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Die Box





07.12.2003

Lyrik.Log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
(2003-2005).
Herausgegeben
von Ron Winkler.

99: Oswald Egger
98: Arne Rautenberg
97: Achim Wagner
96: Uljana Wolf
95: José F.A. Oliver
94: Maik Lippert
93: Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki
92: Kurt Drawert
91: Holger Benkel
90: Brigitte Fuchs
89: Uwe Tellkamp
88: Tobias Grüterich
87: Uwe Kolbe
86: Clemens Kuhnert
85: Gerhard Falkner
84: Franzobel
83: Wojciech Izaak Strugala
82: Lutz Rathenow
81: Iain Galbraith*
80: Nicolai Kobus
79: Jürgen Theobaldy
78: Rainer Stolz
77: Wilhelm Bartsch
76: Nico Bleutge
75: Mikael Vogel
74: Raphael Urweider
73: Eberhard Häfner
72: Andrej Glusgold
71: Joachim Sartorius
70: Björn Kuhligk
69: Christopher Edgar*
68: Crauss
67: Denise Duhamel
66: Richard Pietraß
65: Norbert Hummelt
64: Nikola Richter
63: Richard Dove
62: Volker Sielaff
61: Günter Kunert
60: Hendrik Rost
59: Lydia Daher
58: Thomas Böhme
57: Florian Voß
56: Franz Hodjak
55: Adrian Kasnitz
54: Marcel Beyer
53: Steffen Brenner*
52: Rotraud Sarker
51: Sabina Naef*
50: Morten Klintø*
49: Renatus Deckert
47: Jan Wagner
46: Emma Lew
45: Gintaras Grajauskas
44: Matthias Göritz
43: Paulus Böhmer*
42: Birte Wolmeyer
41: Christian Lehnert
40: Daniela Danz
39: Hauke Hückstädt
38: Ilma Rakusa
37: Gerald Fiebig
36: Anna Hoffmann
35: René Hamann
34: Oskar Pastior*
33: Tom Schulz
32: Monika Rinck*
31: Mirko Bonné
30: Said
29: Daniela Seel
28: Olga Martynova
    » Internodium
27: Helwig Brunner*
26: Lutz Seiler
25: Ulf Stolterfoht
24: Nick Riemer
23: Elke Erb
22: William Stone
21: Daniel Falb
20: Raoul Schrott*
19: Ulrike Draesner*
18: Stan Lafleur
17: Silke Scheuermann
16: Jörg Schieke
15: Jan Volker Röhnert
14: Marion Poschmann*
13: Anne Beresford*
12: Lars-Arvid Brischke
11: Bert Papenfuß
10: Volker Braun
09: Cornelia Schmerle
08: Guy Helminger
07: Michael Hamburger*
06: Hartwig Mauritz
05: Jürgen Nendza
04: Maren Ruben
03: Frans Budé
02: Friederike Mayröcker*
01: Andreas Altmann*


* mit Anmerkungen

Die Rechte an den Texten liegen, soweit nicht anders gekennzeichnet, bei den jeweiligen Autoren. (Betrifft den Zeitpunkt der Veröffentlichung)







Lyrik.Log 43



Paulus Böhmer

Zucker in der Weltmaschine
oder:
Ich bin Botticelli

(Auszug)



Gibt es nur ein einziges Ereignis,
das die Mühe lohnte,
berichtet zu werden?

E.M. Cioran

Ja!
Saul Cechy


Als Elvis schon fett war, waren immer noch
die Bewegungen der größten Himmelskörper
und des leichtesten Atems
möglich. In einem.
Die Gesamtenergie des Weltalls sei null,
flüsterte er, das Weltall
sei also, durchaus, aus dem Nichts entstanden, das
sei der Beweis. Wofür. Wofür?
Für die Säufer, die Irren, die Fetten.
Für all das Glück, das unverdiente Glück.

