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Die Box




9. November 2012
Thomas Vorwerk
für satt.org

Cinemania-Logo 84:
November 2012

Schon wieder ein Cinemania, um mit den Heerscharen von Filmen fertigzuwerden.


Pieta

Pieta
(Kim Ki-duk)

Südkorea 2012, Buch, Schnitt: Kim Ki-duk, Kamera: Jo Young-jik, Musik: Park In-young, mit Lee Jeong-jin (Lee Kang-Do), Cho Min-soo (Jang Mi-sun), Jin Yong-uk (Shop Owner in Wheelchair), Kang Eun-jin (Hoon-Chul's wife), Woo Gi-hong, Jo Jae-ryong, Lee Myung-ja, Heo Joon-seok, Kwon Se-in, Song Moon-soo, Kim Beum-joon, Son Jong-hak, 104 Min., Kinostart: 8. November 2012

Im halbdokumentarischen Arirang konnte man alles über Kim Ki-duks psychische Probleme erfahren, die dazu führten, dass der vielfach preisgekrönte koreanische Regisseur seinen Beruf beinahe ganz an den Nagel hängte. Eine Erhängungsszene hätte einer Schauspielerin um ein Haar tatsächlich das Leben gekostet, und die Schuld an dem (glimpflich verlaufenen) Drehunfall ließ Kim am Sinn seines Schaffens zweifeln. Man kann darüber streiten, ob Arirang sehenswert ist, sicher ist aber, dass die filmische Selbsttherapie für Kim Ki-duk funktioniert hat. Denn er hat danach nicht nur einen neuen Spielfilm gedreht (der in Venedig ausgezeichnet wurde), der neue Film (übrigens bereits der zweite seit Arirang) beginnt außerdem ... mit einer Erhängungsszene!

Diesmal ist es sogar ein Rollstuhlfahrer, der sich mit einer schweren Eisenkette erhängen will. Während das Sujet und die Begleitumstände also noch verschärft erscheinen, darf man aber nicht übersehen, dass die Inszenierung dieser Szene nicht mit Spezialeffekten arbeitet, sondern die Handlung sich zwischen den Bildern entspinnt. Und das ist ein auffälliges Merkmal des Films. Ob eine fast keusche Masturbationsszene unter der Bettdecke oder die zentrale Vergewaltigungsszene (sowie nicht wenige Gewaltakte) - Kim zeigt nicht mehr, wie in seinen früheren Filmen voller Splattereffekte, Tierquälerei und Sex - jetzt findet fast alles im Kopf des Betrachters statt. Was an sich positiv zu bewerten ist.

Thematisch geht es wieder um Schuld und Sühne. Wie in vielen Filmen Kims. Und offenbar ja auch in seinem Privatleben. Wie schon in Samaria bereits durch die Titelauswahl religiös aufgeladen (der Film, den Kim zwischen Arirang und Pieta dreht, hat übrigens den Titel »Amen«!). Die eigentümliche Gegenüberstellung eines Verbrechens und einer Reaktion darauf (Begriffe wie »Strafe«, »Sühne« oder »Rache« greifen bei Kim nur bedingt bzw. unscharf). Diese (bewusst schwammig umrissene) »Reaktion«, wie wir sie in unterschiedlichen Ausprägungen und Konstellationen aus Samaria, Bad Guy oder Hwal kennen, funktioniert in Pieta ganz ähnlich. Es geht um einen Schuldeneintreiber, der seine »Klienten« bevorzugt versichert, sie dann bei Nichtzahlung zum Krüppel macht und die Schulden dann per Versicherungsprämie begleicht. Für manche Schuldner ist dies sogar eine willkommene Lösung ihrer Probleme. Diesem brutalen gewissenlosen Kang-do (Lee Jeong-jin) stellt jetzt eine Frau (Cho Min-so) nach, die ihm schließlich eröffnet, seine Mutter zu sein. Ohne jetzt 75% des Films nacherzählen zu wollen, fasst dies die Gegenüberstellung mit zu erwartenden Entwicklungen ganz gut zusammen.

