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Die Box




17. Januar 2015
Thomas Vorwerk
für satt.org

Cinemania-Logo 123:
Der Weg ist das Ziel


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  John Wick (Chad Stahelski)


John Wick
(Chad Stahelski)

USA 2014, Buch: Derek Kolstadt, Kamera: Jonathan Sela, Schnitt: Elísabet Ronalds, Musik: Tyler Bates, Joel J. Richard, Le Castle Vania, mit Keanu Reeves (John Wick), Michael Nykvist (Viggo Tarasov), Alfie Allen (Iosef Tarasov), Willem Dafoe (Marcus), Adrianne Palicki (Ms. Perkins), Ian McShane (Winston), Bridget Moynahan (Helen), John Leguizamo (Aurelio), Dean Winters (Avi), Lance Reddick (Charon), Toby Leonard Moore (Victor), Omar Barneo (Grigori), Bridget Regan (Addy), Clarke Peters (Harry), 101 Min., Kinostart: 29. Januar 2015

John Wick ist ähnlich wie Serena (aber auf einer gänzlichen anderen Ebene) ein Film, der zwar ein paar echte Probleme hat, mich aber dennoch ansprach. Und beim Schlussurteil überwiegt für mich das Positive.

Wenn man John Wick genremäßig einordnet, handelt es sich um einen Action-Thriller mit reichlich Blutvergießen aus der Kategorie Rache / Kampf gegen das Kartell, wobei gerade im letzten Drittel einige Handlungsentscheidungen offensichtlich nur der für notwendig befundenen Dramaturgie entsprechen, nicht etwa einer nachvollziehbaren figurenimmanenten Logik. Wenn Gangsterboss Viggo (Michael Nykvist, seit fünfzehn Jahren einer der bestens schwedischen Schauspieler, der nun leider in Hollywood einen Russen spielen muss) gerade miterlebt hat, wie John Wick (Keanu Reeves) im Alleingang geschätzt 50 seiner besten Männer größtenteils mit plazierten Kopfschüssen plattgemacht hat, hat er offensichtlich nichts davon gelernt, denn er schleppt Wick in irgendein Loft, fesselt ihn und haut ein bisschen auf ihm herum, man hat die Möglichkeit, sich Unfreundlichkeiten an den Kopf zu werfen, und dann lässt er ihn mit zwei Handlangern zurück, die ihn töten sollen (warum zum Henker macht er das nicht selbst?) und die versuchen das auch noch mit einer Erstickung per Plastikfolie. Später gibt es einen Moment, wo Wick Viggo laufen lässt und beim »Endkampf« gehen sie dann auch noch mit bloßen Fäusten aufeinander los (bis Viggo ein verstecktes Messer rauskramt), obwohl man von Wick weiß, dass er drei gute Männer in kürzester Zeit nur mit einem Kugelschreiber bewaffnet killen kann, während Viggo jetzt nicht den durchtrainierten Eindruck machte. Diese Momente können einem den Film schon madig machen, weil sie sich einfach blind und dumm in ein vorgefertigtes Genre-Korsett zwingen, wo man an anderen Stellen des Films auch erlebt, dass er das Potential zu mehr hat.

Vergessen wir also kurz die schwächste halbe Stunde des Films und betrachten den Anfang, der komplett anders aufgebaut ist. Es beginnt mit einem Auto, das gegen eine Hauswand (oder eine Rampe davor) rummst, und aus dem ein stark blutender Keanu Reeves krabbelt, der sich mit blutigen Fingern ein Video auf seinem Smartphone anschaut, das ihn mit seiner großen Liebe Helen (Bridget Moynahan) zeigt, die zu ihm (der das Handy bei der Aufnahme hält) spricht, ehe sie sich küssen. Und dann verliert Keanu / John offenbar das Bewusstsein. Nach dieser audiovisuellen Rückblende kommt es zu einer weiteren Rückblende, die den Großteil des Films umfasst. Doch Helen sieht man auch hier nur in seltsam verwischten Erinnerungen Johns. Ein bisschen Liebesglück, dann bricht sie auf einer Pier zusammen, man sieht sie im Krankenhaus und schon ist man auf der Beerdigung. Wenn man zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, um was für einen Film es sich dreht (und selbst ich hatte auf der Pressevorführung sieben Wochen vor dem Start schon den Eindruck, dass es sich eben um einen harten Action-Thriller handelt, was ja auch mit dem aus dem Bauch blutenden Wrack zu Beginn zusammenpasst), könnte man auf die Idee kommen, dass der auffällige Inszenierungsstil der Erinnerungsbilder (sehr hübsch fand ich z.B., dass die Kamera bei der Szene auf dem Pier quasi auch ins Straucheln kommt und somit den Zusammenbruch Helens erfahrbarer macht) einem irgendeinen Hinweis geben will – auf einen »unreliable narrator«, eine komplexe Chronologie oder so etwas. Aber es ist einfach so, dass John Wick seine Geschichte so erzählt, wie der Film es für angemessen hält, und das ist zumindest erstmal interessant.

