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Februar 2007
 

Cinemania 38:
Kinostart Januar 2007

Nach nur fünf Kritiken im Dezember-Cinemania jetzt gleich doppelt soviele in der Januar-Ausgabe. Darunter Filme, von denen ich mir viel versprochen hatte: Last Days, Flags of our Fathers, Lady Vengeance oder Das Spiel der Macht. Leider konnten die Erwartungen nicht ganz erfüllt werden …



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Cinemania 38:
Kinostart Januar 2007

[Rezension zu Lady Vengeance von Daniel Walther,
Rest von Thomas Vorwerk]

Last Days (Gus van Sant)

USA 2005, Buch, Schnitt: Gus van Sant, Kamera: Harris Savides, Music Consultant: Thurston Moore, mit Michael Pitt (Blake), Lukas Haas (Luke), Asia Argento (Asia), Scott Green (Scott), Nicole Vicius (Nicole), Ricky Jay (Detektiv), Ryan Orion (Donovan), Harmony Korine (Typ im Club), The Hermitt (Band im Club), Thaddeus Thomas (Thaddeus Thomas), Kim Gordon (Managerin der Plattenfirma), 96 Min., Kinostart: 11. Januar 2007

Anfang Dezember gab es an drei aufeinanderfolgenden Tagen drei Pressevorführungen mit (im weeeeitesten Sinne) Biopics. neben dem hier besprochenen Film gab es noch einen Film über das letzte Silvesterfest von Adolf Hitler (Mein Führer) und über die Geburt Christi (The Nativity Story). Am 11. Januar kamen dann auch zwei dieser drei Filme gleichzeitig ins Kino, einzig das Jesusbaby wurde gegen The Queen ausgetauscht.
Auf Last Days wartete ich als Anhänger von sowohl Kurt Cobain als auch Gus van Sant bereits seit anderthalb Jahren, als der Film in Cannes gezeigt wurde, was aber offensichtlich kein Garant für einen deutschen Kinostart ist.
Die ganzen “Trilogien” diverser Regisseure gehen mir momentan ziemlich auf die Nerven: Kaurismäkis “Loser”, Parks “Rache”, Petzolds “Geister”, Gus van Sants “Todestrilogie” ist da noch am überzeugendsten. Immerhin geht es in allen drei Fällen um fiktionalisierte Nacherzählungen von in den Medien breitgetretenen Todesfällen, und insbesondere die stilistischen Mittel (Kamerafahrten, subjektive Tonspur, Abweichungen von der Chronologie) lassen die Filme tatsächlich wie miteinander verbunden erscheinen. War Gerry 2002 noch ein kleines Experiment, erreichte van Sant mit Elephant 2003 einen Höhepunkt seiner Karriere, was man schon an den zwei nur selten an dieselbe Person verliehenen Hauptpreise in Cannes absehen kann, wenn vielleicht auch nicht unbedingt anhand der Einspielergebnisse (in seiner kommerziellen Phase drehte van Sant immerhin mal Good Will Hunting).
Last Days baut nun auf dem Erreichten, auf dem virtuosen Einsatz spezifischer filmsprachlicher Mittel, auf, wirkt aber in seiner Abkehr von einer herkömmlichen Narration fast so experimentell wie Gerry. Der Musiker Blake (Michael Pitt) irrt durch sein Haus (und die Umgebung) wie die zwei Gerrys durch die Wüste. Doch während die immerhin noch miteinander redeten (was allerdings auch nicht immer spannend war), spricht Blake höchstens mit sich selbst, bzw. er grummelt sich etwas in den nicht vorhandenen Bart, was man zu großen Teilen nicht einmal verstehen kann.
