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Die Box




Juli 2005
 

Cinemania 19:
Kinostart Juli 2005

Kinobetreiber jammern allenorts wegen zu wenigen Besuchern, doch wenn man sich das Programm anschaut, mit dem die Verleihe einen selbst im Sommermonat Juli verwöhnen, kann es sicher nicht daran liegen, daß man als potentieller Kinobesucher keinen Film findet, der einen interessiert. Hier neun der Filme, die mit dem Badesee konkurrieren wollen.



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Cinemania 19:
Kinostart Juli 2005

[Rezensionen von Thomas Vorwerk, soweit nicht anders angegeben]

Nicotina (Hugo Rodrìguez)

Mexiko / Argentinien / Spanien 2003, Buch: Martín Salinas, Kamera: Marcelo Iaccarino, Schnitt: Alberto de Toro, Musik: Fernando Corona, mit Diego Luna (Lolo), Lucas Crespi (Nene), Marta Belaustegui (Andrea), Carmen Madrid (Clara), Jesús Ochoa (Tomson), Daniel Giménez Cacho (Beto), Rafael Inclán (Goyo), Rosa María Bianchi (Carmen), Norman Sotolongo (Svoboda), Eugenio Montessoro (Carlos), Jorge Zárate (Sanchez), José María Yazpik (Joaquin), 93 Min., Kinostart: 14. Juli 2005

In Alain Resnais’ Smoking / No Smoking ging es um acht sich ganz unterschiedlich entwickelnde Geschichten, die u. a. von der Entscheidung, ob man nach einer Zigarette greift oder nicht, stark beeinflußt wurden. Im mexikanischen Film Nicotina gibt es auch Raucher, Nichtraucher und solche, die versuchen, sich das Rauchen abzugewöhnen - und der Zufall spielt in diesem Film auch nahezu die Hauptrolle. Inwiefern diese wiederkehrende Thematik auf Resnais’ Filme verweisen soll oder es sich um ein universelles Problem handelt, das zwei ganz unterschiedliche Regisseure beschäftigte, kann ich nicht beurteilen.
Von Anfang an spielt Nicotina mit filmischen Mitteln wie Split Screens, lässt Flashbacks wie Kinovorstellungen aussehen (mit einem kleineren Bildausschnitt, wie eine Leinwand auf der Leinwand), oder betont durch kleine elektronische Fenster Details der Geschichte. Der Film ist auf der Höhe seiner technischen Möglichkeiten, auch wenn das Budget ungleich geringer war als etwa bei City of God, einem anderen Film aus einem ärmeren Land des amerikanischen Kontinents, der dennoch mit der US-amerikanischen Filmindustrie zu konkurrieren wusste. Für einen Film mit einem guten Dutzend Darstellern und einer Handvoll Spielorte weiß Nicotina über ein cleveres Drehbuch und eine rasante Inszenierung, die deshalb nicht gänzlich in Oberflächlichkeiten abdriftet, den Zuschauer zu fesseln, gerade auch weil man über die US-Filmindustrie solche schwarzen Komödien aus dem Pulp Fiction-Bereich gewohnt ist.
Lolo (Diego Luna, der inzwischen in den USA eine kleine Karriere antrat), ein kleiner Computerhacker, will über zwei Freunde mit Kontakten zur Russenmafia einen Zugang zu Schweizer Nummerkonten zum warmen Geldregen machen. Damit könnte er sich vielleicht sogar das Herz seiner Nachbarin Andrea erkaufen, der er mithilfe technologischer Überwachungsgeräte nachstellt, die ihm aber im Verlauf des Films auf die Schliche kommt und einiges an ruinösen Verwicklungen in Gang bringt. Denn als der russische Computerexperte bei der Übergabe nur Bilder von Andrea findet, sind er und sein Boss sehr aufgebracht, eine unbedachte Handbewegung lässt eine Schießerei entstehen, die den skurrilen body count des Films in Gang bringt.
Lolos Komplize Nene erklärt bei diversen Autofahrten dem etwas unwirschen Tomson, daß es nicht das Nikotin ist, der die Leute umbringt, sondern daß es Tausende von dummen Zufällen gibt, die einem das Leben kosten können. Worte, die sich im Verlauf des Films als prophetisch erweisen werden. Eine der unsympathischsten Figuren des Films leidet besonders unter dem Versuch, sich das Rauchen abzugewöhnen (auch, wenn er unter der Dusche weiter heimlich raucht), und wenn die Frau, die unter seinen Stimmungsschwankungen besonders leiden musste, sich schließlich vor seiner Leiche stehend endlich die verdiente Zigarette anzündet, meint sie nur noch sarkastisch: "Siehst Du, Du hättest auch weiterrauchen können …"
Mehrfach geht es in Nicotina um aufflammende oder langsam erlöschende Liebe, und der Regisseur lässt wie in den garstigen EC-Comics der 1950er eine höhere Moral entscheiden, wer für seine Taten belohnt wird und wer leiden muß. Hierbei funktioniert der Film trotz seiner streng chronologischen Erzählweise (der Hauptteil des Films spielt sich sogar klassisch griechisch während einer Nacht in einem Straßenblock ab) ein wenig wie einer der wenigen gelungenen Versuche, die Coolness eines Quentin Tarantino nachzuahmen. Wer mit sowenig Geld einen so amüsanten Film drehen kann, hat es verdient, weitaus mehr Geld auf den Kopf zu hauen. Nach Robert Rodriguez gibt es jetzt vielleicht einen neuen Rodrìguez (mit Akzent, bitteschön!), den man sich merken sollte. Ein Double Feature mit Sin City wäre eine nette Idee.

