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Die Box




13. Dezember 2009
Kirsten Reimers
für satt.org

Mordsmäßig40

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Das Haifischbecken im Elfenbeinturm der Literaturwissenschaft

Christian Schünemann: Die Studentin

Rosemarie, das Au-pair-Mädchen von Tomas Prinz’ Schwester, rettet dem Starfrisör erst den Auftritt vor den in London versammelten weltbesten Frisören während der »Alternative Hair Show« und führt ihn dann in das Studentenleben ein. Denn kaum hat Rosemarie in München den Haushalt von Prinz’ Schwester im Griff, da schreibt sie sich auch schon an der Ludwig-Maximilians-Universität ein für Anglistik und wird rasch studentische Hilfskraft bei Mara Markowski, der gerade erst berufenen Professorin für englische Literaturwissenschaft und Ehefrau des Dekans der Fakultät für Sprach- und Kulturwissenschaften.

Schon bald muss Rosemarie feststellen, dass kleinere Sabotageakte gegen die Professorin verübt werden: ein Virus auf dem Computer, ein vergammelnder Fisch hinter dem Bücherregal, eine eingeschlagene Fensterscheibe. Ein frustrierter Student, der seinem Ärger auf diese unwissenschaftliche Weise Luft macht? Oder steckt mehr dahinter? Tomas Prinz zumindest beginnt, sich Sorgen um Rosemarie zu machen.

Ich zog die Strähnen flach heraus, fing an zu stufen und beobachtete dabei, wie das Haar fiel.
Jeden Einzelnen dort an der Uni, das gesamte Umfeld von Mara Markowski müsste die Polizei sich vorknöpfen. Ziemlich viel Aufwand, aber unbedingt nötig, bevor etwas Schlimmeres passierte.
Um den Hinterkopf herum zog ich den Scheitel, einen nach dem anderen, und schnitt immer gerade ab.
Ich könnte einfach mal die Kriminalpolizei anrufen und denen klarmachen, wie gefährlich die Situation war. Wozu hatte ich schließlich den Kontakt.
Zum Outslicen ging ich von oben und von unten in die gekürzten Parteien und benutzte meine Schere wie ein Messer.
Das Wichtigste war, dass ich Rosemarie so schnell wie möglich aus der Schusslinie brachte.

Seine Befürchtungen sind berechtigt: Nur wenig später wird der Dekan, Ehemann Markowski, tot aufgefunden – gestorben an einer Überdosis Digitalis. Galt der Anschlag seiner Frau? Oder versucht jemand, diese mit gemeinsten Mitteln fertig zu machen? Schließlich hat auch der Elfenbeinturm der Literaturwissenschaft ein gut bestücktes Haifischbecken im Keller. Nicht ohne Grund mokiert sich manch einer über die »Markowski-Mafia«. Da sich auch Rosemarie verdächtig macht, beginnt der Starfrisör zu ermitteln – auf seine eigene charmant-unaufdringliche Art.

»Die Studentin« ist der dritte Krimi um den Coiffeur der Extraklasse. Nachdem Tomas Prinz in »Der Frisör« in der Welt der Hochglanzmodemagazine ermittelte und in »Der Bruder« die Kunst- und Galeristenszene durchleuchtete, ist es nun das konkurrenzerfüllte Milieu der Universität, das er durchstöbert. Trotz seiner detektivischen Erfahrung ist und bliebt Prinz in erster Linie Frisör – das macht diese Bücher so überzeugend wie erfrischend. Denn Prinz’ erster Blick fällt konsequent auf die Haare der handelnden Figuren. Der Mann ist es gewohnt, genau hinzusehen, und er hat ein untrügliches Auge für Details und für die Stimmigkeit im Auftreten und Erscheinen, für die Unterschiede zwischen Sein und Inszenierung einer Person. Prinz erfasst, wie sich die Menschen gern selbst sehen würden und wie sie von anderen wahrgenommen werden. Dies hilft ihm einerseits, seine Kunden optimal zu beraten, und andererseits mögliche Motive zu durchschauen.

Es kam mir vor wie beim Schneiden: Man glaubt, mit Nackenlinie, Hutlinie und Scheitel eine klare Einteilung zu haben, doch kann es passieren, dass man dabei vergisst, dass jeder Kopf seine ganz eigene, individuelle Form hat. Und plötzlich ist die strenge Einteilung kein Hilfsmittel mehr, sondern nur noch hinderlich.

Gab es in den ersten Büchern noch allerlei Seitenthemen und Abwege, die sich im Nichts verloren, verfährt der Autor Christian Schünemann diesmal strenger und konsequenter: Alles gruppiert sich thematisch um den Tod des Dekans und die Ermittlung von dessen Hintergründen – durchaus mit netten Umwegen, aber diese führen nicht in stumpfe Sackgassen, sondern geben der Geschichte Volumen, Halt und Schwung. Ein in sich stimmiges Werk, straffer und zugleich duftiger als die beiden vorangehenden Bücher.

Geschrieben ist der Whodunit in angenehmer Zurückhaltung. Wie Tomas Prinz, so auch die Sprache: elegant, stilsicher, freundlich beobachtend und unaufgeregt. Alles Schrille und Laute, alle naheliegenden Klischees werden vermieden. Für Christian Schünemann – zwischen seinen Büchern als Storyliner für tägliche Serien wie zum Beispiel »Verliebt in Berlin« tätig – eine bewusste Entscheidung: »Gerade weil es sich so anbietet – schwul sein, Frisör sein, München, das schreit ja alles nach Klischees –, gerade darum fahre ich das ein bisschen herunter und mache es dezenter.« Eine gute Entscheidung: Was auf den ersten Blick wie ein Verzicht wirken mag, entwickelt bei genauerem Hinsehen einen betörenden, unaufdringlichen, ja geradezu seidig schimmernden Charme.



Christian Schünemann: Die Studentin
Diogenes, kart., 260 Seiten, 9,90 Euro
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