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Die Box




Dezember 2007
Thomas Vorwerk
für satt.org


Verwünscht
(R: Kevin Lima)

Verwünscht (R: Kevin Lima)
Verwünscht (R: Kevin Lima)
Bilder © 2007 Disney
Verwünscht (R: Kevin Lima)
Verwünscht (R: Kevin Lima)

Originaltitel: Enchanted, USA 2007, Buch: Bill Kelly, Kamera: Don Burgess, Schnitt: Gregory Perler, Stephen A. Rotter, Musik: Alan Menken, Stephen Schwartz, mit Amy Adams (Giselle), Patrick Dempsey (Robert), James Marsden (Prince Edward), Timothy Spall (Nathaniel), Rachel Covey (Morgan), Susan Sarandon (Queen Narissa), Idina Menzel (Nancy), Julie Andrews (Narrator), Michaela Conlin (May), Paige O'Hara (Trish), Isiah Whitlock Jr. (Stephen), Matt Servitto (Artie), Marilyn Sue Perry (Bus Driver), 117 Min., Kinostart: 20. Dezember 2007

Noch vor den Versuchen mit Hexen und Feen war eine der erfolgreichsten Disney-Properties bei jungen Mädchen der über diverse Jahre angesammelte Fundus von Prinzessinnen, über die klassischen Märchenversionen wie Schneewittchen, Dornröschen oder Cinderella bis zu den (teilweise auch aus feministischer Sicht) moderneren Versionen wie Arielle, Belle oder Jasmin. Der letzte Versuch in dieser Hinsicht waren die Princess Diaries, ausnahmsweise mal als Realfilm. Mit Enchanted und der in jeder Hinsicht klassischen Märchenprinzessin Giselle gibt es hier neues Blut, und wie die traditionelle Disney-Familienunterhaltung mit der geringfügig moderneren Romantic Comedy verbunden wird (auch, wenn ich nicht wissen möchte, wie ein achtjähriger Knabe den Film finden würde), hat schon eine bemerkenswerte markttechnische Raffinesse.

Die tatsächlich aus einem (handgezeichnet animierten) Märchenland namens Andalasia stammende Prinzessin-in-spe (Amy Adams liebenswert naiv-verkitscht wie zuletzt Ellen Green in Little Shop of Horror) wird auf der Suche nach ihrem Traumprinzen (James Marsden mit einem subtilen Hauch von Gaston und Humperdinck) von dessen böser Stiefmutter, der Königin Narissa (Susan Sarandon in den Schuhen der Disney-Schurkinnen aus Snow White and the Seven Dwarfs und Sleeping Beauty) in einen Brunnen geschubst und landet im realverfilmten New York unserer Tage, wo sie erst mal mit Straßenverkehr, Pennern, schlechtem Wetter etc. konfrontiert wird.

Hier macht sie singend den Central Park unsicher, als sei sie Julie Andrews in The Sound of Music, karikiert die disneysche Waldidylle, indem sie typische Großstadt-Kleintiere (Tauben, Ratten, Kakerlaken und Schmeißfliegen) für Haushaltsarbeiten einspannt, und hofft eigentlich vor allem darauf, daß “ihr” Prinz Edward sie rettet. Zuvor trifft sie aber den gänzlich gegen Märchenbrimborium gefeiten Scheidungsanwalt (!) Robert (Patrick Dempsey, durch Grey’s Anatomy zum neuen Frauenschwarm avanciert)

Giselle: Nobody has been very nice to me.
Robert: Yeah, well, welcome to New York.
Giselle: Thank you!

und seine achtjährige Tochter, die natürlich noch an (Disney-)Prinzessinnen glaubt und Giselle als Ersatzmutter weitaus eher annehmen würde als Roberts Wahl, working woman Nancy. Die Entwicklung scheint vorprogrammiert, aber bis dahin gibt es noch viele Verwicklungen, zu denen auch Nathaniel (Timothy Spall in einer Peter Ustinov-ähnlichen Rolle), der Diener der bösen Königin, und ein ebenfalls aus Andalasien stammendes Hörnchen beitragen, das beispielsweise in einer Pizzeria als vermeintlicher Artgenosse Remys verfolgt wird. Und in einer anderen Szene dürfen wir erleben, wie ein Fernsehgerät als magischer Spiegel fungiert...