Denn als nächstes erlebt man John Wick nicht als irgendeinen erbarmlosen Supermenschen, sondern als etwas überforderten Hundehalter. Denn seine große Liebe hat ihm quasi als Souvenir einen kleinen Hund überlassen – wobei es sich aber meines Erachtens nicht um eine »Erbschaft« handelt (also den Hund, der früher mal bei ihr lebte, denn es ist auch relativ klar, dass die beiden – also Helen und John – zusammenlebten), sondern um ein Hund, den sie extra für ihn aussuchte (vermutlich, als sie schon todkrank war), und mit dem sie offenbar auch einen Einfluss auf die (aus ihrer Sicht) positiveren Charakterzüge Johns ausüben will. »You need something to love – and the car doesn't count!« Auf Umwegen sind dies sozusagen die letzten Worte, die sie an ihn richtet, und es hat schon eine perfide schwarze Ironie, dass das Auto (ein Ford Mustang von 1969) die Rachegeschichte erst so richtig ins Rollen bringt. Nun sind Rachegeschichten auch nicht unbedingt die tollste Idee der Filmgeschichte, weil es oft so ist, dass im Drehbuchstadium nur deshalb eine emotionale Bindung zu einer Figur aufgebaut wird, damit der Verlust oder Schaden an dieser Figur später ein möglichst brutales und unbarmherziges Handeln der Hauptfigur »rechtfertigt«. In Filmreihen wie Rocky oder Lethal Weapon kann es sogar passieren, dass dieses Prinzip immer wieder neu verwandt wird, dabei aber immer lächerlicher erscheint. Einen guten Rachefilm erkennt man daran, dass es dem Zuschauer nicht auffällt, dass der Polizist seine süße Nichte nur deshalb mit aufs Revier nimmt, damit der gerade verknackte Typ mit dem deutschen Akzent sie später töten und / oder vergewaltigen kann und dafür möglichst blutig leiden muss – wobei man durch hanebüchene Gründe davon ablenkt, dass Polizisten eigentlich keine (Scharf-)Richter sind. In diesem Fall klappt das einigermaßen gut. Wenn sich bei einem zufälligen Treffen ein suspekt aussehender Typ nach dem Preis für Johns Auto informiert, ahnt man zwar, dass das Stress geben wird, und der Hund ist jetzt auch (außer für Hundehalter) ein eher lapidarer Grund für das Antreten gegen ein ganzes Kartell, aber schon allein durch die komplizierte und eigentlich unnötige Vorgeschichte hat der Film sich einen gewissen Respekt verdient, den er sich über die ziemlich tolle Idee des »Continental«, eines Hotels für Berufskiller, die sich dort sozusagen auf »neutralem Grund« befinden, noch ausbaut. Denn so viel Gewicht auf die Story legen nur die wenigsten Actionfilme, und hier kommt auch noch dazu, dass der Regisseur ein ausgewiesener Stunt-Experte ist (was man merkt) und dass man bei der Filmmusik ebenfalls ein sehr glückliches Händchen zeigt. Wenn ein rachsüchtiger Superkiller und eine schwerbewaffnete Sicherheitscrew sich eine adrenalingesteuerte Langzeit-Scheißerei liefern, bei der u.a. ein Spa und eine Disco in Mitleidenschaft gezogen werden, dann ist es mitunter der Musikeinsatz, der aus hirnlosem Geballer so etwas wie Kunst machen kann. Und ungeachtet der Dusseligkeiten zum Schluss des Films und der eher zynischen Kill-Komik trifft das hier in starkem Maße zu.

Und ein letzter positiver Punkt, der ebenfalls viel mit dem Drehbuch (von Derek Kolstadt, einem relativen Neuling) zu tun hat, sind die Nebenfiguren. Im »Continental« gibt es so etwa nicht nur den netten Nachbarn »Harry« und die nicht ganz koschere »Ms. Perkins« (Adrianne Palicki, seit ein paar Folgen häufig bei Agents of S.H.I.E.L.D.), sondern auch noch den hier großartig agierenden Lance Reddick als Rezepitionisten oder den sowieso meistens tollen Ian McShane. Und wenn der Oberschurke Viggo sich zum Schluss fast allein mit John Wick fetzt, schleppt er noch einen Chauffeur mit sich, dessen Namen ich nicht mitbekommen habe, der aber auch noch in den vermurksten Passagen des Films einiges rettet.

