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Die Box




19. März 2009
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Slumdog Millionär (R: Danny Boyle)
Slumdog Millionär (R: Danny Boyle)
Slumdog Millionär (R: Danny Boyle)
Bilder © 2009 PROKINO Filmverleih GmbH
Slumdog Millionär (R: Danny Boyle)
Slumdog Millionär (R: Danny Boyle)
Slumdog Millionär (R: Danny Boyle)


Slumdog Millionär
(R: Danny Boyle)

UK 2008, Originaltitel: Slumdog Millionaire, Casting, Co-Regie: Loveleen Tandan, Buch: Simon Beaufoy, Lit. Vorlage: Vikas Swarup, Kamera: Anthony Dod Mantle, Schnitt: Chris Dickens, Musik: Allah Rakha Rahman, mit Dev Patel (Jamal K. Malik), Tanay Hemant Chheda (Middle Jamal), Ayush Mahesh Khedekar (Youngest Jamal), Anil Kapoor (Prem Kumar), Irrfan Khan (Police Inspector), Madhur Mittal (Older Salim), Ashutosh Lobo Gajiwala (Middle Salim), Azharuddin Mohammed Ismail (Youngest Salim), Freida Pinto (Latika), Tanvi Ganesh Lonkar (Middle Latika), Rubiana Ali (Youngest Latika), Sanchita Choudhary (Jamal's Mother), Saurabh Shukla (Sergeant Srinivas), Mahesh Manjrekar (Javed Khan), Mia Inderbitzin (Adele), Raj Zutshi (Director), Chirag Parmar (Young Arvind), Siddesh Patil (Older Arvind), Feroz Abbas Khan (Amitabh Bachchan), 120 Min., Kinostart: 19. März 2009

Was soll man über einen Film wie Slumdog Millionaire noch groß sagen? Nach dem Oscar-Erfolg wurde überall die Geschichte des Films breitgetreten, vermeintliche Experten bis hin zu Günther Jauch haben ihre Meinung kundgetan, und die weltweite Begeisterung wird auch in den deutschen Kinos ihre Entsprechung finden.

Ein Film, der acht Oscars und vier Golden Globes gewonnen hat, muss ja wohl so etwas wie cineastische Elite sein, oder? Meiner Meinung nach nicht, denn in den letzten dreißig Jahren liest sich die Liste von Filmen, die vergleichbaren Platz auf dem Kaminsims umgestalten konnten, wie folgt: Lord of the Rings: Return of the King und Titanic (je 11 Oscars, 4 Golden Globes); The Last Emperor (9/4); Chariots of Fire (8/5); Amadeus (8/4); The English Patient (9/2); Shakespeare in Love, Schindler's List, Dances with Wolves, Out of Africa (je 7/3). Man mag es mir verzeihen, aber für mich ist das nicht unbedingt die Crème de la Crème der Filmkunst der letzten Jahrzehnte, aber es erscheint mir jetzt auch witzlos, aufzulisten, wie viele Oscars The Sweet Hereafter, The Ice Storm, Memento, Fight Club, Fargo, Blade Runner oder Raging Bull (und ich habe mich bei dieser Filmauswahl ganz bewusst auch auf den englischsprachigen Bereich begrenzt) "nur" bekamen.

Aber zurück zum Film. Slumdog Millionaire beginnt stark. Die nicht chronologische, aber thematisch parallel angeordnete Handlungsstruktur schärft die Aufmerksamkeit, die Gegenüberstellung einer Quizsendung mit dem Q&A eines Verhörs unter Folter weckt das Interesse. Doch das Drehbuch von Simon Beaufoy (The Full Monty, Yasmin) zeigt recht schnell eine gewisse Überkonstruktion: Sobald man das Prinzip des Films verstanden hat, wirkt vieles wie lästiges Abarbeiten, die Lebensgeschichte Jamals (nebst der Parallelkonstruktion des sich komplementär entwickelnden Bruders ...) wirkte für mich schnell sehr klischeebeladen, und wie die märchenhafte Story ihn dann von der Gosse bis zur Abschluss-Bollywood-Musiknummer emporsteigen ließ, ließ mich ebenso kalt wie die vermeintlich unvergleichlichen Bilder zwischen Slum und farbenprächtigem Fernsehstudio, zwischen Waisenhaus und Neureichenvilla.

Das soll nicht heißen, dass Slumdog Millionaire ein Film ist, der einen nicht zwei Stunden lang ziemlich gut unterhält, der einige nette Ideen hat und dessen Story durchaus interessant ist, aber das vielbeschriebene "cineastische Curry" (wenn Presseagenturen sich an Alliterationen versuchen) voller "flirrender Lebensenergie" in "der extremsten Stadt der Welt" (zweimal O-Ton aus dem "Director's Statement") ist der Film für mich keinesfalls, ich könnte ohne Probleme zehn andere Filme benennen, die mich 2009 bereits mehr berührt, verzückt und mitgerissen haben, über die aber nicht so ein Medienrummel veranstaltet wurde (zugegeben, ohne die Berlinale wären es wahrscheinlich nur fünf gewesen). Und für mich ist selbst unter den acht Regie-Arbeiten von Danny Boyle, die ich persönlich gesehen habe (von den Kinospielfimen habe ich nur Millions verpasst), Slumdog Millionaire höchstens der bisher drittbeste Film des Regisseurs. Sicher eine gewaltige Verbesserung seit Sunshine (der noch weitaus oberflächlicher war), aber keineswegs der filmische Überflieger, den jedermann gesehen haben muss, wie es einem das Gros der euphorisierten Schreiberlinge suggeriert.