Alle Geschichten der Welt
münden in einen Satz. Diesen Satz
gibt es nicht, diesen Satz gibt es, hüpfend
kommt er über die Berge.
Wir hören zu. Wir gehören dazu. Romeo
haßte Julia, Julia Romeo. Nackt
steht ein junger Mann in der Mitte eines Salons.
Die Damen lassen sich Mocca reichen. Jede Handbewegung
wird eine Narbe. Schmerz und Schmu.
Hunderte junge Sterne treiben, eingebettet im Rosettennebel,
hin, die Rufe der fetten Altsterne, die sie begleiten,
werden wir niemals verstehen.
Wenn Pflanzen bei der Berührung
die Blätter zusammenfalten, die Blattstiele beugen,
ist der Grund weder wahr noch falsch.
Lautlos und beiläufig, wie sie erschienen,
verschwinden sie wieder. Nur manchmal,
wenn sie, zu Boden gesunken,
der Krepps, der Organzablusen entledigt, sich träge
aneinander reiben, ein ganz
leises Schaben.
Der Abtrag der Schleimhäute.
das Verrutschen der Unterhäute.
Das Auslöschen, das Mästen des Selbst.
In den Weichbildern, unterhalb der Dehors,
die Beutelschneider, Schweineschicksen, Halsumdreher,
Beschwörungen, Körungen,
Finger, die Därme ausstülpen, Muskeln aufschließen,
Fleisch kollabieren lassen,
Speichelfäden, Gegröle, Eindringen, Verlassen,
und daß die Toten nichts anderes als die Lebenden wollen.
Lou Reed singt hier.
John Hooker leuchtet.
Nymphen streunen durch Kiese und Sande,
durch Eingebungen und Gedankenentzüge.
Im rosa Unterrock, aufgeschwemmt, im Duft ihrer Hasenmitte,
sitzt eine alte Alkmene am Fenster.
Ein großes Tier, rasend, verzweifelt
in seiner Eifersucht, verendet im Hof,
in seinem Körper mehr Zellen
als Sterne im Weltall. Die Sonne versinkt.
In einem Moor versinkt eine Frau.
Pad Garett jagt Billy the Kid.
Nie werde ich wissen, wie
Dein Haar duftete, dein Bauchnabel roch,
bevor ich geboren wurde. Und wie das Innere
einer Frau aussieht? Rosa, nichts als rosa,
also unsichtbar, sage ich, also
“Blow the Sweet and Lowdown!“
Stiefmütterchen steifseidig blüht, Huronentunke
Deine Weichen glüht.
Hier und da läuft ein Hund vorüber, er lebt zehn Sekunden,
kommen Menschen vorbei, ihr Leben währt zwanzig Sekunden,
Schiffe leben dreißig Sekunden.
Auf dem Grund der Weltmeere winden sich
Nervenfasern in riesigen Knäueln.
Längst erloschene Vulkane ziehen eine Schnute.
Weit weg macht sich jemand auf einen Weg;