Antares (Götz Spielmann)

Österreich 2005, Drehbuch: Götz Spielmann, Kamera: Martin Gschlacht, Schnitt: Karina Ressler, mit Petra Morzé (Eva), Harry Prinz (Alfred), Xenia Ferchner (Tochter), Andreas Patton (Tomasz), Susanne Wuest (Sonja), Dennis Cubic (Marco), Martina Zinner (Nicole), Andreas Kiendl (Alex), 119 Minuten, Kinostart: 14. Juli 2005
[Rezension von Friederike Kapp]

Seine volle Leucht- und Strahlkraft würde der Titel entfalten, wenn die Metapher nicht weitgehend erklärungsbedürftig wäre. Antares ist ein Doppelstern, ein rotglühender Superriese im Sternbild des Skorpions. Der Name des Himmelskörpers (wörtlich "Gegenmars", griechisch Ant(i)-Ares) soll hier für Hitze und Leidenschaft stehen. Nicht auf dem Mars, sondern irgendwo in einer langweiligen Stadtrandsiedlung sind die Protagonisten und Handlungen in Antares angesiedelt. Drei Paare, drei konfliktreiche Beziehungen, drei Leidenschaften.
Im Mittelpunkt der filmischen Erzählung steht Eva (Petra Morzé). Eva ist berufstätig (Krankenschwester), verheiratet (mit Alfred, dargestellt von Harry Prinz), ein Kind ("Tochter", Xenia Ferchner). Sie ist auf routinierte Art glücklich. Sie hat sich eingerichtet in ihrem Leben, mitsamt der kleinen Langeweile, die sich einstellt, wenn alles passt. Wie sagte noch Baron Instetten in Effi Briest? "Glück ist, wenn die Stiefel nicht drücken." Eines Tages meldet sich ein flüchtiger Bekannter (Andreas Patton) bei Eva, und unvermittelt findet sie sich in einer Affäre wieder, die sich gewaschen hat. Die Leidenschaft ist ausgebrochen. Wie ausgehungerte Nimmersatte fallen die beiden über einander her, schamlos, gierig, hemmungslos. Keine Fragen, keine Bedingungen, vertrauensvolle Begegnungen pur.
Besonders die Geschichte um Sonja, die Kassiererin im Supermarkt, ist über weite Strecken als Komödie inszeniert. Sonjas (Susanne Wuest) Leidenschaft ist die Eifersucht. Um Marco (Dennis Cubic) an sich zu binden, behauptet sie, sie sei schwanger. Heimlich hofft sie darauf. Nach stattgefundenem Sex streckt sie in einer gymnastischen Kerze Rumpf und Beine in die Höhe, auf dass sein Samen möglichst tief einsickern möge. Sehr komisch für den Betrachter, verdeutlicht diese kleine Übung die Ernsthaftigkeit und Verbissenheit, mit der Sonja sich darum bemüht, ihr Leben in die geplanten Bahnen hineinzumanövrieren.
Dabei würde das kleinbürgerliche Leben, das sie für ihn vorsieht, Marco sogar liegen. Eher um seinem machohaften Selbstverständnis zu entsprechen als von Leidenschaft getrieben, unterhält er eine Affäre mit der Nachbarin Nicole (Martina Zinner). Der sitzt ihr Ex-Freund Alex (Andreas Kiendl) im Nacken, ein Aufschneider und beruflicher Versager. Wann auch immer ihm etwas nicht passt – und das ist sehr oft der Fall – schlägt er zu. Alex’ Leidenschaft ist gemeingefährlich.
Die Handlungen sind lose miteinander verknüpft, man wohnt in derselben Siedlung. Eva und Alfred hören auf ihrem Abendspaziergang Nicole um Hilfe schreien. Da hat doch jemand geschrieen? Ach, hat schon aufgehört. Spielmann erzählt mit zeitlichen Überlappungen, aus wechselnden Perspektiven. Die Eingangsszene wird erst in der Wiederholung transparent. Auf dem Weg zum Flughafen betrachtet Tomasz die Fotos, die er von Eva gemacht hat. Wir wissen früh, dass diese Szene in einem Unfall endet. Mit überhöhter Geschwindigkeit rast ein Auto auf die Kreuzung zu, der sich auch Tomasz’ Taxi nähert. Um ihn einzuholen? Bis zur Auflösung dürfen einige Spekulationen abgehandelt werden. Der kunstvolle Erzählmodus verleiht der guten Unterhaltung, die Antares bietet, eine weitere Dimension.
Hinsichtlich der geschilderten Milieus sowie der Art der Schilderung stellt Antares sich in eine Reihe mit Filmen wie Nordrand (1999, Barbara Albert) oder Hinterholz 8 (1998, Harald Sicheritz), aber auch den Wolf-Haas-Verfilmungen Komm, süßer Tod (2000) und Silentium (2004, beide Wolfgang Murnberger) um den österreichische Private Eye Simon Brenner. Einfache Leute, kleine Einkommen, schwierige Verhältnisse. Und derart schnodderig, lakonisch, prosaisch in Szene gesetzt, dass die Filme der englischen Sozialkomödie (The Full Monty (1997, Peter Cattaneo), Brassed Off (1996, Mark Herman) etc.) sich dagegen wie Kindergeschichten ausnehmen. Antares gehört zu den neuen Filmen aus Österreich mit Anti-Kitsch-Garantie.