Nach diesen größtenteils positiven Kommentaren muss ich allerdings einwenden, dass mich Pieta weder inszenatorisch noch darstellerisch so ansprach wie Kims Meisterwerke Bin-Jip oder Frühling, Sommer, Herbst, Winter - und Frühling. oder auch nur seine sperrigen Frühwerke wie Seom (Die Insel) oder Adress Unknown. Man erkennt vieles wieder (der Aal mit der Telefonnummer, Kritik an Materialismus und Industrialisierung), aber das Ganze wirkt wie ein dritter Aufguss. Ein dritter Aufguss von Kim Ki-duk ist um vieles stärker als 85% der filmischen Konkurrenz, aber ich bin halt schwer zu befriedigen. Kim ist wie ein Fussballprofi, der nach schwerer Verletzung gerade aus dem Krankenhaus entlassen wurde, aber von seiner Topform noch diverse Trainingseinheiten entfernt ist. Immerhin ist es ein Happy End, dass er nicht - wie einige Figuren in Pieta - mit bleibenden Schäden zurückkehrte. Ein Vollblutfußballer wie Raúl könnte wahrscheinlich noch mit Beinprothese 95% der Menschheit schwindelig spielen. Und in eine ähnliche Preiskategorie gehört auch Kim.

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Das Schwergewicht

Das Schwergewicht
(Frank Coraci)

Originaltitel: Here comes the Boom, USA 2012, Buch: Kevin James, Allan Loeb, Rock Reuben, Kamera: Phil Meheux, Schnitt: Scott Hill, Musik: Rupert Gregson-Williams, mit Kevin James (Scott Voss), Salma Hayek (Bella Flores), Henry Winkler (Marty Streb), Greg Germann (Principal Betcher), Joe Rogan (Himself), Gary Valentine (Eric Voss), Charice (Malia), Mookie Barker (Assistant Principal Elkins), Jackie Flynn (Joe Duffy), Nikki Tyler-Flynn (Molie Streb), Melissa Peterman (Lauren Voss), Thomas C. Gallagher (Peter Voss), Frank Coraci (Disoriented Gym Patron), 105 Min., Kinostart: 8. November 2012

Im Zusammenhang mit diesem Film habe ich ein interessantes Phänomen beobachtet. Manche Fernsehsender nehmen ja für Eigenwerbung gerne Promis auf, die dann »We love to entertain you« oder ähnlich tiefsinnige Phrasen in die Kamera hauchen. Nach neun Staffeln The King of Queens ist Kevin James dem Pro7-Publikum bestens vertraut, und so tauchen kurz vor Kinostart Filmchen auf, in denen Kevin James offenbar Popcorn-schmatzend für Pro7 Werbung macht. Relativ subtil trägt er dabei aber jeweils ein T-Shirt, auf dem in fetten Buchstaben »Here comes the Boom« steht. Inwiefern der durchschnittliche Pro7-Zuschauer kapiert, dass dies der Originaltitel des in Deutschland als »Das Schwergewicht« anlaufenden Films ist, kann ich nicht beurteilen, aber in Sachen subtiler Doppelwerbung dürften die selben Filmchen bei irgendwelchen US-Sendern sicher den Filmtitel ohne große Mehrkosten weiterverbreiten.

Kevin James feilt seit einigen Jahren an seiner Kinokarriere. Zuerst begann das mit Hitch, wo er noch eine Nebenrolle neben Will Smith bekam. Doch den Weg zu Hauptrollen ebnete ihm sein Freund Adam Sandler, der ihm nicht nur Winzrollen in 50 First Dates und You don't mess with the Zohan verschaffte, sondern auch eine quasi gleichberechtigte zweite Hauptrolle in I now pronounce you Chuck and Larry. Fortan produzierte Sandler die meisten Kevin-James-Filme wie Paul Blart: Mall Cop, Zookeeper oder jetzt Here comes the Boom. Und nebenbei durfte James auch bei Sandler-Buddy-Filmen wie Grown-Ups oder Hotel Transylvania mitspielen bzw. seine Stimme leihen. Wenn James zwischenzeitig mal »fremdging« wie bei The Dilemma, erkannte man zwar die Bewegung in Richtung »anspruchsvolle Rolle«, doch das Ergebnis fiel bei Kritik und Publikum durch - weshalb für 2013 auch bereits zwei weitere Kevin-James-Filme angekündigt sind, bei denen Adam Sandler produziert bzw. auch einmal mitspielt (Grown-Ups 2).