buschhohe Farne, Ranken, abgestorbene Äste, Flechten,
Duft von Huflattich, später ein Waldsee, still wie längst
vergessener Urin.
Jemand macht einen Sonntagsbesuch, findet
flüchtige Spuren, filigrane Schatten auf Wänden.
Jemand verfällt in schweren, salzhaltigen
Tiefenwahn. Eine alte Dame erblickt
ihre Doppelgängerin. Sandwehen erheben sich,
fallen zusammen, tonlos und selbstverständlich.
Körper verlängern, verkürzen sich
im Rhythmus des Schalls.
Durch die Gehirne streifen Gerüche
wie die Zeit durch das Fleisch, und mit ihnen
die Besessenheiten, die Hybris, die Panik, die wunderbare
Körperlichkeit aller Gedanken.
Und alles, was ich sage, sage ich
anstelle von etwas andern. Alles
lebt außerhalb eines Wissens über die Welt,
jedes im anderen und zugleich außerhalb jedes anderen,
als sei es alles, was da ist,
und zugleich nichts
von alledem.
Der Mond Mann schläft mit der Sonnen Frau,
Gletscher machen sich auf den Weg nach NewYork,
ständig bilden sich Netzwerke in den Gewässern,
lösen sich, bilden sich neu.
Die Welt wird uns tragen.
Kein Tod ist nicht tausenddeutig, sagt Nathan.
Er ist ein Sohn Gottes. Ich bin kein Sohn Gottes.
Ich entdecke auf Deiner Haut die Farben
des Irrtums, der Treue, des Hasses,
ich entdecke in den Muttermalen auf Deinem Rücken
die Abbildung des Sternenhimmels,
auf Deiner Zunge die Marsaufnahmen der Nasa. Die Welt
wird uns tragen.
Wissenschaftler parlieren
über die Blitzlichtgewitter in der Großhirnrinde,
Philosophen palavern über eine Spezies
von verlorenen Säugetieren auf einem verlorenen Stern,
die Angehörigen des Hingerichteten aber
sprechen über andere Physiken, und sie hätten nur
eine Hand auf die Scheibe legen dürfen,
hinter der er für immer verschwand.
Andere starren auf eine leere Wand und sehen
einen Vogelschwarm, andere die Gesichter lang Verstorbener,
andere sehen Strömungen, Strudel, Engstellen, Pfropfen,
andere Milchstraßen, andere Rudel vorüber=
hastender Kojoten.
Schnitzler hat Hundeträume. Mobutu küßt Hundeköpfe. Pilze
senden Fuchsfeuer aus. Eine Verlassene
schnalzt wie eine hocherregte Amphibie.
Ich träume, zu träumen, und während ich träume, öffnet
sich der obere Teil des Knospenhüllblattes und stellt
die purpurrote Innenseite aus:
und kleine süße Todesschreie, ja, das schon.
 … … … … … … … …
 … … … …
 … …



