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20. August 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Captain America: The First Avenger (Joe Johnston)
Captain America: The First Avenger (Joe Johnston)
Captain America: The First Avenger (Joe Johnston)
Bildmaterial © Paramount
Captain America: The First Avenger (Joe Johnston)
Captain America: The First Avenger (Joe Johnston)
Captain America: The First Avenger (Joe Johnston)


Captain America:
The First Avenger
(Joe Johnston)

USA 2011, Buch: Christopher Markus, Stephen McFeely, Comic-Vorlage: Joe Simon, Jack Kirby, Kamera: Shelly Johnson, Schnitt: Robert Dalva, Jeffrey Ford, Musik: Alan Silvestri, Production Design: Rick Heinrichs, mit Chris Evans (Steve Rogers / Captain America), Hayley Atwell (Peggy Carter), Tommy Lee Jones (Colonel Chester Philips), Hugo Weaving (Johann Schmidt / Red Skull), Stanley Tucci (Dr. Abraham Erskine), Sebastian Stan (James Buchanan »Bucky« Barnes), Dominic Cooper (Howard Stark), Toby Jones (Dr. Arnim Zola), Richard Armitage (Heinz Kruger), Neal McDonough (Timothy »Dum Dum« Dugan), Derek Luke (Gabe Jones), Kenneth Choi (Jim Morita), JJ Feild (James Montgomery Falsworth), Bruno Ricci (Jacques Dernier), Lex Shrapnel (Gilmore Hodge), Samuel L. Jackson (Nick Fury), Jenna-Louise Coleman (Connie), Sophie Colquhoun (Bonnie), Anatole Taubman (Roeder), James Payton (Hitler Impersonator), Stan Lee (»I thought he’d be taller«), 125 Min., Kinostart: 18. August 2011

Joe Johnston ist immerhin der Regisseur einer der besten Comicverfilmungen überhaupt, The Rocketeer. Und die Verantwortlichen der Filmabteilung von Marvel haben sich wohl gedacht, dass Regisseure, die sich bereits bewiesen haben (wie Jon Favreau oder Kenneth Branagh), sich für den Aufbau des ambitionierten Multi-Film-Deals aus dem Marvel-Universum eignen. Was dann kulminieren soll in The Avengers, einem Projekt, das mich nicht annähernd so interessieren würde, wenn man nicht Joss Whedon als Regisseur verpflichtet hätte, jemand, der sich nicht nur als großartiger und experimentierfreudiger Genre-Regisseur (und Autor) bewiesen hat (Buffy, Firefly / Serenity, Dr. Horrible’s Sing-Along-Blog), sondern der nebenbei auch schon in der Comicbranche sehr erfolgreich war (neben Spinoffs längere Zeit als X-Men-Autor). Bei den ganzen mit Comicverfilmungen in wichtigen Funktionen betreuten Künstlern fallen mir da ansonsten nur ein: Frank Miller (autsch!), James Robinson (außer The League of Extraordinary Gentlemen kam da nicht viel) und David S. Goyer (Co-Buch Batman Begins, Co-Story The Dark Knight, aber leider auch Buch und Regie Blade Trinity). Aber über The Avengers lasse ich mich aus, wenn es soweit ist.

Joe Johnston hat neben The Rocketeer auch noch Filme wie Honey I Shrunk the Kids oder Jumanji gedreht, seine Expertise erstreckt sich also auf Effekt-Spektakel für die ganze Familie, er steht in dieser Sparte ein wenig im Schatten von Chris Columbus, obwohl Johnston klar die besseren (aber offensichtlich und leider nicht die erfolgreicheren) Filme gedreht hat. In letzter Zeit (er war nie wirklich weg vom Fenster, obwohl ich persönlich ihn aus den Augen verlor) hat er mit Filmen wie Hidalgo oder The Wolf Man auch ein eher erwachsenes Publikum bedient, und bei Captain America stellt sich einerseits das Nostalgie- und Heile-Welt-Gefühl ein, das schon bei The Rocketeer eine große Rolle spielte, andererseits geht es teilweise aber auch brutal zur Sache, und schon durch die ganzen Nazis und Semi-Nazis verbunden mit übermächtigen obskuren Mythologien (»Heil Hydra!«) fühlt man sich ein wenig an Hellboy erinnert, was durch das zumindeste farbenmäßig sehr ähnliche Aussehen von Red Skull noch unterstützt wird.

Wie durch den Titelzusatz »The First Avenger« bereits unterstrichen wird, kommt die Comic-Figur Captain America eigentlich aus einer Phase weit vor den üblichen Marvelfiguren, die vor allem in den 1960ern erdacht wurden. Er hat tatsächlich schon im zweiten Weltkrieg dem damals noch aktiven Großvater aller Comic-Bösewichte namens Adolf H. höchstpersönlich in seinen Heftchen-Abenteuern mitunter die Nase geplättet. Im Film versucht man nun, den historischen Status des Proto-Marveluniversums mit dem aktuellen Multi-Film-Deal zu kombinieren, und löst dies recht überzeugend mit einer Rahmenhandlung. Der Film beginnt mit der Entdeckung (in der Jetzt-Zeit) von Captain Americas altem Schild, und bereitet dann nach der eigentlichen Filmhandlung zu WWII-Zeiten die Zusammenkunft der Avengers vor. Dadurch steht dieses Abenteuer einerseits ganz für sich allein, andererseits ist es aber an das neue Marvel-Film-Universum auch auf durchaus clevere Art angeschlossen. Unterstützt wird das noch dadurch, dass Howard Stark (Dominic Cooper), der Vater von Tony »Iron Man« Stark, und sein Industrie-Imperium, schon damals eine große Rolle spielten.

