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Die Box




Juli 2007
Christina Mohr
für satt.org


Wohnzimmerclub
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Wohnzimmerclub
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Im SPIEGEL konnte man kürzlich erfahren, dass derzeit – vor allem in Berlin natürlich – ein neues Aufflammen der guten alten Ravekultur zu beobachten sei. Die Kids, auch die Grauhaarigen, feiern wieder, als gäbe es kein Morgen, beziehungsweise wird nach dem Morgengrauen noch lange, lange weitergetanzt. Bevorzugt in Clubs wie dem Beatstreet oder Berghain, dem neuen alten Tresor oder der Panoramabar, also nicht im Wohnzimmer, wie es diese Rubrik propagiert. Zum Nächte-, Tage- und Wochen-Durchfeiern benötigt man vor allem eins, nämlich ganz viel gute Drogen Musik, die wir an dieser Stelle bruttoregistertonnenweise anpreisen wollen.


Michael Fakesch: Dos (!K7)
www.michaelfakesch.com

Michael Fakesch: Dos

Den Anfang macht Michael Fakesch, der bis vor kurzem mit Chris de Luca das legendäre Mixerduo Funkstörung bildete. Funkstörung sind inzwischen in die ewigen Fischertechnik-Jagdgründe eingegangen und Fakesch legt mit „Dos“ sein zweites eigenes Album vor – sein erstes, „Marion“, erschien bereits 1999 und Fakesch sagt heute, es sei eher eine Ansammlung von Tracks statt eines zusammenhängenden Albums gewesen. „Dos“, das er mit Vocal-Unterstützung des Hamburger Sängers Taprikk Sweezee aufgenommen hat, wirkt alles andere als unzusammenhängend: Fakesch feiert den treibenden, coolen Funk, der mal Prince, mal Aphex Twin als Paten haben könnte. Dazu gesellen sich zielsicher eingesetzte Technoingredienzien, die an Derrick May gemahnen, aber auch das Erbe von Sly Stone oder Grandmaster Flash wird hier bewahrt. Der Opener „Escalate“ ist so straight auf den Punkt gesteuert, dass man gar nicht anders kann, als loszutanzen. Fakesch verleugnet seine Klickerklacker-Elektronikwurzeln an keiner Stelle, man merkt ihm die Liebe zur Frickelei deutlich an, die er – nicht zuletzt durch Sweezees Stimme – in knackige funky Tracks transformiert. „Blackbird“ drosselt das Tempo ein wenig, schwüle R'n'B-Sounds schwärmen lasziv aus, die schon mit dem nächsten Stück, „Complicated“ wieder auf den Tanzboden geführt, ach was, getrieben werden. Fakesch hält sein hohes Niveau 15 Tracks lang durch, was bei Danceplatten echt selten ist. Grosser Tipp!


Waldeck: Ballroom Stories
(Dope Noir/Soulfood)
www.waldeck.at

Waldeck: Ballroom Stories

Den Wiener Klaus Waldeck verbinden mit Michael Fakesch nicht nur ein paar Vokale und Konsonanten im Nachnamen, Waldeck hat sich auch einen Gesangsgast mit lustigem Namen mit vielen „e“ ausgesucht: die weibliche Stimme der Platte stammt von der Vorarlbergerin Zeebee. Damit enden aber auch schon die Gemeinsamkeiten: Herr Waldeck bevorzugt edel-abgehangene Loungesounds im Popchanson-Stil, was er in den letzten Jahren durch seine Arbeit mit Saint Privat unter Beweis stellte. „Ballroom Stories“ ist sein erstes Soloalbum seit sechs Jahren, für das er sich ein Konzept ausdachte, das zunächst ein bisschen gruselig und unpassend klingt: er nahm sich die Musik der 1920er und 1930er Jahre vor, Swing, Jazz, Tango, Kaffeehausmusik aus seiner Heimatstadt Wien und arrangierte die Songs mit authentischem Grammophon-Feeling inklusive leisem Knistern und Knacken. Dazu kommen moderne Elektrobeats, ein wenig Dub und moderate Reggaeeinsprengsel.Waldeck verbittet sich allzu nostalgische Reminiszenzen: für ihn ist die Musik der Vorkriegszeit der Sound der Emanzipation, des Fortschritts, des intelligenten Hedonismus, der durch die verkitschte Heimatromantik der Nazis zunichte gemacht wurde. Natürlich sollte man in dieses Album nicht zuviel Geschichts- und Gesellschaftskritik hineininterpretieren, denn im Vordergrund steht eine seidenmatte, leichtfüssige Zigarettenspitzenästhetik. Doch das Ergebnis ist erstaunlich stimmig und wohltemperiert, kühler Groove, bouncende Beats und kecke Swingelemente bestimmen die elf „Ballroom Stories“, die gute Chancen haben, Nouvelle-Vague-CDs aus den Kaffeehäusern respektive Cappuccinobars zu verdrängen.


