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Die Box





26.01.2003

Lyrik.Log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
(2003-2005).
Herausgegeben
von Ron Winkler.

99: Oswald Egger
98: Arne Rautenberg
97: Achim Wagner
96: Uljana Wolf
95: José F.A. Oliver
94: Maik Lippert
93: Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki
92: Kurt Drawert
91: Holger Benkel
90: Brigitte Fuchs
89: Uwe Tellkamp
88: Tobias Grüterich
87: Uwe Kolbe
86: Clemens Kuhnert
85: Gerhard Falkner
84: Franzobel
83: Wojciech Izaak Strugala
82: Lutz Rathenow
81: Iain Galbraith*
80: Nicolai Kobus
79: Jürgen Theobaldy
78: Rainer Stolz
77: Wilhelm Bartsch
76: Nico Bleutge
75: Mikael Vogel
74: Raphael Urweider
73: Eberhard Häfner
72: Andrej Glusgold
71: Joachim Sartorius
70: Björn Kuhligk
69: Christopher Edgar*
68: Crauss
67: Denise Duhamel
66: Richard Pietraß
65: Norbert Hummelt
64: Nikola Richter
63: Richard Dove
62: Volker Sielaff
61: Günter Kunert
60: Hendrik Rost
59: Lydia Daher
58: Thomas Böhme
57: Florian Voß
56: Franz Hodjak
55: Adrian Kasnitz
54: Marcel Beyer
53: Steffen Brenner*
52: Rotraud Sarker
51: Sabina Naef*
50: Morten Klintø*
49: Renatus Deckert
47: Jan Wagner
46: Emma Lew
45: Gintaras Grajauskas
44: Matthias Göritz
43: Paulus Böhmer*
42: Birte Wolmeyer
41: Christian Lehnert
40: Daniela Danz
39: Hauke Hückstädt
38: Ilma Rakusa
37: Gerald Fiebig
36: Anna Hoffmann
35: René Hamann
34: Oskar Pastior*
33: Tom Schulz
32: Monika Rinck*
31: Mirko Bonné
30: Said
29: Daniela Seel
28: Olga Martynova
    » Internodium
27: Helwig Brunner*
26: Lutz Seiler
25: Ulf Stolterfoht
24: Nick Riemer
23: Elke Erb
22: William Stone
21: Daniel Falb
20: Raoul Schrott*
19: Ulrike Draesner*
18: Stan Lafleur
17: Silke Scheuermann
16: Jörg Schieke
15: Jan Volker Röhnert
14: Marion Poschmann*
13: Anne Beresford*
12: Lars-Arvid Brischke
11: Bert Papenfuß
10: Volker Braun
09: Cornelia Schmerle
08: Guy Helminger
07: Michael Hamburger*
06: Hartwig Mauritz
05: Jürgen Nendza
04: Maren Ruben
03: Frans Budé
02: Friederike Mayröcker*
01: Andreas Altmann*


* mit Anmerkungen

Die Rechte an den Texten liegen, soweit nicht anders gekennzeichnet, bei den jeweiligen Autoren. (Betrifft den Zeitpunkt der Veröffentlichung)







Lyrik.Log 1



Andreas Altmann

vorrat

der schnee beginnt in den augen,
wenn der wind das licht
laut aus den pappeln treibt.
du mußt dich entscheiden,
wenn dich dein schatten verläßt,
welche wege du aufstellst
fürs gehen. das zimmer erkaltet
unter geräuschen des schnees.
es klopft an der tür. du öffnest das holz.
es ist die alte geschichte.
jemand erkennt dich
und erzählt dir, was war.
du trocknest die worte und hoffst,
daß sie halten. doch noch ist es
september. du verteilst
deine schatten nach ihren gewichten,
fällst leicht durch die worte,
die leiser werden, verstummen,
wenn du sie aufschlägst
auf seiten des schnees.


