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Die Box




13. Juli 2009
Christina Mohr
für satt.org


Wohnzimmerclub
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Wohnzimmerclub
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Lang ist's her, seit der letzte Wohnzimmerclub die Türen öffnete – deswegen haben wir dieses Mal einiges nachzuholen... für den WC 29 macht man sich aber schon warm, keep on dancin'!

  Steve Bug: Collaboratory
Steve Bug: Collaboratory
Poker Flat
» pokerflat-recordings.com
» myspace


Steve Bug: Collaboratory

„Trees Can't Dance“? Auf Poker Flat-Impresario Steve Bugs viertem eigenen Album können sie das doch: Der mäandernde, melodische Opener gibt die Richtung für „Collaboratory“ vor, warme Houseklänge mit viel Pianobeteiligung und Tech-Elektro-Parts dominieren die elf Tracks, für die Bug viele bekannte Producer und SängerInnen ins Studio einlud. Darunter sind zum Beispiel Simon Flower, die brasilianische Sängerin Virginia Nascimento, die beiden Berliner Clé und Cassy (Märtini Brös.) und Minimise-Labelchef Donnacha Costello. Die Idee der Kollaboration und der sich gegenseitig inspirierenden Zusammenarbeit geht auf „Collaboratory“ voll auf: Jeder „Kollaborateur“ steuert seine eigene Note bei, Steve Bugs Handschrift geht dabei trotzdem nie verloren. Ob deepe Soulballade wie „Strong Moment“ oder energetisch pulsierender Dancetrack (z.B. „Month of Sip“ mit Clé), hier passt alles perfekt zusammen und vor allem auf den Tanzflur – nicht wundern, wenn dort auch sich wiegende Bäume auftauchen.


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  Collision Course. The Best of Luscious Sounds
Collision Course. The Best of Luscious Sounds
Digital Album
» luscious-sounds.com
» azzidodabass.de


Collision Course. The Best of Luscious Sounds

Dem Albumtitel entsprechend geht es auf der Luscious Sounds-Labelcompilation weniger harmonisch, sondern konfrontativ zu: vor gut vier Jahren gründete der Hamburger DJ und Producer Ingo Martens alias Azzido Da Bass das Label Luscious Sounds, auf dem er neben eigenen Tracks Sachen von Malente, Play Paul und The World Domination veröffentlicht. Tiefbassiger Technofunk, Elektro und Nu Disco sind die wichtigsten Pfeiler des Labels, das Love Parade-Jüngern wie Clubconnaisseuren gleichermaßen ein Begriff sein sollte. Hits wie Malentes „Dizko Sh*t“, „V.I.P.“ von DJ's Are Not Rockstars (mit Princess Superstar!) und seine eigenen Produktionen wie „Lonely By Your Side“ (mit Johnny Blake von Zoot Woman), vorwiegend in feinen Remixes (z.B. Play Pauls „La La Land“ im Ed Banger's All Star Remix) auf „The Best of Luscious Sounds“, das nur digital erhältlich ist.


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  Dub Pistols: Rum And Coke
Dub Pistols: Rum And Coke
Sunday Best
» myspace
» sundaybest.net


Dub Pistols: Rum And Coke

Mit tiefen Bässen geht es weiter: die Londoner Dub Pistols (Jason O'Bryan und Barry Ashworth) haben mit „Rum And Coke“ das perfekte Sommeralbum am Start. Ska, Reggae, Soul, HipHop und Elektro in umwerfend groovender Mischung machen Block-, Beach- und Hauspartys zum großen Booty Shake-Vergnügen. Mit „Rum and Coke“ legen die beiden Pistols mehr Gewicht als früher auf die Songstrukturen, heisst also, dass man Tracks wie „I'm In Love“, eine Coverversion von Evelyn King mit Gastsängerin Lindy Layton (remember Beats International und „Dub Be Good To Me“?) oder die Soul-HipHop-Melange „Everyday Stranger“ gleich mitsingen kann – apropos Singen: GastsängerInnen spielen eine ganz wichtige Rolle auf diesem Album. Die bereits erwähnte Lindy Layton ist nur eine im erlauchten Kreis, weiterhin sind zu hören: Ashley Slater, Rodney P., Justin Robertson, TK Lawrence und – spektakulär – Gregory Isaacs auf „Six Months“. Seit zehn Jahren versuchten die Dub Pistols, die Reggaelegende zur Mitwirkung auf einer ihrer Platten zu bewegen, immer erfolglos. Nun sagte Isaacs endlich zu, ließ sich aber nur auf einen einzigen Take ein, der zum Glück mehr als brauchbar geriet. Da kann man den Dub Pistols auch verzeihen, dass es ein bereits eingespielter Track mit Terry Hall nicht auf „Rum And Coke“ geschafft hat: In diesem Jahr soll nämlich ein neues Album der Specials erscheinen (!), dem wollten die Dub Pistols nicht mit einem Hall-Track zuvorkommen. Nobel eigentlich.


