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Die Box




November 2001
Thomas Vorwerk
für satt.org

Moulin Rouge!
USA 2000

Baz Luhrmann: Moulin Rouge!

Regie:
Baz Luhrmann

Buch:
Baz Luhrmann, Craig Pearson

Kamera:
Donald McAlpine
Schnitt:
Jill Billock

Musik:
Craig Armstrong, Marius DeVries

Choreographie:
John O'Connell

Ausstattung:
Catherine Martin

Kostüme:
Catherine Martin, Angus Strathie

Darsteller:
Nicole Kidman (Satine), Ewan McGregor (Christian), John Leguiza,o (Toulouse-Lautrec), Jim Broadbent (Harold Zidler), Richard Roxburgh (The Duke), Kylie Minogue (Green Fairy), Placido Domingo (Voice of the "Man in the Moon")

Moulin Rouge!



Es gibt nichts einfacheres, als diesen Film in der Luft zu zerreissen. Wer bei "A Knight's Tale" Anstoß nahm an musikalischen Anachronismen, wird hier beispielsweise schnell mundtot gemacht. Vom Prinzip her funktioniert die Tonspur wie bei Alain Resnais "On connait la chanson", nur daß dabei nicht behauptet wurde, daß diverse Songs und gesprochene Lyrics von Marilyn Monroe bis Madonna, von Kiss bis Nirvana oder von Elton John, David Bowie und The Police, um nur die auffälligsten zu nennen, alle bereits Ende des 19. Jahrhunderts bekannt waren.

Doch streng genommen spielt "Moulin Rouge!" (Das Ausrufungszeichen ist natürlich Programm, oder, besser gesagt: Programm!) nicht wirklich im Paris des Jahres 1899, sondern auf einem artifiziellen Rummelplatz, dem filmischen Äquivalent eines Fatboy Slim-Songs und -Videos. Wurde Peter Bogdanovich nach "What's up, Doc" als "flinker Leichenfledderer" tituliert, so zeigt Baz Luhrmann hier, wie zurückhaltend Bogdanovich seinerzeit war. Hier ist alles geklaut, die Story ist Beispielsweise ein Konglomerat aus den kinogerechten tragischen Liebesgeschichten, in denen Leonard DiCaprio zum Superstar wurde, nur daß das Ganze durch eine Rahmenhandlung und eine Spiel-im-Spiel-Dopplung zeitweise eher an "The Player" erinnert, also eine Zweckehe aus purer Unterhaltung und intellektuellen Insiderwitzen. Beim Wort "intellektuell" sind wir aber beim Knackpunkt des Films, denn wenn man es schafft, während des musikalischen Mega-Medleys, während des Bildersturms, der "Le fabuleux destin d'Amelié Poulain" oder die Filme von Gilliam und Coen mit Leichtigkeit wegfegt, wer es da schafft, den Film kritisch zu hinterfragen, der wird allzu leicht fündig. Die Story ist so konstruiert, daß die bewußte Selbstreferentialität, die alles durchdringende Künstlichkeit und der nichtexistente Anspruch an Realismus das Mindestmaß an Alibifunktion ausmachen, einen all das schlucken zu lassen, was das unaufhörliche Tempo dieses leierkastenähnlichen Kinofilms ausmacht. Jede Drehung der Windmühlenräder ist wie ein Schlag ins Gesicht des Zuschauers, um diesen wie Don Quixote davon abzuhalten, hinter aller Illusion die Kulissenhaftigkeit und Oberflächlichkeit wahrzunehmen.

Angeblich dreht sich der Film um Schönheit, Wahrheit, Freiheit und Liebe, doch wenn man Luhrmanns Freiheiten und Kidmans Schönheit noch preisen mag, so hat dieses Konstrukt der Liebe und Emotion wenig mit Wahrheit zu tun.

Während das Finales der Theaterpremiere wird es immer offensichtlicher, daß die tuberkolosekranke Satine keine zweite Vorstellung erleben wird. und ihr Lover Christian (der natürlich auch mal mit Shakespeare verglichen wird) soll erschossen werden, doch weil das alles soweit entfernt von unserer Wirklichkeit ist, daß es dem Regisseur schwerfallen würde, uns das schlucken zu lassen, lenkt er uns mit slapstickartigen Kapriolen und einer Jagd nach der Pistole ab, während der Impressario immer wieder damit beschäftigt ist, das Theaterstück, welches auseinanderzufallen droht, durch Improvisation zu retten. Ähnlich muß man sich auch die Rolle Luhrmanns beim Drehen des Films vorgestellt haben: Überall, wo der Film nicht funktionierte, wo Sand in den Leierkasten geraten ist, wo man durch die Kulisse durchschauen kann, wurde einfach das Tempo erhöht oder noch eine Schicht Make-Up draufgekleistert, und es ist eine unerhörte Leistung, daß dieses artifizielle Konstrukt, diese minderbemittelte Kopfgeburt nicht unter der puren Last der Oberflächlichkeit, der visuellen Reize der mittlerweile zweiten MTV-Generation zusammenbricht.

Somit ist "Moulin Rouge!" ein Film wie "MI 2". Selbst, wenn man durchschaut, wie verachtenswert einiges ist, wie solche Filme die Zukunft des Kinos vergiften werden, weil der nächste größenwahnsinnige Regisseur natürlich versuchen wird, Luhrmann oder Woo zu toppen, und damit noch mehr Tempo und Oberflächlichkeit und noch weniger Kino-Substanz auf die Leinwand bringen wird, selbst dann kann man noch immensen Spaß an diesem Film haben, auch wenn man sich ein bißchen dafür schämt, wenn man schon über 12 ist.