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Die Box




4. Juni 2015
Kirsten Reimers
für satt.org

Mordsmäßig73

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Die Kosten des Wohlstands

  »Prime Cut« von Alan Carter
Alan Carter: Prime Cut
(Prime Cut, 2011)
Aus dem Englischen von Sabine Schulte
Edition Nautilus 2015
kart., 368 Seiten, 19,90 Euro
ISBN 978-3-89401-812-2
» Verlag | amazon

Hopetoun in Westaustralien. Bis vor kurzem war dies ein kleines unbedeutendes Kaff am Südpolarmeer ohne nennenswerte Kriminalität. Deswegen hat sich Detective Tess Maguire herversetzen lassen: Nach traumatischen Erlebnissen ist sie gerade erst wieder diensttauglich. Doch wegen der Nickelminen, die ganz in der Nähe betrieben werden, ist die Kleinstadt auf dem Weg zur Boomtown. Gesichtslose Siedlungen, Gewerbegebiete, neue Restaurants sprießen aus dem Boden: Das neue Geld hinterlässt seine Spuren.

Das Ende der Unschuld

Als am Strand ein kopfloser Torso gefunden wird, ein chinesischer Leiharbeiter, der kein Opfer der Haie, sondern einer scharfen Klinge wurde, zeigt sich die negative Seite des Aufschwungs. Zur Unterstützung wird Tess Maguire Detective Philip »Cato« Kwong zur Seite gestellt, ein ehemaliger Vorzeigepolizist mit chinesischen Wurzeln, der wegen eines Korruptionsskandals in Ungnade fiel und ins Viehdezernat strafversetzt wurde. Mit diesem Fall, so hofft er, wird er sich rehabilitieren. Nicht einfach, weil ein toter Chinese selbst innerhalb der Polizei auf nur wenig Interesse stößt, weil der örtliche Geldadel die Ermittlungen behindert und weil Cato Tess vor ein paar Jahren unschön sitzen lies.

Parallel dazu nimmt der Ex-Detective Stuart Miller die Spur eines alten Falles wieder auf, der ihm nie Ruhe gelassen hatte: Vor 35 Jahren ermordete in England ein Mann seine schwangere Frau und seinen kleinen Sohn und verschwand spurlos. Nun gibt es Anzeichen, dass er damals nach Australien geflohen ist und dort weitere Morde begangen hat. Beide Fälle überschneiden sich, als in Hopetoun erneut ein Mord geschieht.

Goldrausch und heranrollende Finanzkrise

»Prime Cut« ist der erste Kriminalroman von Alan Carter. Vor dem Hintergrund der Finanzkrise des Jahres 2008 zeichnet er ein vielschichtiges Porträt einer Stadt im Goldrausch. Der Wohlstand hat seinen Preis und hinterlässt tiefe Spuren in der kleinen Stadt: wachsende Kriminalität, Drogen, Korruption, Filz, offener Rassismus. Die Aussicht auf Reichtum lockt viele Menschen an – doch tatsächlich profitieren vom Boom nur die, die sowieso schon ausreichend Geld, Kontakte und Skrupellosigkeit besitzen, und dies auf Kosten derjenigen, die kaum für ihre eigenen Rechte einstehen können: Maori und im besonderen Maße chinesische Leiharbeiter.

Zwischen den Welten

Der Krimiplot mag an der einen oder anderen Stelle etwas holprig und zu konstruiert sein, doch Carter gelingen stimmige Charaktere: Sie alle haben ihre dunklen Seiten und tiefen Wunden; dies wird zum Glück nicht ausgewalzt und unnötig zelebriert, sondern dient dazu, die Figuren glaubwürdiger zu machen. Dazu kommt, unterstrichen vom trockenen Humor, ein klarer Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, auf Abhängigkeitsstrukturen und Hierarchien, und auf die schwierige Frage des australischen Selbstverständnisses zwischen Asien und Westeuropa, zwischen geopolitischer Wirklichkeit und kulturellen Wurzeln der weißen Bevölkerung.

Alan Carter ist Dokumentarfilmer, stammt wie mehrere seiner Figuren ursprünglich aus England und lebt seit langem in Australien. »Prime Cut« sind inzwischen zwei Romane um Cato Kwong nachgefolgt: »Getting Warmer« (2013) und »Bad Seed« (erscheint 2015).