Andreas Altmann
geboren 1963 in Hainichen/Sachsen, lebt in Berlin.
Zuletzt erschien der Gedichtband die verlegung des zimmers
(Kowalke Verlag über Verlag Die Scheune, Dresden 2001).


Dirk Rose über die Poesie von Andreas Altmann:

Paul Valéry sagt irgendwo, aber Valéry sagt immer etwas irgendwo, ein Vers müsse so beschaffen sein, daß er, wenn man ihn beim Gehen vor sich hin spreche, dem Takt der Schritte entspräche, sich also gleichsam aus dem Federn der Fußballen und Knöchel ergebe. Daran fühle ich mich bei den Gedichten von Andreas Altmann stets erinnert. »du mußt dich entscheiden, welche wege du aufstellst fürs gehen.«
    »die verlegung des zimmers«, so der Titel seines letzten Gedichtbandes, findet nach draußen statt, wo es allein mit dem Nötigsten eingerichtet wird, den Elementen. Die wieder einzelnen Dinge müssen erst durch die Augen gehen, bevor sie zu Versen werden können. Nur das, was beim Gehen den Blick festzuhalten vermag, wird stark genug sein, die Worte im Gedicht aneinander zu binden. Nur die einfachsten, festesten Formen werden dazu in der Lage sein. Daher das Zurückgehen bis auf das Material selbst: »du öffnest das holz.«
    Aber Valérys Gedanke betrifft mindestens ebenso sehr denjenigen, der Verse macht, wie den, dem sie gelten. Es ist ja der Leser und Hörer, der sie beim Gehen vor sich hinsprechen können soll. Doch das machen nur noch die Verrückten. Erlaubt ist höchstens, vor sich hin zu singen oder eine Melodie zu summen. Die Verse aber sind im zwanzigsten Jahrhundert aus dem Takt geraten. Das Lied, der Ursprung der Lyrik, ist zum Song geworden, den man schon nach einmaligem Hören ohne Nachzudenken vor sich hin trällern kann. Die Worte darin spielen so gut wie keine Rolle mehr; wie selbstverständlich nehmen wir das Englische in der Popmusik an, weil dort die Worte nicht weiter stören, und in den meisten Fällen muß man dafür auch dankbar sein. Auf der anderen Seite steht eine akademische, der formalen Avantgarde verpflichtete Lyrik, die bereits durch ihr Schriftbild signalisiert, daß sie keinerlei Wert auf Nachsprechbarkeit oder gar Singbarkeit legt. Diese Lyrik gilt gemeinhin als »anspruchsvoll«, weil sie dem Anspruch ihrer Kritiker und Rezipienten entgegen kommt, für anspruchsvoll zu gelten.
    Warum aber liest oder hört man ein Gedicht? Ich glaube, weil man etwas von ihm erwartet, das sich mit Worten, die man ins Telefon spricht, nicht sagen läßt; etwas, von dem man genau weiß, daß es da ist; für das es ein Bild in der Vorstellungskraft gibt, oder besser: eine bestimmte Form von Licht, und von dem nichts bleibt als ein Nachleuchten hinter den Augen; auf dessen Suche man sich begibt, und das man manchmal wiederfindet im Nachklang eines Wortes. Dann wird man merken, daß die Sprachspiele und Avantgardposen gerade das Gegenteil davon bewirken, indem sie das Wort als Material benutzen, um es in ihre Textmaschinen einzuspeisen und auf dem Content-Markt zu verwerten. Wann endlich hat man diese Blut-und-Schädel-Lyrik über? Denn das Gedicht bedeutet Freiheit, sofern es den Horizont der Sprache offen hält. Und es bedeutet Verbundenheit, indem es jemand Fremden als Adressaten anspricht und ihn damit der Freiheit des Gedichtes verpflichtet: »du mußt dich entscheiden«. Die Moderne ist vorbei. Die Postmoderne wird niemals beginnen. Das Leben hat uns wieder.