Wenn man bei Last Days nicht wüsste, worum es geht, wäre der Film wahrscheinlich unerträglich. Doch da man bei jeder von Blakes Handlungen den Bezug zu Kurt Cobain sucht, wird ein seltsames Paket plötzlich zur vermeintlichen Drogenlieferung, ein Telefongespräch zum Ehedrama. Van Sant hat sich einen Spaß damit gemacht, (reale) Klinkenputzer der gelben Seiten und der Church of Jesus Christ mit in den Film hineinzunehmen, und diese Details gehören zum unterhaltsamsten im Film. War in Elephant die homoerotische Duschszene noch ein augenzwinkernder Kommentar zur Aufklärungsnot der Medien, wirkt die schwule Bettszene in Last Days wie ein Pflichtprogramm, daß der bekennend homosexuelle Regisseur lieblos abhakt.
Verglichen mit Elephant wirkt hier vieles lieblos, die Kamerafahrten erreichen zu keinem Zeitpunkt eine derartigen Drive wie in den ersten zehn Minuten von Gerry oder den Schulkorridoren von Elephant. Dem Zuschauer wird die gesamte Interpretationslast aufgehalst. Er (oder auch sie) kann Blake als Dead Man Walking (bzw. besser jarmuschesken Dead Man) einordnen. Er kann darüber sinnieren, was der Gastauftritt von Kim Gordon von Sonic Youth für eine Bedeutung hat, inwiefern Venus in Furs von Velvet Underground von Musikberater Thurston Moore als Vorläufer von Nirvana ausgesucht wurde. Manchem Zuschauer fällt vielleicht sogar auf, daß das Boyz II Men-Video, das viele als ironisch angesehen haben, zu einem Song namens On Bended Knees gehört (wird sogar eingeblendet, so gut hätte ich mich da nicht ausgekannt). Und wenn man dann schon am interpretieren ist, muß einem auch auffallen, daß in Lou Reeds Sacher-Masoch-Hommage, deren Zeilen “I am tired, I am weary, I could sleep for thousand years” sich besonders schön auf einen Lebensmüden übertragen lassen, diese Phrase auch vorkommt (“Severin, Severin, down on your bended knees”). Ob dies dann bereits eine eigenwillige Musikgeschichte darstellt, ist eine interessante Frage, aber wirklich gut wird der Film dadurch auch nicht.
Selbst als aufmerksamer Betrachter mit Spezialwissen ist mir etwa ohne anschließendes Studium der Pressematerialien nicht aufgegangen, daß der mit einer Schrotflinte im Anschlag durchs Haus schlorkende Blake mit seiner seltsamen Fellmütze an Elmer Fudd erinnern soll, den sexuell sehr aktiven Mitbewohnern der verfallenen Villa wie Kaninchen, also Rabbits (Elmer würde sagen: “Wabbits”) nachstellt …
Last Days ist ein sehr interessanter Film, aber bevor ich ihn mir zweimal hintereinander anschauen würde, würde ich lieber meine siebte bis zehnte Sichtung von Elephant bevorzugen.