Mr. und Mrs. Smith (Doug Liman)

Originaltitel: Mr. and Mrs. Smith, USA 2005, Buch: Simon Kinberg, Kamera: Bojan Bazelli, Schnitt: Michael Tronick, Musik: John Powell, Production Design: Jeff Mann, Art Direction: Keith Neely, mit Brad Pitt (John Smith), Angelina Jolie (Jane Smith), Vince Vaughn (Eddie), Adam Brody (Benjamin Diaz), Kerry Washington (Jasmine), Keith David (Father), Chris Weitz (Martin Coleman), Rachael Huntley (Suzy Coleman), Michelle Monaghan (Gwen), Megan Gallagher (40's Woman), Min, Kinostart: 21. Juli 2005
[Rezension von Benjamin Happel]

Der Film beginnt auf der Beratercouch. Die Ehe läuft nicht gut, und Mr. und Mrs. Smith (Brad Pitt und Angelina Jolie) suchen einen Therapeuten auf, während die Credits laufen. Sie sprechen fast in die Kamera, über ihre Ehe, ihren Sex, ihr Kennenlernen. Einig sind sie sich über nichts und das wäre auch schade – gerade am Anfang zieht Mr. und Mrs. Smith seinen Humor aus der so grotesk gescheiterten Beziehung seiner beiden Protagonisten. Natürlich lebt dieser Anfang davon, dass man mehr weiß als die Figuren: Schon auf den Plakaten zum Film wird verraten, was die beiden verbindet – ohne dass sie es wissen: Sie sind Auftragskiller, arbeiten für konkurrierende Organisationen und kommen sich dabei natürlich schneller in die Quere als ihr Ehetherapeut sie behandeln kann.
Die Beziehung von John und Jane Smith macht eine Entwicklung durch, natürlich, und wenn die Filmemacher sagen, sie wollten eine romantic comedy mit Granaten und Gewehren erzählen, dann deuten sie damit schon an, was hier eigentlich geschieht: Gewalt wird zur Metapher für die Entwicklung der Charaktere. Es ist ein listiger Schritt, den Hollywood da macht – die Verbindung zweier eigentlich grundverschiedener kinematografischer Sprachen. Wo die einen Filme – die Beziehungsdramen – von problembeladenen Partnerschaften erzählen, von internalisierten Konflikten, die sich in Tränen lösen oder in Wut, da sprechen die anderen – die Actionfilme – von Bewegung, von Körpern und ihrem Aufeinandertreffen, vom Lösen der Konflikte in der externalisierten Gewalt. Natürlich hat auch die Körperlichkeit des Actionfilms immer eine zugrundeliegende Ebene des Narrativen: In seinem klugen Text zur Mindful Violence hat der Stunt-Coordinator Aaron Anderson genau das beschrieben – jeder Kampf im Kino ist in seiner Essenz auch eine kleine Geschichte, erzählt mit den Mitteln der Gewalt. Die körperliche Auseinandersetzung ist damit immer auch Beschreibung einer Charakterentwicklung, es gibt immer einen Gewinner und einen Verlierer, und die Möglichkeit, dass dieser Status flexibel ist, sorgt für die Spannung. "In the strictest sense, martial arts are simply military tactics on a personal level.", schreibt Anderson, und genau das ist das Konzept, dem sich auch die Filmemacher von Mr. and Mrs. Smith verschrieben haben. Die kleinen Geheimnisse, die hier die Eheleute voreinander haben, sind eben einfach das geheime Waffenfach unter dem Herd oder der Geheimgang in der Werkzeuggarage, die kleinen Lügen decken keine Seitensprünge, sondern Mordaufträge, und wenn es dann zum Streit kommt zwischen den Charakteren, die hier gezeichnet werden, dann gibt es weder Tränen noch Wutausbrüche im bürgerlichen Haushalt, sondern zerschossene Kühlschränke und vergifteten Wein. Den schönen Satz "ein Happy End ist lediglich eine Geschichte, die nicht zu Ende erzählt wurde" darf Jolie mittendrin einmal sagen, und auch, wenn sich die Filmemacher selbst nicht ganz an dieses Credo halten, so beschreibt sie damit doch in wenigen Worten die Gemeinsamkeiten der beiden Genres: Die endlose Gewalt und die scheiternde Beziehung – beide können eigentlich nur böse enden.
Ein wenig vom Rosenkrieg hat das, nur dass Jolie und Pitt sich freilich weit eher ans fernöstliche Actionkino anlehnen und an die Choreografien, die viele ihrer Kämpfe eher nach Tanz aussehen lässt, als nach brachialer Gewalt. Insbesondere am Ende gibt es dann eine jener Sequenzen, für die allein bereits der Kinobesuch lohnt: Die beiden Helden, in einem Baumarkt voll geschmackloser Ausstattungsstücke fürs traute Heim, verwandeln mit ihren Kugeln und Granaten die Spießbürgerhölle in ein Inferno. Die Konsumwelt wird lustvoll zerschossen und flambiert, wie es Antonionis Zabriskie Point oder Romeros Dawn of the Dead vorgemacht haben. Zur Atempause geht es in den Aufzug, in dem Easy Listening dudelt und ein Plakat für die Family Card wirbt, mit der sich der Einkauf noch entspannter fortsetzen lässt, nur damit nach wenigen Sekunden Ruhe dann das Chaos zurückkehren kann, das des Kampfes und der Ehe, die in jenen Szenen eins werden. Die zerstörte Idylle des Bürgertums ist dann freilich auch eine Utopie, und es ist wohl dieser Rückzug ins Utopische, der dem Film dann doch sein Happy End erlaubt – zumindest vorläufig, denn bei dem Erfolg, der für Mr. and Mrs. Smith zu erwarten ist, wird die Fortsetzung nicht lange auf sich warten lassen, und dann wird, vielleicht, die Geschichte doch noch zu Ende erzählt.

Die Hochzeits-Crasher (David Dobkin)

Originaltitel: Wedding Crashers, USA 2005, Buch: Steve Faber, Bob Fisher, Kamera: Julio Macat, Schnitt: Mark Livolsi, Musik: Rolfe Kent, Songs: Matter, mit Owen Wilson (John Beckwith), Vince Vaughn (Jeremy Grey), Rachel McAdams (Claire Cleary), Christopher Walken (Secretary Cleary), Isla Fisher (Gloria Cleary), Bradley Cooper (Sack Lodge), Jane Seymour (Kathleen Cleary), Will Ferrell (Chaz), Keir O’Donnell (Todd Cleary), Ron Canada (Randolph, Butler), Henry Gibson (Father O’Neil), Ellen Albertini Dow (Grandma Cleary), Dwight Yoakam (Mr. Kroeger), Rebecca De Mornay (Mrs. Kroeger), 120 Min., Kinostart: 14. Juli 2005

