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Die Box




März 2008
Christina Mohr
für satt.org


Wohnzimmerclub
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Wohnzimmerclub
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Los, los, schnell rein in die gute Stube! Der Laden ist gerammelt voll und außerdem sind lauter berühmte Gäste da! Legendäre, große Namen wie Robert Owens, Carl Craig, The Orb, Autechre.... da will man doch nicht draußen vor der Tür rumlungern und unterm Heizpilz rauchen, oder? Also, schnell noch den Lidstrich nachziehen und großflächig Deo auftragen, denn es wird eine lange Nacht, versprochen!


Chris Joss:
Teraphonic Overdubs
(18th Street/ESL Music)

Chris Joss, Teraphonic Overdubs

Das Cover spricht Bände: die knallbunten Lichtorgelfarbscheiben, die sich blütenförmig um eine Lautsprecherbox gruppieren, bereiten unmißverständlich auf den Inhalt von „Teraphonic Overdubs“ vor. Auf 13 Tracks zieht der französische Produzent und Komponist Chris Joss alle Register von Retrofunk über Elektro bis hin zu sleazy Blaxploitation-Filmmusik. Der Opener „Magic Tubes“ und Stücke wie „Jungle Dolls“ und „Luna Rides Back“ klingen wie eine Mischung aus der Titelmelodie des „7. Sinn“ und der „flotten“ musikalischen Untermalung einer Trimm-Dich-Sendung. „Get With It“ inszeniert mit sanften Streichern romantische Cinemascope-Atmosphäre und bei „Count the Daisies“ gehen orientalisch anmutende Sitarklänge eine sehr slicke Allianz mit modischen Elektrorhythmen ein. Chris Joss liebt es, neue und alte Stile auszuprobieren und zu seiner eklektischen Funk-Disco-Mixtur zu verarbeiten. Dabei entstehen vollmundige, humorvolle Dancetracks, denen durch Sitar, Congas, Flöten und auch mal eine hardrockige Gitarre Highlights aufgesetzt werden. Joss hat vor bereits zwölf Jahren sein erstes Album „The Man With A Suitcase“ aufgenommen, dessen Titeltrack vor kurzem im Score zu „Ocean's 13“ zu neuen Ehren kam. 2002 kam „Dr. Rhythm“ heraus, auf dieser Platte experimentierte Joss mit Acid Jazz, Breakbeats und Soundtrack-Samples, zwei Jahre später entdeckte Chris Joss den Zauber der Hammondorgel, was man auf dem Album „You've Been Spiked“ nachhören kann. In den folgenden Jahren remixte Joss für Künstler wie Jody Watley und Tito Puente und schrieb den Soundtrack für „Inside Deep Throat“ (der Einfluss dieses Films ist auf dem neuen Album noch spürbar). 2005 hatte Chris Joss einen schweren Unfall, der ihn beinah seinen rechten Arm kostete – die Genesung scheint sehr erfolgreich verlaufen zu sein, denn „Teraphonic Overdubs“ klingt, als hätte Joss mindestens so viele Arme wie Shiva.


» chrisjoss.free.fr
» myspace.com/chrisjoss



Robert Owens:
Night-Time Stories
(Compost/Groove Attack)