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  Der große Trip – Wild (Jean-Marc Vallée)


Der große Trip – Wild
(Jean-Marc Vallée)

Originaltitel: Wild, USA 2014, Buch: Nick Hornby, Lit. Vorlage: Cheryl Strayed, Kamera: Yves Bélanger, Schnitt: Martin Pensa, John Mac McMurphy [d.i. Jean-Marc Vallée], Kostüme: Melissa Bruning, mit Reese Witherspoon (Cheryl), Laura Dern (Bobbi), Thomas Sadoski (Paul), Keene McRae (Leif), Michiel Huisman (Joanthan), W. Earl Brown (Frank), Gaby Hoffmann (Aimee), Kevin Rankin (Greg), Brian Van Holt (Ranger), Cliff De Young (Ed), Mo McRae (Jimmy Carter), Bobbi Strayed Lindstrom (Cheryl, 6 Jahre alt), 115 Min., Kinostart: 15. Januar 2015

Wenn man nichts über den Film weiß, beginnt Wild wie eine Komödie, bei der man ein böses Ende erahnt. So eines, wie es Emile Hirsch in dem ähnlich betitelten Into the Wild ereilt. Das hängt vermutlich mit der vor allem für Komödien bekannten Reese Witherspoon zusammen, die hier mit einer ächzenden Frauenstimme die majestätische Einstellung eines Bergpanoramas unterbricht, um in wenigen Momenten den Zuschauer zu überfordern, ob er mit dieser bemitleidenswerten Frau, die sich gerade in Großaufnahme von ihrem Zehennagel verabschiedet, mitfühlen soll, oder sie schlichtweg nicht ernstnehmen kann, weil sie sich so idiotisch verhält und kurz darauf auch noch ihren Schuh verliert. Da Dusseligkeit bei einer Solo-Wanderung über 1100 Meilen aber schnell den Tod oder eine ernsthafte Verletzung mit sich bringen kann, kann dieser Film nicht wirklich als Komödie funktionieren, und man wird quasi gezwungen, sich auf die Seite von Cheryl zu stellen, auch, wenn das schon einige Probleme mit sich bringt.

Es ist noch kein Jahr her, da gab es mit Tracks einen ganz ähnlichen Film, der ebenfalls über die Wanderung einer jungen Frau eine Geschichte von ihren Problemen erzählte – und beide Filme basieren auf autobiographischen Büchern. Nur wirkte Tracks irgendwie viel authentischer, und schon über die Weggefährten (einen Hund und einige Kamele) sowie die Vorgeschichte der Wanderung konnte man viel mehr Interesse investieren. Bei Mia Wasikowska hatte man auch das Gefühl, dass sie im Verlauf der Dreharbeiten tatsächlich immer sonnenverbrannter und ungewaschener wirkte, während Reese Witherspoon, die Wild mitproduzierte, wohl schon einiges tat, um einen realistischen Eindruck solch einer Wandertortur zu hinterlassen, dabei aber dennoch oft eine Spur zu adrett wirkt. Vielleicht sind das alles Vorurteile gegenüber Ms Witherspoon oder meine Schwäche für Ms Wasikowska, aber Tracks war für mich ein mitreißender Film, Wild ist nur ein ganz gelungenes Starvehikel, bei dem man gerade auf das Fanpublikum mit einigen Komödien- und Partnerfindungs-Passagen allzu sehr auf Nummer Sicher geht. Mir fällt es einfach schwer, eine Person ernst zu nehmen, die für den erste Wanderung ihres Lebens einen ca. 2 Zentner schweren Rucksack füllt, denn sie dann kaum auf den Rücken bekommt. Gelacht habe ich an der Stelle auch, aber das ist keine Figur, mit der ich persönlich zwei Stunden lang mitfühlen möchte.

Auf der Habenseite kann man aber verbuchen, dass es dem Film ganz geschickt gelingt, über eine Flashback-Konstruktion (Drehbuch: Nick Hornby) nach und nach mehr über diese Cheryl Strayed und ihre Mutter Bobbi (Laura Dern) zu erfahren. Und weil die literarischen Eintragungen in Notizbüchern entlang des Pacific Crest Trail nur so und so gut funktionieren (man nimmt Frau Witherspoon auch ihren reichen Zitatenschatz nicht ohne weiteres ab), überzeugt am meisten in diesem Film der Soundtrack, der Zeitgeschichte, Nostalgie und die Verbindung zur Mutter (auch über die Montage von und zu den Flashbacks) clever in die Handlung integriert. Ob El Condor Pasa und Homeward Bound von Simon & Garfunkel oder Suzanne von Leonard Cohen als Bezug zur Hippie-Generation der Mutter oder Portishead und die Four Non-Blondes zur zeitlichen Verortung Cheryls.

Der schönste Moment des Films (was Kreativität, Ästhetik und Filmsprache angeht) leidet dann auch unter dem generellen Problem, dass man den Zuschauer (eines Reese-Witherspoon-Films?) nicht ernst nimmt und nicht überfordern will. Es ist mal wieder Flashback-Zeit und man weiß schon, das Cheryl einige traumatische Momente verarbeiten muss. Man sieht die junge Cheryl und ihren Bruder als Reflektion im Auge eines Pferdes und für einen Sekundenbruchteil ist Mündungsfeuer zu sehen. Das erzählt eigentlich schon die komplette Geschichte, aber etwa eine Viertelstunde später wird dieses wortwörtliche Streiflicht einer Kindheit noch einmal weitaus konventioneller und unmissverständlicher ausgeführt – ohne das Film oder Narration dadurch einen wirklichen Gewinn davontragen.