Aufgrund von Shanghai Knights, dem vorherigen Film des Regisseurs David Dobkin, erwartete ich mal wieder nichts von dieser soundsovielten Komödie mit Owen Wilson, diesmal nicht durch Ben Stiller, sondern durch Vince Vaughn verstärkt, der sich nach Starsky and Hutch und Dodgeball auch auf Komödien zu spezialisiert haben scheint.
John und Jeremy sind beste Freunde und Spezialisten für Schlichtungen in Scheidungsfragen. Wenn mal wieder zwei verkrachte Noch-Ehepartner in ihrem Büro sitzen und sich die Diskussion auf Bonmots wie "You shut your mouth when you talk to me" beschränken, gelingt es ihnen mit euphorischen Worttiraden, die Erinnerung an bessere Zeiten heraufzubeschwören (bevorzugt die Hochzeitsfeier) und den Ex-Partnern klar zu machen, daß es nicht am Versagen einer der beiden Parteien liegt, sondern schlichtweg an der "Institution Ehe", die in jedem Fall zum Scheitern verurteilt ist. Und dies ist nicht nur eine Masche, die beiden glauben fest daran, denn seit diversen Jahren nehmen sie sich immer wieder einige Wochen Urlaub, um gemeinsam mehrfach die Freuden von Hochzeitsfeiern zu durchleben, ohne dabei einen "Bund fürs Leben" zu schließen. Gut vorbereitet mit falschen Namen und unterschiedlichen Hintergrundgeschichten schleichen sie sich auf Hochzeiten ein, wo Speisen und Getränke umsonst sind, und Brautjungfern und andere wehmütige Singles empfänglich für die mit den Jahren verfeinerten Manöver, um die Freuden einer Hochzeitsnacht immer wieder aufs Neue zu erleben ohne den ehelichen Katzenjammer am nächsten Morgen, wenn die Ladies so schnell abgespeist werden wie sie zuvor rumgekriegt wurden.
Zu Beginn von Wedding Crashers gibt es deshalb auch eine ausgedehnte Montage (" …even Rocky had a montage"), die zeigt, wie die zwei unter immer wieder passenden Namen auf irischen, indischen, italienischen oder jüdischen Hochzeitspartys auftauchen, sich ausgiebig vom Büffet bedienen und die Alkoholvorräte attackieren, sie sich nebenbei positiv in den Vordergrund spielen, indem sie beispielsweise mit Großmüttern tanzen oder für die Kinderschar Ballontiere basteln, bis dann die jeweils anvisierten Damen anbeißen und von einer rasanten Tanzbewegung direkt zum Matratzenmambo geschnitten wird - wieder und wieder.
Nachdem dann auch noch hin und wieder das von einem legendären Innovator namens Chaz geschriebene Regelbuch der Hochzeits-Crasher erwähnt wurde, beginnt nach einer guten halben Stunde die eigentliche Geschichte. Secretary Cleary (Christopher Walken diesmal sehr zurückhaltend), der auf dem Newsweek-Cover schon als potentieller US-Präsident gehandelt wurde, verheiratet eine seiner Töchter, für dieses "Kentucky Derby" der Hochzeiten aktivieren sich die nach der Hochzeits-Saison etwas ausgelaugten Freunde noch mal, und es kommt, wie es kommen musste: John (Owen Wilson) verliebt sich auf den ersten Blick in Claire (Rachel McAdams, gewann gerade zwei MTV Movie Awards für ihre Breakthrough Performance als Plastik-Tussi in Mean Girls und den Best Kiss - zusammen mit Ryan Gosling - in The Notebook), eine Schwester der Braut, und während er noch rätselt, wie er mit dieser etwas mehr Zeit verbringen kann, legt Jeremy (Vince Vaughn) die dritte Tochter Gloria (Isla Fisher) auf dem Strand flach, nur um später von dieser zu erfahren, daß er der erste Mann in ihrem Leben ist und sie ihn fortan mit Liebesschwüren geradezu belagert.
Während Jeremy also die Hochzeit so schnell wie möglich verlassen will, nutzt John Glorias Begeisterung für seinem Kumpel aus, und die beiden werden zu einem Wochenende auf den Landsitz eingeladen, wo dann auch noch Claires Verlobter Sack (Bradley Cooper) ins Spiel kommt, ein Alphamännchen der Superklasse, gutaussehend, durchtrainiert und ein Mitglied einer der neben den Clearys bedeutendsten Familien des Landes. Während das Cover der beiden Freunde aufzufliegen droht und John aufgrund plötzlicher Gewissensbisse bei Claire ungewohnt behutsam (und somit wenig erfolgversprechend) vorgeht, baggert auch noch die Mutter all dieser Töchter (Jane Seymour) John schamlos an, während der Sohn des Hauses (Keir O’Donnell) es ausnutzt, daß seine Schwester Gloria Jeremy ans Bett gefesselt hinterlassen hat - und dann stattet auch noch der Präsident in spe dem Schlafzimmer des sich "wie Jodie Foster in Accused" vorkommenden Jeremy einen Besuch ab …
Natürlich endet der Film mit einer Hochzeit, bei dem jemand seine unsterbliche Liebe endlich vor der versammelten Gesellschaft kundtut, und obwohl die Story dem üblichen Schema von Hochzeitskomödien folgt, gibt es jede Menge Überraschungen und auch ausreichend zu lachen, was vor allem an den Darstellern liegt. Bis in kleinste Nebenrollen (Ron Canada, Will Ferrell, Henry Gibson und Rebecca De Mornay geben sich unter anderem die Ehre) ist der Film hochkarätig besetzt und reicht durchaus an den Durchschnitt der Ben Stiller-Komödien heran, seine beiden bevorzugten Sidekicks schlagen sich auch ohne ihn gut durch …

Fantastic Four (Tim Story)

