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Die Box




4. Februar 2010
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Welcome (R: Philippe Lioret)
Welcome (R: Philippe Lioret)
Welcome (R: Philippe Lioret)
Fotos: Arsenal Filmverleih
Welcome (R: Philippe Lioret)
Welcome (R: Philippe Lioret)
Welcome (R: Philippe Lioret)


Welcome
(R: Philippe Lioret)

Frankreich 2009, Buch: Philippe Lioret, Emmanuel Courcol, Olivier Adam, Kamera: Laurent Dailland, Schnitt: Andréa Sedlackova, Musik: Nicola Piovani, Woyciech Kilar, Armand Amar, mit Firat Ayverdi (Bilal), Vincent Lindon (Simon), Audrey Dana (Marion), Derya Ayverdi (Mina), Thierry Godard (Bruno), Selim Akgül (Zoran), Firat Celik (Koban), Murat Subasi (Mirko), Olivier Rabourdin (Polizeileutnant), Yannick Renier (Alain), Mouafaq Rushdie (Minas Mutter), Behi Djanati Atai (Minas Vater), Patrick Ligardes (Simons Nachbar), Jean Pol Brissart (Richter), Blandine Pélissier (Familienrichterin), Eric Herson-Macarel (Polizist), 118 Min., Kinostart: 4. Februar 2010

Nachdem seine Freundin Mina mit ihrer Familie nach England emigriert ist, hält es auch den 17jährigen Bilal (Firat Ayverdi) nicht mehr im Irak. Er will zurück zu ihr und schlägt sich quasi zu Fuß durch ganz Europa. Im ersten Teil des Films geht es um seinen abenteuerlichen Weg zusammen mit anderen illegalen Einwanderern über diverse Grenzen. “Schlepper” nehmen den verzeifelten Menschen das letzte Geld ab, und es geht um einen ungleichen Kampf gegen die raffinierten Mittel der Zollbeamten. Diese messen beispielsweise mit einem kleinen Stab an der Plane vorbei den CO?-Gehalt im Innern des Laderaums eines LKW. Das bedeutet für die blinden Passagiere, die sich so nicht finden lassen wollen, dass sie während der Fahrt durch ein Loch zur Außenwelt atmen müssen, und sich während der Kontrolle eine Plastiktüte über den Kopf ziehen müssen, um die Werte nicht zu schnell hochzutreiben. Die Gefahren solcher Massnahmen sind offensichtlich ...

Schließlich landet Bilal in einem Lager an der Nordküste Frankreichs, doch ungeachtet der kalten Jahreszeit erweckt der Anblick der Klippen von Dover am Horizont den nächsten tollkühnen Plan in ihm. Er besucht das örtliche Schwimmbad (wo man sich auch mal richtig waschen kann, auch wenn die Illegalen dort ebenso unerwünscht sind wie im Supermarkt), und belegt einen Kurs beim Schwimmmeister Simon (Vincent Lindon), der in ihm zunächst nur eine Einnahmequelle und ein mögliches Ärgernis sieht. Simon lebt getrennt von seiner Frau, der Lehrerin Marion, weil diese politisch engagiert ist und Risiken eingeht, während er eher den Weg des geringsten Widerstands einschlägt. In Gesprächen mit Bilal erfährt Simon von ihren Gemeinsamkeiten, aber auch von den Unterschieden, die Simons Gewissen belasten. Ohne die geringste Sicherheit durchquert dieser Minderjährige einen ganzen Kontinent, 4000 Kilometer! Und als Marion ihn verließ, ist er ihr nicht einmal über die Straße gefolgt, um sie zurückzugewinnen.

Und so geht auch Simon ein paar Risiken ein, lässt z. B. Bilal und einen Freund bei sich übernachten (was offenbar ein Verbrechen ist), was später dazu führt, dass sein unsympathischer Nachbar, der den Filmtitel “Welcome” übrigens auf seiner Fußmatte stehen hat, ihn bei der Polizei verpfeift, die einfach mal schnell die Wohnung inspiziert. Das politische Klima ist schon sehr frostig, und wenn man im Fernsehen Nicolas Sarkozy sieht, wirken seine Versprechungen (“Ich stehe zu allem, was ich sage”) durch den Kontext auch eher suspekt. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen, wird Bilals Lage immer brenzliger, denn Mina soll inzwischen an einen älteren “Restaurant-Besitzer” namens Hassan verheiratet werden, um in der auch nicht rosigen Situation ihrer Familie hilfreich zu sein. Ob Bilal seine Mina wiedersehen wird und seinen Traum verwirklichen kann, Fußballspieler bei Machester United zu werden, hängt wahrscheinlich davon ab, ob er die zehn Stunden in 10 Grad kaltem Wasser übersteht. Und dann geht es natürlich auch noch um das mittlerweile auch sehr ungewisse Schicksal von Simon ...

Letztes Jahr gewann Welcome auf der Berlinale (Panorama) den Preis der Ökumenischen Jury und der “Gilde deutscher Filmkunsttheater”. Der Film entspricht zwar größtenteils einer herkömmlichen Dramaturgie, doch durch das Fehlen von Stars (Vincent Lindon ist zwar bekannt, aber er lockt kein Massenpublikum an), den extrem harten ersten Teil, die sozialkritische Schärfe (eindeutig kein Sponsoring von der französischen Touristikbehörde!) und die immens gelungene Auflösung sucht er sein Publikum eher im Arthaus-Bereich - und wird es auch finden! Filme über die Schicksale illegaler Einwanderer gab es schon viele, aber Philippe Lioret erzählt darüber hinaus eine den Zuschauer sehr schnell einbindende Geschichte, die zu keinem Zeitpunkt sentimental abgeschmackt wirkt.