Ein zweiter starker Moment handelt von einem zufälligen Zusammentreffen mit zwei angetrunkenen Jägern, bei dem die Verletzlichkeit einer einzelnen Frau auf düstere Weise thematisiert wird, doch aus meiner Warte reicht das alles noch nicht aus, um aus Wild einen Film zu machen, den ich empfehlen würde. Vermutlich ist es cleverer, sich das Buch zu besorgen, wenn man nicht einfach nur Reese-Witherspoon-Fan ist und vermutlich mit den Ohren schlackert, welche vermeintlichen »Risiken« die Schauspielerin bei diesem Film so auf sich nimmt. Aus meiner Sicht: Geschenkt, viel zu harmlos und gefällig.

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  The Interview (Seth Rogen & Evan Goldberg)


The Interview
(Seth Rogen & Evan Goldberg)

USA 2014, Buch: Dan Sterling, Kamera: Brandon Trost, Schnitt: Zene Baker, Evan Henke, Musik: Henry Jackman, mit James Franco (Dave Skylark), Seth Rogen (Aaron Rapaport) Lizzy Caplan (Agent Lacey), Randall Park (President Kim), Diana Bang (Sook), Timothy Simons (Malcolm), Reese Alexander (Agent Botwin), James Yi (Officer Koh), Paul Bae (Officer Yu), Geoff Gustafson (Cole), Dominique Lalonde (Jackie), Anesha Bailey (Janet), Anders Holm (Jake), Charles Rahi Chun (General Jong), Eminem, Joseph Gordon-Levitt, Rob Lowe, Bill Maher (Themselves), 112 Min., Kinostart: 5. Februar 2015

An so viel Wirbel außerhalb des eigentlichen Films wie bei The Interview kann ich nicht erinnern, und ich war quasi schon »dabei«, als man sich über The Year of the Dragon oder The Last Temptation of Christ das Maul zerriss oder während der Dreharbeiten zu Twilight Zone: The Movie oder The Crow Hauptdarsteller verstarben. Wer nun Sony Pictures gehackt hat oder mit Morddrohungen US-Kinoketten einschüchterte, ist letztendlich gar nicht so wichtig wie das Detail, dass Barack Obama für die Rechte dieses Films Stärke zeigen wollte und es für eine halbe Stunde oder so tatsächlich fast so aussah, als würde wegen The Interview ein Weltkrieg angezettelt (aber vermutlich waren die Meldungen einfach nur etwas übertrieben).

Denn als bekennender Fan von This is the End, dem letzten Film vom Regie-Duo Seth Rogen und Evan Goldberg, bei dem auch schon Seth Rogen und James Franco zu den Hauptdarstellern gehörten, muss ich einfach mal klarstellen, dass The Interview längst nicht so gelungen ist als Film. Sicher, gelacht habe ich schon einige mal, aber nur selten mit der Intensität, wie es mir beim anderen Film geschah.

Der große Vorteil von This is the End war nämlich die Spontanität, mit der sich Hollywood selbst durch den Kakao zog, gepaart mit einer zunächst improvisiert wirkenden Geschichte, die dann im Endeffekt doch cleverer war, als man gedacht hatte. Bei The Interview ist es eher andersrum: Die Geschichte an sich ist schon ein riesiges Klischee, der Weg dorthin ist (abgesehen vielleicht vom Eminem-Auftritt) eher eine narrative Tortur, und zu vergleichbaren humoristischen Eskalationen kommt es nie, vieles wirkt stattdessen eher etwas erzwungen. Braucht man wirklich eine lange Vorgeschichte um einen TV-Moderator als Vorbereitung für eine nicht so super funktionierende Pointe? Braucht man gleich zwei heterosexuelle Liebesgeschichten um die beiden männlichen Stars, wo eine simple Bromance (meinethalben auch gerne ohne Militär-Hightech in Form eines Analstöpsels) vermutlich viel besser funktioniert hätte?

Und so manches an The Interview ist auch einfach ärgerlich, dazu muss man gar nicht zu den Personen gehören, die im Verlauf des Films lächerlich gemacht werden oder Opfer eines Attentats werden sollen. Wenn das Kontaktgift, dass durch Dusseligkeit der Franco-Figur als geschmackloses Kaugummi zweckentfremdet wird, ein Opfer fordert, bastelt man daraus ein seltsames moralisches Dilemma (weil das an dieser Stelle des Films wohl witzig sein soll), aber wenn man eine Stunde später mit einem Panzer in Großaufnahme über das Gesicht eines seine Pflicht tuenden nordkoreanischen Soldaten fährt, ist Moral nicht mehr gefragt, sondern Action, und der Film übereifert sich darin, es unzähligen Zuschauergruppen recht zu machen. Wenn die Gags über das Coming-Out so gestaltet werden, dass sie Schwulenrechtlern wie Homophoben wie Eminem-Fans gleichsam gefallen, dann fehlt auch einfach die satirische Treffsicherheit, die man dem Film zu Beginn noch zutraut, wenn (eigentlich auch ziemlich albern) ein harmlos wirkendes koreanische Kinderchormitglied den Yankees mit melodischen Versen Pest und Schlimmeres an den Hals wünscht. Doch von diesem vielversprechenden Intro kommt man weit ab, stattdessen gibt nicht wirklich zündende Gags über den vermeintlichen Wohlstand Nordkoreas, überflüssige Partymontagen (an dieser Stelle fiel mir auf, dass die Inszenierung in Bros before Hos doch nicht so viel schlechter ist als in den amerikanischen »Vorbildern«) und den zum soundsovielten Aufguss der übertriebenen Actionszenen, der schon in Pineapple Express eher zu den schwächeren Momenten des Films gehörte (weil eben irgendwelche Zuschauer gerade das gerne sehen wollen). Von der Reaktion der Umwelt und den Fragen der Meinungsfreiheit her kann man den Film tatsächlich mit Salman Rushdie oder Mohammedkarikaturen vergleichen, aber von der filmischen Reife oder der filmgeschichtlichen Bedeutung ist man von The Great Dictator oder To Be Or Not To Be schon sehr sehr sehr weit entfernt. Selbst von This is the End, der noch beim dritten Mal auf DVD sehr amüsant ist, während bei The Interview der Drive schon raus war, bevor der Film das erste Mal zuende war.

