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Die Box




20. Juli 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Insidious (James Wan)
Insidious (James Wan)
Bildmaterial: Central Film
Insidious (James Wan)
Insidious (James Wan)
Insidious (James Wan)


Insidious
(James Wan)

USA 2010, Buch: Leigh Whannell, Kamera: David M. Brewer, John R. Leonetti, Schnitt: Kirk Morri, James Wan, Musik: Joseph Bishara, mit Rose Byrne (Renai Lambert), Patrick Wilson (Josh Lambert), Ty Simpkins (Dalton Lambert), Barbara Hershey (Lorraine Lambert), Andrew Astor (Foster Lambert), Lin Shaye (Elise Rainier), Leigh Whannell (Specs), Angus Sampson (Tucker), Corbett Tuck (Nurse Adele / Doll Girl #2), Heather Tocquigny (Nurse Kelly), Ruben Pla (Dr. Sercarz), John Henry Binder (Father Martin), Joseph Bishara (Lipstick-Face Demon), Philip Friedman (Old Woman), 103 Min., Kinostart: 21. Juli 2011

Seltsamerweise erfüllt es mich irgendwie fast mit Stolz, dass ich mit Ausnahme einer Simpsons-Episode vom gesamten Saw-Kladderadatsch quasi nichts mitbekommen habe. Kritikerkollegen staffeln die diversen Filmen nach mehr oder weniger gelungenen, nach politisch oder kulturell aussagekräftigen oder eben nicht, und mich könnte es kaum weniger interessieren. Paranormal Activity habe ich immerhin gesehen, aber es ist mir ein Rätsel, warum man davon mit PA3 bereits ein zweites Sequel anschauen sollte. Vielleicht habe ich einfach zu viele schlechte Horrorfilme gesehen und gehe deshalb vorsichtshalber ein paar mehr davon aus dem Weg.

Es gab eigentlich keinen nachvollziehbaren Grund, warum ich Insidious, vom Regisseur von Saw 1+2 und den Produzenten von Paranormal Activity (was auch alles brav auf dem Filmplakat runtergebetet wird), angeschaut habe, die Kritiken waren müde, die befragten Kollegen erst recht - aber ich habe es nicht einmal bereut.

Insidious beginnt wie viele Horrorfilme unterschiedlicher Nebengleise. Hat man es mit einem Spukhaus zu tun (die Türen knartschen jedenfalls ausreichend), mit einem Poltergeist (sehr schön: die Hommage an die knorrige Baumhand am Fenster bei Hooper/Spielberg) oder gar mit einem Exorzismus? Diese Ungewissheit des Publikums nutzt der Film gleich zu Beginn des Films, wenn der Vorspann aus lauter stillen kleinen Einstellungen des leeren Hauses besteht, bei denen dann oft oder immer (nach einmaligem Betrachten gehe ich eher davon aus, dass ich einige der subtilen Details eher übersehen habe) kleine Bewegungen, Schatten, Schemen oder auftauchende Fußabdrücke auf irgendwelche Zwischenwesen oder das verwunschene Haus hinweisen.

Der Film bedient also zunächst die üblichen Hebel, doch schon beim chaotischen Familienfrühstück wird angedeutet, dass der Zusammenhalt der Familie sich später gegen die übernatürlichen Gefahren beweisen muss, über lange Strecken geht es auch um eine Ehekrise, die sich unter anderem daran aufhängt, ob Josh (Patrick Wilson, u. a. bekannt aus Little Children und Watchmen) der irrationellen Angst seiner Frau Renai (Rose Byrne, diese Woche auch im Brautalarm zugegen) Glauben schenkt. Denn perfiderweise kann man einige (aber nicht alle) der mysteriösen Vorkommnisse auch auf rationalem Weg erklären, und lange Zeit drückt sich Josh offensichtlich vor der Konfrontation und flieht deshalb sogar vor seiner Ehe und kommt erst spät und später vom Job nach Hause (ohne die fast obligatorische Ablenkung zur Unterfütterung der Krise).

