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Die Box




Oktober 2006
 

Cinemania 35:
Kinostart September / Oktober 2006

Nachdem das letzte Cinemania eindeutig zu spät online ging (Asche auf mein Haupt, dafür habe ich in dem Monat endlich mal wieder eine Seminararbeit abgegeben), kommt dieses Cinemania pünktlicher, d. h. noch während des zweiten Monats des Erfassungszeitraums. Einige Oktoberfilme werden dann im November (laut Planung bereits Anfang November) nachgeliefert, die übergreifende Zwei-Monats-Regelung soll auf lange Sicht eine frühere Onlinestellung der Einzelbeiträge gewährleisten.



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Cinemania 35:
Kinostart
September / Oktober 2006

[Alle Rezensionen von Thomas Vorwerk, falls nicht anders angegeben]

Der tierisch verrückte Bauernhof
(Steve Oedekerk)

Originaltitel: Barnyard, USA 2006, Buch: Steve Oedekerk, Schnitt: Paul D. Calder, Musik: John Debney, Production Design: Philip A. Cruden, mit den Original- / deutschen Stimmen von Kevin James / Robin Kahnmeyer (Kuh Otis), Courteney Cox / Nana Spier (Kuh Daisy), Sam Elliott / Bert Franzke (Kuh Ben), Danny Glover / Tilo Schmitz (Maultier Miles), Wanda Sykes / Heike Schrötter (Kuh Bessy), Andie MacDowell / Evelyn Maron (Henne Etta), David Koechner / Gerald Paradies (Koyote Dag), Jeffrey Garcia / Gerald Schaale (Maus Pip), Cam Clarke / Simon Jäger (Frettchen Freddy), Rob Paulsen / Sven Plate (Hahn Peck), Tino Insana / Detlef Bierstedt (Schwein Pig), Dom Irrera / Stefan Gossler (Hund Duke), S. Scott Bullock / Karlo Hackenberger (Kuh Eddy), John Di Maggio / Mario Kröger (Kuh Bud), Maurice LaMarche / Uwe Büschken (Kuh Igg), Madeline Lovejoy / ? (Küken Maddy), Earthquake / Oliver Stritzel (Hahn Root), Steve Oedekerk / Hannes Maurer (Snotty Boy / Rotznase), Maria Bamford / Kristin Marquitan (Mrs. Beady), Steve Oedekerk / Axel Lutter (Mr. Beady), Fred Tatasciore / ? (Farmer), 90 Min., Kinostart: 5. Oktober 2006

Wenn keiner hinschaut, verhalten sich die Farmtiere plötzlich fast wie Menschen. Sie gehen aufrecht und unterhalten sich, die Hunde spielen Poker (wie auf dem bekannten Gemälde), eine Kuh hat sogar ein Handy mit Farbdisplay. Barnyard ist ein bißchen wie eine Kombination aus Toy Story, der Großmutter aller computeranimierten Filme, und George Orwells Animal Farm (auch bereits mal zum Zeichentrickfilm verarbeitet), allerdings ohne die politischen Untertöne bei letzterem. Die Revolution der Tiere beschränkt sich hier darauf, den Farmer mehrfach k. o. zu schlagen, wenn er in ungünstigen Momenten zuviel mitbekommt - nur ein kleiner running gag auf Kosten des Man who knew too much.
Der Kindersender Nickelodeon (für den immerhin auch Ren & Stimpy erfunden wurden) ist bisher nur selten auf Kinoleinwänden aufgefallen. Zwei Rugrats-Filme, einmal Spongebob, nun der Nachfolgefilm vom Team hinter dem oscarnominierten (die Animations-Kategorie war damals noch brandneu) Jimmy Neutron, Boy Genius. Regisseur Steve Oedekerk ist bisher neben diversen Drehbüchern vor allem als Spezialist für Realfilm-Komödien aufgefallen: Zweimal Ace Ventura und Bruce Allmighty, aber auch Patch Adams und das Nutty Professor-Update mit Eddie Murphy. Für Nickelodeon hat er auch bereits die Nachfolgeserie Adventures in the Barnyard produziert, die Anfang nächsten Jahres (wahrscheinlich passend zur DVD-Veröffentlichung) im TV laufen soll.
Wer nun glaubt, ein kleiner Kiddie-Fernsehsender kann nicht mit der Qualität einer Traditionsfirma wie Disney, den rotzfrechen Dreamworks-Konkurrenten oder den Innovatoren bei Pixar mithalten, wird sich wundern. Zwar wirkt die Animation zu Beginn etwas verschlafen, doch angefangen mit den Kuheutern, von denen sich die Augen der Zuschauer kaum losreißen können (sie wirken ein wenig wie Gummihandschuhe, und man hinterfragt nicht einmal, warum auch die männlichen Kühe Euter haben), über die exquisit ausgesuchten Sprecher (selbst in der deutschen Synchro wirkt das im Original von Danny Glover gesprochene Maultier noch wie ein waschechter Brother) und den manchmal respektlosen Scherzen (wer hätte gedacht, daß man in einem Film für Kinder noch neue, abstruse Sexpraktiken zwischen Maus und Koyote kennenlernt?) bis hin zu den Songeinlagen und Hochgeschwindigkeitssequenzen, die seit Shrek respektive The Incredibles offensichtlich obligatorisch für das Genre sind, kann Barnyard mit den Großen mithalten. Daß es in solchen Filmen um Werte wie Familie und Verantwortung geht, weiß man schon vorher, daß Jungrind Otis, der sich noch die Hörner abstoßen will, gegen Ende zur alleinerziehenden Mutter steht, deren Kalb natürlich fast die selbe Augenfarbe hat wie er, daß sind die üblichen Konventionen an das Familienpublikum, die man in Kauf nimmt. Trotz „Freigabe ab 0 Jahren“ sind die Sequenzen mit den Kojoten zwar für vier- oder fünfjährige nicht geeignet, aber für hardgesottene Erstklässler bietet Barnyard Unterhaltung, bei der auch die erwachsenen Begleitpersonen auf ihre Kosten kommen.