Nun verbindet James und Sandler ja der Hang zu einem gewissen infantilen Humor, und auch ihre Rollen konzentrieren sich auf den liebenswerten Verlierertypen, der dann oft aber doch mal Glück hat. Und solange man damit die Miete bezahlen kann und hin und wieder auch eine Villa für die Lieblingstante mit abfällt, ist das ja ganz in Ordnung so.

Wer Sandler oder James nicht besonders mag, wird nicht in ihre Filme gehen (und deshalb womöglich Punch-Drunk Love verpassen), so wie es früher ähnlich bei Dudley Moore, Gene Wilder oder Eddie Murphy war. Und wem es einen Kinobesuch wert ist, dem kann man nur sagen, dass Here comes the Boom auch nicht viel besser oder schlechter als die anderen Filme des Hauptdarstellers sind. Oder des Regisseurs (Frank Coraci drehte bereits Zookeeper mit James, drei Filme mit Sandler, darunter The Wedding Singer, und Around the World in 80 Days - alles harmlose Familien-Unterhaltung).

Die Geschichte dreht sich um einen recht verantwortungslosen Biolehrer, dem plötzlich ein Rückgrat wächst. Und um den Musikunterricht eines Kollegen zu retten, will er einige Kämpfe in Mixed-Martial-Arts verlieren. Nebenbei bekommt er so vielleicht eine Chance bei der (für ihn) viel zu gutaussehenden Schulkrankenschwester (Salma Hayek), viel mehr ist nicht zu berichten.

Die Besetzung des Films bringt auch keine Überraschungen. Salma Hayek spielte schon bei den Grown-Ups mit, Henry »Fonzie« Winkler taucht in vier Filmen Frank Coracis auf, der Bruder der Hauptfigur wird von Gary Valentine gespielt (der in The King of Queens quasi die selbe Rolle hatte, und für den öfters eine Rolle in James-Filmen abfällt), den Schulleiter und Gegenspieler gibt Greg Germann (»Richard Fish« bei Ally McBeal) und die Frau des Musiklehrers spielte immerhin auch schon in elf Episoden von The King of Queens mit. Also: ein Abend mit alten Bekannten, und das ist es ja, was in Zeiten des Sequel-Kinos ein beliebtes Rezept ist.

Wer ohne Erwartungen in diesen Film geht, kann nicht enttäuscht werden. Und wer mehr als etwas Unterhaltung erwartet, hat irgendwas falsch verstanden.

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Omamamia

Omamamia
(Tomy Wigand)

Deutschland 2012, Buch: Jane Ainscough, Gabriela Sperl, Originaldrehbuch: Claudia Casagrande, Kamera: Holly Fink, Schnitt: Simon Blasi, Ueli Christen, Musik: Martin Todsharow, mit Marianne Sägebrecht (Oma Marguerita), Annette Frier (Marie), Miriam Stein (Martina), Giancarlo Giannini (Lorenzo), Raz Degan (Silvio), Giovanni Esposito (Dino), Paul Barrett (Joe), Thomas Kylau (Papst Benedict III), Felix Hellmann (Reinhold), Nadine Arents (Chantal), Jaymes Butler (Priester im Audienzbüro), Helmut Markwort (Kardinal), 105 Min., Kinostart: 1. November 2012

Dass man als Pressemokel oftmals keinen Schimmer hat, was für ein Film einen eigentlich erwartet (insbesondere, wenn man keinen gesteigerten Wert auf Vorab-Infos legt), habe ich schon mehrfach ausgeführt. In diesem Fall passte mir wahrscheinlich der Termin, und den Namen des Regisseurs hatte ich positiv in Erinnerung (wegen Fussball ist unser Leben), hätte ich gewusst, dass es abermals um eine süddeutsche Komödie um religiöse Themen geht (vergleiche die Verrisse zu Die Kirche bleibt im Dorf und Wer's glaubt wird selig), wäre ich dem Kino vermutlich fern geblieben.