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  Laurent Garnier: Tales of a Kleptomaniac
Laurent Garnier:
Tales of a Kleptomaniac

PIAS
» laurentgarnier.com
» myspace


Laurent Garnier: Tales of a Kleptomaniac

Natürlich ist Koketterie im Spiel, wenn sich einer der berühmtesten Techno-DJs der Welt als verrückter Kleptomane bezeichnet; zutreffend ist aber, dass „Tales of a Kleptomaniac“, das fünfte reguläre Album des Franzosen Laurent Garnier eine sehr eklektische Sammlung von Tracks der verschiedensten Genres ist. Angefangen vom streetsmarten Opener „No Music“ über die Mixtur aus HipHop und Progrock (!), „Freeverse Part 1“ mit Rapper MicFlow, das elektronisch-fließende, treibende „Gnanmankoudji“, das Afrobeats mit funky Bläsersätzen vereint, cooler Tech-House bei „Desirless“ und Breakbeats bei „Bourre Pif“ - Garnier präsentiert sich wie eh und je als Wizard of Clubculture, nur eben mit noch mehr Einflüssen und Verweisen als auf früheren Aufnahmen wie seinen Klassikern „Crispy Bacon“ oder „The Man With The Red Face“. Wobei Garnier - bei aller Stilakrobatik – nicht versucht, neue obskure Sounds zu entwickeln, lässig und souverän stöbert er in seinen Plattenkisten und greift seine Faves heraus (bzw. lässt die von seiner Band analog einspielen). Also doch ein bisschen kleptomanisch, aber erhaben.


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  DJ T: The Inner Jukebox
DJ T: The Inner Jukebox
Get Physical Music

DJ T live:
Hamburg, DIY (18.7.09)
Köln, Pollerwiesen (26.7.09)
Regensburg, Scala (31.7.09)
Summer Spirit Festival (28.8.09)


DJ T: The Inner Jukebox

Der Frankfurter DJ Thomas Koch a.k.a. DJ T ist ein umtriebiger Mensch: Gründer und Herausgeber des Groove Magazins, Mitbegründer des Labels Get Physical, zusammen mit Patrick Dechent Betreiber des Frankfurter Clubs Monza, dazu natürlich DJ und Producer. Bereits vor vier Jahren veröffentlichte er sein erstes Studioalbum „Boogie Playground“ und legt nun mit „The Inner Jukebox“ eine superbe zweite Platte nach. Wie der Titel schon nahelegt, liegt DJ T sehr viel daran, seine persönlichen Vorlieben auszuleben und die liegen eindeutig im saftigen, deepen House, mit Sidesteps in Richtung Latin, Rave und Funk. Tiefe Bässe dominieren, die Tracks sind trotzdem von einer frischen Leichtigkeit, die man von einem Hessen, der auch noch in Westfalen geboren wurde, nicht unbedingt erwarten würde. Ein Track wie „Gorilla Hug“ kombiniert äußerst schlüssig clubbige, ungeduldige Technobeats mit elektroiden Elementen und organischen Vocal-Samples, das sexy „Bateria“ kann sich schmissige Samba-Rhythmen leisten, ohne in ungute Lounge-Coffeebar-Gefilde abzudriften, „Mr. Pianobeats“ mixt Handclaps und authentisches Schallplattenknistern mit gerader Bassdrum. DJ T zeigt mit diesem Album, dass er definitiv der allerersten Clubliga angehört und dürfte sich ruhig einen prägnanteren Künstlernamen zulegen - seine Jukebox ist jedenfalls schon jetzt ein Klassiker.


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  Refractory: Hot Potatoes
Refractory: Hot Potatoes
Undercover
» myspace


Refractory: Hot Potatoes

Ganze fünfzehn Tracks haben Refractory, Producerduo aus Frankreich (Jean Francois Blanco und Louis Beaudoin) für ihr drittes Album aufgenommen – für die Rezensentin eigentlich ein Warnzeichen, bis zum Anschlag vollgepackte CDs bedeuten meist zerfahrene, unentschlossene Konzepte ohne Fokus. Bei Refractory geht die Titelfülle aber okay, schließlich decken sie so viele Black Music- respektive Soulspielarten ab, dass sie dafür verständlicherweise ein bisschen Zeit und Platz brauchen. Die Basis des Refractory-Sounds ist extrem entspannter französischer HipHop, also eher bassig-downbeat als highspeed. Dazu kommen jazzige Elemente, Streetfunk, Reggae, Trip-Hop, Latin und Elektro, mit vielen Bläsern, funky Gitarren und knackiger Percussion. Das Herausragende auf „Hot Potatoes“ aber sind die großartigen GastsängerInnen: Diva Sena Dagadu aus Ghana erinnert auf Tracks wie „City Science“ oder „Bistro“ an Fugees-Sängerin Lauryn Hill, Jazzsänger Youn Sun Nah und MC Jester (alias Bruce Sherfield) sind ebenfalls große Entdeckungen. Wer sich in diesem Sommer nur ein Black Music-Album zulegen will, ist mit „Hot Potatoes“ bestens versorgt.