Deutschland. Ein Sommermärchen
(Sönke Wortmann)

[Rezension von Daniel Walther]
Deutschland 2006, Kamera: Frank Griebe, Sönke Wortmann, Schnitt: Melania Singer, Christian von Lüpke, Musik: Marcel Barsotti, mit Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose, Michael Ballack, Jens Lehmann, Oliver Neuville, Gerald Asamoah, Torsten Frings, Oliver Kahn, David Odonkor, Bernd Schneider, Tim Borowski, Arne Friedrich, Per Mertesacker, Christoph Metzelder, Philipp Lahm, Jürgen Klinsmann, Joachim Löw, Andreas Köpke, Oliver Bierhoff, Wolfgang Hochfellner (Fahrer des Mannschaftsbusses), Adi Katzenmeier (Physiotherapeut), Thomas Mai (Zeugwart), Angela Merkel, Gerhard Meyer-Vorfelder, Horst Köhler , viele andere und ein paar Millionen Statisten, 108 Min., Kinostart: 5. Oktober 2006

DOITSCHLAND, DOITSCHLAND - so lange ist es noch nicht her, dass dieses eine Wort, oft hintereinander wiederholt, zum beliebtesten Volkslied der Republik avancierte. Der Grund dafür ist sicherlich hinreichend bekannt - die Fußball-WM fand in Deutschland statt. Dieser Monat der Ballkunst ist noch allen gut im Gedächtnis. Sei es nun, weil man selbst begeistert und hochkonzentriert vor dem Bildschirm hing und versuchte so viele Spiele wie möglich zu sehen, oder aber man zu den Fußball-Gequälten gehörte, für die der WM-Monat wohl sehr anstrengend gewesen sein muss.
Streng genommen waren es auch eher drei Monate, denn das Vorspiel für dieses monströse Spektakel startete (wie beim Weihnachtsfest) wesentlich früher als das eigentliche Turnier mit dem Anstoß im Eröffnungsspiel.
Nun ist der offizielle Dokumentarfilm von Sönke Wortmann, der die Deutsche Nationalmannschaft bei der WM sowie der Vorbereitung begleitete, als Nachzügler der Euphoriewelle in die Kinos geschwappt. Wortmanns unmittelbar zurückliegende Arbeiten beschäftigten sich ebenfalls mit dem Thema Fußball wie das Wunder von Bern oder Werbespots für bekannte Schuhhersteller. Nachdem man als Zuschauer natürlich bestens vertraut ist mit der „Außenperspektive“ auf die WM, die Nationalmannschaft und die ganze Begeisterung, bietet uns Wortmann nun in seinem „Sommermärchen“ die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu schauen und sich ein kleines Bild über die Vorbereitung oder Stimmung innerhalb der Mannschaft im Laufe der sportlich durchaus erfolgreichen WM zu machen. Mit einer Ausnahme gleich zu Beginn werden die Ereignisse chronologisch wiedergegeben. Man sieht lockere gelöste Spieler, allen voran das Duo Schweini/Poldi, die einem eher wie große Jungs im Ferienlager vorkommen, die albern und fast permanent kichernd unterwegs sind, und manchmal mit der Schweini- bzw. Poldi-Cam das Geschehen einzufangen versuchen. Es ist dem Film anzumerken, dass Wortmann nicht nur bei der WM für ein paar Stunden mit den Spielern zusammen war, sondern bereits die gesamte Vorbereitung ganz nah bei der Mannschaft verbracht hat, denn nur so lässt sich die allgemeine Unbefangenheit der Akteure vor der Kamera beurteilen. Fast alle Interviews mit Einzelnen fanden im Bett statt, mit Ausnahme des Interviews mit „Klinsi“, das in seinem Haus in Kalifornien vor typischem Strandpanorama aufgenommen wurde.
Natürlich gibt es mehrere lustige Situationen, da wäre zum Beispiel Miroslav Klose, dem beim Haareschneiden von einer „Hairstylistin“ erklärt wird, daß es unbedingt lebensnotwendig sei, regelmäßiges professionelles Styling der Haare zu gewährleisten, und die einen mittleren Schock verdauen muss, als er ihr erklärt, daß er eben dies nicht tut. Sehr unterhaltsam sind auch die Auftritte von Frau Merkel und Herrn Köhler, die irgendwie so gar nicht in die gute Stimmung und Laune passen wollen. Hierbei wird klar, daß es wahrscheinlich die Natürlichkeit der Spieler war, die uns in den Bann zog bei der WM. Stellt man einen Horst Köhler daneben, der nach dem verlorenen Halbfinale mit seinem starren „ich treffe jetzt Menschen im Zuge meines Amtes„ Grinsen durch die Kabine geht und einfach sein Programm abspult, merkt man warum es Fußballern oder erfolgreichen Sportlern im Allgemeinen wesentlich leichter fällt, die Menschen zu begeistern als Politikern.
Natürlich gibt der Film des weiteren Aufschluss darüber, welche Worte Klinsmann vor einem Spiel fand. Fußballtypisch sind das natürlich markige Worte, wie wenn er zum Beispiel vor dem Polen-Spiel zur Mannschaft sagt, „Okay, Jungs, wir haben ein Ziel, und das lassen wir uns von keinem nehmen - schon gar nicht von den Polen!„. So wirkt er in diesem Sommermärchen auch manchmal bei seinen Ansprachen vor den Spielen wie der Wolf mit seinen weit aufgerissenen Augen, den man fragen möchte „Warum hast du so große Augen?“ Und er würde sicherlich antworten „damit ich dich besser motivieren kann!“ Zwar ist Klinsmann weit entfernt vom großen bösen Wolf, aber verbissen und siegeshungrig kommt er allemal daher. Vielleicht ist es ein wenig übertrieben, das Ganze „Deutschland. Ein Sommermärchen„ zu nennen, denn für ein Märchen hätte es schon klappen müssen mit dem Meistertitel, schließlich überleben ja nicht nur sechs Geißlein oder Schneewittchen heiratet den Cousin des Königs. Jedoch war es durchaus märchenhaft, was da von den Bolzbrüdern veranstaltet wurde im vergangenen Sommer.
Wenig überraschend fehlt an manchen Stellen die Neutralität, die für eine Dokumentation typisch ist, aber das war sicherlich nicht der Anspruch von Regisseur Wortmann - dafür ist er selber zu großer Fußball-Fan und konnte sich der allgemeinen Euphorie nicht entziehen. Der Film schafft es auf jeden Fall (vorausgesetzt man begeisterte sich schon damals für die Ereignisse), einen wieder in den Strudel der Begeisterung zu ziehen und in knapp zwei Stunden eigene schöne Erinnerungen wie auf den Tischen tanzende Inder zu beleben. Allerdings etwas strapaziös wurde das wiederholte Hören des Liedes „Dieser Weg„ von X. Naidoo, welches sich zur Motivations-Hymne bei dem gesamtdeutschen Team mauserte, natürlich ist das auch etwas Geschmackssache, aber mir war das schon bei der WM zu viel - Genau wie die Unmengen an Fahnen, die einen manchmal ein wenig skeptisch stimmte.
Wen das jedoch nicht juckt, der kann sich denn Film getrost anschauen, er bietet eine kleine Zeitreise für jeden einzelnen Fan und ruft Erinnerungen zurück: Es war einmal. Und wenn man seitdem nicht gestorben ist, kann man sich noch einmal ein wenig freuen und ärgern wie damals.