Aber beginnen wir mit den positiven Aspekten des Films, wobei Marianne Sägebrecht und Giancarlo Giannini (seine Karriere spannt sich von Lina Wertmüllers Liebe und Anarchie bis zu den ersten zwei Daniel-Craig-Bond-Filmen) Erwartungen schüren und nicht komplett enttäuschen, und Annette Frier, die ich nur aus der Glotze kenne (Switch, Wochenshow, Danni Lowinski), immerhin neugierig machte. Doch was diesen (und den anderen) Darstellern so an Figuren zugeschustert wird, bleibt dann doch auf Bodenniveau. Eine »Generationen-Komödie« um Oma, Mutter und Tochter, der Plan, die Oma ins Seniorenheim abzuschieben (»Das ist eigentlich kein Altersheim [...] Das ist eine riesige Warteschleife!«) und dann die allein in Rom herumirrende Großmutter, die sich dann aber erstaunlicherweise besser dort zurechtfindet als die kontrollfreakige Tochter gedacht hätte. Überraschungen gibt es hier keine. Zumindest keine positiven.

Die ganze Katholikenkiste wird dann auch nochmal abgespult, die vermeintliche Studentin, die in Rom wohnt, arbeitet als Kellnerin und lebt in wilder Ehe mit einem Rockstar, der die gemeinsame Wohnung mit leichtbekleideten Nonnen bemalt hat. All das hat in den 1960ern keinen mehr geschockt, aber der Film tut so, als ob Marianne Sägebrecht (die übrigens auch erst knapp im Rentenalter ist) dadurch komplett überfordert sein müsste.

Der oder das einzige, was hier überfordert ist, ist der Film selbst, der niemals soviel Drive aufbringt, dass man über seine kaum kaschierten Mängel hinwegsehen müsste. Das fängt damit an, dass Omamamia wahrscheinlich der einzige Film ist, der nicht in Kanada gedreht wurde, zu Beginn aber so tut, als spiele er dort (meistens ist es genau umgedreht). Nicht nur muss man als Zuschauer schon ein bisschen aufpassen, um überhaupt mitzubekommen, dass die Anfangsszenen in Kanada spielen sollen, noch schlimmer ist es, dass es für den Film eigentlich nicht den geringsten Unterschied macht, ob die erste Viertelstunde in Kanada, Kyoto oder auf dem Planeten Kathologica spielt. Das einzige, was uns dieser Spielort bringt, sind selten blöde Dialoge, die mit der englischen Sprache liebäugeln, dabei aber immer befürchten, Teile des deutschen Publikums dabei zu verlieren (»It's our wedding anniversary!« - »Ja, wir haben heute Hochzeitstag!«). Dabei kann man schnell Kopfschmerzen bekommen ...

Dann geht es weiter nach Rom, wobei ein vermeintliches Papstattentat mit Pfefferspray wohl noch die überzeugendste Existenzberechtigung des Films darstellt. Stattdessen lernen wir einige Italiener kennen, die im günstigsten Falle verschmitzt aber verlogen sind. Und im ungünstigeren Fall eben unstete Rockstars. Wobei die Definition, die dieser Film für den Begriff »Rockstar« bemüht, etwa so klingt: Nicht mehr ganz junger, aber passable aussehender Herr, der jeden Abend in der Kneipe musiziert, in der seine Freundin als Kellnerin arbeitet.

Vermeintlich hochbrisante Themen wie eine Papstaudienz, ein moralisch suspektes altes Geheimnis oder die Eheprobleme der mittleren Generation besitzen die ausgefeilte Dramaturgie improvisierter Sketche. Der Film behält durchweg einen gewissen Grundcharme (aufgrund der Darsteller, von denen Paul Barrett als Joe aus unerfindlichen Gründen einen besonders positiven Eindruck hinterlassen hat), ist aber letztendlich so interessant wie die Ostergeschenke von 2011 (um beim Thema Religion zu bleiben).