Der Film hat regelrecht einige Knackpunkte, die ihn über das Gros ähnlicher Gruselstreifen hinwegheben. Nach einigem Brimborium wie umgestellten Büchern, sich von selbst öffnenden Türen und dem plötzlich aufschreienden Baby usw. kommt die größte Gefahr und ein hinterhältiger Suspense ausgerechnet durch ein beinahe alltägliches Detail zustande. Nachdem Renai (und mit ihr der Zuschauer) bereits ausreichend erfahren hatte, dass der Dachboden besonders unheimlich ist, und ein schwer erreichbarer Lichtschalter direkt zu einer angeknacksten Leitersprosse führt, ist es natürlich einer der Söhne (Dalton), der von einer einladenden Tür auf den Boden gelockt wird und ausgerechnet in ein Koma versetzt wird, das durch den Zwischentitel »three months later« schnell zum Brennpunkt des Films wird. Doch das schöne an Insidious ist, dass einen der Film immer wieder um neue dunkle Ecken führt, und selbst ein Umzug, ein Pater und ein Medium nebst zwei nerdigen Ghostbustern (einer der beiden für ein bisschen comic relief sorgenden Herren ist übrigens der Drehbuchautor) wird der Familie und dem Zuschauer vorerst die Entspannung versagen. Wobei mir persönlich beim Film positiv auffiel, dass nach dem doch eher konventionellen erstem Drittel mit dem Koma und Umzug zwar immer neue unerklärliche Phänomene auftauchen, der Film sich aber im Gegensatz zu diversen Gruselstreifen des letzten Jahrzehnts tatsächlich Mühe gibt, innerhalb seiner abstrusen Story dann doch erstaunlich viel Sinn zu machen. Nicht nur die Motivationen der Protagonisten sind nachvollziehbar, auch die der (in dieser Kritik nicht ausgeplauderten) Mächte, die die Familie zu zerreißen oder zerstören versuchen.

Was hingegen gegen den Film spricht, ist neben den etwas enttäuschenden letzten paar Minuten der Inszenierungsstil des Herrn Wan. Offenbar (diese Feststellung ist unterfüttert durch Beobachtungen von Kollegen, die sich besser im Werk des Regisseurs auskennen) neigt James Wan zur Überinszenierung. Wenn hier eine Tür knartscht, muss gleichzeitig auch noch die Kamera einen Sprung nach vorne machen, im Soundtrack eine Geige zersägt werden oder auf unterschiedliche andere Weisen versucht werden, den Betrachter auf intensive Weise mit dem Geschehen zu verbinden. In den gelungenen, packenden Passagen des Films lässt man dies mit sich geschehen, aber angesichts des überschaubaren Body Counts und der zumeist übersinnlichen Bedrohung kann der Overkill an Inszenierung auch extrem nerven. Wenn ich den Film etwa mit den jüngst wiedergesehenen Horrorfilmen Hitchcocks vergleiche, so fällt auf, dass Hitch beispielsweise ganz akzentuiert und an wenigen zentralen Stellen die Tonspur einsetzt, während James Wan offenbar versucht, den Kinogänger dauerhaft unter Strom zu setzen (schon beim Schwarzweiß-Intro mit rotem Schriftzug und den beschriebenen Vorspannbildern), was aber einfach nicht klappt. Ein dauerhaft präsentes Inszenierungsdetail hätte aber wahrscheinlich auch Sir Alfred gefallen: Insidious spielt wie viele Horrorfilme gern in der Nacht oder im Dunklen. Und es ist schon bemerkenswert, wie der Film ausgeleuchtet ist (offenbar auch mit nachträglicher Bildbearbeitung): Da gibt es teilweise große offene Räume, in denen sich im dunklen etwas unerklärliches abspielt, und wenn Josh oder Renai dann teilweise mehrere Lampen anschalten, sticht das Weiß dieser Lichtquellen fast grell in die Augen, während sich das beinahe fassbare Dunkel im Raum nur graduell ändert. Natürlich sind das nur miese Taschenspielertricks, aber die Atmosphäre des Films gewinnt dadurch stark. Und hier zeigt sich vielleicht auch der Bezug zu Paranormal Activity: Manchmal sind die stärksten Szenen dieser beiden Filme jene, in denen man eigentlich gar nichts sieht. Aber als Betrachter dennoch suchend die Augen herumirren lässt, ob man nicht irgendwas übersehen hat. Diese (leider nicht abendfüllende) Situation hat James Wan zur Kunstform perfektioniert. Man kann nur hoffen, dass er in seinen nächsten Filmen zur Unterstützung der vorhandenen Talente auch so was wie Subtilität oder Understatement entdeckt. Denn oft ist weniger eben mehr.