Klick
(Frank Coraci)

USA 2006, Buch: Steve Koren, Mark O’Keefe, Kamera: Dean Semler, Schnitt: Jeff Gourson, Musik: Rupert Gregson-Williams, Make-Up-Effekte: Rick Baker, mit Adam Sandler (Michael Newman), Kate Beckinsale (Donna Newman), Christopher Walken (Morty), David Hasselhoff (Mr. Ammer), Henry Winkler (Ted Newman), Julie Kavner (Trudy Newman), Sean Astin (Bill), Joseph Castanon (Ben Newman), Tatum McCann (Samantha „Sam“ Newman), Jennifer Coolidge (Janine), Jake Hoffman (Ben, 25), James Earl Jones (Audiokommentar), 107 Min., Kinostart: 28. September 2006

Für seine neueste Filmproduktion (neben seinen eigenen Filmen produzierte er auch diverse Filme mit den ganz so talentierten Komikern Rob Schneider und David Spade) engagierte Adam Sandler jenen Regisseur, mit dessen The Wedding Singer (dt.: Eine Hochzeit zum Verlieben) er 1997 seinen ersten internationalen Kinoerfolg hatte (Happy Gilmore, der 40 Mio. Dollar einspielte, hat hierzulande kaum jemand wahrgenommen). Mit seinem Co-Star Drew Barrymore hatte er ja schon in 50 First Dates den damaligen Erfolg nahezu wiederholt, nun holte er Coraci zurück, mit dem er schon vor seiner Kinokarriere zusammengearbeitet hatte, und der neben einem weiteren Sandler-Film (Waterboy, 1998) seither nur den die Erwartungen nicht erfüllenden Around the World in 80 Days (2004) abdrehte.
Auf den ersten Blick wirkt Klick wie ein typisches Adam Sandler-Vehikel, mit einer gutaussehenden Frau an der Seite des Helden (Kate Beckinsale), diversen Gaststars (u. a. der in letzter Zeit auf komödiantische Kurzrollen abonnierte Christopher Walken, David Hasselhoff und der ebenfalls schon in 50 First Dates auftauchende Ex-Hobbit Sean Astin), und diesmal auch - und das ist wichtig - mit einer ansprechenden Idee hinter dem Projekt. Denn wie schon bei 50 First Dates macht hier der Trailer auch jene Leute neugierig, die den Film nicht wegen Adam Sandler oder seiner teilweise bekannteren Co-Stars (Jack Nicholson, Winona Ryder, John Turturro) besuchen würden, sondern einfach nur wissen wollen, was man aus dieser Idee macht.
Der von Sandler gespielte Architekt Michael Newman steht unter Dauerstreß im Beruf und würde sich am liebsten in zwei Personen aufteilen, weil in letzter Zeit immer wieder seine Familie darunter leidet, wenn Baumhäuser nie zuende gebaut werden oder Campingtrips wegen wichtiger Aufträge kurzfristig ausfallen müssen. Als kleinen running gag kämpft er außerdem mit den diversen Fernbedienungen im Haus, die er immer wieder verwechselt, weshalb etwa statt des Fernsehers das Garagentür reagiert. Sein Sohn berichtet von einer Universalfernbedienung, wie sie die reicheren Nachbarn besitzen, und als ihm mal wieder zuhause das Dach auf den Kopf zu drohen scheint, macht er sich auf den Weg, solch ein Wunderding zu erstehen.
Im seltsam betitelten Bed, Bath, and Beyond kann man seinen Wunsch zunächst wegen fehlender Elektronikabteilung nicht erfüllen, doch dann entdeckt er die „Beyond“-Abteilung (irgendwann geht es auch „Way Beyond“), wo ein freundlicher, zunächst etwas zerstreut wirkender Tüftler namens Morty (Christopher Walken) ihm gratis den Prototyp einer Fernbedienung überlässt, mit der alle seine Probleme gelöst werden könnten. Das stylish designte Gerät kann nämlich, wie sich schnell herausstellt, nicht nur das Garagentor und den Fernseher beherrschen, sondern kann auch den Hund leisestellen oder die Gattin als Standbild einfrieren, wenn sie mal etwas nervt. Michael hat nunmehr Zugriff auf ein DVD-ähnliches Menü, zu dessen Extras etwa sein ganz persönliches „Making Of“ oder ein Audiokommentar von James Earl Jones gehören.
Ganze Kapitel wie ein Essen mit den Eltern kann er „skippen“, bei einem wichtigen Auftrag mit Japanern kann er deren Sprache umschalten und sie gezielt auf die Wünsche der Kunden eingehen, doch schon bald gibt es die ersten Komplikationen, denn beispielsweise beim erwähnten Familienessen ist Michael auf „Autopilot“, und da die Fernbedienung lernfähig ist, werden plötzlich gewisse Elemente des Alltagslebens wie Verkehrsstaus, Heilung von Krankheiten und sogar der Sex (ein Missgeschick) völlig „ausgespart“, was Michaels Leben nicht völlig verbessert.
Nun ist jedem Kinozuschauer klar, daß Michael irgendwann die Fernbedienung loswerden wird und zu einem besseren Menschen reifen wird, doch Klick ist keine Romantic Comedy, sondern eher ein andauernder Alptraum, den Michael verliert im Verlauf des Films so ziemlich alles, was ihm (abgesehen von seiner Karriere) wichtig ist: Seine Frau, seine Figur, diverse Jahre seines Lebens, seinen Vater. Nachdem sich der Film etwa 20 Jahre in die Zukunft bewegt hat, ahnt man als Zuschauer, das jetzt durch irgendeinen Kniff alles wieder „gut“ werden muss, und an dieser Stelle des Films entscheidet sich das endgültige Qualitätsurteil. Zieht der Streifen sein Horror-Programm bis zur letzten Konsequenz durch, wäre dies bemerkenswert. Zieht er für ein blödes Happy End den Schwanz ein, wäre dies zu bedauern. Doch Klick gelingt das Kunststück, in Anlehnung an einen Klassiker der Familienkomödie, zum Schluß doch noch die Kurve zu kriegen, und trotz einiger Schwächen mag man den Film dafür.