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  Manolo und das Buch des Lebens (Jorge R. Gutierrez)


Manolo und das Buch des Lebens
(Jorge R. Gutierrez)

Originaltitel: The Book of Life, USA 2014, Buch: Jorge R. Gutierrez, Doug Langdale, Schnitt: Ahren Shaw, Musik: Gustavo Santaolalla, Production Design, Art Direction: Paul Sullivan, mit den Originalstimmen von: Diego Luna (Manolo), Zoe Saldana (Maria), Channing Tatum (Joaquin), Ron Perlman (Xibalba), Christina Applegate (Mary Beth), Ice Cube (Candle Maker), Kate del Castillo (La Muerte), Hector Elizondo (Carlos Sanchez), Danny Trejo (Skeleton Luis), Carlos Alazraqui (General Posada / Dali / Chuy), Ana de la Reguera (Skeleton Carmen), Emil-Bastien Bouffard (Young Manolo), Elias Garza (Young Joaquin), Genesis Ochoa (Young Maria), Plácido Domingo (Skeleton Jorge), Jorge R. Gutierrez (Skeleton Carmelo), Eugenio Derbez (Chato), Gabriel Iglesias (Pepe Rodriguez), Trey Bumpass (Goth Kid / Orphan), Dan Navarro (Chakal), Cheech Marin (Pancho Rodriguez), Guillermo del Toro (Land of the Remembered Captain's Wife), 95 Min., Kinostart: 12. Februar 2015

Dieser US-amerikanische Computeranimationsfilm erzählt eine sehr mexikanische Geschichte und ist in Cast und Crew bis zum Bersten gefüllt mit Migranten mit mexikanischem oder hispanischem Hintergrund, die es in den Staaten zu einer gewissen Berühmtheit geschafft haben: Guillermo del Toro (Hellboy) ist Co-Produzent, die Musik ist von Gustavo Santaolalla (Brokeback Mountain), unter den Sprechern finden sich Diego Luna (Elysium), Zoe Saldana (Guardians of the Galaxy), Ana de la Reguera (Nacho Libre) oder Plácido Domingo (Moulin Rouge!).

Man hat sich hierbei etwas cleveres ausgedacht, um eine authentisch wirkende Geschichte aus der mexikanischen Volksmythologie zu präsentieren, in der man bekanntlich viel Wert darauf legt, in farbenprächtigen Volksfesten wie dem »Tag der Toten« an die Verstorbenen zu erinnern. Und das hierbei vorherrschende Design hat man für klobig wirkende Puppen übernommen, die hier fantasievoll die erzählte Geschichte für einige abgestumpft wirkende Kinder bei einem Museumsbesuch »nachzuspielen«. Bevor man aber zum Figurendesign kommt, dass ohne weiteres von Max Andersson stammen könnte (oder in Zügen von Basil Wolverton), gibt es eine reichlich lieblos animierte Rahmenhandlung, bei der noch am spannendsten (und kinderfreundlichsten) ist, dass die junge Museumsführerin Augen hatte, die geschätzt 14mal so groß wie ihre Brüste sind. Leser von US-Comics der 1990er wissen, dass es dort oft eher so war, dass die Brüste größer als der gesamte Kopf ausfielen.