Zwei Institutionen feiern sich:

Purobeach Volumen Tres
(Seamless Recordings)
www.seamless.com

Bar Lounge Classics: The Finest
(Comfort Sounds/SonyBMG)
www.comfort-sounds.de

Purobeach Volumen Tres

Die Purobeach-Ressorts auf Mallorca und Marbella gelten als Top-Reiseziele für kosmopolitische It-Girls und -Boys. International renommierte DJs sorgen für geschmackvolle Beschallung der Spas und Bars, unterstützen das gepflegte Rumlungern und Füßewippen. Viele der Purobeach-DJs sind beim Londoner Seamless-Label zuhause, weshalb es nahe liegt, dass die mittlerweile dritte Purobeach-Compilation auch von Seamless veröffentlicht wird. Das Doppel-CD-Album ist in eine Tag- und eine Nachtseite aufgeteilt, am Tag kann etwas mehr gechillt und abgehangen werden, was mit Tracks von Phil Thurston, Physics, Paradise Soul und Pretz nicht schwer fallen sollte. Sobald die Sonne untergegangen ist, darf die zweite CD in den Player: Beats und Grooves in homöopathischen Eiswürfel-Dosen heben die Hintern vorsichtig von den Sonnenliegen und – hepp, es darf mit Goloka, Soularis und erneut Physics getanzt werden. Die CDs sind in ein enorm aufwändiges, buchähnliches Digipak verstaut, ein Seamless-VIP-Kärtchen liegt ausserdem bei – ich werde mal versuchen, ob ich damit in den Purobeach-Club reinkomme ….

Bar Lounge Classics: The Finest

Es soll ja Menschen geben, die die Adel-Schickimicki-HipHopper „Die Stehkrägen“ inklusive ihres Labels „Aggro Grünwald“ nicht für einen Scherz halten. Sollten es Die Stehkrägen tatsächlich ernst meinen und als hochnäsiges und -kragiges Gegenmodell zu Aggro Berlin und seinen Prolls antreten, wird in den Grünwald-Ghetto- bzw. Villablastern gewiss nichts anderes laufen als „The Finest“ aus der Gewinnerserie bar lounge classics (Comfort Sounds). Nach 13 erfolgreichen Ausgaben, die thematisch sortiert als Bossa-, Mediterran-, Latin-, oder Cuba-Editions erschienen sind, war nun die Zeit reif für ein Best-of-Album, das – ebenso wie die „Purobeach“-Compilation – als Doppel-CD erscheint. Trotz des gewohnt furchtbaren Covers kann man nicht meckern ob der Trackauswahl: das grandiose „Foto Viva“ von Mo'Horizons sorgt für Spass im Glas und auf der Tanzfläche genauso wie die Coverversionen von „Oye Como Va“ (hier von Eliane Elias), Jefferson Airplanes „Somebody to Love“ (interpretiert von Saint Privat, siehe Herr Waldeck weiter oben; Waldeck selbst ist auch mit von der Partie: mit „Make My Day“) oder „One Step Beyond“ vom Redlounge Orchestra. Klassiker wie Gilberto/Getz/Gilbertos „Girl from Ipanema“ oder Richard Dorfmeisters „Valldemossa“ runden „The Finest“ derart zimtig-vanillig ab, dass sogar Thomas D. mit seinem „Gebet an den Planet“ kaum noch stört.


