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Die Box




26. März 2009
Kirsten Reimers
für satt.org

Mordsmäßig23

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„Von einer Minigolfbahn des Lebens zur nächsten“

„Mariaschwarz“ von Heinrich Steinfest

Zwangscharaktere haben es nicht leicht. Auch wenn andere spotten: Man darf die Herausforderung Zwangshandlung nicht unterschätzen. Die Ordnung, die man sich mühsam aufbaut, ist stets in Gefahr. Immer wieder wird sie durch andere, durch Zufälle, durch höhere Mächte zerstört. Aber manchmal gibt es Trost. Zum Beispiel durch den Roman von Heinrich Steinfest. Denn er bestätigt: Das Wohl der Welt kann von der Vollständigkeit einer Plastikfigurensammlung abhängen. Fehlt eine Figur, gerät alles ins Wanken.

Bei Steinfest ist es eine Giraffe, die durch ihre Entwendung die Welt verwirrt. Natürlich ist es keine Giraffe, sondern ein Affe im Giraffenkostüm. Eine kleine Plastikfigur, zentraler Bestandteil eines Überraschungseis für Erwachsene.

Nichts ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Oder auf den zweiten. Aber: Was ist denn überhaupt? Wie die Löcher in den Wänden – die hinter den Bildern. Manche führen tief bis ins Mauerwerk. Manche nicht. Sie sind der Grund, warum Bilder an die Wand gehängt werden. Schon mal ein Bild umgehängt? Na, genau. Das macht man nicht wegen der Löcher dahinter. Aber mitunter bewegen sich die Löcher. Dann kann man Bilder auch umhängen.

Das behauptet zumindest Dr. Grünberg, der undurchsichtige Anwalt, den Kommissar Lukastik wegen der Unregelmäßigkeiten in der Fabrik am Rande von Hiltroff aufsucht. Beziehungsweise wegen der Plastikfigur, die eigentlich in der Wohnung des Taxifahrers stehen sollte, die aber Olander eingesteckt hat.

Damit lässt Vinzent Olander die Fabrik in eine Schieflage rutschen. Und er selbst rutscht auch, nämlich in den mittelgroßen Bergsee, der von den Hiltroffern „Mariaschwarz“ genannt wird wegen seines schwarzen Wassers.

Niemand hatte je so schwarzes Wasser gesehen, obgleich dieses Schwarz nicht teerig wirkte, sondern die Durchsichtigkeit einer glasklaren Flüssigkeit besaß – komprimiertes Wasser, dicht gedrängt, ein geschrumpfter Ozean. Manche im Ort sagten dazu „intelligentes Wasser“, ohne das näher zu erklären. Andere wiederum fanden, daß sich in diesem See nicht der Himmel, sondern – durch den Nebel hindurch – das Weltall spiegelte, ein im Prinzip leeres Weltall.

Auch der See gilt als leer, als tot (aber als schöner toter See). Bis ein Ungeheuer darin gesichtet wird. Doch das herbeigeholte Forschungs-U-Boot aus Deutschland entdeckt keine Seeschlange, befördert dafür aber ein Skelett zutage. Dies ruft den unbestechlichen Wiener Kommissar Lukastik herbei, der schon in Steinfests „Nervöse Fische“ ermittelte. Inzwischen hat er sich von Wittgenstein abgewandt, dafür wird er sich im Laufe dieses Buches seiner Schwester zuwenden.

„Eine Bar ist wie ein Rollstuhl, der nicht rollen kann.“

Von vornherein verdächtig wirkt Vinzent Olander. Bis dieser in den See fiel und von seinem Wirt Job Grong gerettet wurde, führte Olander die perfekte Beziehung mit Grong, die makellose Symbiose zwischen Gast und Wirt. Ohne überflüssige Worte, ohne aufwühlende Nähe, denn sie konzentriert sich einzig auf das Objekt, das die Verbindung besiegelt: das gefüllte Glas. Doch mit der Lebensrettung verschieben sich die Dinge, und Olander erzählt Grong seine Geschichte.

Seit drei Jahren verharrt Olander in dem kleinen österreichischen Ort Hiltroff, der nicht gerade ein Touristenmagnet ist: „Trotz exponierter Lage des Ortes. Beziehungsweise genau darum. Hiltroff lag hoch oben in einer stark verkarsteten Gegend, in der es häufig regnete und sich ständig der Nebel verfing, ein hellgrauer Nebel, durch den die Lichtstrahlen wie Suchscheinwerfer fielen.“

Früher war Olander ein erfolgreicher Geschäftsmann, heute macht er einen eher vernachlässigten Eindruck. Vor drei Jahren brach seine Welt zusammen, als seine sechsjährige Tochter nach einem Autounfall in Mailand verschwand – dabei starb der Taxifahrer, in dessen Wohnung Olander später die Giraffe, die ein Affe ist, einsteckte. Es gibt Hinweise, dass die kleine Clara nach Hiltroff gebracht wurde. Seitdem wartet Olander in Hiltroff auf ein Lebenszeichen und trinkt sich jeden Abend bettschwer. Damit beginnt der Roman „Mariaschwarz“.

Dank der Hartnäckig- und Unbestechlichkeit von Kommissar Lukastik werden die Hintergründe des Unfalls und des Verschwindens von Clara wieder aufgerollt. Er kann auch bald erste Erfolge vorweisen – zum Beispiel, dass Olander gar keine Tochter hatte. Und das hier eigentlich gar kein Fall vorliegt.

Aus diesem Grund wird auch nicht viel gelöst von den Geheim- und Wirrnissen, die Steinfest in „Mariaschwarz“ aufwirft. Dafür kommt anderes zur Sprache, wird anderes erklärt, das Leben zum Beispiel, die Löcher in der Wand oder die Bedeutung von Thomas Bernhard für Österreich, um nur Weniges zu nennen. Nach einem dynamischen Anfang mäandert die Handlung schließlich in großen Schwüngen, die bei aller Disparität irgendwie zusammengehören. Das ist faszinierend und auch irritierend – und zusammen mit der eigentlich ganz schlichten Sprache, die sich zu verblüffenden Zusammenstellungen und weltweisen Aphorismen verbiegen lässt, ist das Buch ein sehr eigenes Erlebnis. Manchmal begeisternd, mitunter nervend, streckenweise so manieriert im Ton, dass man es beiseite legen möchte – und doch so zwingend-absurd, dass man gefangen bleibt.

„Schon gut“, sagte Lukastik mit einem Lächeln, als verbiege er mit den Lippen einen Kaffeelöffel.

Und bei aller Brüchigkeit der Welt: Es sind die Zwangscharaktere, die sie zusammenhalten. Darum ist es auch Vinzent Olander – der in Hiltroff jeden Abend eine genau bemessene Menge Alkohol in festgelegter Reihenfolge trinkt: zwei Gläser Portwein, zwei Gläser Fernet Branca Menta, zwei Gläser Quittenschnaps, zwei Gläser Whisky von der Insel Holyhead –, darum ist es der bemessene Alkoholiker Olander, der schließlich durch seine Sorge um die Plastikfiguren das Gleichgewicht der Welt wieder hält: „Dies war ein Reaktorkern, welcher Glück produzierte. Zumindest war das Olanders Überzeugung“.



Heinrich Steinfest: Mariaschwarz
Piper Verlag 2008, 317 Seiten, 16,90 Euro
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