Die Puppen als Protagonisten fallen dadurch (positiv) auf, dass sie oft wirken wie bunt angemalte Holzklötze, die durch kleine Ketten oder ähnliches verbunden sind. Wenn man solch minimalistisches (nur sehr wenige »points of articulation«), ganz auf Haptik konzentriertes Design in voller Action sieht, hat das schon einen gewissen Reiz, der unter anderem durch hübsche Details unterstrichen wird (beispielsweise Totenköpfe als Pupillen für bestimmte antike Gottheiten). Diese mächtigen Kräfte wie »La Muerta« suchen sich drei kleine Kinder aus, bei denen das Mädchen zwischen dem emotionalen Musiker und dem kräftigen Sportler hin- und hergerissen ist, und lassen sie repräsentativ den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse (na gut, ein wenig differenzierter ist es schon) entscheiden, ein bisschen wie bei den alten Griechen. Leider ist The Book of Life ein in seiner Narration sehr geschwätziger Film (vieles wird durch Erzählerstimmen mitunter etwas ausschweifend erklärt), dem dafür eine stimmige Dramaturgie fehlt, die die Geschichte besser gliedert (trotz Richard Curtis als »Head of Story«, aber seit Stephen Daldrys missratenem Trash – kommt vielleicht noch irgendwann in die deutschen Kinos – habe ich zu dem auch viel Vertrauen verloren). Dass dann beim sinnbildlichen Kampf zwischen Kultur und Krieg das Gitarrenspiel – oder besser gesagt die Komposition – auch nicht wirklich überzeugt (wenn man nicht gerade bekannte Songs wie Can't help falling in love oder mal wieder Creep von Radiohead übernimmt), ist ein zweites großes Problem des leider doch ein wenig zu sehr auf Kinder zugeschnittenen (was das vermeintlich »nötige« Niveau angeht) Films.

Wenn die Geschichte dann quasi die mexikanische Fassung von Orpheus & Eurydike zum Besten gibt, beschweren sich die kleinen Museums-Besucher auch entsprechend: »No! Maria died? That can't be right! What kind of story is this? We're just kids!«, und dieses Durchbrechen der Erzählebenen à la The Princess Bride ist dann auch eine der anspruchsvollsten Ideen des Films. Für einen Kinoausflug mit der ganzen Familie ist The Book of Life insbesondere dann eine gute Idee, wenn man sich die Zeit nimmt, den Kids danach noch etwas vom typisch mexikanischen Flair nahezubringen, ob durch Museumsbesuch oder Google-Suche auf dem Smartphone. Für sich alleinstehend überzeugte der Film mich nur in manchen Momenten. Aber immerhin war das Potential da, das ist in Animationsfilmen ja eher die Ausnahme.

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  Guten Tag, Ramón (Jorge Ramírez Suárez)


Guten Tag, Ramón
(Jorge Ramírez Suárez)

Mexiko / Deutschland 2013, Buch: Jorge Ramírez Suárez, Kamera: Carlos Hidalgo, Schnitt: Sam Baixauli, Sonia Sánchez Carrasco, Jorge Ramírez Suárez, Musik: Rodrigo Flores López, Kristyan Ferrer (Ramon), Ingeborg Schöner (Ruth Grote), Franziska Kruse (Hanna Stein), Hector Kotsifakis (Güero), Adriana Barraza (Esperanza), Arcelia Ramírez (Rosa), Rüdiger Evers (Karl), Karl Friedrich (Alois Schneider), Anna Haack (Angela), Jorge Ramírez Suárez (Rudo), Marcel Batangtaris (Flughafenangestellter), Marius Biegai (Bundesgrenzchutz), Micky Jukovic (Beglar), Michèle Akouvi Müller (Nadja), Esther Maria Pietsch (Renate), Luis Rosales (Manotas), 120 Min., Kinostart: 5. Februar 2015

»Warum schaffen es wohl alle über die Grenze, nur Du nicht? Weil Du im Herzen Angst hast!« Schon im mexikanischen Teil kann man die deutsch-mexikanische Ko-Produktion Guten Tag, Ramón einfach nicht ernst nehmen. Der Film beginnt mit einer dunklen Überfahrt, man erlebt eine misslungene Grenzschleusung aus einem überfüllten LKW heraus. Irgendwas geht draußen schief, man lässt die »Passagiere« einfach zurück und es wird mehrfach impliziert (aber elliptisch ausgespart), dass wohl die meisten der Mexikaner, die illegal in die USA wollten, diesen Versuch nicht überlebten. Und Ramón, der schon ein paar misslungene Versuche hinter sich hat, wird unterstellt, er sei einfach zu blöd oder zu ängstlich, um wie einige mythisch aufgebauschte Vorgänger sein Glück in den Staaten zu machen. Sorry, aber wenn man gerade als einziger ein verheerendes Fiasko überlebt hat, zeugt das ja nicht unbedingt davon, dass man ein blöder Schwächling ist! Die Unverhältnismäßigkeit zwischen Ereignis und Reaktion erzürnt einen hier schon etwas, und das Hauptproblem ist dabei, dass es nicht um die Konflikte zwischen Ramón und seinen Landsleuten geht, sondern eine hanebüchene Märchengeschichte in Deutschland vorbereitet werden soll, wobei auch wieder einiges schief geht, aber die Behörden eben nicht so hart durchgreifen wie an amerikanisch-mexikanischen Grenze.

