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Die Box




28. Juni 2009
Kirsten Reimers
für satt.org

Mordsmäßig30

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Datenmissbrauch und Terrorhysterie

Charles den Tex: Die Zelle

Michael Bellichers Welt beginnt auseinander zu brechen, als er Zeuge eines schweren Autounfalls wird. Die von ihm herbeigerufene Polizei interessiert sich überraschend intensiv für den jungen Unternehmensberater aus Amsterdam. Und völlig unvermutet wird er selbst beschuldigt, einen andern Unfall mit tödlichem Folgen verursacht und anschließend Fahrerflucht begangen zu haben. Das Unfallauto ist auf seinen Namen zugelassen. Nicht einmal seine Pflichtverteidigerin scheint Bellicher zu glauben, der beteuert, nichts davon zu wissen.

Doch das ist erst der Anfang. Denn kurz darauf muss Bellicher erfahren, dass auf seinen Namen ein Kredit von über drei Millionen Euro aufgenommen wurde, der nun geplatzt ist. Der Unternehmensberater ist ohne sein Zutun hoch verschuldet, sein Besitz droht gepfändet, sein Vermögen beschlagnahmt zu werden. Außerdem wird er von zwei Männern verfolgt, die offenbar auch vor seinem Tod nicht zurückschrecken.

Innerhalb weniger Tage zerfällt Bellichers Existenz, weil sich jemand seine Identität angeeignet hat und in seinem Namen Verbrechen begeht. Weder Banken noch Behörden schenken seinen Unschuldsbeteuerungen Glauben.

Angesichts der in jüngster Zeit bekannt gewordenen Datenmissbräuche gewinnt den Tex’ Thriller mehr Aktualität und Brisanz, als ihm ohnehin schon inneliegen. Identität lässt sich heute in Daten pressen – damit wird sie handelbar wie Ware. Solange sie nur benutzt wird, um den Betroffenen um sein Geld zu prellen, ist es sogar noch vergleichsweise harmlos. Um wie viel bedrohlicher ist die Situation, wenn die Personendaten an Terroreinheiten verkauft werden, die ihre Mitglieder damit ausstatten. Und wie ungeheuerlich, wenn auch noch Regierungsorganisationen ihre Finger mit im Spiel haben.

Den Tex nutzt für seinen Thriller eine reale Gefahr, die alle gern verdrängen: Das Mitmischen in virtuellen Netzwerken ist gang und gäbe, Online-Banking und Internetshopping gehört zum Alltag. Ist wirklich alles so sicher, wie uns die Betreiber weismachen wollen? Wir alle neigen dazu, eine Menge von uns im Internet preiszugeben. Warum auch nicht, wir haben ja nichts zu verbergen. Aber wir haben auch keine Kontrolle darüber, was andere mit unseren Daten anstellen. Und die haben unter Umständen eine Menge zu verbergen.

Während eines Terroralarms gerät Michael Bellicher – durch Zufall? – in eine Personenkontrolle. Unversehens landet er in einem Militärgefängnis, in dem angesichts der Terrorgefahr die bürgerlichen Rechte nicht mehr viel zählen. In zermürbenden Verhören soll der Unternehmensberater dazu gebracht werden, seine Zugehörigkeit zu einer terroristischen Zelle zu gestehen. Das Ironische an der Sache: Als Berater des Justizministeriums hat er in der Vergangenheit dabei geholfen, derartige Antiterroreinsätze zu planen.

Damit ist nicht nur die äußere Existenz von Bellicher in Gefahr. Auch sein innerer Zusammenhalt wird unter Beschuss genommen. Und wie viel ist das Wissen um die eigene Unschuld wert, wenn niemand sonst davon überzeugt ist? Was macht eine Person aus? Besteht Identität nur aus Daten? Was passiert mit einem Menschen, dem diese Daten genommen werden?

Beklemmend bedrohlich ist das Szenario, das den Tex entwirft – eine allgegenwärtige Gefahr, die nicht wirklich zu fassen ist, ein Alter Ego, das ein kriminelles, gar staatsfeindliches Eigenleben führt. Darüber hinaus ist der Thriller tempo- und actionreich mit rasanten Verfolgungsjagden gestaltet. Nur die Figuren bleiben etwas blass und papiernen. Störend auch die Verweise auf das Vorgängerbuch „Die Macht des Mr. Miller“, denn dadurch gerät Hauptfigur Bellicher in ein falsches Licht: Schon damals wurde er des Mordes verdächtigt, seine Existenz zerbrach in Stücke. Und nun schon wieder. Das schmälert Glaubwürdigkeit der Figur auch beim Leser, denn wer hat schon derart viel Pech, wer wird so oft mit Verbrechen konfrontiert, der nicht Polizist oder Krimineller ist?

Bei aller Rasanz schwingt stets die philosophische Frage mit, was Identität ausmacht, was ein Individuum definiert. Und den Tex findet darauf eine eindeutige Antwort: ohne soziales Netz, ohne Unterstützung von anderen, ohne Freundschaft keine Identität – und auch keine Fallauflösung. Zum Glück hat Bellicher einen Kompagnon mit einflussreicher Familie, so stehen ihm bald verschiedene Personen bei, um die eigene Identität zurückzuerobern. Das ist gut gelöst. Und – um ehrlich zu sein: Mir hängen die taffen Alleinunterhalter zum Hals heraus! Die in sich gefangenen Ermittler – ob nun Profi oder Amateur –, die in Selbstmitleid und sozialer Inkompetenz baden – sie sind Dinosaurier, zum Aussterben verurteilt. In der heutigen Welt sind sie weder glaubwürdig noch existenzfähig. Das Heute ist viel zu zersplittert, in Nischen aufgeteilt und gleichzeitig viel zu vernetzt, als dass ein Einzelner sich darin zurechtfinden kann, ja überhaupt überlebensfähig wäre (nicht ohne Grund gibt es eine riesige Beraterbranche und umfangreiche Ratgeberliteratur zu allem und jedem). Was bei Hammett und Chandler noch funktionierte, hat sich heute überholt. Jeder einsame Wolf ist ein lächerliches Fossil. (Das musste mal gesagt werden.)



Charles den Tex: Die Zelle
Aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer
Grafit Verlag 2009, geb., 446 Seiten, 19,90 Euro
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