USA / Deutschland 2005, Buch: Mark Frost, Michael France, Comic-Vorlage: Stan Lee, Jack Kirby, Kamera: Oliver Wood, Schnitt: William Hoy, Musik: John Ottman, Kostümdesign: Jose Fernandez, Wendy Partridge, mit Ioan Gruffudd (Reed Richards), Jessica Alba (Sue Storm), Chris Evans (Johnny Storm), Michael Chiklis (Ben Grimm), Julian McMahon (Victor Von Doom), Hamish Linklater (Leonard), Laurie Holden (Debbie McIlvane), Kerry Washington (Alicia Masters), Maria Menounos (Nurse Kelly), Stan Lee (Willie Lumpkin), 105 Min., Kinostart: 14. Juli 2005

1986 sicherte sich Bernd Eichinger die Rechte an den Fantastic Four, und natürlich behauptet man jetzt, zwanzig Jahre später, am liebsten, daß man halt warten wollte, bis man auch die technischen Möglichkeiten hat, eine solche Spezialeffekte-Orgie auf die Leinwand zu bannen. Inzwischen ist viel Zeit vergangen, und seit Tim Burtons Batman (1989) sind Comicverfilmungen "machbar", seit Bryan Singers X-Men (2000) und spätestens Sam Raimis Spider-Man (2002) sogar äußerst lukrativ. An die Marvel-Verfilmungen X-Men und Spider-Man lehnt sich Fantastic Four auch klar an, insbesondere den Witz der Spidey-Filme hat man sich zum Vorbild genommen, und verglichen mit den X-Men muß man den Fantastic Four sogar konstatieren, daß es hier besser gelingt, die verschiedenen Team-Mitglieder gleichmäßig in die Story einzubinden, ohne daß manche in den Hintergrund abgeschoben werden. Rein story-mäßig (die letzte Version des Drehbuchs stammt von Twin Peaks-Miterfinder Mark Frost und Michael France, der immerhin auch schon an The Hulk mitgearbeitet hatte) merkt man teilweise wirklich, daß man sich zwanzig Jahre Zeit gelassen hat, trotz der üblichen Versatzstücke ist die überarbeitete Version der Origin-Story der Fantastic Four durchaus gelungen.
Gemeinsam mit dem Geschäftsmann Viktor von Doom starten vier Astronauten zu einer Mission, wie sie aus Star Trek hätte stammen können. Reed Richards und Ben Grimm sind alte Freunde, Richards Exfreundin hat sich inzwischen mit ihrem Vorgesetzten Doom angefreundet und bringt auch noch ihren kleinen Bruder Johnny mit in die Mannschaft ein. Eine seltsame Wolke mit "kosmischer Strahlung" (very sixties und an Jack Arnolds The Incredible Shrinking Man erinnernd, aber immerhin geht es diesmal nicht explizit um Radioaktivität wie bei Spider-Man, Hulk, Daredevil etc.) trifft die Raumstation um Stunden zu früh, und - wer hätte es gedacht? - nach und nach stellen die vier "Noch-nicht-ganz-Freunde" ebenso wie ihr Boss Doc Doom fest, daß sie sich verändern. Der James-Dean-Verschnitt Johnny wird zur Human Torch, Ben Grimm entwickelt sich zum steinharten Thing, Sue kann sich unsichtbar machen (Invisible Girl) und Kraftfelder aufbauen und Mastermind Richards kann sich als Mr. Fantastic wie eine Gummifigur dehnen. Daß man etwa 65% dieser Superkräfte bereits vor kurzem in The Incredibles sah, konnte auch nichts daran ändern, daß Fantastic Four das drittbeste Startwochenende des Jahres vorweisen kann, gleich nach den beiden Filmen mit "War" bzw. "Wars" im Titel.
Was definitiv für die Fantastic Four spricht, ist der Humor. Man nimmt sich nicht so tierisch ernst wie zuletzt Batman Begins, offensichtlich haben die Drehbuchautoren auch mal Paul Chadwicks Concrete gelesen und konfrontieren The Thing mit realistischen Problemen wie zu kleinen Telefontastaturen oder zerbrechlichen Essensutensilien - und sogar kleinen Kabbeleien zwischen Ben und Johnny funktionieren größtenteils …
 …wenn man nicht gerade in jenes Comic-Fettnäpfchen tritt, die Freunde aus nicht sehr überzeugenden Gründen gegeneinander antreten zu lassen. Das mag in einem Comicheft funktionieren, das fast ausschließlich von präpubertären Jungs mit Powerphantasien gelesen wird - auf der Kinoleinwand wirkt es mitunter ähnlich lächerlich wie in Episode 3. Ein in der Bronx aufgewachsener Arbeitertyp verarbeitet nicht wegen einer kleinen Meinungsverschiedenheit mit einem "Unterhosenmodell" einen Sportwagen in ein 1,50m-Bällchen, ein bißchen Respekt vor dem Eigentum anderer Leute wäre da angebrachter gewesen, und die Schadensersatzforderungen aus The Incredibles vermisst man hier.
Neben der ziemlich penetranten Musik von John Ottman (X-Men 2) und den teilweise etwas kindischen Scherzen, die aber irgendwie auch gut zum Material passen, ist der größte Kritikpunkt am Film aber wohl die deutsche Synchronfassung. Wenn Doc Doom seine Lebensauffassung mit dem Satz "Macht zu haben ist geil" zusammenfasst, erinnert er in übler Weise an den letzten Auftritt von Darth Vader. Viele Scherze funktionieren erst, wenn man sie ins Englische zurückübersetzt, weil beispielsweise "Ich liebe Dich" (ebensowenig wie "Ja, ich will") aus vier Worten besteht und auf Dooms Größenwahn "Meine Zeit ist gekommen" einfach nicht "Jetzt geht's rund" funktioniert, sondern man "It's clobbering time!" hören will …
Doch für eine Marvel-Comicverfilmung mit mir unbekanntem Regisseur und Jessica Alba als (mit Abstand) bekanntester Darstellerin bescherte Fantastic Four einen unerwartet amüsanten Kinoabend. Der Streifen ist definitiv trashiger als etwa Batman Begins, nicht so durchdacht und sehr viel bunter - und damit eben sehr comicmäßig, was man jetzt positiv oder negativ werten kann.