Ramón (Kristyan Ferrer) spricht zwar kein Wort Deutsch, ist aber ein Migrant zum Liebhaben, ob die hilfsbereite Rentnerin Ruth (Ingeborg Schöner) oder die Gemüseladenangestellte Hanna (Franziska Kruse): alle wollen ihn am liebsten adoptieren oder knuddeln, wie er mit seinem traurigen Blick durch die Gegend stolpert und sich Mühe gibt, Nachbarschaftssolidarität aufzubauen, wie man sie in Deutschland längst nicht mehr kennt. Eine Fernseh-Heile-Welt-Geschichte, die mit 120 Minuten auch noch viel zu lang (und vor allem belanglos) ist.

Dabei hat der Film immerhin noch eine unfreiwillig wirkende Komik (ein Höhepunkt ist hier eine »Neckermann«-Reklame für Mexiko-Reisen: »Hier hält sogar der Preis Siesta!«), und aufgrund der Willkommens-Heißung muss ich mal kurz an Phillip Liorets Welcome (oder Kevin Limas Enchanted) denken.

Aber das Interessanteste am Film (und das sagt leider viel über den Streifen) war für mich der schon im Vorspann groß angekündigte Sponsor »Henkel«. Wie mit einer fast liebenswerten Hartnäckigkeit immer wieder ein Persil-Karton im Bild zu sehen ist, das ist filmkünstlerisch vielleicht das Nonplusultra des Films. Ramón lebt illegal im Keller der Oma Ruth, macht sich dort Tortillas oder fackelt mit seinem Ofen fast das haus ab, und im Hintergrund steht der Persil-Karton wie ein Indiz deutscher Gemütlichkeit. Und wenn in einer Szene mal die Kamera von oben das Bild einfängt, dann hat auch jemand daran gedacht, den Karton rechtzeitig vom Regal zu nehmen, damit er nun in Bodennähe die Kadrage veredeln kann. Wenn man darüber nachdenkt, wie groß die Produktpalette von Henkel ist, ist es schon eine kleine Enttäuschung, dass bis auf einen kleinen Gastauftritt von Sidolin nicht viel mehr Henkel zu sehen war. Abgesehen von den sanft schmachtenden Blicken von Franziska Kruse der einzige Lichtblick in einem komplett überflüssigen und manchmal auch ärgerlichen Film (inkl. Fremdschäm-Momenten), der ganz sicher auf einer Kinoleinwand nichts zu suchen hat. Aber die Mexikaner sollen es mögen. Die wissen aber vielleicht auch nicht, welche Teile in der Beschreibung des »Märchenlandes« Deutschland »authentisch« wirken und welche auf traurige Weise lachhaft.

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  Project Almanac (Dean Israelite)


Project Almanac
(Dean Israelite)

USA 2014, Buch: Andrew Stark, Jason Pagan, Kamera: Matthew J. Lloyd, Schnitt: Martin Bernfeld, Julian Clarke, mit Jonny Weston (David Raskin), Sofia Black-D'Elia (Jessie Pierce), Sam Lerner (Quinn Goldberg), Allan Evangelista (Adam), Ginny Gardner (Christina Raskin), Amy Landecker (Kathy Raskin), Michelle DeFraites (Sarah Nathan), Gary Grubbs (Dr. Lu), Macsen Lintz (Young David), Aaron Marcus (History Teacher), 106 Min., Kinostart: 5. März 2015

Dieser Film ist vielleicht das beste Beispiel dafür, dass man Trailern nicht immer glauben sollte. Der Trailer suggeriert folgendes Szenario: Einige Teenagerfreunde entdecken auf einem alten Video den Hinweis, das einer von ihnen vor zehn Jahren bei seinem siebten Geburtstag dabei war. Aber nicht nur als Siebenjähriger, sondern auch als 17jähriger, den man im Hintergrund im Spiegel erhaschen kann. Daraufhin entdecken die Freunde eine halbzusammengebaute Zeitmaschine, die der Vater von David im Keller versteckt hat. Die Benutzung der Zeitmaschine führt jedoch dazu, dass die Zukunft der Menschheit in Gefahr ist und die einzige Hoffnung besteht darin, zu verhindern, dass die Zeitmaschine je gebaut wird. Abgesehen von der Erwähnung des Produzenten Michael Bay und einigen blöden Party-Einstellungen sieht das ganz vielversprechend aus, insbesondere, wenn man Zeitreisegeschichten mag.

Nun läuft der Film aber ungefähr so ab: Zunächst mal wird der komplette Film als »fake found footage« präsentiert, also viel Wackelkamera und ein mysteriöses Video, dass sowohl beim Editing als auch bei der Kameraführung erste Probleme mit sich bringt. Das größte Problem ist hierbei nicht, dass man sich fragt, warum denn bei unzähligen Szenen unbedingt eine Kamera dabei gewesen sein sollte. Das größte Problem ist, dass die Kids sich offenbar für Wissenschaftler halten und von 106 Minuten Lauflänge eine gute Stunde nur langweiligen Mist aufzeichnet. Was man aus dem Trailer kennt, passiert zu großen Teilen im Film erst in der letzten Viertelstunde – und um die Rettung der Menschheit geht es schon einmal gar nicht, höchstens um ein durch einige putzige Veränderungen in der »timeline« abgestürztes Flugzeug.