Robert Owens, Night-Time Stories

„Robert Owens – Robert Owens – Robert Owens – who?“ raunt eine männliche Stimme im Intro zu „Night-Time Stories“ und tatsächlich ist Owens, über den das ID Magazine einst schrieb, „If God could sing, he would sound like Robert Owens“ einer der großen Unbekannten des Musikgeschäfts. Dabei ist er wegen seiner unverwechselbar samtig-warmen, verführerisch-volumigen Stimme eine nicht wegzudenkende Größe im Bereich des Vocal House. Owens ist – neben vielen Veröffentlichungen als Soloartist - auf unzähligen Dance- und Houseklassikern zu hören, zum Beispiel auf den Chicago-House-Hymnen „Mysteries of Love“, „Can You Feel It“ oder „A Path“; er veredelte Aufnahmen von Photek, Block 16 und Frankie Knuckles, vor ein paar Jahren nahm er mit Coldcut den Track „Walk A Mile in My Shoes“ auf. Owens wuchs in Chicago, später in Los Angeles auf, jeweils in den neighborhoods, wo Schießereien zwischen verfeindeten Gangs auf der Tagesordnung stehen. Der junge Robert wollte aus dieser Umgebung dringend raus, sang in Gospelchören und verdingte sich als DJ. Zurück in Chicago, legte er in kleineren Clubs auf und freundete sich mit Ron Hardy, Frankie Knuckles und anderen aus dem Umfeld des legendären Warehouse an. 1985 traf Owens den Produzenten Larry Heard, gemeinsam mit Ron Wilson gründeten sie Fingers Inc. und veröffentlichten wegweisende House-Singles wie das bereits erwähnte „Can You Feel It“. Mit dem autobiographischen Track „Tears“ begann Robert Owens' Karriere als gefragter House- und Clubvocalist; Producer und Musiker aus aller Welt gaben sich die Klinke in die Hand, um Owens als Gastsänger zu gewinnen. Nach über zwanzig Jahren als „geheimnisvolle Stimme“ war es nun an der Zeit für ein genuines Robert Owens-Album mit neuen Tracks, die ihm von Kollegen wie Jimpster, Ian Pooley, Kid Massive, Wahoo und Charles Webster auf den eleganten Leib komponiert und produziert wurden. Im Zentrum der „Night-Time Stories“ steht, wenig verwunderlich, Owens' Stimme, die mal in ein lässig-groovendes Discokleid verpackt wird („Now I Know“, produziert von Atjazz), mal über einem federnden Clubtrack schwebt („New World“/Simbad) oder sich gegen einen derb stampfenden Technobeat behaupten muss („Only Me“/Kid Massive). Höhepunkte des Albums sind der von Wahoo produzierte Song „Happy“, der ganz dem positiven, lebensbejahenden Pop-House der frühen Neunziger verpflichtet ist (Textprobe: „Happiness is the only thing that really matters – I'm happy with me“) und das soulfulle „I'm Chained“, für das Ian Pooley verantwortlich zeichnet. Überhaupt sind die Lyrics vorwiegend lebensbejahend und very supportive, „keep on achievin', keep on believin', be strong“ heisst es einmal und man nimmt Owens sofort ab, dass er es ernst meint damit. Über zehn Minuten tiefbassigen Hypno-House gibt es bei „Merging“, das von Nuno Dos Santos & TJ Kong gebastelt wurde. Mit den „Night-Time Stories“ werden House und Clubgrooves nicht neu erfunden, aber jeder einzelne Track ist eine schimmernde Perle, gebettet auf dunklen Samt. Und wenn Gott wirklich mit Robert Owens' Stimme singt, sollte die Erde eigentlich ein Paradies sein.


» www.compost-rec.com



The Orb
The Dream
(Stereo Deluxe/edel)

The Orb, The Dream

Jimmy Cauty und Duncan Robert „Dr.“ Alex Paterson alias The Orb sind Pioniere des Ambient House. Eine der ersten Orb-Releases war der 23 Minuten lange Track „A Huge Ever Growing Pulsating Brain That Rules From The Centre Of The Underworld“, die Song „Blue Room“ aus dem Jahr 1992 hatte eine Spieldauer von nicht weniger als 40 Minuten und hält bis heute den Rekord als längste Single, die es jemals an die Spitze der britischen Charts schaffte. The Orb gelten als Ikonen des britischen Rave, doch im Gegensatz zu Mitstreitern wie The Prodigy oder Chemical Brothers setzten Paterson und Cauty (Cauty verliess The Orb bald, um KLF zu gründen. Für ihn kam der Ex-Killing-Joker Youth, später war Thomas Fehlmann zeitweise Mitglied von The Orb) weniger auf amphetamininduzierte Elektro-Beatgewitter, sondern hoben mit ihrem psychedelisch wabernden Trance, der zuweilen regelrechte Rock-Reminiszenzen zeigte, Zeit und Raum auf. The Orb waren immer ein bisschen spacig-hippieesk, Blumenkinder im Technolabor, die wundersame Blüten züchteten. Die ganze Geschichte von The Orb ist zu lang, kompliziert und verzweigt (passend zu ihrer Musik also), um sie hier zu referieren. Schwenk in die Jetztzeit: 2005 baute Mr. Youth ein neues Studio in seinem Garten, das er „The Dreaming Cave“ nannte. Er rief seinen alten Kollegen Dr. Paterson an und in der Traumhöhle begannen bald die Arbeiten am neuen The Orb-Album, dessen kompletter Titel lautet: „The Future Academy of Noise, Rhythm and Gardening Presents... The Dream“. Typisch The Orb also, organisch gewachsen und ökologisch wertvoll. Die 15 Tracks - mit durchgängig moderaten Längen – basieren auf entspanntem Dub, wohltemperierte Elektronikloops wabern und zirkulieren, es zischt und knistert, dazu erklingen viele Stimmen: Samplings aus dem Radio, dem Fernseher, dem Raum? „Stay Tuned to this Channel“ heisst es in „Katskills“, an anderer Stelle wird das „Phantom of the Ucraine“ gesucht und beschworen. Das Ganze wird abgeschmeckt mit Indian- und African Vibes, was den Wellnessfaktor noch erhöht. Dafür gewinnt man heutzutage zwar keinen weirdness-award, aber Tracks wie „A Beautiful Day“ mit Gastsängerin Juliet Roberts oder „Lost & Found“ mit Toaster Eric Walker a.k.a. The Corporal beweisen, dass die Trance-Hippies von einst den Weg in die Neuzeit unbeschadet gefunden haben.


