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Die Box





23.05.2004

Lyrik.Log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
(2003-2005).
Herausgegeben
von Ron Winkler.

99: Oswald Egger
98: Arne Rautenberg
97: Achim Wagner
96: Uljana Wolf
95: José F.A. Oliver
94: Maik Lippert
93: Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki
92: Kurt Drawert
91: Holger Benkel
90: Brigitte Fuchs
89: Uwe Tellkamp
88: Tobias Grüterich
87: Uwe Kolbe
86: Clemens Kuhnert
85: Gerhard Falkner
84: Franzobel
83: Wojciech Izaak Strugala
82: Lutz Rathenow
81: Iain Galbraith*
80: Nicolai Kobus
79: Jürgen Theobaldy
78: Rainer Stolz
77: Wilhelm Bartsch
76: Nico Bleutge
75: Mikael Vogel
74: Raphael Urweider
73: Eberhard Häfner
72: Andrej Glusgold
71: Joachim Sartorius
70: Björn Kuhligk
69: Christopher Edgar*
68: Crauss
67: Denise Duhamel
66: Richard Pietraß
65: Norbert Hummelt
64: Nikola Richter
63: Richard Dove
62: Volker Sielaff
61: Günter Kunert
60: Hendrik Rost
59: Lydia Daher
58: Thomas Böhme
57: Florian Voß
56: Franz Hodjak
55: Adrian Kasnitz
54: Marcel Beyer
53: Steffen Brenner*
52: Rotraud Sarker
51: Sabina Naef*
50: Morten Klintø*
49: Renatus Deckert
48: Roza Domascyna
47: Jan Wagner
46: Emma Lew
45: Gintaras Grajauskas
44: Matthias Göritz
43: Paulus Böhmer*
42: Birte Wolmeyer
41: Christian Lehnert
40: Daniela Danz
39: Hauke Hückstädt
38: Ilma Rakusa
37: Gerald Fiebig
36: Anna Hoffmann
35: René Hamann
34: Oskar Pastior*
33: Tom Schulz
32: Monika Rinck*
31: Mirko Bonné
30: Said
29: Daniela Seel
28: Olga Martynova
    » Internodium
27: Helwig Brunner*
26: Lutz Seiler
25: Ulf Stolterfoht
24: Nick Riemer
23: Elke Erb
22: William Stone
21: Daniel Falb
20: Raoul Schrott*
19: Ulrike Draesner*
18: Stan Lafleur
17: Silke Scheuermann
16: Jörg Schieke
15: Jan Volker Röhnert
14: Marion Poschmann*
13: Anne Beresford*
12: Lars-Arvid Brischke
11: Bert Papenfuß
10: Volker Braun
09: Cornelia Schmerle
08: Guy Helminger
07: Michael Hamburger*
06: Hartwig Mauritz
05: Jürgen Nendza
04: Maren Ruben
03: Frans Budé
02: Friederike Mayröcker*
01: Andreas Altmann*


* mit Anmerkungen

Die Rechte an den Texten liegen, soweit nicht anders gekennzeichnet, bei den jeweiligen Autoren. (Betrifft den Zeitpunkt der Veröffentlichung)







Lyrik.Log 67



Denise Duhamel

Darüber, an exakt dem selben Tag in exakt dem
    selben Jahr wie Boy George geboren zu sein

Wir müssen nach der selben Mutter geschrien haben, scharf
     auf die selbe Gebärmutterhöhle.
Ich weiß es jetzt, wo ich lese, dass mein Geburtstag der seine ist.
Als ich zum ersten Mal sein Bild sah, ahnte ich etwas –
und fing an, seine Karriere mit Hochspannung und Missmut
zu verfolgen.

Schau, wo ich jetzt stehe und wo er!
Es gibt ein Buch, das jeden Haarschnitt von ihm dokumentiert,
während all meine imagebildenden Maßnahmen unbemerkt bleiben,
     sogar von meinen Freunden.
Ich bin zu öde, mir meine Locken rot zu färben
oder sie glätten zu lassen. Ich, ekelerregend moralisch,

dozierte über Chemikalien, wo ich besser
mit George’s Busenfreundin Marilyn hätte abhängen sollen.
Er hätte mich schon auf den richtigen Pfad gebracht:
Hör auf zu jammern und zieh dir diesen Federanzug über.
Willst du nun berühmt sein oder nicht?

In den jüngsten Artikeln behauptet Boy George, er sei
nicht wirklich glücklich. Hmm, denke ich, so wie ich.
Wenn er nach New York kommt und in Hotels
     in Gramercy Park übernachtet,
fühlt er sich vielleicht zur Lower East Side hingezogen,
läuft in meine Richtung, ohne mich zu kennen,
     ohne zu wissen warum.

Ein Interviewer fragt, ob er wünsche, eine Frau zu sein.
Aha! Ich lese gierig weiter: Und Dichter? – Ich wette,
    das würdest du mögen. –
Du müsstest nicht mehr singen, auf diese stressigen Touren gehen.
George, wir könnten tauschen. Du könntest bei mir wohnen,
etwas Privatsphäre haben, das Gefühl für dich selbst wiedererlangen.

So beginne ich meinen Brief. Lieber Boy George,
Sitzt du gelegentlich da und fragst dich, was schief gelaufen ist?
Ob es einen alles verursachenden Fehler gab?
Nun, krieg keine Krise, aber
es hat ihn gegeben.



On Being Born The Same Exact Day
    Of The Same Exact Year As Boy George


We must have clamored for the same mother, hurried for
     the same womb.
I know it now as I read that my birthday is his.
Since the first time I saw his picture, I sensed something –
and with a fierce bonding and animosity
began following his career.

Look where I am and look where he is!
There is a book documenting his every haircut
while all my image-building attempts go unnoticed, even
     by my friends.
I’m too wimpy to just dye my curls red
or get them straightened. I, sickeningly moral,

talked about chemicals when I should have been
hanging out with George’s pal, Marilyn.
He would have set me right:
Stop your whining and put on this feather tuxedo. Look,
do you want to be famous or not?

In the latest articles, Boy George is claiming he’s not
really happy. Hmm, I think, just like me.
When he comes to New York and stays in hotels in
     Gramercy Park
maybe he feels a pull to the Lower East Side,
wanders towards places where I am, but not knowing me,
     doesn’t know why.

One interviewer asks if he wishes he were a woman.
Aha! I read on with passion: and a poet? – I bet you’d like
     That –
You wouldn’t have to sing anymore, do those tiring tours.
George, we could switch. You could come live at my place,
have some privacy, regain your sense of self. –

So I begin my letter. Dear Boy George,
Do you ever sit and wonder what’s gone wrong?
If there’s been some initial mistake?
Well, don’t be alarmed, but there
has been.



Denise Duhamel
geboren 1961, lebt in Hollywood, Florida. Von ihr sind verschiedene Lyrikbände erschienen, u.a. The Star-Spangled Banner (1999), Kinky (1997), Girl Soldier (1996) und How the Sky Fell (1996). Zuletzt erschien der Auswahlband Queen for a Day: Selected and New Poems (University of Pittsburgh Press, 2001). Neben diversen Stipendien erhielt sie den Crab Orchard Poetry Prize. Umfangreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, darunter in vier Bänden von The Best American Poetry. Das hier vorgestellte Gedicht übersetzte Ron Winkler.