Paulus Böhmer
geboren 1936, lebt in Frankfurt am Main. Zuletzt erschienen Wäre ich unsterblich. Gedichte 1996-1999 (dtv 2001), Lama Lama Sabachthani (Verlag Peter Engstler 2001) und Kaddish I-X (Schöffling & Co. 2002).


Romeo und Julia im böhmerschen Bewusstseinsmeer
Von Jan Volker Röhnert


Diese leitmotivische Variation gießt den Zucker in Paulus Böhmers Weltmaschine: "Romeo / haßte Julia, Julia Romeo … Als Romeo Julia hatte, haßte / Romeo Julia, haßte Julia Romeo." Der Heimatboden seines Liebespaars ist jedoch weniger Shakespeares klassisches Verona als Lou Reeds präapokalyptisch vibrierendes New York der Gegenwart. Wo der frühere Frontmann der Velvet Underground, aus derselben um 1940 geborenen Generation wie Böhmer kommend, vom elektronischen Akkord seiner Gitarre unterstützt "Romeo Had Juliette" in den Schalltrichter seines Mikrofons psalmodiert, hört Böhmer eine Wahrheit aus den Boxen seiner Stereoanlage heraus, die jeder schulmäßigen Übersetzung entgangen wäre.
Aber Paulus Böhmers Lyrik ist viel zu eigen-sinnig, eigen-gesetzlich, um Schule machen zu wollen. Was wir lesen, ist eine dauernde Provokation für jedes von Schule, Universität, Kulturindustrie auf eine simple, abrufbare Vorstellung geeichte Verständnis von Lyrik. Böhmers Lyrik ist all das, was ein Gedicht angeblich nicht sein darf – wer auch immer wann auch immer diese Normen aufgestellt haben mag: Sie ist lang, ein endloser Strom scheinbar wahllos aneinandergereihter, aufeinanderfolgender, unzusammenhängender Bilder und Metaphern, eine Collage vorgefundener, sinnverfremdeter Textschnipsel, Schlag(er)zeilen, Dialogfragmente, unthematisch, weitschweifig, digressiv. Oft kaum mehr erkennbar, welcher Film da zitiert wird, welche Ballerina und welcher Rockstar, auf welches tages- oder weltpolitische Ereignis – gleichermaßen wichtig und nebensächlich im mäandernden Duktus des Textes – eine Anspielung verweist. Die Langzeilen rasen wie die Diagrammkurve eines unvorhersehbaren Experiments auf der Mittelachse entlang, abrupt und unkontrollierbar die einmal angeschlagenen Gefühls- und Stimmlagen wechselnd. Ein ausgerastetes, schizoides Pianostück, Fieberkurve auf der Klaviatur des Geistes? –Böhmer, der Cutter und Montageartist hinter den Zeilen, hebt die Schultern und grinst. Denkt er nicht gleichzeitig an Dalís Großen Masturbator, wenn er von Botticelli spricht? Böhmers poetische Logik ist nicht die akademisierter ästhetischer Theorien, sondern die des menschlichen Bewußtseins im Zeitalter globaler Vernetzung: "All das, ein madenähnliches, nervöses, unüberschaubares An- / wachsen von Bildern, Erinnerungen, Eindrücken, Impulsen / drängt, staut sich / [ …] bildet Schwärme, / die plötzlich aufblitzen, plötzlich verschwinden, / nur an den Rändern noch Belichtungsränder [ …]". Lou Reed im gleichen Song über Romeo und Julia: "and something flickered for a minute and then it vanished and was gone".
Freilich, Paulus Böhmers Stammbaum reicht weit zurück – zu Ovid, Dante, Caravaggio. Wo hätte es in der deutschsprachigen Dichtung bereits Verwandlungen dieser Art gegeben: "Ein langsam auf dem Bache treibendes Blatt / verwandelt sich in den Urwald Rousseaus, / in das bleiche, abgetrennte Haupt des Holofernes, / in eine Muschel. Kein aber." Was André Breton 1929 in seinem Roman "Nadja" schrieb: die Schönheit müsse entweder konvulsiv sein oder gar nicht, ist Paulus Böhmers poetischer Leitfaden, sowohl druckgrafisch, inhaltlich wie bildersprachlich, dem "Streptokokkengewimmel der / Gedanken: keine / zusammenhängende Kette von Wörtern und Sätzen mehr: keine / Schlußpunkte mehr: Sub-, Hydro-, Kryptotexte, / [ …] Topographien sekundenschnell ent- / stehender, vergehender Mythen, [ …]". So wird verständlich, warum Böhmer "Die Bewegungen unserer Gedanken [ …] weit interessanter" findet "als unsere Gedanken". Er hat keine ausformulierte Poetik nötig, denn Stellen wie diese liefern sie immer schon im Gedicht selber mit.

Einmal wies er mich augenzwinkernd auf diese Laune des Alphabets hin, den Anfangsbuchstaben B mit Vorliebe an Dichter zu vergeben – das ist der Schlüssel zu einer ganzen lyrischen Ahnengalerie: Baudelaire (den der Künstlichen Paradiese). Benn (den der rauschhaften Momente und Gelegenheiten). Brecht (den des Baal und der Psalmen). Breton.
Brinkmann – mit dem ist Böhmer auf einem inzwischen 35 Jahre alten Foto zu sehen. Und Böhmer, jetzt, hier, heute, an seinem großen, von Licht und Schatten des einfallenden Tages gleichermaßen gesprenkelten Schreibtisch: seine eigene Frankfurter Schule, ohne Theorie im Rücken, Stenograph großer inkommensurabler Textrhizome, die radikal aufräumen mit eingeimpften Vorstellungen und Konventionen, was ein Gedicht zu sein hätte und was nicht. Böhmers Schönheiten sind konvulsiv – kein Aber.