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Dredd

Dredd
(Pete Travis)

UK / USA / Indien 2012, Buch: Alex Garland, Comic-Vorlage: John Wagner, Carlos Ezquerra, Kamera: Anthony Dod Mantle, Schnitt: Mark Eckersley, Musik: Paul Leonard-Morgan, Production Design: Mark Digby, Supervising Art Director: Patrick Rolfe, Kostüme: Dianna Cilliers, Michael O'Connor, mit Karl Urban (Judge Dredd), Olivia Thirlby (Anderson), Lena Headey (Ma-Ma), Wood Harris (Kay), Domhnall Gleeson (Technikguru), Rakie Ayola (Chief Judge), Rachel Wood (Control Operator 1), Jason Cope (Zwirner), Emma Breschi (Hostage), Warrick Grier (Caleb), Desmond Lai Lan (Homeless Man), Luke Tyler (Freel), 95 Min., Kinostart: 15. November 2012

Die Bedeutung von Judge Dredd für die englische Comicszene zu realisieren, dürfte Außenstehenden schwerfallen. Die mittlerweile zweite Verfilmung zeugt von der Bekanntheit und dem Potential der Figur (oder des Konzepts), und auch wenn Dredd der Comicvorlage weit stärker gerecht wird als der komplett überflüssige Sylvester-Stallone-Film, bedeutet das noch lange nicht, dass man diesen Film unbedingt gebraucht hat. Der naheliegende Vergleichsfilm ist Zack Snyders 300. Nah an der Vorlage, aber der Comic war schon suspekt, der Film ist noch viel schlimmer geworden.

Ähnlich wie Robocop erzählt Judge Dredd von einem größtenteils emotionslosen Elite-Gesetzeshüter, der in einem futuristischen Moloch gleich mehrere Rollen des Justizapparats übernimmt. »I am the Law«, die institutionalisierte Selbstjustiz. Anders als Robocop ist Dredd kein halbautomatischer Cyborg, sondern eine durch dauerndes Tragen eines Helms quasi gesichtslose Personifikation des Gesetzes. Man sollte dazu noch wissen, dass es unzählige »Judges« gibt (Robocop war ja ein Einzelstück, ein Prototyp), wovon Dredd aber ein durch seine Kampf-Fähigkeiten und seine moralische Perfektion herausstechender Held ist.

Ganz ähnlich wie bei Robocop ist der satirische Unterton gepaart mit der Gewaltverherrlichung, was schnell in den zynischen, menschenverachtenden Bereich umkippen kann. Action wird hier schnell zum Selbstzweck.

Der größte Unterschied zwischen Comic und Film ist die Dosis. Im seinerzeit mal wöchentlich erscheinenden britischen Comic-Magazin 2000 A.D. spielten sich die Abenteuer Judge Dredds zumeist in etwa achtseitigen Episoden ab (übrigens in Schwarzweiß auf billigem Papier), hin und wieder in sich abgeschlossen, aber meistens in Mehrteilern, die nach zwei Monaten abgeschlossen waren und eher locker aufeinander aufbauten. Im Film wird daraus eine actionstrotzende vergleichsweise längere Geschichte, die aber im unveränderlichen Status Quo auf der Strecke bleibt und zu einer seltsamen Missgeburt wird, die den Spagat von einer doch eher infantilen Bildgeschichte für pubertierende zu Filmklassikern wie Blade Runner (oder zumindest Robocop) schlagen will, dabei aber grandios scheitert.