Lapislazuli
Im Auge des Bären
(Wolfgang Murnberger)

[Rezension von Friederike Kapp]
Österreich / Deutschland / Luxemburg 2006, Buch: Volker Krappen, Wolfgang Murnberger, Kamera: Fabian Eder, Schnitt: Britta Nahler, Musik: Mischa Krausz, Ausstattung: Christoph Kanter, Kostüm: Martina List, mit Clarence John Ryan (Bataa), Julia Krombach (Sophie), Hans-Werner Meyer (Tom), Lena Stolze (Christine), Paula Nocker (Lissy), Christoph Waltz (Czerny), Gregor Bloéb (Heckl), Vadim Glowna (Einsiedler), 106 Min., Kinostart: 5. Oktober 2006

Sophie (Julia Krombach) hat neben den allgemeinen Lasten der Pubertät noch eine besondere zu tragen: Ihr Vater (Hans-Werner Meyer) hat nach dem Tod der Mutter wieder eine Partnerin (Lena Stolze) gefunden, die zu allem Überfluß auch noch eine jüngere Tochter (Paula Nocker) mitbringt. Von Sophie wird nicht nur erwartet, daß sie diese Illoyalität ihrer verstorbenen Mutter gegenüber wegsteckt, daß sie der Neuen das Feld räumt als Frau Nummer Eins an Papas Seite, daß sie trautes Familienleben heuchelt mit Leuten, die sie sich nicht ausgesucht hat, nein, außerdem soll sie auch der neuen Stiefschwester gegenüber ständig nachgeben und Verständnis aufbringen, weil sie ja die Ältere ist!
So türmt sich Mißmut auf Mißmut, und als Sophie während eines Wochenendausflugs in die Alpen wieder einmal Streit bekommt mit Lizzy und der Vater wieder einmal nicht zu ihr hält (s. o.), schnappt Sophie ihren Rucksack und verläßt die neue Zwangsfamilie.
Nachts allein in den Alpen könnte einem durchaus mulmig werden. Sophie unterdrückt ihre Angst tapfer, bis sie einem sehr, sehr fremden Menschenwesen begegnet – Bataa, dem Neandertalerjungen, der Jahrtausende im Gletschereis begraben war und durch den Einschlag eines Meteoriten wieder zum Leben erweckt wurde. Bataa (Clarence John Ryan) erschrickt fast genauso wie sie, aber er hält das Gleichgewicht. Im Gegensatz zu Sophie, die stolpert und mit dem Kopf hart aufschlägt, so daß sie bewußtlos wird. Bataa sieht ihre momentane Schutzlosigkeit und nimmt sich ihrer an.
Sophie erkennt schnell, daß Bataa ihr freundlich gesonnen ist. Nach fachgerechter neandertalermedizinischer Versorgung ihres verstauchten Knöchels macht er sich auf Nahrungssuche. Als zwei Wissenschaftler versuchen, Bataa einzufangen, flieht sie mit ihm in die Stadt. Es folgen ein Showdown im Naturkundemuseum, die Zusammenführung der Neuzeitfamilie und, mit Hilfe eines kundigen Weisen der Berge (Vadim Glowna), auch die Zusammenführung von Bataa und seiner Familie.
Mit Lapislazuli – Im Auge des Bären ist Wolfgang Murnberger (Komm, süßer Tod, 2000; Silentium!, 2004) ein sehenswerter Kinderfilm gelungen. Phantastische und realistische Motive werden zu einer realistischen Handlung verwoben. Sophie steckt in neuzeitlich-lebensnahen Konflikten, ihre Flucht ist plausibel und zunächst undramatisch. Die Sehnsucht nach einem unabhängigen, ursprünglichen und harmonischen Leben in der Natur wird in der Figur des Bataa Wirklichkeit.
Sophie und Bataa erleben ein spannendes Experiment: Wieviel kann man verstehen, wenn man sich nicht versteht? Viel Mühe verwendeten die Filmemacher auf die Darstellung des sprachlichen Aspekts. Einzelne Wörter des Neandertalischen lassen sich identifizieren. „uotscha“ ist der Bär, lernt Sophie. Prompt wünscht sie sich statt des gehäuteten Hasen lieber „Heidel-uotschas“ von Bataa. Auch in einem viel umfassenderen Sinn sprechen die beiden nicht dieselbe Sprache. Nur langsam begreift Sophie Bataas magisches Denken.
Einzelne Elemente der Handlung werden mit großer Umsicht eingeführt. Ein Beispiel: In den Bergen findet Bataa den Boden einer Glasflasche, Touristenmüll. Er weiß nichts damit anzufangen. In der Stadt, auf seiner Flucht, rennt er freudig auf die Auslage in einem Schaufenster zu. Die Schaufensterscheibe bremst seinen Lauf unerwartet und gründlich. Bataa sucht offensichtlich nach einer Erklärung und scheint sie auch zu finden. Die Zuschauer wissen, daß Bataa seine zweite Erfahrung mit Glas macht und können sein Begreifen nachvollziehen, ohne daß dies in Rückblenden oder der Darstellung innerer Abläufe visualisiert werden müßte.
Auch die Spannung ist durchgehend kindgerecht inszeniert. Wie das Kreischen des minderjährigen Publikums belegt, funktioniert die gute, alte Von-hinten-
Anschleichen-Technik hervorragend, Blutrünstigeres ist gar nicht vonnöten. Freigegeben ab 6 Jahren, optimal für Kinder zwischen 8 und 12.