Das alles parodiert den Disney-Fundus (natürlich etwas harmloser als etwa Shrek) und schreibt sich gleichzeitig als neuester Zugang darin ein. Alan Menken, der seit dem Tod seines Texters Howard Ashman (Little Shop of Horrors, The Little Mermaid, Beauty and the Beast) etwas auf den Hund gekommene Hauskomponist bei Disney (seine letzte enttäuschende Arbeit war Home on the Range alias Die Kühe sind los) erlebt hier ein mal wieder oscarverdächtiges Comeback mit Songs wie That’s how you know (mit den typisch jamaikanischen Steeldrum-Elementen) und dem Happy Working Song, dessen fünf Minuten schon allein den Kinoeintritt wert sind. Leider werden “Das flotte Aufräumlied” und die anderen Songs für die deutsche Synchronfassung “den Kindern zuliebe” mal wieder übersetzt. Nun finde ich Synchronisationen ohne hin ein heikles Thema, aber wenn sie dann auch noch aufs selbe Versmaß passen müssen, merkt man sehr schnell, wie viel simpler die englische Sprache aufgebaut ist. Aus einem putzigen Reim wie

I've been dreaming of a true love's kiss
And a prince I'm hoping comes with this.

wird so

Ich träum lang schon von der wahren Liebe Kuss
Und dem Prinzen, der mich küssen muss.

Nicht nur werden bei der “wahren Liebe Kuss” gleich zwei zusätzliche Silben reingequetscht, aus der Hoffnung auf den Prinzenkuss wird plötzlich ein Pflichtprogramm für die Aristokratie (“der mich küssen muss”). Da muss ich dann halt durch, wenn ich mir den Film mit meiner Nichte ein zweites Mal anschaue, falls ich noch ein drittes Mal hinwill, wird definitiv wieder die Originalfassung bevorzugt.

Jeder Kinozuschauer mit einer auch nur geringen Affinität zu Disney-Filmen dürfte verzaubert werden, und Amy Adams wird hierfür zwar keinen Oscar bekommen (um den sie ja schon bei Junebug betrogen wurde), die Golden-Globe-Nominierung ist aber schon "im Sack", und für mich ist sie schon jetzt der nächste große Hollywoodstar - zur Abwechslung mal einer mit echtem Talent - und das nicht nur beim Tanzen und Singen, sondern vor allem beim Comedy-Timing.

Enchanted
Leuchtreklame in der Londoner Oxford Street

Eine Schlussbemerkung, die ich mir nicht verkneifen kann, bezieht sich auf den deutschen Titel von Enchanted. Das Wort “enchanted” hat aus meiner Sicht vor allem positive Konnotationen, in einem “enchanted forest” würde ich wahrscheinlich gutmütigen Einhörnern (oder sprechenden Eichhörnchen), pixies und fairies begegnen. Die deutsche Entsprechung wäre “verzaubert”. In einem “verwunschenen” Wald hingegen trifft man auf Werwölfe und bösartige Bäume, die einen festhalten (oder schlimmeres) wollen. Vielleicht sogar lions and tigers and bears (oh my!).

Und das Wort “verwünscht” ist völlig daneben, da es meines Wissens einfach nur ein Fluch (im doppelten Wortsinn des englischen “cursing”) ist. Oder vielleicht die nettere Version von “verflucht und zugenäht”. Wie auch immer, wer in der Chefetage der Meinung war, daß man Enchanted als Verwünscht übersetzen sollte, sei dafür nicht etwa verzaubert, sondern entsprechend verwünscht.