Justice: 1st Album
(Ed Banger/Warner)

Justice: 1st Album

So, jetzt waren wir aber lange genug brav und wohlerzogen, es wird Zeit für Exzess und Ausschweifung. Dabei behilflich sind gerne die beiden Franzosen Gaspard Auge und Xavier de Rosnay a.k.a. Justice, die nicht nur mittels eines superben Old-School-Covers mit mehrdimensionalem Kreuzmotiv in Gold und Schwarz überzeugen, sondern auch und vor allem mit ihrem beherzten Elektro-Rock-Hybridsound, der das Daft Punk-Konzept logisch weiterentwickelt und auf die Spitze treibt. Der Daft Punk-Link kommt nicht von ungefähr: DP-Manager Pedro Winter wurde auf Auge/de Rosnay aufmerksam und brachte die beiden auf seinem Ed Banger-Label unter, das seitdem nicht mehr über zuwenig öffentliche Zuwendung klagen kann. Die Justice-Platte knallt, schüttelt und rüttelt an den Synapsen, bis man komplett durchdreht, derber Techno geht über in quasi-klassische Streicher, die besten Momente von French- und Ibiza-House werden durchexerziert, das Studio 54 öffnet nochmal kurz seine Pforten, liebliche female Vocals und Kinderchöre werden mit Hardrock zugeschüttet. Justice samplen David Shire, Brothers Johnson und Goblin, was aber in diesem fiependen, stampfenden Discoball auch keine Rolle mehr spielt. Das alles macht zwar hypernervös, aber wenn man seine zappelnden Glieder umgehend auf die Tanzfläche führt, geht's gleich wieder besser!


Jackmate: Blackbox
(Phil e / Philpot Records)


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Jackmate, von seinen Eltern „Michael Baumann“ genannt, ist beileibe kein Newcomer: seit vielen Jahren veröffentlicht er House-Minimal-Elektro-Tracks bei Labels wie Resopal und PokerFlat und ist einer der meistbeschäftigten DJs hierzulande. „Blackbox“, das jetzt bei Philpot Records erscheint, versammelt älteres, überarbeitetes Material ebenso wie Livetracks und einige neue Produktionen. Schon vom ersten Track an („Introspective“) bricht sich Baumanns Chicago-House-Liebe Bahn, es stompt und groovt, alles in allem wenig minimal, sondern eher sehr funky. Jackmate/Baumann liebt lang hinausgezögerte Abfahrten wie in „Dynasty“ oder „Field Trip“, die sich – untermalt von technoiden Tricksereien – zu intensiven Dancefloorsmoothies entwickeln. „Jealousy“ beginnt staubtrocken und minimalistisch, vereinzelte Bläsersamples verbinden sich mit bouncenden Beats und Kirchenglocken; „Malfunction“ gerät zu einer dichten Wall of bounce und obwohl ein Track „Mentally Disturbed“ heisst, kann man bei Jackmate keinerlei Verwirrtheit, höchstens Extrem-Kreativismus diagnostizieren.


Chemical Brothers:
We are the Night
(Virgin UK/Labels/EMI)
www.thechemicalbrothers.com

Chemical Brothers: We are the Night

Höhepunkte zum Schluss: alte, immer noch nicht widerlegte Regel (für alles im Leben). Seit zwölf Jahren sind Tom Rowlands und Ed Simons als Chemical Brothers unterwegs und haben in der Zwischenzeit nichts ihres teils avantgardistischen, teils sehr chartaffinen Gespürs für die Bereiche Dance und Elektro eingebüsst. Mittlerweile gelten die Chems als alte Herren der Clubszene und sie wuchern mit diesem Pfund: mäzenartig laden sie sich jüngere Kollegen wie die Klaxons (beim Track „All Rights Reserved“) und die US-Band Midlake ein („The Pills Won't Help You“, das man mit viel gutem Willen als Reminiszenz an „The Drugs don't Work“ von The Verve hören kann), damit diese ihr Album mit der nötigen jugendlichen Credibility versorgen. Hoffnungsvolle Solokünstler wie Ali Love und Willy Mason bekommen Gastauftritte, sollen ja auch nicht verhungern. Bei „A Modern Midnight Conversation“ erklingen Kuhglocken und Discofanfaren, „We Are the Night“ zitiert frühen Achtziger-Elektro-Wave, „The Salmon Dance“ hiphoppt fröhlich vor sich hin und lässt beinah die daisy age wieder aufleben. „We are the Night“ ist ein souveränes Popalbum zweier souveräner Elektrochemiker.