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Die Box




November 2007
Christina Mohr
für satt.org


Wohnzimmerclub
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Wohnzimmerclub
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Gleich zwei neue Definitionen des Begriffs Jazz gibt es im diesmal prall gefüllten Wohnzimmerclub – aber nicht nur das, sogar ein runder Geburtstag wird gefeiert!


Marbert Rocel:
Speed Emotions
(Compost)

Marbert Rocel: Speed Emotions

Der Bandname Marbert Rocel ist aus den Vornamen der beiden Mitglieder Marcel Aue und Robert Krause zusammengebastelt – reine Glückssache, dass diese beiden Namen so gut kompatibel sind, man stelle sich vor, was herausgekommen wäre, hätte man das gleiche mit Peter und Reinhard, Wolfgang und Marco, Jürgen und Detlef versucht... Aber der Name ist nicht das einzige, was bei Marbert Rocel gut funktioniert: die beiden Thüringer DJs haben mit der gesanglichen Unterstützung von Antje Seifarth ein Rundum-Glücklich-Album aufgenommen, das seinesgleichen sucht. Aus den Basiskomponenten Elektro, House, angefrickeltem Lounge-Barjazz und einer großen Prise Pop entstanden im Lauf der letzten fünf Jahre (so lange arbeiten Marbert Rocel schon zusammen) zwölf Tracks zum Mitsummen und -swingen, die das Interesse von Compost Records weckten, wo die Platte jetzt erschienen ist. „Speed Emotions“ beginnt gemächlich, beinah verhalten mit „Seven Stars“, darauf folgt der erste Höhepunkt mit dem Frühstückshit „Cornflakeboy“: Frau Antje singt zu eingängigem Dancepop, „you're my cornflakeboy – milk, sugar, milk, sugar...“ Beim dritten Track stutzt man unwillkürlich, diese Harmonien kommen einem doch bekannt vor? Richtig, „Eleanor Birdbath“ bedient sich beim Beatles-Klassiker „Eleanor Rigby“, mixt eine Santana-inspirierte Gitarre dazu und fertig ist das fröhliche Vogelbad! „The Pack“ basiert auf einem pulsierenden Housebeat, „Purple Bass“ lässt die Maschinen geheimnisvoll pluckern und knarzen und mit „The Harder They Come“ klingt diese Thüringer Überraschung chillig und meditativ aus.


» www.marbertrocel.com
» myspace.com/marbertrocel



Deadset:
Keys Open Doors
(Word and Sound)

Deadset: Keys Open Doors

Hinter dem Projektnamen Deadset verbergen sich Tom Mangan und Cass Cutbush, die bereits für Miss Kittin, Tiefschwarz, Röyksopp und Justin Timberlake mixten und deejayten. Als Deadset gelingt ihnen mit dem Album „Keys Open Doors“ eine zwingende, fröhliche, unbefangene Neudefinition des Techhouse-Genres, die eine wahre Freude ist! Auf 15 Tracks wirbeln sie durch Old-, New- und sonstige schools und überraschen immer wieder mit kleinen, feinen Details. „Keep Quiet“ und „People Like Elvis“ feiern in bester Daft-Punk-Manier die Schönheit der repetitiven Schleife und garnieren das Ganze mit vocoderverfremdeten Stimmen und allem Schnick und Schnack. „Buzzer Says Werner“ ist ein verspielter Soft-Techno-Track, der mit seinen stilisierten NYC-Police-Sirenen auch den letzten Langweiler vom Sofa holt. „Fingerburn“ besteht hauptsächlich aus hohlem Klopfen und dem Geräusch schnipp-schnappender Scheren – Mangan/Cutbush zaubern daraus einen knackig-tanzbaren Beat. Es bleept und knarzt ordentlich bei „Ape Man Abacus“, „Acid Radar“ featuret Dancefloorbeats, die mutmasslich durch Rumklöppeln auf unterschiedlich hoch gefüllten Wassergläsern entstehen, „Brazil“ klettert eine tonlose Tonleiter hinauf und hinab und bei „Tick Tock“ leitet fieses Weckerklackern in deepste Bässe über. „Keys Open Doors“ ist ein Abenteuerspielplatz für den toleranten Technoiden ohne Berührungsängste!


