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Die Box




September 2006
Christina Mohr
für satt.org


Trondheym
(nrw records)
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Jazztravels: Compiled by Casbah 73
(Hitop,Beats International)

Boozoo Bajou: Juke Joint II
(!K7)
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Capones: Mistico Capital
(Soulfire)
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Wohnzimmerclub
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Wohnzimmerclub
– Part Five –
Summer's Gone

Der heiße Sommer verabschiedet sich, kann man machen, was man will. Also sollte man die verbleibenden langen Abende nutzen, schon mal ein Deckchen einpacken und mit den hier vorgestellten vier Platten das beste aus dem herandräuenden Herbst machen. Kann aber alles gar nicht so schlimm werden, versprochen.

Trondheym
www.trondheym.com

cover

Trondheym sind der Trompeter nikolausneuser und Gitarrist gerhardschmitt (jeweils zusammengeschrieben, bitte), die beiden arbeiten mit analogen und digitalen Effektgeräten, um ihre Definition von Jazz zu verwirklichen. Trondheym existierte zunächst als reines Liveprojekt, doch die beiden Musiker wollten die beim Improvisieren auf der Bühne entstandenen Stücke festhalten – man begab sich ins Studio, um mit Samples und jeder Menge elektronischer Ingredienzien die erste Trondheym-CD aufzunehmen. Gitarre und Trompete werden zuweilen bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, um dann in anderen Stücken auf ganz konventionelle Weise wieder aufzutauchen. Lange Bläserparts werden mit gezielten Elektrotricksereien unterbrochen, Loops lassen tranceartige Stimmung entstehen.


Trondheym Live bei YouTube

Die 12 Tracks tragen einfache, eindeutige Einwort-Namen wie „Night“, „Jungle“, „Rush“ oder „Rain“ und klingen trotz der vielleicht erwünschten Archaik sehr urban und clubbig. Trondheym sind gewiß keine radikalen Trendsetter, dafür ist die Musik (im besten Sinne) zu gefällig. Neuser und Schmitt schlagen eine Brücke zwischen traditionellem Jazz und Loungesound, die Musik evoziert nicht nur durch den Bandnamen Bilder skandinavischer Landschaften. Live wird Trondheym von dem Videokünstler Macabo unterstützt - auch die deutsche Botschaft konnte sich dem trondheymschen Reiz nicht entziehen und lud die Band ein, auf dem 5. europäischen Jazzfestival in Hanoi/Vietnam zu spielen, Konzerte in China und Thailand schlossen sich an, das asiatische Publikum war begeistert. Mit Trondheym kann man vorzüglich in eine lange Nacht starten oder nach Hause kommen und chillen. Eine neue Platte ist für den Spätherbst 06 geplant, bis dahin kann man das Debütalbum genießen.

Jazztravels:
Compiled by Casbah 73

cover

Oli Stewart a.k.a. Casbah 73 hat für das spanische Label Hitop Records diesen zauberhaften Sampler kompiliert – 12 zum Teil unbekannte Jazz-, Bossa- und Latinstücke aus den 60er bis 80er Jahren sorgen für beschwingte, nostalgische Stimmung. Angefangen mit Luiz Eca & Orquesta Da Cordas, dessen streicherdominierter Bossa Nova ganz leicht aus den Boxen perlt, über Gerardo Batiz, Celia, den getragenen Bläser-Soul Archie Whitewaters oder Fernando Tordo wird hier ein ganzes Genre neu entdeckt, das man mit durch die Musik von Getz/Gilberto zur Genüge zu kennen glaubte. Casbah 73 hat zeitlose Aufnahmen aus Brasilien, England, den USA, Uruguay, Mexiko und Portugal zusammengetragen, die „Easy Listening“ zu nennen eine Anmaßung wäre. Leider ist das Album recht kurz (37 Minuten), und man muß sich rasch für Nachschub entscheiden; eine gute Wahl ist.

Boozoo Bajou:
Juke Joint II
www.boozoobajou.com

Cover

Die beiden Nürnberger Producer Peter Heider und Florian Seyberth alias Boozoo Bajou verweisen durch einen der CD beigelegten Bierdeckel (!) im Coverdesign auf die Clubtauglichkeit von „Juke Joint II“. Doch dieses Album klingt so relaxed und down-to-earth, dass man damit lieber einen Abend am See als in einem verrauchten Schuppen verbringen möchte. „Juke Joint II“ ist eine Mixcompilation und hat einen Vorläufer, das eher bluesig-dubbige Album „Juke Joint I“, auf das hier genauso verwiesen sein soll wie auf Boozoos letztjährige Platte mit eigenen Tracks „Dust My Broom“. Schließlich wollen wir ja nicht nur aktuelle Platten durchhecheln, sondern auch mal ein paar gezielte Schritte rückwärts machen. Nach hinten und auch sonst nach allen Seiten haben sich nämlich auch Heider/Seyberth umgeschaut, als sie die Tracks für JJ II zusammenstellten. Um die halbe Welt und durch mehrere Jahrzehnte geht die Reise auf dieser Platte, die mit einem Boozoo-Remix von Tony Joe Whites „Rainy Night in Georgia“ beginnt. Man bekommt außerdem softigen Soul von Mark Rae, der sein eindringliches „Medicine“ singt, knackigen Soul von den Meters, ferner eine Kooperation von Boozoo mit Oh No, ein sehr gut abgehangenes Stück HipHop namens „Back up“; federnden Old-School-Ska mit trötigen Bläsern von Light of Saba; aus Los Angeles stammen Nicole Willis and the Soul Investigators, die mit „Feeling Free“ die sechziger Jahre wieder aufleben lassen. Doch es werden auch aktuellere Stücke eingepackt wie zum Beispiel „Pflug“ von Boozoo Bajou selbst oder „Tiefenschärfe“ von Rechenzentrum aus Berlin, die man nicht unbedingt auf dieser Kollektion erwarten würde, aber wunderbar hinein passen. Downbeat von Urbs & Cutex, äthiopischer Ska von Mulatu Astatque und vielerlei ungewöhnliche Klänge und Künstler mehr machen „Juke Joint II“ zu einem der gelungensten Sampler dieses Jahres.

Capones:
Mistico Capital
www.thecapones.de

Cover

Was paßt besser zum ausklingenden Sommer als Ska mit ordentlich Bläsern und Gedöns? Schon allein deswegen sollte man den Capones, einer achtköpfigen Band aus München Gehör und Tanzbeine leihen. Obwohl es die Band in ihrer jetzigen Formation erst seit drei Jahren gibt, sind sie bereits mit Deichkind, den notorischen Busters, Clueso und vielen anderen auf Festivals aufgetreten. Ihr Album „Mistico Capital“ verrührt Latin, Calypso, Ska, Funk, Reggae und Hiphop, manchmal schwindelerregend gut, manchmal mit ein wenig gebremstem Schaum, der die deutsche Herkunft verrät. Aber an dieser Stelle soll gar nicht gemiesepetert werden, live sind die Capones die wahre Pracht, und die Platte muß man einfach laut stellen, dann tanzt man von ganz allein um die Zimmerpalme.