Flags of our Fathers (Clint Eastwood)

USA 2006, Buch: William Broyles, jr., Paul Haggis, Lit. Vorlage: James Bradley, Ron Powers, Kamera: Tom Stern, Schnitt: Joel Cox, Production Design: Henry Bumstead, Kostüme: Deborah Hopper, mit Ryan Philippe (John “Doc” Bradley), Jesse Bradford (Rene Gagnon), Adam Beach (Ira Hayes), John Benjamin Hickey (Keyes Beech), John Slattery (Bud Gerber), Barry Pepper (Mike Strank), Jamie Bell Ralph “Iggy” Ignatowski), Paul Walker (Hank Hansen), Robert Patrick (Colonel Chandler Johnson), Neal McDonough (Captain Severance), Melanie Lynskey (Pauline Harnois), Tom McCarthy (James Bradley), Benjamin Walker (Harlan Block), Harve Presnell (Dave Severance), Len Cariou (Mr. Beech), David Patrick Kelly (President Truman), Jon Polito (Borough President), John Nielsen (Senator Boyd), Jayma Mays (Nurse in Hawaii), 132 Min., Kinostart: 18. Januar 2007

Wenn man die Golden Globe-Gewinner und Oscar-Nominierungen als Indiz ansieht, verdichtet es sich immer mehr, daß Letters from Iwo Jima, der zweite der von Clint Eastwood inszenierten Filme über den Pazifik-Krieg, wohl der bessere der beiden sein wird. Er erhielt einen Globe in einer Kategorie, in der Flags of our Fathers gar nicht nominiert werden konnte (bester nicht-englischsprachiger Film), und wurde für drei Oscars nominiert, bei denen sein Vorgänger “übergangen” wurde (Bester Film, beste Regie, bestes (Original-)Drehbuch), Flags of Our Fathers wurde nur beim Ton “bevorzugt” (beim Tonschnitt hingegen stehen sich die beiden Filme vorerst gleichberechtigt gegenüber).
Ich hatte bis zuletzt gehofft, die beiden Filme in einer Doppelkritik vergleichen zu können, aber zugunsten der günstigen Publicity bei einem Berlinale-Start (Wettbewerb außer Konkurrenz, “Europa-Premiere”), hat man die Pressevorführungen des zweiten Films kurzfristig ausfallen lassen.
Flags of our Fathers und Letters from Iwo Jima sind hintereinander von Eastwood realisiert worden (Steven Spielberg hat mitproduziert) und zeigen zunächst die amerikanische Perspektive, dann die japanische auf die Ereignisse auf der heiß umkämpften Pazifikinsel. Bei beiden Filmen hat Hollywoods neues Lieblingskind Paul Haggis (Million Dollar Baby, Crash, Casino Royale) das Buch mitgeschrieben, Flags of Our Fathers basiert auf einem Bestseller, der zweite, kurzfristig drangehängte Film hat ein Originaldrehbuch.
Wahrscheinlich wird Letters from Iwo Jima deshalb auch nicht so ein kompliziertes, in seiner verschachtelten Konstruktion aber auch irgendwie überflüssiges Drehbuch haben. In Flags of our Fathers wimmelt es nur so von Erzählerperspektiven und Rückblenden. Und Rückblenden innerhalb von Rückblenden. Falls das Ziel dieser Erzählstrategie war, die Ereignisse von, wie man so schön sagt, “möglichst vielen Seiten zu beleuchten”, dann ist das Ergebnis in meinen Augen ziemlich düster geblieben. Einzig wenn mit gemeinsam mit den (amerikanischen) Helden von Iwo Jima einen Berg erklimmt, während es um einen herum überall knallt und blitzt, und man dann erst auf dem “Gipfel” angekommen erkennt, daß es sich um eine Pappmaché-Rekonstruktion in einem heimatlichen Football-Stadion handelt, hat man als Zuschauer das Gefühl, daß der Regisseur einem an einem ganz neuen Blickwinkel hat teilnehmen lassen.