World Trade Center
(Oliver Stone)

USA 2006, Buch: Andrea Berloff, Kamera: Seamus McGarvey, Schnitt: David Brenner, Julie Monroe, Musik: Craig Armstrong, mit Nicolas Cage (John McLaughlin), Michael Peña (Will Jimeno), Maggie Gyllenhaal (Allison Jimeno), Maria Bello (Donna McLaughlin), Michael Shannon (Dave Karnes), Stephen Dorff (Scott Strauss), Jay Hernandez (Domenick Pezzulo), Armando Riesco (Antonio Rodrigues), Frank Whaley (Chuck Sereika), Jude Ciccolella (Inspector Fields), Donna Murphy (Judy Jonas), Will Jimeno (Port Authority Officer), 129 Min., Kinostart: 28. September 2006

Was glaubt man vor Betreten des Kinos über diesen Film zu wissen? Daß es um die zwei Personen geht, die als letzte am 11. September 2001 das World Trade Center lebend verlassen, und das einer von diesen beiden von Nicolas Cage gespielt wird.
„The events are based on the actual account of the surviving participants“, das hört sich geringfügig besser an als „based on a true story“, kommt aber aufs selbe raus. Der Film beginnt damit, daß der von Nicolas Cage gespielte Polizist John McLaughlin am frühen Morgen des 11. September aufwacht, seine Frau (die übrigens wach ist) im Bett liegen lässt, sich für die Arbeit fertig macht, und - was schon ein bisschen fett aufgelegt ist - hintereinander auf die in ihren Betten liegenden Kinder schaut. Ein Kind, noch ein Kind, noch zwei Kinder.
Dann folgen Strassenansichten, und als Zuschauer wartet man auf den Titelhelden des Films, mal wieder so eine CGI-Kreatur, die aber diesmal ziemlich real aussieht. Bei der zweiten Einstellung des WTC folgt dann auch die Einblendung des Datums, für jene schimmerlosen Zuschauer, die so gar nicht mitbekommen haben, worum es in diesem Film gehen könnte. Der 11. September 2001 scheint übrigens das weltweit bekannteste zeitgeschichtliche Datum dieser Tage zu sein. Wer weiß verglichen damit schon, was am 2. August 1945, am 22. November 1963 oder am 20./21. Juli 1969 geschah?
Doch weiter im Text. Der Tag beginnt ganz harmlos und alltäglich, bis dann ein ungewohnter Schatten über die Strassen von New York huscht und man in einem Hochhaus eine seltsame Erschütterung spürt. Glücklicherweise hat man CNN und ist dadurch schnell informiert, und unser Held John McLaughlin bricht mit zunächst mit einem großen Evakuierungsteam in einem Bus auf, betritt aber dann Turm 1 nur gemeinsam mit Will Jimeno, Domenick Pezzulo und Antonio Rodrigues, deren Namen wir eine Viertelstunde zuvor hintereinander auf drei Spinden lesen konnten. Leider verliert der Film durch solche glasklaren Handlungsstrukturen einen Großteil seiner möglichen Spannung, denn nachdem von den vier Rettern (zuzüglich einer dazugekommenen Person) nur noch zwei halbwegs am Leben sind, und wir von beiden das psychologische Trauma der Ehegattin (Maggie Gyllenhaal bzw. Maria Bello) erleben dürfen, weiß eigentlich schon jeder, wie der Film ausgeht, das einzige bißchen Spannung bleibt die Frage nach dem Namen der ungeborenen Tochter der Jimenos. Der Vater bevorzugte Alyssa, die Mutter Olivia, in der letzten Einstellung des Films wird man dann das Kind sehen - und auch wissen, wie es heißt.
Doch nicht so schnell, zunächst einmal fällt unseren verhinderten Rettern ein Wolkenkratzer auf den Kopf, und der Film benutzt dafür das gern verwendete Stilmittel einer Schwarzblende. So endete auch United 93, doch Oliver Stone wäre nicht Oliver Stone, wenn er dasselbe Stilmittel nicht immer wieder verwenden würde, und beim ungleich optimistischeren Ende sogar zweimal Weißblenden (wie als Symbol der Hoffnung) benutzen würde.
Mancher Einsatz der Schwarzblende ist auch ganz sinnig, etwa für eine Montage, die das langsame Voranschreiten der Rettungskräfte illustrieren soll, während der eingekeilte zu rettende immer wieder das Bewußtsein verliert. Auch schön: Eine CGI-gestützte Kamerafahrt aus dem ehemaligen Fahrstuhlschacht im Erdgeschoß an meterhohen Trümmern vorbei, aufsteigend, um eine Helikopteransicht Manhattans mit auffallend viel Rauchentwicklung zu zeigen, dann ist man schwuppdiwupp schon im All bei einem Nachrichtensatelliten (vom Mikro- in den Makrokosmos), und es gibt ein internationales Nachrichten-Potpourri zu sehen - als wenn man sonst nicht gewusst hätte, was vor knapp fünf Jahren so los war.
Daß es damals auch Zuschauer gab, die beim Anblick des zusammenstürzenden Wirtschaftszentrums der westlichen Welt in Jubelstürme ausbrachen, thematisiert der Film nicht. Stattdessen zeigt Stone einen ehemaligen Marine („What’s your name, Marine?“ - „I’m Staff Sergeant Karnes.“ - „Something a little shorter?“ - „Staff Sergeant.“), der aus einer Kirche gen New York aufbricht, weil „Gott ihm die Gabe gab, den Menschen zu helfen“. Und wenig überraschend ist er es dann auch, der zusammen mit einem Kollegen unsere inzwischen recht pessimistischen Staubschlucker findet. Ob Stone nur provozieren will, oder es tatsächlich für eine besonders amerikanische Botschaft hält - dieser Marine wird später sagen, daß man "gute Leute" brauche, um diese Tat zu rächen, und im Nachspann erfährt man dann, daß er selbst den Dienst wieder aufnahm und zwei Jahre im Irak stationiert wurde.
Für jede gute Idee kommt auch gleich wieder ein politisches oder ästhetisches Ärgernis, ein überflüssiges voice over, eine pathosgeschwängerte Musikeinspielung oder ein kitschiger Dialog, und der qualitative Unterschied zu Paul Greengrass’ United 93 ist unübersehbar, auch wenn Oliver Stone schon viel (und viele) schlechtere Filme als World Trade Center gedreht hat.
Einer der besten Gründe für den Kinobesuch ist Michael Peña, eine Art kleinwüchsig gedrungener Mark Ruffalo, der zwar mit seinen Visionen von Jesus die bodenlos schlechtesten Einstellungen des Films untergejubelt bekommt, der aber im Gegensatz zum wie eingefroren leidenden Nicolas Cage selbst in den brenzlichsten Situationen noch Lebensmut versprüht („He’s alive - they couldn’t kill him!“), und dem man es sogar gönnt, in diesem Film Maggie Gyllenhaal in die Arme schließen zu dürfen.