    Das ist die Situation, in der uns die Stimmen aus Andreas Altmanns Gedichten treffen. Sie sprechen in einfachen verständlichen Worten, die feste Umrisse haben und doch durchlässig sind für die eigenen Erfahrungen, wie die Pappeln, aus denen der Wind das Licht treibt: »fällst leicht durch die worte«. Aus elementaren Materialien sind die Gedichte Altmanns gebaut, Licht, Wind, Holz. Fast nie kommen Komposita vor. Jedes Wort steht für sich, wie das Ding, dessen Namen es trägt. Aus den Dingen selbst scheinen die Gedichte gemacht, vom Versfluß vor sich her gewälzt wie Geröll und langsam angeschwemmt, aufgeschichtet. Man kann den Gedichten Andreas Altmanns wie einem Bach über Äcker folgen, in dessen Bett Steine, Äste, Flaschen, Coladosen ein Bild von großer, weil zufälliger Schönheit ergeben, bis das nächste Anschwellen des Wassers dieses Bild verändern, auslöschen, neu entstehen lassen wird.
    So fest umrissen wie die Dinge scheinen zunächst auch die Menschen in Altmanns Gedichten zu sein – auch das, was sie zu sagen haben: »jemand erkennt dich und erzählt dir, was war«. Und trotzdem verursachen sie, die selten von Anfang an in den Gedichten anwesend sind, meist erst hinzutreten, eine Störung, obgleich, oder gerade weil sie nur als Personalpronomen erscheinen. Diese bestimmte Gestaltlosigkeit, die ungewollt alle Blicke auf sich lenkt, verwischt die Umrisse der Dinge, die Deckungs-gleichheit mit den Worten geht verloren, Dinge und Worte treten wieder auseinander: »was du siehst, sind worte, die nicht hinter sich stehen und du immer nur kurz davor«, heißt es am Ende des Gedichts »totes haus ur«. Dennoch bleiben die Personen, wie man wohl eher sagen müßte, auf die Dinge angewiesen, um überhaupt zum Sprechen zu finden; ihre Geschichten bestehen aus den selben Elementen. Sie sind gezwungen, sich einen Vorrat an Dingen, das heißt an Worten, anzuschaffen, ohne die sie in ihrem blanken Existieren-müssen, ihrer Unverbundenheit, erfrieren würden. Vielleicht ist darum der Schnee so allgegenwärtig in den Gedichten Andreas Altmanns, als scheinbar fester Zustand des durch die Hände rinnenden Wassers, der sich aber auflöst, sobald man danach greift, und nichts als Kälte zurück läßt. Während der Schnee in der Lyrik dieser Tage fast nur noch als Metapher vom Himmel fällt, ist es bei Altmann der wirkliche Schnee, von dem die Finger klamm werden. Der Vorrat an Worten ist ein Vorrat an Wirklichem, das sich in keiner Rhetorik aufzehrt. Es ist ein Vorrat, mit dem der Dichter Andreas Altmann hausieren gehen kann, denn der Bedarf nach Wirklichkeit wird in dem Maße steigen, wie die Risse in der künstlichen westlichen Welt breiter werden, die auf dem sehr realen Dreck, der realen Kälte und dem realen Hunger der übrigen Welt errichtet ist.
    Trotz dieser Deutlichkeit im Detail und dem Beharren auf einer Wirklichkeit »draußen«, die der Sprache ihr Material vorgibt, sind diese Gedichte in hohem Maß melodisch; es ist die Melodie des Windes in den Pappeln, des Wassers über den Steinen, der Schritte auf den verbogenen Straßen der Großstadt. Man kann die Gedichte Andreas Altmanns auswendig lernen, aber das würde ihrem sich von selbst fortsetzenden Fluß zu viel Zwang antun; man wird einzelne Verse sowieso auswendig wissen, wenn man sie einige Male gelesen hat, und im Gehen vor sich hinsprechen, im Takt der Schritte, bis man über ein scharfkantiges Wort stolpert und verwundert stehen bleibt. Mehr kann man von einem Gedicht nicht verlangen, sagt sicher auch Paul Valéry irgendwo.