Für die Origin-Story von Steve Rogers (Chris Evans, Freunden von Comicverfilmungen schon vertraut aus Fantastic Four, Scott Pilgrim und Stimme beim letzten TMNT-Streifen) nimmt sich der Film viel Zeit, und was schon ziemlich großartig als Idee ist: Die Spezialeffekte setzen hier im Gegensatz zu Bruce Banner, Peter Parker und wie sie alle heißen nicht erst mit dem Erringen der Superkräfte ein, sondern Rogers ist von Anfang an ein sehr unscheinbarer, aber dadurch umso gelungener Effekt. Denn Rogers ist von eher mickriger Statur, was seinen Wunsch, für sein Land und gegen die Deutschen zu kämpfen, etwas behindert, denn obwohl er immer wieder in unterschiedlichen Städten versucht, in die Armee aufgenommen zu werden (was sich sogar als illegal herausstellt), wird er wieder und wieder abgelehnt, und erst durch ein eher zufälliges Treffen mit dem exil-deutschen Wissenschaftler Dr. Abraham Erskine (Stanley Tucci in Bestform) bekommt er seine Chance, denn zur Erschaffung einer Armada von Supersoldaten braucht man ja keine Probanden, die schon zuvor stramme Jungs (und damit potentielle Bullys) waren, da zählen dann auch innere Werte. Und durch das beherzte Auftretens Rogers’ bei einem Handgranatenwurf sticht er somit nicht nur seinen (in zweierlei Hinsicht) größten Konkurrenten aus, er erkämpft sich damit auch schon vor seiner physischen Veränderung (»Jesus! Somebody give that kid a sandwich!«) den Respekt seiner Vorgesetzten Peggy Carter (Hayley Atwell, spielte in Woody Allens Cassandra’s Dream schon die Hauptrolle). Die zarte Liebesgeschichte zwischen den beiden, verbunden mit soldatischer Kameraderie und beiderseitigem Mut, bildet das Rückgrat des Films, überzeugt aber weit hinaus über klassische Liebesgeschichten in Comicverfilmungen wie Spider-Man, Iron Man oder Hulk. Aus Gründen, die bei nüchterner Betrachtung der Situation offensichtlcih sein sollten.

Bevor Captain America endlich als großer Volksheld auftreten kann und die übliche globale Bedrohung durch Red Skull (Hugo Weaving hier statt als Agent Smith als Johann Schmidt) bekämpfen kann, wird auch sein Kostüm in der Geschichte ganz behutsam vorbereitet. Insbesondere das Schild, das ja auch die Verbindung zur Rahmenhandlung bildet. Schon als Hänfling hat sich Rogers vor Schlägereien (insbesondere gegen Bullys) nicht gedrückt, und so sieht man ihn hier schon sehr früh, wie er den Deckel einer Mülltonne als Schild benutzt. Später dann, bereits mit Superkräften ausgerüstet, aber noch nicht durchdesignt, nutzt er die Tür eines Taxis der Firma »Lucky Star Cab«, und auf diesem Proto-Typ seines Schildes findet sich also schon der gleichsam sheriffsmäßige und die Nation symbolisierende Stern, der nur noch um die Nationalfarben bereichert werden muss.

Um es vorwegzunehmen und gleichzeitig auszuklammern: Den Teil des Films, wo Captain America eine ihn unterstützende Crew von in unterschiedlichen Gebieten begabten Soldaten um sich schart und es jede Menge Kampfhandlungen gibt, hat mich nicht annähernd so sehr wie die erste Hälfte und die Rahmenhandlung überzeugt und fasziniert. Das hat mich eher abgetörnt und an The A-Team erinnert. Ähnlich wie in The Incredible Hulk ist die Geschichte des Menschen eigentlich interessanter als die des Superhelden. Und dadurch, dass sich beide Filme dafür viel Zeit lassen, gewinnen sie.

Selbst, wenn Rogers bereits als Captain America auftritt, ist der Film so clever, daraus eine harmlosere Version des hochgezüchteten Medienspektakels von Flags of our Fathers zu basteln. Mit Hitler-Doppelgänger, der stuntmäßig schlecht choreographiert auf großer Amerika-Tour immer wieder KO geschlagen werden muss, um die Nation zu motivieren.

Ähnlich wie der letzte Woche gestartete Rise of the Planet of the Apes hat Captain America soviel gute Ideen und gelungene Momente, dass man das ausufernde Effekt-Spektakel, das man Showdown nennt, billigend in Kauf nimmt.