Snakes on a Plane
(David R. Ellis)

USA 2006, Buch: John Heffernan, Sebastian Gutierrez, Kamera: Adam Greenberg, Schnitt: Howard E. Smith, Musik: Trevor Rabin, mit Samuel L. Jackson (Neville Flynn), Julianna Margulies (Claire Miller), Nathan Phillips (Sean Jones), Rachel Blanchard (Mercedes), Flex Alexander (Three G’s), Kenan Thompson (Troy), Keith Dallas (Big Leroy), Lin Shaye (Grace), Bruce James (Ken), Sunny Mabray (Tiffany), Elsa Pataky (Maria), David Koechner (Rick), Bobby Cannavale (Hank Harris), Todd Louiso (Dr. Steven Price), Byron Lawson (Eddie Kim), 105 Min., Kinostart: 7. September 2006

Nachdem mich der Trailer zum Film eher abschreckte, las ich dann in irgendeiner Filmzeitschrift (am Kiosk), daß Snakes on a Plane Hollywood „revolutioniert“ haben soll, weil wohl über diverse Fan-Websites teilweise auch indirekt Einfluss auf den Film genommen worden sein soll. Wenn dem so ist, hat dies aber nicht zur Qualität des Films beigetragen, man hat eher den Eindruck, als ob hier auf den „kleinsten gemeinsamen Nenner“ abgezielt wurde, nach dem Motto: „Leute, esst Scheiße, Millionen Fliegen können sich nicht irren“.
Was man im Trailer nicht ahnt: Der Film hat sogar eine Geschichte, denn ein Mordzeuge soll von Hawaii zur Verhandlung nach Los Angeles geflogen werden, weshalb der Killer (und Gangsterboss) nach Beseitigung des Staatsanwaltes einfach 150 hochgiftige Schlangen aus aller Welt im Gepäckraum des Fliegers lagert, die bei einer bestimmten Höhe freigelassen werden, durch in Hula-Kränzen verborgene Pheromone besonders aggressiv werden, und sich nicht etwa schon komplett gegenseitig auslöschen, sondern sich einen Weg in die Passagierebene bahnen. Hierbei sind die ersten Opfer zwei Personen, die (wie einfallsreich von den Drehbuchautoren!) die Bordtoilette zweckentfremden. Bereits hier zeigt sich der Stilwillen der beißfreudigen Reptilien, die diesmal in eine Brustwarze der barbusigen Dame beißen. Später wird noch bevorzugt in Zungen, Augen und sogar einen Penis (bei der „normalen“ Benutzung einer Bordtoilette) gebissen. Ich hatte vor dem Film auch kurz darüber nachgedacht, daß es ja schnell langweilig werden könnte, immer wieder zubeissende Schlangen zu sehen, aber mit so einem Overkill an „Abwechslung“ hatte ich nicht gerechnet. Später muß dann noch jemand bei einer Panik unter den Mob geraten und einen Stöckelschuh ins Ohr bekommen, und eine Wendeltreppe wird bei einer weiteren Panik (davon gibt es nicht wenige in diesem Film) zu einer anderen Todesfalle für einige Passagiere.
Daß der Film auch einige nette Dialoge hat (Samuel L. Jackson ist ja ein routinierter Präsentator markiger Sprüche), vergisst man über diese nicht immer geschmackssicheren Spezialeffekte schnell. Mein Favorit ist da die Bemerkung des schleimig-chauvinistischen Co-Pilots, der nach dem (erwarteten) Ableben des Piloten trotz nach Schlangenbiss bis zur Unkenntlichkeit geschwollenem Arm die Maschine „herunterbringen“ will. Die Stewardess fragt besorgt, ob er das denn mit einer Hand könne, woraufhin er munter entgegnet: „You’d be amazed what a man can do with one hand …“
Doch ähnlich wie der schöne Moment, wo ein nur mit einer Rassel bewaffnetes Kleinkind einer Klapperschlange gegenübersitzt, gibt es hiervon im Film viel zu wenig, und wenn dann auch noch der Abspann durch das nicht besonders gelungene Musik-Video zum Titelsong (die Band heißt Cobra Starship) erzürnt, weil er einem vorkommt wie die bei Fernsehsendern zweckentfremdeten Filmabspänne (Rettet den Abspann!), dann ist der Gesamteindruck des Films trotz des bei Final Destination 2 durchaus überzeugenden Action-Regisseurs David R. Ellis eher mit einer Blindschleiche oder halb durchgeweichten Luftschlange zu vergleichen.

Hedy Lamarr
Secrets of a Hollywood Star
(Donatello Dubini, Fosco Dubini,
Barbara Obermaier)

Schweiz / Deutschland / Kanada 2006, Kamera: Donatello Dubini, Schnitt: Fosco Dubini, Donatello Dubini, mit Hedy Lamarr (ORF-Interview von 1970), Chris Horak, Lupita Kohner, Hans Janitschek, Marvin Paige, Jane & Mickey Rooney, Maria Wrigley, James Loder, Robert Rodenburg, Robert Lantz, Peter Shen, Kenneth Anger, Arlene Roxbury, Pete Giglio, Robin Petts, 85 Min., Kinostart: 7. September 2006

