, es keine moralische Zurückhaltung mehr gibt. Mordend und prügelnd zieht er durch London, auf der Suche nach dem nächsten Opfer, nach Drogen, nach Erniedrigung. Ob man ihn erwischt, ist ihm egal, es sind ja nur noch sieben Tage, dann ist er tot.

Ohne jede Hemmung lässt Crumb seinem aufgestauten Hass auf Menschen jeglicher Couleur und Schicht Lauf – und er ist nicht allein: Mindestens eine weitere Persönlichkeit haust in ihm und treibt ihn zu immer neuen Taten an.

„Und ich spürte ihn sofort, er sprang mich an, er drang in mich ein, beängstigend und vertraut zugleich, er durchfuhr mich, zerriss mich, wrang mich aus, zwang meine müden, steifen Extremitäten auseinander, schob seine Gliedmaßen in die meinen, signalisierte mir, dass er wieder daheim sei, und gähnte.“

Für seine Exzesse lässt sich Crumb von den Schlagzeilen der Zeitungen inspirieren – „Mord“, „Meine Drogenschande“, „Tommy Cooper in Fischklops gefunden“ –, um im fortwährenden Dialog mit seinen gewaltteiligen Anteilen nach einer phantasie- und effektvollen Umsetzung zu suchen. Akribisch hält er in einer Art Tagebuch seine Taten, seine Gefühle, seine Beobachtungen fest.

Die Figur des Peter Crumb wurde in der Kritik verglichen mit Raskolnikow aus Dostojewskis „Schuld und Sühne“, mit Jekyll und Hyde oder auch mit Patrick Bateman aus Bret Easton Ellis „American Psycho“. Aber keiner der Vergleiche will so richtig greifen. Crumb hält sich nicht für moralisch-menschlich überlegen wie Raskolnikow, er plant nicht den perfekten Mord – es ist ihm egal, ob er gefasst wird. Und er sucht die Erniedrigung ebenso wie den Schmerz.

„Sie schlugen mich fast zu Klump. Ich weiß noch, dass ich währenddessen seltsam neben mir stand. Ich wollte, dass sie mir wehtaten, mich schlugen und traten und prügelten und bestraften, mich erniedrigten und demütigten. Und genau das taten sie. (...) Es tat zugleich weh und nicht weh. Tut weniger weh, als man denkt. Die Schmerzen sind unwichtig. Wichtig ist die Erniedrigung. (...) Als sie gingen konnte ich hören, dass die Jukebox Johnny Cash’s Folsom Prisom Blues‘ spielte. Ich musste lächeln, und dann verlor ich das Bewusstsein.“

Es gibt in Crumb auch nicht die perfekte Trennung in Ehrenmann und Monster wie bei Jekyll & Hyde – er ist beides, und beides vermengt sich. Er ist nicht zwei Personen – er hat die unterschiedlichsten Anteile in sich, die in den unterschiedlichsten Mischungsverhältnissen auftreten. So kann er einer Hure besorgt raten, sich einen anderen Job zu suchen und ihr sogar Geld dafür anbieten, nachdem er sie brutal gefickt hat und bevor er sie noch brutaler zusammenschlägt. Er kann auch hoch charmant mit seinen Nachbarn plaudern („Kochen Sie gerade Tee?“, fragte ich entzückt (...)) – bevor er ihn und seine Frau ungerührt umbringt.

„Adrian starb ziemlich schnell, übertrieb die Sache allerdings maßlos. Ich hatte seine Drosselvene durchtrennt, und er verlor Unmengen an Blut. Es dauerte nur Minuten, aber er machte aus jeder Sekunde ein Drama – hustete und spuckte und ... ganz ehrlich, ich hatte den Eindruck, als wollte er einen scheiß Oscar bekommen! Aber dann, echt seltsam, hörte er einfach auf und war tot, und damit hatte sich die Sache. Beth dagegen spielte viel zurückhaltender.“

Die Erzählperspektive wechselt jeweils mit den Anteilen, die gerade am Zuge sind. Mal ist Crumb entsetzt von seinen Taten, mal ist er genervt von der Restmoralität und seinen Schuldgefühlen. Aber stets hängen die Anteile zusammen:

„Mir gefror das Blut in den Adern, Janice – ich kann wirklich nicht beschreiben, welche Phantasien er hatte (...). All die Werkzeuge, all die Instrumente – seine Phantasie drehte komplett durch, das Wasser lief ihm im Mund zusammen, ja, das Wasser lief ihm im Mund zusammen – und er leckte mir die Lippen, die langsam rissig werden, und wenn ich etwas hasse, dann rissige Lippen.“

Crumb mordet nicht aus Langeweile, er ist nicht wie Patrick Bateman unbeteiligt, glatt und leer, kein Hygienefanatiker wie jener, der alles tut, um nur ja keine persönlicher Duftmarke zu verströmen. Im Gegenteil, Peter Crumb ist eng mit seinen Körperflüssigkeiten verbunden, seine Haut ist bedeckt mit Ekzemen, er achtet mit Leidenschaft auf die Beschaffenheit seines Stuhls, nässt sich ein in der U-Bahn, onaniert im Bus.

Und er ist auch innerlich beteiligt. Crumb mordet nicht aus Sinnentleerung. Vor Jahren hat er seine damals fünfjährige Tochter verloren, die Opfer einer entsetzlichen Gewalttat wurde. Crumb fühlt sich schuldig – und ist über die Jahre daran zerbrochen. Seine Ehe ist gescheitert, er hat seinen Job verloren, und nun verliert er sich selbst.

„Sieben Tage“ ist nicht einfach zu lesen, es ist eklig, es ist erschreckend – aber es ist verdammt gut geschrieben, und es ist immer wieder ziemlich witzig. Trotz allem Ekels, aller Furcht vor dem, was da noch kommen kann, gibt es Szenen und Gedankensplitter, die eine Komik in sich bergen, die einen beim Lesen einfach überrollt. Und es ist entlarvend, denn trotz allem Ekels, aller Furcht vor dem, was da noch kommen kann: Man liest weiter, notfalls nur mit einem Auge, aber die Faszination der Gewalt, die verschämte Leidenschaft für Blut, Mord und was noch alles dazugehört: Jonny Glynn packt seine Leser genau dort und hält sie fest. Und es ist ja auch das, womit wir in den Medien täglich konfrontiert werden, Schlagzeilen, die jede Tat blutrünstig ausschlachten, Fernsehberichte, die nur knapp verhehlen, dass die Filmaufnahmen von Gewalttaten auch dazu dienen, mehr Zuschauer anzulocken als die Konkurrenz.

Mord, Vergewaltigung, Leichenschändung – Crumb findet seine Anregungen in den Medien, und er gibt ihnen die Schlagzeilen zurück mit seinen Taten. In aller Konsequenz wird er ein Medienstar – nicht als Mörder, sondern als Held.

An keiner Stelle kommt während des Lesens das Gefühl auf, Glynn setzt mit seinen Blutströmen nur auf Schockeffekte – und gleichzeitig gelingt es ihm, auf eine Interpretation der Gewalttätigkeit seines Helden zu verzichten. Es gibt keine klare Moral, keine deutliche Botschaft, keinen Zeigefinger. Damit ist Glynn in seinem Debütroman ein Balanceakt gelungen, der wirklich beeindruckt und beängstigt.


Jonny Glynn: Sieben Tage
Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Fischer Verlag 2008, 264 Seiten, 18,90 Euro
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