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Die Box




14. Juni 2008
Kirsten Reimers
für satt.org

Mordsmäßig2

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Perspektivenwechsel, Serienmord
und Swing-Jugend. Drei Neuanfänge.

Erfahrung im Schreiben haben sie alle bereits gesammelt: Simone Buchholz hat Sachbücher und Ratgeber rund um Liebe, Beziehung und Sex verfasst; Friedrich Dönhoff hat mehrere Sachbücher mit historischem Hintergrund veröffentlicht; und Carlo Fruttero hat nach mehr als zwanzig Romanen längst Kultstatus als Autor erlangt. Und doch legen sie alle einen Debütroman vor – jeder auf seine Weise.

Carlo Fruttero: Frauen die alles wissen

Carlo Fruttero:
„Frauen, die alles wissen“

Weil er „von all den Commissari und Carabinieri“ genug hatte, wollte er etwas Neues schaffen, so wird Carlo Fruttero im Klappentext seines aktuellen Buches zitiert. Herausgekommen ist ein kaleidoskopartiger Kriminalroman, erzählt aus den Perspektiven verschiedener Frauen.

Der Ausgangspunkt: Die junge Rumänin Milena – ehemals eine Hure, inzwischen Bankiersgattin in den gehobenen Turiner Gesellschaftskreisen – wird aufreizend bekleidet in einem Graben am Stadtrand von Turin gefunden. Ein Racheakt des ehemaligen Zuhälters? Die Verzweiflungstat eines abgewiesenen Liebhabers? Aus den inneren Monologen, den Aussagen und Selbstgesprächen von acht Frauen, die etwas zur Tat zu sagen haben, schält sich nach und nach die Wahrheit heraus, die eine vertrackte Intrige, verzweifelte Einsamkeit und tiefe Rachegefühle offenbart.

„Frauen, die alles wissen“ ist Frutteros erster Krimi ohne sein Alter Ego Franco Lucentini. Der nahm sich im Jahr 2002 das Leben. Über zwanzig wunderbare Romane haben die beiden zusammen verfasst. Nun möchte Fruttero also unerforschte Solo-Wege gehen.

Das Ergebnis: Ein schöner Roman, der aber seinem Innovationsanspruch nicht gerecht wird. Einen Kriminalfall und dessen Aufklärung aus der Sicht verschiedener Personen zu schildern, ist nicht gerade neu. Auch das Setting, das sich zunächst bietet, ist altbekannt. Und auf den ersten Blick wirkt die Geschichte langweilig banal, außerdem sind die Zusammenhänge ziemlich schnell zu durchschauen. Wer einen spannenden Krimi erwartet, der wird also enttäuscht.

Aber schließlich ist es ein Roman von Fruttero, da sind die Maßstäbe andere. Es mag nichts wirklich überraschend sein, aber es ist wirklich gut. In leichtfüßiger Sprache werden Lügen enttarnt, Heuchler demaskiert, Täuschungsmanöver ausgebremst und die aufgewühlte Seelenlandschaft hinter der kühlen Fassade offengelegt. Das geht besonders schön durch die wechselnden Erzählperspektiven und jeweils eigene Stimme, über die jede berichtende Frau verfügt. Und was im ersten Moment so durchschaubar schien, offenbart beim zweiten Blick ein weiteres Kellergeschoss.

Gut, auch das ist letztlich nicht neu. Aber es ist schön, es ist charmant und elegant – es ist halt ein Roman von Carlo Fruttero.


Simone Buchholz: Revolverherz

Simone Buchholz:
„Revolverherz“

Der „Kiezkrimi“ (so die Zusatzkategorisierung des Verlags) spielt – wie kann es anders sein – in St. Pauli und bietet die entsprechende Atmosphäre. Ein Serienmörder meuchelt und skalpiert junge Tänzerinnen aus dem Rotlichtmilieu. In die Ermittlungen mischt sich verkatert, aber tatkräftig die Hauptfigur des Buches ein: Staatsanwältin Chastity Riley, fast vierzig, trinkfreudig, Single, aktiver Fan des FC St. Pauli. Großes Plus des Buches ist das Figurenensemble – klischeelastig, aber herzlich gezeichnet –, allen voran die Staatsanwältin, endlich mal ein adäquates Identifikationsangebot für weltoffene Frauen Ende dreißig. Die Charaktere haben Ecken und Kanten, sind nett schrullig, die Dialoge sind schnodderig-bunt und witzig. Die Handlung bietet nichts wirklich Neues, ist aber über weite Strecken recht spannend, wenn auch mit Zufällen überladen. Nur gegen Ende wird es dann auf einmal arg hastig, und alles, aber auch wirklich alles muss küchenpsychologisch-lebensgeschichtlich ausgedeutet werden. Aber vielleicht gibt es einen Nachfolgeband, der diese Scharten auswetzt. Die Figuren wären es wert, und die Autorin kann unterhaltsam schreiben.


Friedrich Dönhoff: Savoy Blues

Friedrich Dönhoff:
„Savoy Blues“

Dort Herz und Schnauze in St. Pauli – hier moderner Swing in Eimsbüttel. Der Umschlagtext von Friedrich Dönhoffs „Savoy Blues“ verspricht einen „Krimi, der trügerisch leicht daherkommt“, um uns dann in die Untiefen der Vergangenheit zu locken. Ein Rentner wird tot aufgefunden – alle Indizien sprechen dafür, dass seinem Pfleger ein fataler Fehler unterlaufen ist. Sebastian Fink, noch recht jung und gerade erst zum Hauptkommissar befördert, vermutet: Da steckt mehr dahinter.

Um es kurz zu sagen: Das Buch hält nicht, was der Umschlagtext verspricht. Blasse Figuren ohne eine charakterliche oder gar moralische Falte hölzern sich durch ein langatmiges Rachedrama. Das mag sorgfältig recherchiert sein und wenig thematisierte Opferkreise der Nazizeit aus der Vergessenheit holen – doch es bleibt leider nur leise raschelndes Papier.



Simone Buchholz: Revolverherz
DroemerKnaur 2008,270 Seiten, € 14,95
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Friedrich Dönhoff: Savoy Blues
Diogenes 2008, 312 Seiten, € 9,90
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Carlo Fruttero: Frauen die alles wissen
Aus dem Italienischen von Luis Ruby
Piper 2008, 246 Seiten, € 16,90
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