Verglichen mit ebenfalls aus Europa importierten Hollywood-Ikonen wie Marlene Dietrich oder Greta Garbo wird der Name Hedy Lamarr heutzutage wahrscheinlich nur bei echten Filmfreaks noch Erinnerungen zutage fördern. Die als Hedwig Kiesler geborene Österreicherin wurde durch den vermeintlichen Skandalfilm Extase bekannt, in dem sie weitgehend textilfrei durch ein natürliches Ambiente huscht, und in ihrer größten Zeit, den 1930ern und 40ern, spielte sie so ziemlich an der Seite jedes wichtigen Stars jener Zeiten, wie der Dokumentarfilm Hedy Lamarr - Secrets of a Hollywood Star anhand diverser Filmausschnitte (seltsamerweise größtenteils Titelsequenzen und effekthascherische Trailer) illustrieren kann.
Zunächst überzeugt der Film noch durch seine größtenteils chronologische Nacherzählung von Hedys Karriere, die in Kapitelüberschriften wie „A Girl from Vienna“ oder „Secret Communication System“ das Interesse des Zuschauers wachhält. Wer hätte etwa gewusst, daß Frau Lamarr auch bei der Entwicklung eines Torpedo-Steuersystems beteiligt war, dessen patentierte Grundlage heutzutage Bestandteil eines jeden Mobiltelefons ist? Doch ähnlich wie sich der Reiz der filigranen Schönheit (etwa zwischen Louise Brooks und Romy Schneider anzusiedeln) schnell verfliegt, verliert auch der Film zunehmend seine Orientierung. Immer wieder werden farbverfremdete Bilder von Hedy gezeigt, wie sie an die Siebdrucke von Andy Warhol erinnern, doch der Bezug zum Film ist nicht auszumachen. Ein interessantes Interview des ORF, in dem sich Frau Lamarr unerschrocken selbst produziert, wird einem über die Lauflänge des Films in kleinen Brocken vorgeworfen, die von den Filmemachern selbst geführten Interviews variieren hingegen in ihrer Qualität und Reichweite stark. Chris Horak vom Hollywood Museum nutzt das Interview für Publicity-Zwecke, der Journalist Hans Janitschek verbreitet seine mitunter fragwürdigen politischen Ansichten, und jeder hat irgendetwas über Hedy zu erzählen, was allerdings nicht immer wirklich interessant ist. Die Geschichte ihres unehelichen Sohnes, der auf Drängen des Studios als „adoptiert“ angenommen wurde und selbst erst sehr spät erfuhr, daß seine Adoptivmutter seine leibliche Mutter war, ist da noch eine der spannendsten Geschichten, die aber im Film nur als eine von unzähligen, unterschiedlich schillernden Facetten präsentiert wird. Ein Wiedersehen mit Kenneth Anger und Mickey Rooney kann den Film auch nicht über die Distanz retten, und ich muß sagen, daß eine Vorführung von Extase vor einigen Jahren im Arsenal einen weitaus größeren Eindruck auf mich hinterlassen hat als dieser im Ansatz interessante, aber durchweg unausgegorene Film über jene Darstellerin, deren letzter claim to immortality eine Zeile in dem für den Oscar nominierten Song Mean Green Mother from Outer Space in Little Shop of Horrors war: Hier singt die fleischfressende Monsterpflanze Audrey II: „How about a date with Hedy Lamarr? You’re gonna like it … [mit verstellter Stimme] If you want me, babe.“

Bierfest
(Jay Chandrasekhar)

Originaltitel: Beerfest, USA 2006, Buch: Broken Lizard (Jay Chandrasekhar, Kevin Heffernan, Steve Lemme, Paul Soter, Erik Stolhanske), Kamera: Frank G. DeMarco, Schnitt: Lee Haxall, Musik: Nathan Barr, mit Jay Chandrasekhar (Barry Badrinath), Kevin Heffernan (Phil [bzw. Gil]„Schluckspecht“ Krundle), Steve Lemme (Charlie „Fink“ Finkelstein / Conferencier), Paul Soter (Jan Wolfhouse), Erik Stolhanske (Todd Wolfhouse), Will Forte (Otto), Cloris Leachman (Groß MuMu), Mo’nique (Cherry), Jürgen Prochnow (Baron Wolfgang von Wolfhausen), Ralf Moeller (Hansel), Gunter Schlierkamp (Peterle), Donald Sutherland (Johann von Wolfhausen), Eric Christian Olsen (Günther), Nat Faxon (Rolf), Philippe Brenninkmeyer (Schiri), M. C. Gainey (Priester), Bjørn Johnson (Herr Schniedelwichsen), Blanchard Ryan (Krista Krundle), Willie Nelson (Himself), 111 Min., Kinostart: 28. September 2006

In den Vereinigten Staaten, jenem Land, dessen Bayern sich „Texas“ nennt, gehören Fachbegriffe wie „Hofbräuhaus“ und „Oktoberfest“ bekanntlich gleich nach „Sauerkraut“, „Schweinhund“, „Blitzkrieg“ und „Schadenfreude“ zu den am häufigsten verwendeten deutschen Lehnworten. Wenn von dort ein Film kommt, der sich Beerfest (oder auf deutsch Bierfest) nennt, drängt sich der Verdacht auf, daß die Rechte am Titel Oktoberfest bereits vergeben waren, und einem hier Ende September, zum Höhepunkt der Wiesenzeit, ein minderwertiges Produkt ohne die deutsche Tradition des Reihnheitsgebotes untergejubelt werden soll.
Doch mitnichten, denn auch wenn die ersten der in New Mexico gedrehten Momente des Films, die in Deutschland spielen sollen, ein akkurat nachgebildeten Spaten-Zelt von innen zeigen, lernt man hier, daß es im Münchner Untergrund zur Wiesenzeit alljährlich ein tatsächlich „Bierfest“ genanntes internationales Hardcore-Wettsaufen gibt, dessen Teilnehmer das althergebrachte Oktoberfest als „für Luschen und Schaf****er“ herabqualifizieren. Und rein filmisch wird dieser Qualitätsunterschied auch überzeugend unterstrichen. Das kleine Abenteuer im Spatenzelt erinnert ein wenig an Final Destination (5 oder 6), wobei die übliche Kettenreaktion hier zu keinem Ableben führt, sondern vor allem dazu, daß ein aus dem Gleichgewicht gebrachter Zechbruder eine junge Frau von ihrer Oberbekleidung befreit, wodurch diese durch den Schock nach hintenfällt und selbiges bei gleich zwei ihrer Artgenossinnen wiederholt. Undsoweiter, bis die Zahl der gutbestückten Statistinnen, die sich für solch einen müden Gag zu entblößen bereit sind, erschöpft ist. Der Abstecher zum „Bierfest“ hingegen scheint eher von Hostel inspiriert zu sein und führt durch dunkle Korridore, in denen Beine in Fleischwölfe wandern und ein kleiner Junge in lynchesker Weise einen weißbärtigen Greis auf einem Dreirad umfährt und dabei singt „Resi, i hol di mit mei’m Traktor ab“ (Einer der Momente, wo die deutsche Synchronisation den Film womöglich sogar verbessert hat).
Auch bei der Inhaltsangabe sticht Bierfest das Oktoberfest aus, denn statt der üblichen 0,85 Ltr. einer Mass hat man für den Film die heutzutage nur noch selten zu sehenden Stiefel in Drei-Liter-Version nachgebildet, was den liebevollen Namen (nur in der Originalfassung) „Das Boot“ durchaus rechtfertigt.
„Das König der Filme“, wie sich der Streifen auf dem Plakat proklamiert, dürfte in angemessener Stimmung und fortgeschrittener Bierseligkeit durchaus einem Wiesenbesuch an ungebremster Lebensfreude und suspekter Geschmacksqualität in nichts nachstehen, und wer schon immer mal wissen wollte, warum sich die Amis einbilden, wir Deutschen können besonders viel Bier vertragen, wird hier von einigen absurden und nicht immer schmeichelhaften Mythen erfahren. Für die verbesserte Authentizität engagierte das Komiker-Ensemble „Broken Lizard“ (von ihnen stammen Filme wie Club Dread oder Super Troopers, der Regisseur drehte zuletzt The Dukes of Hazzard) neben Jürgen Prochnow etwa Ralf Moeller (jenen Schwarzenegger für Arme, der mal durch Gladiator stolpert) und seinen Bodybuilder-Bierkumpan Gunter Schlierkamp, doch am überzeugendsten vertreten in der deutschen Synchro den bayrischen Akzent Cloris Leachman (die schon in Mel Brooks’ Young Frankenstein vor drei Jahrzehnten die „Frau Blücher“ gab) und (in einem uncredited Kurzauftritt) Donald Sutherland.
Nüchtern betrachtet ist vieles an Beerfest, wie man sich eigentlich höchstens ein Bierglas wünschen würde: bodenlos. Welche Farbe Froschsperma hat oder einen Rollennamen wie „Herr Schniedelwichser“ mag ja manch einer noch erheiternd finden, aber warum es bei aller political incorrectness beispielsweise komisch sein soll, einer farbigen Frau mehrfach in den Bauch zu treten, das werde ich selbst in volltrunkenem Zustand nicht nachvollziehen können. Für solche Ausrutscher sollte man den (für emanzipierte Frauen übrigens gänzlich ungeeigneten) Film trotz vieler gelungener Gags eher meiden.

