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Sofie Lichtenstein: Bügeln. Protokolle über geschlechtliche Handlungen




8. Februar 2009
Kirsten Reimers
für satt.org

Mordsmäßig20

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Gemetzel mit Mission?

Karin Slaughter: Verstummt

Der Rezensent eines großen Magazins war schwer beeindruckt von diesem Thriller. Er lobte das Wagnis Slaughters, entfernt vom Mainstream mutig facettenreiche Personen in fesselnder, ungewöhnlicher Handlung agieren zu lassen. Große Worte. Hatte ich bei meiner bisherigen Lektüre von Büchern dieser Autorin etwas übersehen? Bislang hatte ich zwei Thriller von Slaughter gelesen und sie unnötig grausam sowie ziemlich selbstgerecht gefunden. Doch vielleicht war dieser Thriller wirklich anders. Immerhin gehört er nicht zu Slaughters „Grand-County“-Serie. Also: Wer weiß, vielleicht hatte sie diesmal tatsächlich andere Töne angeschlagen.

Die ersten Seiten ließen mich schlucken: Es beginnt heftig. Eine Prostituierte wird ermordet im Hausflur vor ihrer Wohnung gefunden – brutal zusammengeschlagen, in grotesker Haltung zurückgelassen. Die Zunge wurde ihr herausgebissen (!), daran ist sie wohl verblutet. Das Körperteil liegt in einer Blutlache neben der Toten. Der Detailreichtum ist beeindruckend, die Wortwahl drastisch. Die Handlung wird geschildert aus Sicht des Detectives, der zum Tatort gerufen wird. Schon mal ein grausiger Auftakt. Nach rund 70 Seiten endet dieser erste Teil mit einem Paukenschlag, der das bisher erzählte in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Der nächste Teil beginnt: Perspektivenwechsel. Nun ist es ein gerade aus dem Gefängnis entlassener Vergewaltiger und Mörder, auf dem der Fokus liegt. Kurz hinter Seite 200 startet der dritte Teil des Thrillers. Diesmal wechselt die Perspektive je nach Bedarf, viel wird allerdings aus Sicht eines Sonderermittlers und einer Polizistin geschildert.

Perspektivenwechsel, durch die Personen und ihre Handlungen in ein neues Licht gestellt werden – okay, das ist interessant, kann es zumindest sein. Und die Figuren sind durchaus – hm. Vielschichtig wäre jetzt zu viel gesagt. Also anders herum: Der Originaltitel lautet „Triptych“: Triptychon, dieses dreiteilige Gemälde, das aus einem Mittelteil und zwei Flügeln besteht, die man zuklappen kann. Auf der Außenseite der Flügel befindet sich auch ein Bild. Zunächst sieht man also das Außenbild – und wenn man die Flügel öffnet, zeigt sich etwas ganz anderes. So ist auch mit den Figuren in diesem Buch. Mit allen. Das Bild, das die Außenwelt gewinnt, entspricht nicht dem, was im Inneren der Personen stattfindet.

Nun macht aber ein Unterschied zwischen außen und innen noch keine Vielschichtigkeit, höchstens eine Zweidimensionalität. Und viel mehr ist da dann auch nicht. Abgesehen davon, dass bei mindestens drei Figuren dieses Prinzip genutzt wird, um noch mehr Gewalt und Grausamkeit unterzubringen. Die haben nämlich in ihrer Vergangenheit unglaubliches Leid, brutalsten Missbrauch erlebt. Und das wird ausführlich geschildert. Die Wendung „gebrochene Helden“ bekommt eine ganz neue Färbung. Bei einer vierten Figur wird das Prinzip des Triptychons genutzt, um hinter der vertrauenserweckenden Fassade widerwärtigste Gräueltaten zu begehen.

Einen starker Magen – das braucht man durchaus, wenn man Bücher von Karin Slaughter liest. Der Name ist übrigens kein Pseudonym. Aber Slaughter gibt sich dennoch alle Mühe, ihm gerecht zu werden. Leichenteile und Körperflüssigkeiten, wohin man blickt.