Mit seinem unerträglich langsamen Erzähltempo gibt einem der Film ausreichend Gelegenheit, sich ein überzeugenderes (oder zumindest spannenderes) Drehbuch auszudenken. Ich fand z.B. auffällig, dass David (Jonny Weston aus Chasing Mavericks) im Aussehen sehr seinem Vater ähnelt, und das Mädel, das sich zwischendurch zu seiner Freundin entwickelt (Sofia Black-D'Elia), ähnelt vom Typ her sehr Davids Mutter (Amy Landecker). Das hätte doch ein nettes Zeit-Paradox werden können, wenn die beiden irgendwie in der Vergangenheit einsteigen, dort die Zeitmaschine lahmlegen und irgendwie dazu gezwungen werden, in der Vergangenheit zu bleiben, wo sie Davids Eltern werden. Stattdessen sind die Kids aber größtenteils damit beschäftigt, die Zeitmaschine für Dinge zu benutzen, die ihren geistigen Horizont nicht unnötig übersteigen. Man gewinnt in der Lotterie oder besorgt sich drei Monate alte Backstage-Pässe für Lollapallooza, um in der Vergangenheit wie selbstverständlich beim Auftritt von »Imagine Dragons« (Radioactive) über die Bühne tollen zu können. In diesen Momenten (oder wenn selten blöde Musikeinspielungen oder leichtbekleidete junge Damen die Inszenierung prägen) merkt man sehr deutlich, dass es sich um die Produktionsfirma »MTV Films« handelt, die in anderthalb Jahrzehnten gut fünfzig Filme fabriziert hat, die man aber größtenteils vergessen kann. Neben Fernseh-Spinoffs wie Beavis & Butthead, Æon Flux oder Jackass größtenteils schnell heruntergedrehtes Zeug wie Joe's Apartment, Hansel & Gretel Witch Hunters oder Not a Girl (mit Britney Spears!), nur vereinzelt kam es mal zu erträglichem Output wie Hustle & Flow, Freedom Writers oder Napoleon Dynamite. Nachdem man auf Musiksendern nur noch Klingelton-Werbungen und blöde Reality-Formate zu sehen gab (»Pimp deinen Rollator« und so), habe ich dieses Phänomen meiner Jugend völlig aus den Augen verloren, aber offenbar versucht man immer noch, den Geschmack einer Generation zu treffen – zur Not auch mit dummen, verlogenen Filmen, die einem allenfalls vor Augen führen, wie intelligent Bill & Ted einst waren.

Zeitreisefilme stehen und fallen aufgrund ihrer Logik-Löcher, und da bietet Project Almanac schon einiges an Blödsinn. Hin und wieder gibt es mal große Verwicklungen (»Puff!«), weil sich Individuen aus unterschiedlichen Zeitlinien begegnen, aber in einer der dümmsten Szenen des Films, in der jemand dafür sorgt, seine Chemie-Note zu retten, macht man einen auf Groundhog Day und hat immer wieder genug Zeit, sich um die nächste Antwort zu kümmern. Und dass dabei drei Zeitreisende wieder und wieder zum exakt selben Zeitpunkt an der Tür zum Klassenzimmer lauern (ohne sich selbst zu begegnen), wird einfach nicht weiter beachtet, weil man einfach davon ausgeht, dass das Kinopublikum so jung und dumm wie die Protagonisten ausfällt. Die entdecken ja zum Beispiel den alten David auf dem Video des siebenten Geburtstags, brauchen dann gut zwanzig Minuten Filmzeit, bis sie die Pläne für die Machine finden, die »temporal relocation« ermöglicht … und dann »übersetzt« einer der angeblich so schlauen Kids das in »time travel« und sie sind komplett verblüfft und sagen gefühlt 17mal »holy shit«. Was zum Teufel haben die denn gedacht, wie es sonst zu dem Video gekommen sein soll.

Das größte Mysterium des Films ist aber Davids Brille. Wer nichts Besseres zu tun hat, als für diesen Schwachfug Geld auszugeben, möchte doch bitte mal darauf achten, wofür David seine Brille trägt: Will er nur bei seiner MIT-Bewerbung schlauer aussehen, oder braucht er sie zum Lesen? Denn dann kann er wieder lesen oder basteln ohne sie, setzt sie in der Kantine zum Essen auf (sind die Portionen so klein?) oder fährt Auto ohne Brille. Seit Sir Richard Attenboroughs sporadisch auftretendem Hinkefuß in Jurassic Park habe ich keine blödere und inkonsequentere Schauspielentscheidung mehr gesehen.

Es gibt übrigens im Film auch zwei gute Szenen: Die eine dreht sich um einen großen Scheck, die andere um zwei Cola-Becher. Dafür muss man aber einiges ertragen, was nur graduell spannender ist als eine Geschichtsstunde nach dem Beispiel von Ferris Bueller's Day Off.

Ende Januar / Anfang Februar in Cinemania 124:
Die ersten Berlinale-Kritiken. Teilweise wissen wir schon, zu welchen Filmen, dürfen aber die Titel noch nicht weitersagen …