Cobblestone Jazz:
23 Seconds
(!K7)

Cobblestone Jazz: 23 Seconds

Zu Lieblingen der Saison avancierten die drei Kanadier Mathew Johnson, Tyger Dhula und Danuel Tate, besser bekannt unter dem Namen Cobblestone Jazz. Seit ihren ersten Veröffentlichungen in 2002 wurden sie von namhaften DJs und Producern wie Theo Parrish, Daniel Bell oder Richie Hawtin supportet, sie traten auf internationalen Festivals auf, auch auf Sven Väths letzter Cocoon-Compilation ist das Trio vertreten. Cobblestone Jazz benutzen Computer der Steinzeitära und analoge Instrumente, um ihren ziemlich einzigartigen Sound zu kreieren: Ergebnis ist ein auf seine Basics reduzierter Dancefloor-Groove, angenehm gedämpfte Elektronik-Effekte und ein zart technoider Früh-Trance-Appeal. Der Bezug zum namengebenden Jazz zeigt sich bei den Cobblestones vor allem live, wenn die drei spektakulär und virtuos improvisieren – nachzuprüfen auf CD 2 des Doppelalbums „23 Seconds“, auf dem ihre Clubknaller „Dump Truck“ und „India in Me“ in hypnotisierenden Versionen zu hören sind. Cobblestone Jazz verwenden keine vorprogrammierten Beats und Sounds, sondern verlassen sich im Studio und auf der Bühne auf ihr Gespür für freies, korrespondierendes Songwriting – ja, Songwriting, das stimmt schon, auch wenn dieser Begriff im Bereich der elektronischen Musik höchst selten verwendet wird. Der Opener „Waiting Room“ (CD 1) verwirrt die Hörer durch verwaschene Synthieschleifen und vocoderverzerrten Vocaleinsätze, die darauffolgenden Tracks überzeugen durch rhythmische Variationen, warme Soundscapes und die Betonung der Melodien - Cobblestone Jazz reformieren Techno, House und Minimal durch gezieltes Stöbern in der Vergangenheit. Sehr spannend, das.


» myspace.com/cobblestonejazzmathewjonson



Will Saul: Simple Things
(Simple Records/Word and Sound)

Will Saul: Simple Things

Will Saul, 28-jähriger Produzent, DJ und Chef der britischen Independent-House-Labels Simple Records und Aus Music, schwimmt derzeit auf der Erfolgswelle. Simple- und Aus-Erzeugnisse werden sowohl als physischer Tonträger und als Download oft und gern gekauft, was Sauls guten Geschmack bei der Auswahl seiner „Schäfchen“ bestätigt. Die Doppel-CD-Compilation „Simple Things“ liefert einen Querschnitt durch vier Jahre Simple Records-Geschichte und versammelt neue Tracks, Remixe älterer Stücke und Raritäten von Acts wie Sideshow, Phonique, Tam Cooper, Motorcitysoul, My My, Tam Cooper und vielen anderen. Der Begriff „simple“ im Album- und Labelnamen ist nichts weniger als eine massive Untertreibung respektive britisches Understatement. Alle Tracks auf „Simple Things“, seien es eigene Saul-Stücke, die von befreundeten Künstlern wie Wahoo und Mbira bearbeitet wurden, oder Sauls Remixe (zum Beispiel „Motion Sickness“ von Chicken Lips), zeichnen sich durch höchst komplexe Strukturen aus, die vor allem auf CD 1 deepem Detroit-Techno huldigen, aber auch durchaus leicht und discoorientiert daherkommen, wie der Sebo K-Remix von King Rocs „Welcome to Zion“ auf der durchgängig tanzbaren zweiten CD. Der renommierte kanadische DJ und Producer Mathew Johnson (ein Mitglied von Cobblestone Jazz, siehe oben) mixt „The Slide“ von Sideshow, Exit Cubes Bearbeitung von Motorcitysouls „Kazan“ gerät zum hypnotisierenden Endlos-Loop, aus dem man kaum noch aussteigen kann oder will. Kleiner Tipp: die Anschaffung der „richtigen“ CD lohnt schon wegen der schönen Fotos im Booklet, auf denen ein gelber Gegenstand eine bedeutende Rolle spielt ...