Die Vogelpredigt (Clemens Klopfenstein)

Schweiz / Italien 2005, Ursprünglicher Titel: Die Vogelpredigt oder das Schreien der Mönche, Buch: Clemens Klopfenstein, Kamera: Clemens Klopfenstein, Vadim Jendreyko, Schnitt: Remo Legnazzi, Lorenz Klopfenstein, Musik: Ben Jeger, Polo Hofers Schmetterband, mit Polo Hofer, Max Rüdlinger, Sabine Timoteo, Ursula Andress, Mathias Gnädinger, Lukas und Clemens Klopfenstein, 88 Min., Kinostart: 14. Juli 2005

Der Verleih der "Freunde der deutschen Kinematographie" scheint momentan sehr aktiv, alle paar Wochen kommen so in geringer Kopienzahl Filme aus dem Programm des "Forums des internationalen Films" in die Kinos, und wenn es sich dabei um Der fallende Engel oder den zuletzt unter dem Titel Die Vogelpredigt oder Das Schreien der Mönche präsentierten Film handelt, weiß das Kinopublikum dies sehr wohl zu schätzen.
Regisseur Clemens Klopfenstein, wie so viele ein häufig und gern gesehener Gast im Forum, hat mit Die Vogelpredigt ein für ihn typisches Quasi-Sequel zu Das Schweigen der Männer (1997) gedreht, oder auch den vierten Teil der 1982 mit Eine nachtlang Feuerland begonnenen Berner-Männer-Trilogie: Polo Hofer und Max Rüdlinger, zwei ältere Berner Schauspieler, wollen einen neuen Film drehen, und begeben sich auf den Weg zum "Meister", jenen auch als "Klopfi" oder "Clemente" bekannten Regisseur, der irgendwo in einer heruntergekommenen Behausung damit beschäftigt ist, das Drehbuch zu einem franziskanischen Film zu schreiben, eine Auftragsarbeit, dessen geplantes Budget er aber längst überschritten hat.
Polo und Max hingegen diskutieren auf dem Weg bereits, was für einen Film sie drehen wollen. Ein Arbeitstitel wäre: Wenn Elefanten tanzen, leidet das Gras. Etwas fürs Publikum, sex and crime, eine gute Story, lange Autobahnfahrten (wenn das keine self-fulfilling prophecy ist …), bedeutende Figuren, die etwas Bedeutendes machen, Gynäkologen zum Beispiel. An dieser Stelle folgt ein Schnitt auf Sabine Timoteo (L’amour, Gespenster), die die Bedienung bei einer Raststätte darstellt. Polo schaut der jungen Frau nach, für ihn werden im Verlauf der Fahrt sämtliche Bedienungen zu der selben Frau, was aber keine Altherrenphantasie sein soll, sondern ein Engelsbild. Von so einem Engel möchte er gerettet werden, wenn er zu Beginn seines Films zu einem Italo-Western-Soundtrack in der Wüste zu ertrinken droht, eine Vision, die im wirklichen Film später eine Entsprechung finden wird.
Ein Low-Budget-Forums-Amüsement, bei dem das Teuerste wahrscheinlich entweder die hochdeutsche Untertitelung oder der Gastauftritt von Ursula Andress als Maria in einer Pietà war. Obwohl der Film ohne Drehbuch gedreht worden sein soll, ist gerade das Buch die größte Stärke - neben dem tragikomischen Schauspieler-Paar, das wie Don Quichote und Sancho Pansa filmischen Hirngespinsten hinterherläuft, die dem Regisseur die Chance geben, neben religösen Traktaten auch James-Bond-Bettszenen und Horrorvisionen wie aus dem Blair Witch Project mit in den Film einzuarbeiten. In Die Vogelpredigt wird mal darüber gesprochen, daß das Prädikat "Schweizer Film" immer wie eine Entschuldigung - "wir können das nicht besser …" - erscheint. Doch ein derart schnell zusammengeschluderter Low Budget-Film kann kaum besser gelingen - unabhängig vom Herstellungsland.

Die Eisprinzessin (Tim Fywell)

Originaltitel: Ice Princess, USA / Kanada 2005, Buch: Hadley Davis, Kamera: David Hennings, Schnitt: Janice Hampton, Musik: Christophe Beck, mit Michelle Trachtenberg (Casey Carlyle), Joan Cusack (Joan Carlyle), Kim Cattrall (Tina Harwood), Hayden Panettiere (Gen Harwood), Trevor Blumas (Teddy Harwood), Kirsten Olson (Nikki), Juliana Cannarozzo (Zoey), Jocelyn Lai (Tiffany), Michelle Kwan (Herself), Brian Boitano (Himself), 92 Min., Kinostart: 28. Juli 2005