Ansonsten wirkt vieles wie das monochromatische Remake der ersten halben Stunde von Spielberg Saving Private Ryan, erneut geht es um die armen Mütter der gefallenen amerikanischen Soldaten, einzig, daß Eastwood uns zeigt, wie mithilfe des berühmten Fotos von der Fahnenhissung auf Iwo Jima das amerikanische Volk durch eine große “Tournee” der “Helden” zum Kaufen von Kriegsanleihen bewegt wird, ist ein neuer Dreh an der immergleichen Geschichte des “Anti”-Kriegsfilms, bei dem aber wieder einmal menschliches Material “verschossen” wird, dem Individuum (so es nicht zuvor eine Kugel in den Schädel bekommt) aber dennoch die Chance gegeben wird, sich als Held hervorzutun.
Bei der Anreise zum mal wieder ach so strategisch entscheidenden Kriegsschauplatz gibt es noch ein paar nette Ideen wie die Aushebelung des Slogans “no man gets left behind” und die Verulkung eines jungen Soldaten, der seine “Masturbationspapiere” nicht rechtzeitig organisiert hat, doch dann dürfen wir uns wie bei Petersons Troja erneut CGI-fabrizierte A thousand Ships anschauen, werden darüber belehrt, wieviel Schutz ein Helm bietet (so gut wie keinen), und wie in einem Horrorfilm (oder Kubricks Full Metal Jacket) sehen wir aus der Perspektive der japanischen Scharfschützen, wie die amerikanischen Moorhühner in einer nicht abreißenden Flut über die Insel herfallen (Moment mal, hätten diese Bilder nicht erst im zweiten Film kommen sollen?).
Dann folgt die bereits erwähnte “Tournee” der eilig zusammengetrommelten “Helden von Iwo Jima”, wobei Haggis wie zuletzt in Crash wieder einige politisch unkorrekte Sätze über eine ethnische Minderheit (einen Indianer, der sich - wie originell - mit Feuerwasser volllaufen lässt, dabei aber immerhin am menschlichsten wirkt) fallen lassen darf, wir das Bild der Fahnenhissung als Gemälde, riesige Plakatwände, Denkmal und sogar Vanilleeisdessert (mit unpassend roter Erdbeersauce) erleben dürfen.
Und wenn wir die message des Films längst kapiert haben (“I can’t stand them calling me a hero - all I did was trying not to get shot”), folgen nach gut anderthalb Stunden dann auch noch die Interviews mit Veteranen, die zur Recherche der Buchvorlage nötig waren. Vielleicht gehört es ja zu einem Antikriegsfilm, daß alles ein bißchen länger dauert als nötig, aber auf die bereits bei Spielberg sauer aufgestoßenen Bilder der sich umarmenden Familienmitglieder und das im Nachhinein allzu versöhnliche Pazifik-Bad der Soldaten (immerhin ohne CGI-Effekte, George Lucas hätte dies in einer überdimesionierten Badewanne auf der Skywalker-Ranch inszeniert) hätte ich auch verzichten können.
Wer jedes Jahr einen (Anti-)Kriegsfilm braucht, tut wahrscheinlich gut daran, noch ein paar Wochen auf Letters from Iwo Jima zu warten, und wer mehr als einen braucht, um glücklich zu sein, wird den Streifen eh schon gesehen haben …