» www.simplerecords.co.uk



Casbah 73:
Pushin' 40
(Hitop)

Casbah 73: Pushin' 40

Ein Album wie „Pushin' 40“ des amerikanischen DJs und Allroundmusikers Oli Stewart a.k.a. Casbah 73 macht einfach wehrlos – zwölfmal groovender Retrofunk, strictly dancing von der ersten Sekunde an, dazu überzeugende Vocals von GastsängerInnen wie Majka Edjo, Mariella Gonzalez und Prince Po. Die Basslinien zielen direkt auf den Bauch und die Körperregionen darunter, der Beat tritt von hinten in die Knie, wohldosierte Bläser heben im richtigen Moment die Hüte von den Köpfen, die Gitarrensounds sind mal afro- mal latin-inspiriert. Stewart/Casbah ist ein musikalischer Globetrotter, der argentinischen Soul liebt, Fusion-Jazz aus Deutschland bewundert, die Straßen von San Francisco genauso kennt wie die Copa Cabana oder die Hazienda. All diese Einflüsse werden ohne falsche Scheu vor angeblich nicht zusammenpassenden Stilen und Genres zu einer enorm aufputschenden Mixtur verrührt, die schon nach dem zweiten Track die Tänzer atemlos und glücklich werden läßt. „Vinyl Junkie“ ist eine kühne Kombination aus Salsa, HipHop und dem Charme des frühen Tom Tom Club, „Trippin' On You“ ist eine sehr smoothe Kombination aus Curtis Mayfield- und Style Council-inspiriertem, also black and blue-eyed-Soul, den man so schnell nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Leicht, schwingend, uplifting – genau das richtige, wenn die vorweihnachtliche Depression droht.


» myspace.com/casbah73



Kiln: Dusker
(Ghostly International/!K7)

Kiln: Dusker

„Dusker“, das aktuelle Album des Experimental-Elektroniktrios KILN aus Michigan, ist eine dieser Platten, die zunächst ganz unauffällig daherkommen, um dann beim zweiten, dritten Hördurchgang ihre ganze Schönheit und Größe zu entfalten. Die drei KILN-Musiker Kevin Hayes, Kirk Marrison, Clark Rehberg III. sind scheue Menschen, die zum Beispiel niemals live auftreten und tatsächlich ist „Dusker“ eher eine private, intime Angelegenheit, die im Club ein wenig fehl am Platze wäre. Das Presseinfo beschreibt den KILN-Sound so: „It is an aural feast on headphones, and a perfect companion for a stroll through auburn fields.“ Und auf der KILN-Website findet sich folgender Satz: „KILN construct radiantly textured soundfields that envelope and immerse the listener in a panoramic smudge of chromatic rhythms and syncopated tones.“ Man darf sich „Dusker“ aber keinesfalls als hippieeske Sphärenmusik vorstellen, zu deren Genuß die Einnahme halluzinogener Pilze notwendig ist. Vielmehr entwickelt sich aus minimalen Beats, klickernden Synthies, klassisch anmutenden Pianoparts und dunkel getönten Melodiefragmenten ein wohliger, warmer Sog, aus dem zunächst flächig scheinenden Klangteppich lösen sich dynamische Elemente, die den Tracks überraschende Wendungen geben. „Dusker“ läßt die Blätter tanzen und treibt den Herbstnebel vor sich her. Also doch mal mit mobilem Musikabspielgerät durchs Feld wandern...