Von Anfang an stimmt sich der Film mit einer Farbskala mit Vorliebe für Türkis und vielen Glittereffekten auf sein Zielpublikum ein: kleine Mädchen zwischen 6 und 16. Casey ist ein weiblicher Wissenschafts-Geek, der höchstens mal auf dem (dauereingefrorenen) See hinter dem Haus etwas Schlittschuh läuft, sich aber ansonsten ganz wie die Tochter einer alleinerziehenden Frauenrechtlerin (Joan Cusack) benimmt und so unscheinbar wirkt, wie es gerade geht, wenn man von einem aufstrebenden Filmsternchen (Michelle Trachtenberg aus Buffy the Vampire Slayer) gespielt wird und nur auf die Verwandlung vom hässlichen Entchen zum Schwan wartet.
Für ein Physikprojekt will sie trainierende Schlittschuhläuferinnen aufnehmen und sich dadurch ein Universitäts-Stipendium verdienen. Die Trainerin des örtlichen Schlittschuhvereins (Kim Cattrall, seit Sex and the City auch jedermann ein Begriff), früher selbst beinahe Olympiasiegerin, ahnt zunächst Sabotage, unterstützt aber dann sowohl das Physikprojekt als auch den plötzlichen Entschluß von Casey, nun selbst Schlittschuhläuferin zu werden und bei einer nationalen Vorausscheidung ihre Karriere zu beginnen. Allerdings gibt es da noch die Tochter der Trainerin, Gen, seit neuestem Caseys nahezu beste Freundin, die durch die Entdeckung des neuen Talents um die eigene Qualifikation gebracht werden könnte, was Trainerin Mutti auf perfide Art verhindert. Mittlerweile weiß Caseys Mutter noch gar nichts von den neuen Karriere-Plänen ihrer Tochter und den gewagten Stofffetzen, die sie dafür tragen muss - und die die Gleichberechtigung der Frau mindestens um Jahre zurückwerfen werden …
Natürlich gibt es auch noch einen schmucken jungen Mann in der Nähe der Eislaufhalle, den Fahrer des "Zamboni", der die Eisfläche blitzblank scheuert - und der schnucklige Teddy offenbart sich nachher sogar noch als zweiter Sprößling der hinterhältigen Trainerin - die Komplikationen, die sich hier anbiedern, können einen Gute-Laune-Kinoabend (oder Kinonachmittag für die jüngeren Zuschauer) mit Leichtigkeit füllen.
Für Kinobesucher, die etwas mehr als einen Disney-Kinder-Sport-Film der handwerklich überzeugenden Art erwarten, wird nicht viel geboten: Joan Cusack hatte schon spannendere Nebenrollen, in denen sie auch ihr komödiantisches Potential besser einsetzen konnte, und bei den Eistanznummern ist es immerhin positiv, daß als Musikuntermalung auch Klassiker der Moderne wie The Pink Panther Theme, It's oh so quiet und Ray of Light benutzt werden. Andererseits gibt es aber bis auf eine pädagogische eher fragwürdige Philosophie hinter dem Ganzen auch keine Ärgernisse, wenn man also Töchter, Enkelinnen oder Nichten im passenden Alter hat, kann man sie ruhig mal wieder ins Kino einladen (wenn man sich aber natürlich berechtigterweise fragt, warum ein Eistanzfilm im Hochsommer in die Kinos kommt …).

Boudu (Gérard Jugnot)

Dt. Titel: Boudu - Ein liebenswerter Schnorrer, Buch: Philippe Lopes Curval, Lit. Vorlage: René Fauchois, Kamera: Gerard Simon, Schnitt: Cathérine Kelber, mit Gérard Depardieu (Boudu), Catherine Frot (Yseult Lespinglet), Gérard Jugnot (Christian Lespinglet), Constance Dollé (Coralie Fischer), Bonnafet Tarbouriech (Perez), Hubert Saint-Macary (Bob), Jean-Paul Rouve (Hubert), Serge Riaboukine (Géronimo), Dominique Ratonnat (Arzt), 104 Min., Kinostart: 28. Juli 2005

Boudu sauvé des eaux - In Frankreich denkt man dabei womöglich tatsächlich erst einmal an das Stück von René Fauchois, das Gérard Jugnot (hier wie dort vor allem als Titeldarsteller aus Die Kinder des Monsieur Mathieu bekannt), ein bereits mehrfach als Regisseur erprobter Schauspieler hier neu verfilmt hat. Die Besetzung (neben Jugnot Gérard Depardieu und Catherine Frot) scheint ebenfalls vielversprechend - doch jemand wie ich, der zu oft im Kino Filme schaut, die schwarzweiß oder sogar stumm sind, denkt bei Boudu sauvé des eaux natürlich sofort an ein Frühwerk (1932) von Jean Renoir, einem der wichtigsten französischen Regisseure überhaupt (La grande illusion, La règle du jeu, La bête humaine, La chienne) mit Michel Simon in der Titelrolle. Ein Werk, mit dem sich Regisseur Jugnot explizit gar nicht messen will, an dem er aber irgendwie auch nicht vorbeikommt.
Sind bei Renoir die Hauptthemen oft Humanismus und satirische Überzeichnung, funktioniert der neue Boudu vorwiegend als Boulevard-Komödie. Catherine Frot, die momentan in Filmen wie Les soeurs fâchées oder Vipère au poing als Komödiantin brilliert (vor der Trilogie von Lucas Belvaux habe ich sie nie wahrgenommen), findet in Depardieu und Jugnot fähige Unterstützung, auch die junge Constance Dollé als Vierte im Bunde überzeugt, doch wenn die anfänglichen Scherze dann immer müder erscheinen, und auch das Coming Out des aufdringlichen Penners Boudu als fähiger Liebhaber niemanden mehr überrascht, verliert der Film allen gesellschaftlichen Zündstoff und wird teilweise nur noch albern.
Es ist ein weit verbreitetes Phänomen (und Ärgernis) bei Filmen, daß die Anfänge oft kolossal sind, es dann aber bei der Auflösung immer schlimmer wird, doch es ist mir bisher nur selten dermaßen sauer aufgestoßen wie bei der Schlußeinstellung von Boudu, die selbst die Stellen des Films, die mir gefallen haben, nun überschattet. Und wenn man dann noch daran denkt, daß dies das überflüssige Remake eines Films von Jean Renoir ist, dem Sohn des bekannten Impressionisten, dann lässt einem diese infantile Bilderzerstörung wirklich die Galle hochkommen. Manchmal weiß man wirklich nicht, was manche Filmemacher geritten hat. Meine auf dem deutschen Plakat basierende Vermutung ist, daß man den Kassenschlager Tanguy von 2001 wiederholen wollte und sich statt der Nervensäge Sohn an den Clochard als Eindringling in Boudu erinnert hat. Als Basis für einen Film ist dies aber zu wenig …

Verflucht (Wes Craven)

