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9. August 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Planet der Affen: Prevolution (Rupert Wyatt)
Planet der Affen: Prevolution (Rupert Wyatt)
Planet der Affen: Prevolution (Rupert Wyatt)
Bildmaterial © 2011 Twentieth Century Fox
Planet der Affen: Prevolution (Rupert Wyatt)
Planet der Affen: Prevolution (Rupert Wyatt)
Planet der Affen: Prevolution (Rupert Wyatt)


Planet der Affen:
Prevolution
(Rupert Wyatt)

Originaltitel: Rise of the Planet of the Apes, USA 2011, Buch: Rick Jaffa, Amanda Silver, Kamera: Andrew Lesnie, Schnitt: Conrad Buff IV, Mark Goldblatt, Musik: Patrick Doyle, Production Design: Claude Paré, Supervising Art Director: Helen Jarvis, mit Andy Serkis (Caesar), James Franco (Will Rodman), Terry Notary (Bright Eyes / Rocket), Freida Pinto (Caroline Aranha), John Lithgow (Charles Rodman), Karin Konoval (Orang-Utan Maurice), Richard Ridings (Gorilla Buck), Chris Gordon (Lab-Chimp Koba), David Oyelowo (Steven Jacobs), Tyler Labine (Robert Franklin), Brian Cox (John Landon), Tom Felton (Dodge Landon), Jamie Harris (Rodney), David Hewlett (Nachbar Hunsiker), 105 Min., Kinostart: 11. August 2011

Mit dem ganzen »Blockbuster«-Mist habe ich größtenteils abgeschlossen. Angeber-Effekte, jede Menge Explosionen und die immergleiche Boy-meets-Girl-Story.

Es begab sich aber zu jener Zeit, dass der nicht-mehr-so-junge Herr Vorwerk für einen vermutlich flüchtigen Moment einen neuen Glauben an das US-amerikanische Sommer-Spektakel-Kino fand, als er, noch positiv aufgeladen vom Old-School-Spaß, der da Captain America hieß, in weniger als einer Woche mit Super 8 und Rise of the Planet of the Apes verwöhnt wurde.

Die oben runtergeleierten Standards findet man natürlich auch in diesen drei Filmen, wenn auch mit unterschiedlichen Nuancen. So ist die Boy-meets-Girl-Story in Super 8 schon deshalb interessanter, weil es um pubertierende Teens geht und das Ganze in einem zögerlichen Händchenhalten kulminiert. Und bei Captain America kommt es zwar immerhin zu einem Kuss, doch die Liebesgeschichte dort wird in erstaunlich unerschrockener Weise zu etwas ganz anderem durchgezogen. Was Rise of the Planet of the Apes eigentlich als herkömmlichste Bedien-Aktion der von den Massen verlangten Grundpfeilern der Kinounterhaltung Typ »Bombast« abwerten könnte, doch dem ist nicht so.

Ich muss an dieser Stelle vorausschicken, dass ich beim großen Showdown auf der Golden-Gate-Brücke mal kurz zum Pinkeln gegangen bin, weil ich das absehbare Effekt-Spektakel am ehesten verschmerzen konnte, doch insbesondere, was die vermeintlichen Hauptdarsteller James Franco und Freida Pinto angeht, bedient der Film zwar oberflächlich die obligatorische Knutschi-und-Schmusi-Kiste, könnte sich aber kaum weniger dafür interessieren und macht dies durchaus auch zum Thema. Denn der Film wird fast durchgehend aus der Sicht des von Andy Serkis in mal wieder oscarverdächtiger Weise gemotioncaptureten Schimpansen Caesar erzählt. Was natürlich wie zuvor Gollum und dann Kong eigentlich ein andauerndes Effekt-Spektakel ist, aber selbst wenn Caesar sich durch die Bäume schwingt, wie man es sonst ähnlich nur von Disneys Tarzan oder Raimis Spider-Man kennt - dieser wandelnde Dauereffekt funktioniert über Emotionen. Nicht immer so subtil, wie man es sich wünschen würde, aber durchweg den Affen zur veritablen Identifikationsfigur aufpäppelnd.