Nacho Libre
(Jared Hess)

USA 2006, Buch: Jared Hess, Jerusha Hess, Mike White, Kamera: Xavier Pérez Grobet, Schnitt: Martin Brinkler, Musik: Danny Elfman, Production Design: Gideon Ponte, Kostüme: Graciela Mazon, mit Jack Black (Ignacio / Nacho), Ana de la Reguera (Schwester Encarnacíon), Héctor Jiménez (Steven / Esqueleto), Darius Rose (Chancho), Moises Arias (Juan Pablo), Eduardo Gómez (Chuy), Carlos Maycotte (Segundo Nunez), Richard Montayo (Guillermo), Cesar Gonzalez (Ramses), 92 Min., Kinostart: 19. Oktober 2006

Nachdem Napoleon Dynamite mit etwas Verspätung auch in drei oder vier deutschen Kinos lief, folgt nun der nächste Film des Regisseurs, diesmal mit Jack Black in der Hauptrolle, mit einem Drehbuch, an dem auch Blacks Mitstreiter Mike White (The School of Rock) mitgeschrieben hat, und einem Soundtrack von danny Elfman. Wer nun glaubt, Jared Hess sei von heute auf morgen in die Hollywood-Oberliga aufgenommen worden, sollte sich beruhigen, denn nach dem Drehort Utah wurde Hess sozusagen nach Mexiko „verbannt“, die lateinamerikanischen Nebendarsteller sind hierzulande allesamt unbekannt und können höchstens mal eine mexikanische Telenovella oder eine Nebenrolle in Falling Down vorweisen.
Schon der Vorspann ist ähnlich liebevoll wie bei Napoleon Dynamite zusammengestellt, und auch einige unappetitliche Einstellungen und Kostüme, die erneut durch ihre Farbzusammenstellung schockieren, erinnern an das immens lukrative Regie-Debüt von Jared Hess. Doch diesmal gibt es auch Stuntkordinatoren und (teilweise miserable) CGI-Effekte, die Produktionskosten waren sicher trotz des Drehortes weitaus höher.
Der andere Vergleichsfilm The School of Rock drängt sich ja schon wegen des Hauptdarstellers auf. Auch hier ist die von Black dargestellte Figur stärker als alle anderen von seinem Talent überzeugt, ein Detail, das sogar in King Kong zum Tragen kam. Black, der ja inzwischen auch Mitglied einer (parodistischen) Rockband wurde, darf auch diesmal wieder einen Song darbieten, diesmal ein Liedchen über die Wildnis, das er für die von ihm angebetete Nonne Encarnacíon (Ana de la Reguera, eine Art witzige und jüngere Penelopé Cruz, die große Entdeckung innerhalb dieses Films) erdacht hat. Hier ein kleiner Ausschnitt:

„I ate some bugs, I ate some grass,
I used my hand to wipe my tears“

Wer über solche Details Tränen lachen kann, wer erleben will, wie der übergewichtige Nacho und sein spindeldürrer Mitkämpfer beispielsweise gegen Zwerge kämpft, die vom Planeten der Affen entkommen sind, wer generell Sportfilme, unschuldige Liebe und (semi)professional wrestling mag, der wird sich in Nacho Libre zumindest etappenweise unterhalten fühlen. Wer jedoch etwas wie Napoleon Dynamite oder The School of Rock erwartet, sollte auf ein double feature mit Beerfest warten, und sich bereits vor den Film mindestens zwei Sixpacks mexikanisches Bier einverleiben. Mit solch einer Vorbereitung ist eigentlich jeder Film todwitzig.

Coming soon in Cinemania 36 (Kinostart Oktober / November 2006):
Rezensionen zu aktuellen Kinostarts wie: Ein Freund von mir, Goyas Geister, Jagdfieber, Der Lebensversicherer, Der letzte Kuss, 7 Jungfrauen, 7 Zwerge - Der Wald ist nicht genug, Wo ist Fred? und anderen, zu diesem Zeitpunkt noch nicht feststehenden Filmen …