Originaltitel: Cursed, USA 2005, Buch: Kevin Williamson, Make-Up Effects: Rick Baker, mit Christina Ricci (Ellie), Jesse Eisenberg (Jimmy), Judy Greer (Joanie), Joshua Jackson (Jake), Milo Ventimiglia (Bo), Kristina Anapau (Brooke), Michael Rosenbaum (Kyle), Portia de Rossi (Zella), Mya (Jenny), Shannon Elizabeth (Becky), Craig Kilborn (Himself), Scott Bajo (Himself), Kinostart: 21. Juli 2005

Horror-Spezialist Wes Craven (Nightmare on Elm Street) hat wieder mit seinem Drehbuchautoren Kevin Williamson (Scream) zusammengearbeitet, und angeblich haben sie zusammen das Subgenre des Werwolf-Films revolutioniert. Ähnlich wie in Scream 3 (bei dem eigentlich schon ein anderer Autor, nämlich Ehren Kruger, verantwortlich war) spielt der Film im Hollywood-Millieu, man sieht den Vollmond über dem Mulholland Drive und der große Showdown spielt sich im Club "Tinsel" ab, einer Art Mischung aus einem Wachsfigurenkabinett und der Planet Hollywood-Kette.
Ellie (Christina Ricci) und ihr knapp volljähriger Bruder Jimmy (Jesse Eisenberg) sind die Hauptfiguren, die einen Werwolfangriff überleben, dabei aber beide verletzt werden. Dadurch geht der Fluch natürlich auf sie über, doch auch, wenn Jimmy dadurch verwirrt wird, daß er eines Morgens nackt draußen aufwacht, und Ellie im Büro (sie arbeitet als Assistentin in einer Fernsehanstalt) einem verführerischen Duft folgt, um eine verletzte Kollegin zu finden (Werwölfe scheinen hier entweder mit Vampiren oder Haien verwandt zu sein), ist das Geschwisterpaar eher in der Opfer als der Täterrolle, denn um den Fluch zu brechen, an den Ellie lange Zeit nicht glauben will, heißt es, den Vorgängerwolf zu erlegen. Und daraus entwickelt sich ähnlich wie bei Scream ein Whodunit-Plot, dessen falsche Fährten Kevin Williamson auch noch geschickt auslegt. Handelt es sich bei dem Werwolf womöglich tatsächlich um Ellies Freund Jake (Joshua Jackson), der sich schon früh durch verräterische Sprüche verdächtig macht? Oder um den Talkshow-Host Craig Kilborn (Himself) oder Ellies Chefin, die Über-Tussi Joanie (Judy Greer in einer ähnlich unsympathischen Rolle wie in 13 going on 30)?
Einer der besten (und gruseligsten) Momente in Cursed ist die Verfolgung eines Models im Leopardendress in einer (natürlich nächtlichen) Tiefgarage. Nicht nur ist das gemeinsame animalische Thema angenehm ironisch, auch ist ein Parkhaus (insbesondere ein solche ohne Frauenparkplätze) als selten in Filmen ausgebeuteter Ort des Grauens eine gelungene Abwechslung, und die Inszenierung der sich panisch zu verstecken suchenden Frau ist durchaus intelligent, bis sie in einen Fahrstuhl flieht, und eine tödliche Neugier demonstriert, wie man sie nur in Horrorfilmen findet.
Ähnlich verhält sich der ganze Film: es gibt immer wieder clevere Ideen (Club Tinsel, Familienhund Skipper, Pentagramm-Stigmata), aber auch mehr blöde Klischees, als selbst ein Horrorfilm vertragen kann. Der Film beginnt beispielsweise mit einem Konzert, bei dem das Lied "Little Red Riding Hood" gesungen wird, später offenbart sich eine Kuckucksuhr mit einem Kuckuck ähnlichen Themas bereits zu früh als Teil eines Traumes. Ähnlich wie die enttäuschenden Verwandlungsszenen sah man dies alles in An American Werewolf in London schon viel gelungener (damals war der CCR-Song Bad Moon Rising ungleich subtiler, die Traumsequenzen gehörten zum Höhepunkt des Films, und Rick Baker verdiente auch ohne CGI verdient einen Special-Effects-Oscar). Sogar die Panikszenen, wenn ein Werwolf die Party im Tinsel unsicher macht, können nicht annähernd mit jenen Szenen in einem Pornokino Nähe Piccadilly Circus mithalten.
Dann gibt es noch den Subplot um den zunächst als Loser eingeführten kleinen Bruder, der sich natürlich in eines der schnuckeligsten Mädchen der Schule verliebt, und von deren Freund Bo (Milo Ventimiglia) und einigen weiteren Bullys mit homophoben Sprüchen gehänselt wird, bis er sich - ganz Teenwolf - durch neugefundene physische Kräfte im Sportunterricht (Ringkampf) auszeichnet und plötzlich zum Mädchenschwarm aufsteigt, dem sogar der plötzlich ganz sensibel gewordene Bo auflauert, der ihn natürlich nur deshalb als Schwulen beschimpft hat, weil er selbst eigentlich mit seiner Freundin nur wenig anfangen kann. ("I’m gay." - "I’m a werewolf.")
Man kommt sich vor wie in einer schlechten Highschool-Komödie, sowohl von Williamson als auch von Regisseur Wes Craven hat man mehr und vor allem mehr Grusel erwartet. Stattdessen ist der ganze Film viel zu harmlos und spätestens, wenn der Werwolf zum Abschied den Stinkefinger zeigt, verkommt alles zur Witznummer, nur daß es sich hier nicht um befreiendes Lachen handelt, sondern kopfschüttelndes.


Coming next month in Cinemania 20 (Kinostart August 2005):
Aktuelle Rezensionen, wahrscheinlich mit: Herbie fully loaded, Holy Lola, Der verbotene Schlüssel, Zwei ungleiche Schwestern und anderen, zu diesem Zeitpunkt noch nicht feststehenden Filmen …