Und aus der Sicht des Affen sehen wir auch die lapidare Paarungsgeschichte der zwei Hauptmenschen. Nur, weil Caesar einen Tierarzt braucht, lernt sein vermeintliches Herrchen Will (Franco) die gutaussehende, aber etwas farblose »Primatologin« Caroline (Pinto) überhaupt kennen. Mit Zeichensprache macht Caesar dann überdeutlich, dass auch er die Geschlechtsreife längst erreicht hat, und zum Standard-Date à la Dinnereinladung wäre es ohne Caesars Date-Coaching wohl auch nicht gekommen. Das nächste Mal, wenn die Lovestory sich ein wenig in den Vordergrund spielt, sind fünf Jahre vergangen und die beiden implizit inzwischen sehr miteinander vertrauten Menschen tollen harmlos auf einer Picknick-Decke. Mehr soll der Affe davon nicht mitbekommen, und ich als Zuschauer bin auch sehr zufrieden damit, dass man mich nicht mit der üblichen Laken-Akrobatik und romantischem Gedöns behelligt.

Anhand des überdurchschnittlich intelligenten Caesar erlebt man das weite Spektrum eines Affenlebens, vom Muttermord wie bei Bambi über die Adoption wie beim Jungle Book - nur mit Disney hat das alles wenig zu tun. Caesar erlebt zwar einiges Positives mit seinem Ersatzvater Will, aber selbst, wenn er nur mal mit einem Fahrrad über eine Rampe fahren will wie die anderen Kinder - überall lauern die dunklen Seiten der Menschheit, im Film vor allem versinnbildlicht durch den macht- und geldgeilen Jacobs (immer im schnieken Anzug: David Oyelowo) und den sadistischen »Tierpfleger« Dodge (Tim »Draco« Felton). Verglichen mit solchen Vertretern der Menschheit wirken selbst das brutale Alphamännchen Rocket (Terry Notary) oder der riesige Gorilla Buck auf ihre Art liebenswert. Der wie immer sympathische Tyler Labine (Tucker & Dale vs Evil) als Tierfreund und Wills Vater (John Lithgow), ein Alzheimer-Patient, an dem der Film eine kleines Heilungsmärchen zwischen Geoffrey Rush in Shine und Ernest Borgnine als Charly exerziert, bleiben die Ausnahmen an positiven menschlichen Figuren (mal von Franco und Pinto abgesehen) und werden deshalb auch konsequenterweise eher am Rande aus der Geschichte ausgeklammert.

Aus der Sicht des Affen Caesar (und des Films) ist die Rebellion der Affen inklusive einer intellektuellen Doping-Spritze für die Spezies gut nachvollziehbar und geradezu zwingend. Serkis zelebriert geradezu einige Gesten, die ihn menschlicher als die Menschen erscheinen lassen (lieber lauere ich auf meine Chance in Gefangenschaft als mich auf ein Leben als Haustier zu beschränken), und selbst die eingeschränkten Dialoge in untertitelter Zeichensprache (»Careful! Human no like smart ape!«) wirken oft intelligenter als die ach so zivilisierten Verhaltensmuster der dem Untergang geweihten Menschen.

Zugegeben, gegen Ende kommen dann wieder Hubschrauber-Schlachten usw., aber man gönnt den Affen auch ihren Aufstand. Selbst wenn sie aus Zoogittern als Inbegriff des 70er-Jahre-Camp Pfähle machen (weshalb waren eigentlich die Zooaffen plötzlich so schlau?) und sie, in »unserer« Welt noch Untertan des Menschen, für die Auswertbarkeit von 3D-Effekten dauernd durch Glasscheiben springen müssen, obwohl sie längst bewiesen haben, dass sie sogar Türschlösser mit einem Taschenmesser öffnen können, also auch mit Fenstergriffen kein Problem haben sollten. Aber für die bemitleidenswerten wenigen unter den Zuschauern, die sich nicht für die Dauer des Films von der Menschheit losreißen können, gibt es dann auch hin und wieder in Großaufnahme ein wütend aufgerissenes Affenmaul, das auch gerne mal zubeißt. Seit I am Legend (und hier auch mehr der Roman als die Verfilmungen - eine übrigens auch mit Charlton Heston) habe ich im Bereich SciFi nicht mehr so eine Geburt der neuen vorherrschenden Spezies aus einer vermeintlichen Gruppe von Bösewichten miterlebt. Dafür lasse ich mir auch den »Blockbuster«-Kram gefallen, ohne den es ja wohl heute (zumindest oberhalb eines gewissen Budgets) nicht mehr geht.

Übrigens: Bei aller Ehrfurcht vor den Effekten: die vielleicht schönste Szene des Films zeichnet sich dadurch aus, dass man eben nicht eine Hundertschaft von animierten Affen sieht, sondern sich die Baumwipfel unheilvoll bewegen wie einst in Kurosawas Schloss im Spinnwebwald.