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Die Box




5. Februar 2010
Kirsten Reimers
für satt.org

Mordsmäßig43

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Überrollt von Sentiment

Laura Lippman lehnt ihr Buch (im Original: »What the Dead Know«) an einen wahren Fall an: Im März 1975 verschwanden in der Nähe einer Shoppingmall in Baltimore zwei Mädchen, Schwestern genauer gesagt. Es wurde nie ein Spur von ihnen gefunden. Lippmans Geschichte nimmt diese Ausgangssituation auf, weiter gehen die Ähnlichkeiten aber nicht.

Bei Laura Lippman sind es die Schwestern Sunny und Heather Bethany, 15 und 12 Jahre alt, die am Ostersamstag des Jahres 1975 während eines Ausflugs in eine Shoppingmall verschwinden. Sie lösen sich regelrecht in Luft auf. Dreißig Jahre lang gibt es keinerlei Spuren oder Hinweise, was mit ihnen geschehen sein könnte. Doch dann taucht eine Frau auf, die behauptet, Heather, die jüngere Schwester, zu sein. Allerdings bleiben die ermittelnden Polizisten misstrauisch: Die Frau weiß zwar Dinge, die nur einem Familienmitglied oder einer sehr engen Vertrauten bekannt sein können, aber andererseits lügt sie ganz offensichtlich und hält Informationen zurück. Sie scheint ein sehr eigenes Spiel zu spielen.

Die Autorin lässt sich viel Zeit in der Entwicklung ihrer Geschichte, und das ist vermutlich das Beste an diesem Buch. Das Geschehen in der Gegenwart nimmt nur wenige Tage ein, den Rest des über 400 Seiten dicken Buches füllen Rückblenden. So wird der Tag, an dem die Mädchen verschwanden, aus Sicht eines jeden Familienmitglieds geschildert: Je mit Blick auf Sunny, Heather, ihre Mutter Miriam und ihren Vater Dan wird aufgerollt, wer was getan hat.

Weitere Rückblenden berichten aus den vergangenen dreißig Jahren, im Fokus wieder jeweils eine Person. Die Eltern haben sich wenige Jahre nach dem Verschwinden ihrer Töchter getrennt. Dan, der Vater existiert nur noch für die Erinnerungen an seine Kinder. Er ist in Baltimore geblieben, im gleichen Haus, stets umgeben von den Trümmern eines zerstörten Familienlebens in der Hoffnung, eines Tages kämen Sunny und Heather zurück. Erstarrt in der Vergangenheit, ist er nur noch eine funktionierende Hülle. Miriam hingegen ist zu der Überzeugung gelangt, dass ihre Töchter tot sein müssen, sonst hätten die Eltern längst etwas von ihnen gehört. Sie hat sich ein neues Leben aufgebaut, das sie schließlich bis nach Mexiko führt – stets die Vergangenheit verschweigend, um Nachfragen und Erinnerungen zu vermeiden.

Andere Rückblicke erhellen Teile der Vergangenheit jener Frau, die behauptet, Heather Bethany zu sein. Es sind Ausschnitte einer schrecklichen Jugend: Sie ist aufgewachsen unter falschem Namen in einer Familie, die nicht ihre leibliche ist, sexuell missbraucht, geschlagen, missachtet. Als sie älter ist, wird sie aus ihrem offenen Gefängnis hinausgestoßen und führt von da an ein Leben mit ebenso oft wechselnden Identitäten wie Jobs, weil sie sich nirgendwo einpassen kann und sehr aggressiv wie auch manipulierend auftritt.

Auf diese Weise steht in Laura Lippmans Buch weniger die Krimihandlung im Vordergrund, sondern weit mehr geht es um den unterschiedlichen Umgang mit Traumata, um das, was Verlust, Schmerz, aber auch fortwährende Demütigung aus einem Menschen machen, wie diese Erfahrungen das Leben beeinflussen. Lippman zeichnet ihre Figuren mit viel Einfühlungsvermögen: Die Langzeitporträts lassen sich verändernde Charaktere lebendig werden. Aber auch Figuren, die nur in der Gegenwart agieren, erhalten eine deutliche Kontur. Von den Ermittlern, die prüfen, ob die Fremde tatsächlich Heather Bethany ist, erfährt man zum Beispiel gerade genug an Eigenheiten, um einen lebendigen Eindruck zu gewinnen, ohne das unnötig lange Ausflüge in deren Privatleben notwendig sind. Auch der Grund für das Verschwinden der Mädchen ist nachvollziehbar – warum es allerdings dreißig Jahre lang keinerlei Spuren gab, ist schon etwas schwieriger zu schlucken.

Überhaupt bricht auf den letzten Metern alles in sich zusammen. Denn am Ende schwappt mit der Beantwortung aller Fragen eine große Harmoniewelle über alles und jeden hinweg und lässt strahlend hell und glänzend eine heile Welt zurück. Alles, was stören könnte, wird in einem Schwung weggewaschen, so dass Figuren, deren Ecken und Kanten zuvor mit Sorgfalt herausgemeißelt worden waren, am Ende glattgeschliffen glücklich Happyend spielen können. Nichts, was nicht durch ein einfaches Gespräch und schlichte Liebe zu bereinigen wäre – dabei hat sich die Autorin zuvor so viel Mühe gegeben, zu zeigen, was permanente Gewalterfahrungen oder das stete Verbergen von Teilen des eigenen Lebens mit der Fähigkeit zu vertrauen anstellen können. So spült die Harmoniewelle den sorgsam gebastelten Unterbau einfach weg und hinterlässt nichts als Kitsch.


Laura Lippman: Was die Toten wissen
Aus dem Amerikanischen von Mo Zuber
Goldmann 2009
kart., 410 Seiten, 8,95 Euro
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