» www.theorb.com



Carl Craig:
Sessions
(!K7)

Carl Craig, Sessions

Carl Craig ist Techno-DJ und -Produzent der sogenannten „zweiten Generation“, also einer derjenigen, die von den Detroit-Techno-Pionieren Derrick May, Juan Atkins und Kevin Saunderson gelernt haben – Craig, Jahrgang '69, begann Mitte der achtziger Jahre in Detroiter Clubs aufzulegen. Anders als Egozentriker wie May zog es Carl Craig nie ins Spotlight, er machte sich hinter seinen Turntables fast unsichtbar, um allein die Musik sprechen zu lassen. Unter seinem Alter Ego „Psyche“ veröffentlicht er 1989 auf Transmat die EP „Crackdown“ und gründet wenig später mit Damon Booker das Label Retroactive, wo Craig unter seinem Realnamen, als BFC und als Paperclip People epochale Platten aufnimmt. Leider überlebt Retroactive die Querelen seiner Betreiber nicht und wird 1991 schon wieder aufgelöst. Ein anderer Name, ein anderes Label: 1991 gründet Craig Planet E Communications und releast unter dem Alias 69 „4 Jazz Funk Classics“, das bis heute für das Verständnis von Detroit Techno essenziell ist. Craig entdeckt – früher als viele seiner Kollegen – den Zauber des Breakbeat und begründet mit dem Track „Bug in the Bass Bin“ (zusammen mit dem Bandprojekt Innerzone Orchestra) und „Throw“ (Craig als Paperclip People) quasi ein neues Genre. Um alle Projekte und Erscheinungsformen Craigs innerhalb seiner über 20-jährigen Karriere aufzuführen, bräuchte man mehr Platz und Zeit, als uns hier zur Verfügung steht. Aber Hilfe und Aufklärung naht mit der sehr guten Werkschau „Sessions“, die jetzt bei !K7 als Doppel-CD-Album erscheint. „Sessions“ versammelt Hits wie die schon genannten „Throw“ und „Bug in the Bass Bin“ und neue Stücke und Spezialversionen älterer Craig-Tracks, legt den Schwerpunkt aber – und wird so der Bescheidenheit CC's gerecht – auf Craigs Remixe von Songs der Junior Boys, Beanfield, Chez Damier, Cesaria Evora (!) und anderen, darunter eine umwerfende Version des ohnehin schon sehr zwingenden „Oscillator“ von Theo Parrish. Craigs große Kunst besteht darin, Tracks nicht kaputt zu produzieren, er selbst sieht im Remixen die Möglichkeit, „einen Song von Grund auf neu zu interpretieren.“ Seine Herangehensweise ist voller Soul und Grandezza; agile Elektronik trifft auf tiefste Bässe und hypnotische Loops, die die ganze Tiefe und Schönheit dessen offenbaren, was Techno sein kann. Und wer sich mal wieder so richtig um Kopf und Kragen tanzen will, sollte Craigs Remix von Francesco Tristanos „The Melody“ anwählen: Kommt mit jeder Menge dramatischer bridges, Piano-Einsprengseln, Discobeat und allem pipapo.


Außerdem neu, wichtig
und manchmal sogar tanzbar:

Body Language Six Mixed by Junior Boys (Get Physical)

Hier sprechen Label, Reihe und Künstler eigentlich für sich: Die Get Physical-Betreiber aus Berlin haben das kanadische Elektropopduo Matt Didemus und Jeremy Greenspan, better known as Junior Boys, eingeladen, um die sechste Ausgabe von „Body Language“ zusammenzustellen. Auf 19 Tracks zeigen die beiden Boys ihre Dance-Vorlieben, die einen stark balearisch geprägten Ton aufweisen, sie mixen Radio Slaves „Screaming Hands“ in „Life's a Beach!“ von Studio, lassen Visages „I'm Still Searching“ ihrem eigenen Song „No Kinda Man“ vorangehen und featuren Chloé, Bill Nelson, Kelly Polar und viele mehr. Exquisites High-Class-Vergnügen!


» physical-music.com
» www.juniorboys.net



Warp Records bringen uns das neue Autrechre-Album, das in einem sehr schicken blauen Cover daherkommt – innen drin stecken fragmentierte minimalistische Elektrobeats, kubistisch und hyperaktiv auf 20 Splittertracks verteilt. Nichts fürs gemütliche Frühstück am Sonntagmorgen. Nur für Profis.


» ww.autechre.ws



Jan Jelineks Schaffen ist schier grenzenlos – unter vielen Namen, oft sogar unter seinem eigenen, arbeitet sich der Berliner durch alle Spielarten der Elektronik. Sein Minimal-Drone-Album „Tierbeobachtungen“ erschien vor gut einem Jahr, den Live-Remix „HUB-Tierbeobachtungen“ gibt es nun exklusiv und digital bei Scape Music. Die Remixe entstanden am 17.1.2007 beim Konzert in der Zentralen Randlage in Berlin, mitgewirkt haben unter anderem Pole, Thomas Fehlmann, Andrew Pekler und Frank Bretschneider.


» www.scape-music.de