Karin Slaughter legt Wert darauf, dass sie ein Anliegen hat. In einem Interview anlässlich des Erscheinens von „Verstummt“ sagt sie, sie beschreibe Gewalt nicht um der Gewalt willen, „und zwischen ihren hellen Augen bildet sich eine kleine Falte. Darstellung von Gewalt ist ein Instrument, um über soziale Missstände zu sprechen‘. Vor allem will sie auf Gewalt gegen Frauen hinweisen.“ Diesem letzten Satz kann man nicht widersprechen, das tut sie: Vielen Frauen werden in ihren Büchern Gewalt angetan, und das nicht zu knapp. Aber stößt Slaughter damit Diskussionen über soziale Missstände an? Bekannt geworden ist sie eher wegen der Brutalität ihrer Krimis. Die Diskussionen drehen sich meist mehr um die Frage, wie weit Literatur in der Darstellung von Gewalt gehen darf.

Das liegt auch daran, dass Slaughter keinen gesellschaftlichen oder gar sozialpsychologischen Aspekt in ihre Thriller hineinbringt – wie auch immer der geartet sein mag. Die Figuren sind gemein und brutal, weil sie es nun einmal sind. Punkt. Im vorliegenden Buch ist der Täter einfach böse. Durch und durch böse. Warum? Mehrfaches Schulterzucken. Er quält halt Frauen gern, er mag das. Punkt. So steht es auch um die Gewalt, die die „gebrochenen“ Figuren erlebt haben: Die wurden misshandelt von Menschen, die halt böse sind und eben andere gern misshandeln.

Außerdem werden die Bösen bei Slaughter stets geschnappt, in vielen Fällen entgehen sie einer Gerichtsverhandlung, indem sie vorher getötet werden. Am Ende ist also alles gut, und niemand muss sich mit den Ursachen der Gewalt auseinandersetzen. Böses tot, Welt gerettet, Buch zu, entspannt zurücklehnen.

Nun muss eine Thrillerautorin nicht mit sozialpsychologischen Theorien und Erlösungsvorschlägen für eine brutale Welt aufwarten. Doch ohne konkreten Standpunkt zur Gesellschaft, ohne durchdachten Blickwinkel lassen sich nun mal keine sozialen Missstände aufzeigen. Angesichts der Gewalt, die Slaughter schildert, kann man nur mit den Schultern zucken und feststellen: „Ja, es gibt Gewalt. Es gibt Gewalt gegen Frauen, es gibt Gewalt gegen Kinder, es gibt Gewalt gegen Männer.“ Das löst aber keine Diskussion aus. Das beschreibt einen Zustand – und auch den nur eindimensional, dafür aber diese eine Dimension mit so viel Akribie, dass der Verdacht keimt, es wird Gewalt um der Gewalt willen beschrieben. Oder nein, wahrscheinlich hat Frau Slaughter recht: Sie macht das nicht um der Gewalt willen. Aber um der Verkäuflichkeit.

Karin Slaughter beherrscht das Handwerk des Schreibens, keine Frage. Sie erzählt ihre Geschichten routiniert, hat die unterschiedlichen Stränge meist im Griff, schildert anschaulich und spannend (um nicht zu sagen: lebendig, wenn das nicht so morbide wäre). Aber die gewählten Mittel entsprechen nicht dem anvisierten Zweck (Stirnfalte! Ernsthaftigkeit!). Im Gegenteil: Die Bücher werden nicht als Kommentar zur Gesellschaft wahrgenommen, lassen sich gar nicht als solcher wahrnehmen, sondern als brutale Schocker. Das verkauft sich nun mal besser.


Karin Slaughter: Verstummt
Aus dem amerikanischen Englisch von Klaus Berr
Blanvalet Verlag, 512 Seiten, 19,95 Euro
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