Neben dem unspektakulären Regisseur Pete Travis (Vantage Point) hat man den ziemlich überschätzten Drehbuchautor Alex Garland (The Beach, 28 Days Later, Sunshine) und den durchaus überdurchschnittlich talentierten Kameramann Anthony Dod Mantle (Dogville, Antichrist, Oscar für Slumdog Millionaire) verpflichtet, und beim Betrachten des Films fragte ich mich mehrfach, warum. Das Drehbuch ist nah an der Vorlage und geradlinig, aber auch, wenn an dieser Aufgabe womöglich viele routinierte Autoren gescheitert wären - Garland liefert zu keinem Zeitpunkt etwas in irgendeiner Form über eine passable Dredd-Geschichte hinausgehendes ab. Es gibt mal einen Moment, wo der Film relativ umständlich ein moralisches Dilemma entwickelt. Aber nach etwa drei Minuten ist das größtenteils vergessen. Insbesondere dieses Detail mag durchaus sogar nah am Comic sein, doch im Medium Film funktioniert das weitaus weniger als auf Seite 6-8 einer Judge-Dredd-Episode.

Bei Anthony Dod Mantle sieht man immerhin, wie er den Raum (in 3D!) inszeniert, und aus den Passagen mit Drogenkonsum besonders farbintensive Kleinode gestaltet (die Idee einer Droge, die den Konsument in eine Zeitlupenwelt versetzt, ist immerhin sehr filmisch und ansatzweise genial, doch auch daraus macht der Film viel zu wenig). Aber für diesen überflüssigen Streifen, der auch noch größtenteils die Story des etwa ein halbes Jahr alten Actionknaller The Raid übernimmt, hätte man diese Talente nicht gebraucht. Man engagiert ja auch nicht Pablo Picasso, um eine Wand in einer vorbestimmten Farbe anzustreichen.

Verglichen mit The Raid ist Dredd immerhin nicht ganz so ärgerlich, was menschenverachtende und einfach nur dumme Szenen angeht, aber Dredd ist einfach so ein aufgeblasener, bornierter Hochglanz-Hype, dass mir doch öfters mal die Galle hochkam. Die paar guten Sprüche und das Adrenalin machen den gewaltverherrlichenden rechtslastigen Dreck nicht wett. Und wenn man dann noch (ohne nachvollziehbarer Logik) auf das Origami-Einhorn aus Blade Runner anspielt, und so richtig fett den Klugscheißer raushängen lässt, dann hatte ich für Momente das Gefühl, dass der Film mit einem richtig dumpfen Autor und einem einfallslosen Kameramann womöglich sogar erträglicher geworden wäre. Denn dann wäre das Gefühl von Enttäuschung und Verschwendung (talentmäßig) nicht so stark gewesen.

Fazit: »Negotiation's over. Sentence is death.«

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Possession - Das Dunkle in dir

Possession
Das Dunkle in dir
(Ole Bornedal)

Originaltitel: The Possession, USA / Kanada 2012, Buch: Juliet Snowden, Stiles White, Kamera: Dan Laustsen, Schnitt: Eric L. Beason, Anders Villadsen, Musik: Anton Sanko, Production Design: Rachel O'Toole, mit Jeffrey Dean Morgan (Clyde), Natasha Calis (Emily), Kyra Sedgwick (Stephanie), Jay Brazeau (Professor McMannis), Madison Davenport (Hannah), Matisyahu (Tzadok), Grant Show (Brett), Rob LaBelle (Russell), Nana Gbewonyo (Darius), Anna Hagan (Eleanor), Brenda Crichlow (Miss Shandy), Iris Quinn (Doctor), Graeme Duffy (Lab Tech), 92 Min., Kinostart: 8. November 2012

»Wenn man weiß, dass das, was man auf der Leinwand sieht, mit realen Ereignissen in Verbindung steht, so vergrößert dies unsere Ungewissheiten und Ängste.« So Sam Raimi, Produzent dieses Films (und Regisseur von Drag Me to Hell, The Gift oder der Evil-Dead-Trilogie).