» www.kilnaudio.com
» myspace.com/kilnaudio



Future Sounds of Jazz Vol. 11
(Compost)

Future Sounds of Jazz Vol. 11

Das Münchner Label Compost Records ist seit seiner Gründung 1994 ein Garant für moderne, qualitätsbewußte Dance- und Loungeproduktionen. Daneben kann man sich rühmen, völlig unabhängig zu agieren, Compost gehört zu den verdienten deutschen Independentlabels, die sich nicht von „der Industrie“ vereinnahmen ließen. Zu den bekanntesten Compost-Veröffentlichungen gehören die von Rainer Trüby zusammengestellten „Glücklich“-Compilations, die die Begeisterung für sogenannten Brazilectro hierzulande maßgeblich beeinflußten. Mindestens ebenso bekannt und erfolgreich ist die Compilationreihe „Future Sounds of Jazz“, die von Labelchef Michael Reinboth betreut wird. Reinboth ist selbst DJ und weiß genau, worauf es bei einer Clubplatte ankommt. Die Bezeichnung „Jazz“ ist in diesem Zusammenhang etwas irreführend, denn die mittlerweile elfte Ausgabe der „Future Sounds“ präsentiert wie gewohnt wegweisende House-, Funk- und Elektrotracks, die wenig mit Jazz im herkömmlichen Sinne zu tun haben. Reinboth spannt den Bogen weit, versammelt Raritäten und bisher unveröffentlichte Stücke von Acts wie Koop, Blackjoy, Dennis Ferrer, Yanna Valdevit und vielen anderen. James Din A4 samplen Big-Band-Drumsounds, Zeynap Erbay läßt auf „Flowers“ die Beats fröhlich bouncen, The Invisible Session präsentieren mit „Till the End“ soul-beeinflußten Vocalhouse und Wojtek Urbanski mixt auf seinem passenderweise „Violet Violin“ betitelten Track einen Himmel voller Geigen mit groovenden Discotunes. Wenn das die Zukunft des Jazz ist, findet sie auf der Tanzfläche statt!


» www.compost-rec.com



Zehn Jahre Shit!

Strike 88

Und zum Schluß ein Jubiläum: Shitkatapult aus Berlin, home of Daniel Meteo, Sun Electric, Fenin, Das Bierbeben und vielen anderen wird zehn Jahre alt! Nebst dem mehr auf härteren Elektroclash ausgerichteten Tochterlabel Musick versorgt man Club-Connaisseure mit erlesenem und außergewöhnlichem stuff, an den sich sonst kaum jemand rantraut – mit stetig wachsendem Erfolg und Renommée. Gefeiert wird das Jubiläum mit einer fetten Compilation (Strike 88) mit Tracks von Fenin, Helge Schneider, T.Raumschmiere, Dirty Dishes, Rainald Grebe und Studio Braun.

Lest hier ein kurzes E-Mail-Interview mit den drei lustigen vier von Shitkatapult:

Hättet Ihr jemals gedacht, dass Shitkatapult so alt wird?

Shitkatapult: Wir haben nicht mal gedacht, daß wir selbst so alt werden.

Welches ist das bis dato wichtigste/erfolgreichste Shitkatapult-Release?

Shitkatapult: Das wichtigste Release ist unsere Smash­shitstrink­lieder­kultur­compilation­cd strike 88, weil erstmal immer das aktuellste Release das tollste und wichtigste ist und weil wir damit bewiesen haben, wie toll es sein kann, dass es Labels gibt und nicht nur itunes, myspace, google und Mc Donalds. Das erfolgreichste Release war Apparat - Walls (strike 84 aus diesem Jahr).

Und das erfolgloseste?

Shit: Erfolgslose gibt es nur beim Lotto

Was wünscht Ihr euch selbst für die Zukunft? Geplante Signings, Parties, Welttourneen...

Shitkatapult: Ich wünsche mir ein internationales Entschuldungsprogramm und rein musikalisch ein Entschuldigungsprogramm von Wowereit, Aoluniversal und Co. für den Mist, den sie verbacken.

Das Geheimnis Eures Erfolgs:

Shitkatapult: Drei Haare eines Toten mit ausgedrückten Drachenhoden zehn Minuten auf kleiner Flamme. Das auf 'nen Cheeseburger träufeln und dann kommen die Ideen.

Obskurste Begebenheit im Lauf der letzten zehn Jahre?

Shitkatapult: Die Frage gibt es doch gar nicht!! Die Obstkurse fallen stündlich hier.

Und: wie kamt Ihr überhaupt auf den Namen Shitkatapult?

Shitkatapult: Kompakt war schon weg. Shitkatapult wurde uns vom VUT zugewiesen, einer muss den Job ja machen.

» www.shitkatapult.com