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Die Box




Juni 2005
Benjamin Happel
für satt.org
  Batman Begins
Filmszene
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Bilder © Warner
Filmszene
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Batman Begins
(R: Christopher Nolan)

USA 2005, Buch: Christopher Nolan, David S. Goyer, Kamera: Wally Pfister, Schnitt: Lee Smith, Musik: James Newton Howard, Hans Zimmer, Darsteller: Christian Bale (Bruce Wayne / Batman), Michael Caine (Alfred Pennyworth), Liam Neeson (Henri Ducard), Morgan Freeman (Lucius Fox), Gary Oldman (Lt. James Gordon), Ken Watanabe (Ra's Al Ghul), Katie Holmes (Rachel Dawes), Cillian Murphy (Dr. Jonathan Crane / The Scarecrow), Tom Wilkinson (Carmine Falcone), Rutger Hauer (Richard Earle), Sara Stewart (Martha Wayne), Linus Roache (Dr. Thomas Wayne), Richard Brake (Joe Chill), Gus Lewis (Young Bruce Wayne), Emma Lockhart (Young Rachel Dawes), Tim Booth (Thug), 140 Min., Kinostart: 16. Juni 2005

Zuletzt war Batman in eine Sackgasse geraten: Was Tim Burton Anfang der 90er mit Batman und Batman Returns als fiebrig-absurde Actionfantasie inszenierte, war in Joel Schumachers Batman Forever und Batman and Robin zur clownesken Kinderei verkommen. Das Set-Design erinnerte mehr an die Dekoration einer dörflichen Tanzwirtschaft, als an die düster-beängstigenden Straßenschluchten von Gotham City und Schumachers Batman war kein dunkler Ritter mehr, keine zwiespältige Gestalt, die selbst kaum weniger gefährlich und böse handelte als ihre Widersacher, er war zur Witzfigur geworden. Keine einfache Ausgangslage für Christopher Nolan, der als Regisseur verpflichtet wurde, um der Reihe mit Batman Begins neues Leben einzuhauchen. Nolan schien eine sichere Wahl als Erneuerer, mit Memento und Following schenkte er dem Kino als erster seit langem wieder echte Innovation in der Erzählstruktur – die Erwartungen an sein Prequel zur Batman-Saga waren dementsprechend hoch.

Ein klein wenig Enttäuschung lässt sich dann auch nicht verbergen ob der Konventionalität, mit der Nolan sich dem Sujet nähert. Keine Experimente, scheint die Vorgabe gewesen zu sein, nur nichts wagen, was den potentiellen Kassenschlager den Kritikern näher bringen könnte als dem zahlenden Publikum. Eine vertane Chance aber auch, zu beweisen, dass Mainstream-Kino Ungewöhnliches verträgt, dass sich eine komplexe Figur wie jene des Bruce Wayne/Batman-Charakters (diesmal verkörpert von Christian Bale) auch in einer komplexen Erzählstruktur spiegeln darf. Trotzdem: Ein schlechter Film ist Batman Begins nicht geworden, ganz im Gegenteil. Auch wenn sich Nolan nicht getraut hat, dem Film seine Handschrift einzuverleiben, so hat er es doch geschafft, der Batmanfigur zurück zu geben, was ihr in den letzten Filmen so sehr gefehlt hat: die Angst. Batman Begins ist über weite Strecken weniger ein Actionfilm, als vielmehr eine Meditation über die Angst und ihre Überwindung, ihre Kraft und die Macht, die man gewinnt, wenn man die Angst zu beherrschen gelernt hat. Angst vor dem Geschehen auf der Bühne ist es, die den kleinen Bruce Wayne dazu veranlasst, seine Eltern zu drängen, den gemeinsamen Opernbesuch verfrüht abzubrechen – nur um mitansehen zu müssen, wie sie auf offener Straße vor seinen Augen niedergeschossen werden. Seine Angst vor Fledermäusen ist es, die er mit seinem Alter Ego Batman zu kompensieren versucht und Angst ist die Waffe, mit der sein Gegenspieler Scarecrow arbeitet, wenn er seine Opfer mit einem Halluzinogen betäubt und zu grotesken Wahnvorstellungen treibt. Einige Bilder sind Nolan dabei gelungen, die sich ins Gedächtnis brennen, groteske Fratzen, die seinen Batman Begins um einiges realer scheinen lassen als seine Vorgänger, Bilder, die kaum weiter entfernt sein könnten auch von der selbstironisch-verspielten Jugendlichkeit eines Spiderman von Sam Raimi. Es ist Nolan ernst mit seinen Charakteren, er hinterfragt ihre Motive und gibt ihnen Kontur, und diese Form von Realismus tut dem Genre der Superhelden-Comicverfilmungen ungemein gut.

Überhaupt scheint eine milde Form des Realismus den Filmemachern wichtig gewesen zu sein: Realismus freilich nicht im Sinne einer abgebildeten Wirklichkeit, sondern eher in einer Abkehr vom Unerklärt-Fantastischen. In Batman Begins gibt es keine genetischen Mutationen, die zu unfassbaren Kräften führen oder Autos, die sich im freien Fall in ein Fluggerät verwandeln. Sicher hat das Batmobil auch hier wenig gemein mit dem Fahrgerät des durchschnittlichen Bürgers von Gotham, es scheint jedoch mehr Panzer zu sein, mehr futuristisches Kampfgerät als ultrapotentes Transportmittel. Batmans Gegner arbeiten mit sehr menschlichen Tricks statt mit unerklärten Fähigkeiten und auch Bruce Waynes Entwicklung zum Batman wird ausführlich thematisiert: So dauert es eine ganz Weile, bis man überhaupt Gotham City zu Gesicht bekommt, zunächst werden die Lehr- und Wanderjahre des Helden geschildert, seine Begegnung mit den späteren Widersachern und die Beweggründe für seine Art der Selbstjustiz. Wenn der Held dann zurückkehrt, dann ist der Eindruck freilich gewaltig, den Gotham City macht: Offensichtlich eine Mischung aus Chicago und New York, angereichert mit allerlei Bauten direkt aus Metropolis, ist auch dieses Gotham – genau wie die Batmangestalt und ihre Beweggründe – bei Nolan um einiges realer, bedrückender und dunkler gezeichnet als bei seinen Vorgängern. Dass Batman Begins dabei gar kein "echtes" Prequel sein könnte, sondern der Startschuss zu einer neuen Serie, das wird dann auch in den letzten Filmszenen angedeutet. Die Gestalt des Joker wird dann noch eingeführt, jener Gegenspieler, dessen diabolisches Grinsen in Tim Burtons Batman-Filmen Jack Nicholson auf den Leib geschrieben wurde. Sicher könnte man einfach mit Burtons ursprünglicher Adaption weitersehen, aber das Universum, das Nolan geschaffen hat, scheint dann doch zu geschlossen und zu distinkt, um sich wirklich einzupassen in die bisherigen Arbeiten. So gesehen hat Nolan dann in der Atmosphäre seines Filmes vielleicht doch kreiert, was er in der Struktur nicht gewagt hat: einen echten Neuanfang.