Was uns hier als »wahre Geschichte« angepriesen wird, soll tatsächlich der Jahrhunderte umspannenden Geschichte eines mysteriösen Kastens entstammen. Der kleine, aber feine Unterschied besteht darin, dass alle Ungereimtheiten und Ereignisse um eine angeblich von einem Fluch verfolgte Box, die bei einer Internet-Aktion angeboten wurde, und deren Geschichte man bis zu einem 103jährigen Holocaust-Überlebenden zurückverfolgen konnte*. All dies (oder zumindest die gruseligeren Details aus der Historie des Holzkastens) fasste man zusammen und ließ es im - natürlich geringfügig »dramatisierten« - Drehbuch innerhalb eines Monats einer einzelnen Familie passieren. Mit dieser Herangehensweise der »zeitlichen Konzentration« um einen vierstelligen Faktor wird aus jedem Hotel ein Spukhaus und aus jeder größeren Badeanstalt ein Ort, in dem sich Wasserleichen zum Skat treffen.


* Ich mag mich irren, aber dieses biblische Alter bei einer solch dramatischen Vorgeschichte wirkt auf mich nicht eben wie eine schreckliche Pechsträhne, sondern eher wie das Gegenteil!

Also vergessen wir den Schmarrn um die »wahre Geschichte« gleich wieder, genauso wie die plakative Mär aus dem Presseheft, dass die Filmemacher zwar gern ihren Film auf jener »realen« Box aufbauten, aber sie (die Box) dann doch lieber nicht selbst inspizieren wollten (trotz Offerte des aktuellen Besitzers), weil ... man weiß ja nie! Wenn sich sogar Regisseur und Produzent vor der Box fürchten ... so ist das für den potentiellen Kinobesucher meines Erachtens ein Zeichen, das Kino lieber zu meiden. Denn ... man weiß ja nie!

Die Geschichte des Films (losgelöst von PR-Aktionen) dreht sich nicht nur um die Box, in der neben verstaubtem Tand wie einer toten Motte und einem alten Zahn auch ein »Dibbuk« hausen soll, sondern sehr schnell um die kleine Emily, die ihren Vater das gute Stück bei einem »yard sale« erstehen ließ, und die sich nun recht eigentümlich verhält, was später zu einem zur Abwechslung mal jüdischen Exorzismus führt. Nebenbei läuft vieles wie in zahllosen Filmen: Die Eltern (Jeffrey Dean Morgan und Kyra Sedgwick) leben getrennt, zwischen dem liebevollen Vater dem neuen Stecher der Mutter kommt es zu Spanungen, und die kleine Emily ist gleichzeitig unschuldiges, zu beschützendes Opfer und mitunter schaurig dreinblickende Fratze des in ihr innewohnenden Dämons (und Darstellerin Natasha Calis kann gar nicht mal talentlos der Riege früherer Kinderdarsteller nacheifern, die von Village of the Damned über The Exorcist und The Omen bis zu Insidious - oder was es seitdem bereits wieder gab - mit irrem Blick in die Kamera stierten).

Bei alledem ist der Film erstaunlich überraschungsfrei. Der Stiefvater ist Zahnarzt und in der Box lag ein Zahn? Nachtigall, ick' hör dir trapsen bzw. Beißwerkzeuge, ick' seh dir schwinden ...

Anfänglich denkt man noch, es könne eine interessante psychologische Unterfütterung geben, wenn Emily skandiert »Is my box okay? I don't want anyone to touch it!« (smells like Pandora ...) und zwischenzeitig gibt es mal einen Abstecher in Komödiantische, wenn Vater Clyde, ein wenig überfordert, dem besessenen Kind Stubenarrest verordnen will (aufgrund der kontextuellen Einbindung beste Dialogzeile: »You're grounded for the rest of the weekend!«), doch letztendlich läuft alles wie in 31 Filmen nach dem selben Strickmuster, mit aus großer Entfernung absehbarem Schlussgag und - größte Errungenschaft - ein paar Spielereien auf der Tonspur und einer Filmmusik zwischen Bernard Herrmann und Jaws.

Was den Film in meinen Augen noch ungemein aufwerten könnte, wären ein paar deleted scenes auf der DVD, die uns zum einen den Auftritt eines angedeuteten - besessenen - Waschbären und die - sich logisch aufdrängende - Hintergrundgeschichte des bereits erwähnten Schlussgags bieten könnten. Das ist aber mehr hoffnungsvolles Wunschdenken als auf realen Ereignissen basierend.

Demnächst: Zu Nikolaus die Stiefel rausstellen!