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  Major Lazer: Guns Don't Kill People... Lazers Do
Major Lazer: Guns Don't Kill People... Lazers Do
Downtown/Cooperative
» majorlazer.com
» myspace


Major Lazer: Guns Don't Kill People... Lazers Do

Die Superheldenfigur Major Lazer ist die aktuelle Inkarnation der DJs Diplo & Switch: auf ihrem großspurig betitelten Album „Guns Don't Kill People... Lazers Do“ mixen sie Dancehall, Dub, Dubstep, Afrobeats, Soul, HipHop, Latin, Reggae und alles mögliche andere zu einer kleinteiligen, aber lustigen Gemengelage für ADHS-Clubber zusammen. Alles mit punkiger Anything-Goes-Attitude, denn dem Punk fühlt sich Mr. Diplo seit frühester Jugend sehr verbunden: Deep-darker Dancehall mit MC Future Trouble („Lazer Theme“) prallt auf an M.I.A. und Missy Elliot erinnernde HipHop-Sampling-Minihörspiele wie „Hold the Line“, auf dem neben Gastsängerin Santigold auch rappelnde Telefone, wiehernde Pferde und prustende Elefanten zu hören sind, „Pon de Floor“ featuring VYBZ ist eine weirde R'n'B-Persiflage, auf „Baby“ werden zackige Marschtrommeln ausgepackt, bei „Jump Up“ wird Babyheulen zum tanzbaren Sample. Weitere Gaststars sind Amanda Blank, von der man in diesem Jahr noch viel hören und sehen wird, Nina Sky, Jah Dan, Prince Zimboo, Leftside und viele mehr, die den Siegeszug des Major Lazer im Sommer 2009 vorantreiben.
Ach ja, das durchgängige Jamaica-Feeling kommt nicht von ungefähr: „Guns Don't Kill People...“ entstand in den Tuff Gong Studios auf Jamaica!


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  Autokratz: Animal
Autokratz: Animal
Kitsuné/Cooperative
» myspace/autokratz
» myspace/maisonkitsune
» kitsune.fr


Autokratz: Animal

Diese Platte wurde heiß erwartet: seit dem Minialbum „Down & Out in Paris & London“ vom Herbst 2008 lauerte alle Welt auf mehr Material der beiden aus Manchester stammenden und mittlerweile in London lebenden DJs und Remixer Russell Crank und David Cox alias Autokratz. Das full-length-Album „Animal“ (übrigens die erste Zusammenarbeit zwischen dem Pariser Label Kitsuné und Cooperative Music) dürfte zumindest die Erwartung derer erfüllen, die Spaß an hemmungslosem Achtzigerfeeling, prägnanten Mitsingmelodien und Digitalism-liken Beats haben. Tracks wie „Always More“, „Stay the Same“ oder „Can't Stand Without“ spielen mit der gesamten Eighties-Wave-Discopop-Palette, New Order standen hier genauso Pate wie Kraftwerk, Daft Punk und auch Hot Chip – Historiker werden auch herausfinden, welche Lieblingssongs Crank und Cox hier durch die elektronische Mangel und den Vocoder geschickt haben. Mehr ins Kitsuné- oder Ed Banger-Elektroclashgebiet begeben sich die Autokraten mit „Gone Gone Gone“, „PastYour Heart“ und „What You Want, What You Got?“, hier drehen die Maschinen durch, es bratzt, pfeift und piept, rasante Breaks und Tempowechsel erhöhen die Unfallgefahr auf der Tanzfläche enorm – und dass Autokratz live eine Bank sein sollen, glaube ich einfach mal unbesehen.


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  Holger Zilske: Holz
Holger Zilske: Holz
Playhouse
» myspace


Holger Zilske: Holz

Zum Runterkommen und um das naturhafte Element von „Trees Can't Dance“/Steve Bug vom Anfang wieder aufzunehmen: „Holz“, Holger Zilskes erstes Album unter seinem echten Namen (wenn auch mit immanentem Wortspiel), ist sowas wie die Essenz oder Basis minimaler Elektrosounds und Techno, reduziert, unaufdringlich und doch einprägsam, auf-den-Punkt. Als Smash TV veröffentlicht Zilske schon seit einigen Jahren hauptsächlich auf Bpitch Control, mit seinem Playhouse-Debüt erweitert seinen Wirkungskreis: trotz der bereits erwähnten Reduktion auf minimale Sounds gibt es auf „Holz“ breit angelegte melodische Passagen, Vocal-Einlagen („Golden“) und sogar Experimente mit südamerikanischer Rhythmik. „Holz“ ist die Schnittstelle zwischen Natur und Studio, Elektronik und Organik und verbreitet genau die richtige Menge an meditativen Vibes, die man im Sommer so brauchen kann.


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