Sympathy for Lady Vengeance (Park Chan-wook)

Südkorea 2005, Originaltitel: Chinjeolhan geumjassi, Buch: Chung Seo-kyung & Park Chan-wook; Kamera: Chung Chung-hoon; Schnitt: Kim Sang-bum & Kim Jae-bum; Musik: Cho Young-wuk; Darsteller: Lee Young-Ae (Lee Geum-ja), Choi Min-Sik (Lehrer Baek), Oh Dai-Su (Mr. Chang), Kim Si-Hu (Geun-shik), 112 Min., Kinostart: 11. Januar 2007
[Rezension von Daniel Walther]


Nach dem großen Erfolg von Oldboy wurde der neue Film von Park Chan-wook, Sympathy for Lady Vengeance nicht nur von mir gespannt erwartet. Nun ist er in unseren hiesigen Kinos gelandet und ist gleichzeitig auch der Abschluss der Rache-Trilogie Parks. Waren in den ersten beiden Teilen (Sympathy for Mr. Vengeance, Oldboy) Männer die zentralen Figuren, welche von Rachegefühlen getrieben wurden, ist es diesmal, wie bereits der Titel erahnen lässt, eine Frau.
Nach 13 Jahren kommt Geum-ja (Lee Young-Ae) aus dem Gefängnis frei. Mit 19 Jahren hat Geum-ja gestanden, einen fünfjährigen Jungen entführt und ermordet zu haben. In Rückblenden sehen wir sie als emotionslose, beinahe kaltblütige Frau, die der Polizei nur allzu bereitwillig an einer Puppe demonstriert, wie sie den Jungen gefesselt und getötet hat. Im Gefängnis verwandelt sie sich dann in eine sanftmütige, hilfsbereite, beinahe engelsartige Person. Dementsprechend findet sie zu Gott und führt ein tadelloses Leben als Insassin des Gefängnisses. Wegen guter Führung wird sie aus ihrer lebenslangen Haft vorzeitig entlassen, aber schon bei der Begrüßung durch ein christliches Empfangskomitee wird deutlich, dass da jemand die Behörden und Kirchenvertreter genarrt hat. Deutlich wird das, als Geum-ja den traditionell gereichten Tofu, der aufgrund seiner weißen Färbung für Reinheit steht, in den Dreck wirft. So beginnt sie - wieder in Freiheit – damit, sich bei den Eltern des kleinen Jungen zu entschuldigen indem sie sich vor deren Augen einen Finger abschneidet. Das geht allerdings gewaltig an das Nervenkostüm von der Mutter und hinterlässt auch bei der Inneneinrichtung bleibende Spuren. Das Annähen des Fingers verbraucht ihre gesamten Ersparnisse und so beginnt sie in einer Konditorei zu arbeiten. Den Konditormeister hat sie im Gefängnis kennengelernt und dort mit ihren Backkünsten verzaubert, aber nicht nur er, sondern diverse ehemalige Zellenkolleginnen sind ihr für Freundschaftsdienste dankbar und so hat sich Geum-ja ein Netzwerk aufgebaut.
Im weiteren Verlauf werden wir dann über die Hintergründe von Geum-jas Martyrium aufgeklärt. Mit 18 wurde sie schwanger und bekam ein Kind welches dann, als sie ins Gefängnis musste, von Australiern adoptiert wurde. Wieder in Freiheit ermittelt Geum-ja den Aufenthaltsort von ihrer Tochter Jenny. Sie macht sich dann kurzerhand auf nach Australien und will ihre Tochter wenigstens einmal sehen. Als sie wieder abreisen will, erzwingt Jenny, ganz die Mutter in dieser Szene, dass sie zumindestens noch ein paar Wochen mit ihr nach Seoul zurückkehrt. Es wird bald klar, dass Geum-ja nicht die Mörderin des kleinen Jungen war. Die damals schwangere 18jährige, vertraute sich in ihrer Not dem Englischlehrer Baek (Choi Min-sik) an. Was sie allerdings nicht wusste, ist, dass dieser Hobbyvergewaltiger und Entführer ist, um sich ein klein wenig extra zu verdienen. Er nutzt ihre Situation aus, indem er ihr Baby entführt und sie zwingt, die Tat auf sich zu nehmen. Nun ist sie in Freiheit und startet ihren Rachefeldzug, um Baek zu töten.
Wie bereits in Oldboy sammelt auch hier die Hauptfigur durch die gewaltsame Veränderung ihrer Lebenswelt Energie für ihren Rachefeldzug. Jedoch hinterlässt das natürlich auch Spuren bei Geum-ja und so fällt es ihr sichtlich schwer, beladen mit soviel Hass, soziale Bindungen, welche nicht zur Erfüllung des Plans dienen, einzugehen, wie z.B. zu ihrer Tochter oder dem Konditorlehrling Geun-shik (Kim Si-Hu), mit dem sie eine Quasi-Affäre eingeht, sich dabei aber undurchschaubar gibt. Somit geht es eben nicht nur um ihren Rachefeldzug, sondern natürlich auch um einen Neuanfang Geum-jas. So passt es ins Bild, dass sie mit ihrer Rache nicht egoistisch umgeht, sondern den Eltern der entführten Kindern erst mit Videobändern Baeks Schuld erklärt und ihnen dann anbietet sich an ihrem Peiniger Baek zu rächen. Also sitzen die Eltern wie auf dem Amt mit dem jeweiligen Barbaren-Instrument auf dem Schoß nebeneinander auf der Bank und warten, bis sie an der Reihe sind. Das gibt der fulminanten Endsauerei des Films noch ein paar Spritzer schwarzen Humors dazu.

Blood Diamond (Edward Zwick)

USA 2006, Buch: Charles Leavitt, Kamera: Eduardo Serra, Schnitt: Steven Rosenblum, Musik: James Newton Howard, mit Leonardo DiCaprio (Danny Archer), Djimon Hounsou (Solomon Vandy), Jennifer Conelly (Maddy Bowen), Kagisu Kuypers (Dia Vandy), Arnold Vosloo (Colonel Coetzee), Anthony Coleman (Cordell Brown), Benu Mabhena (Jassie Vandy), David Harewood (Captain Poison), Michael Sheen (Simmons), Marius Weyers (Van de Kaap), Anointing Lukola (N’Yanda Vandy), 143 Min., Kinostart: 25. Januar 2007

Was bei Blood Diamond bereits früh einen Schatten vorauswarf, waren die Vorschußlorbeeren der amerikanischen Presse, was die Darstellung von Leonardo DiCaprio anging. Noch stärker als in The Departed sollte er hier sein Schönling-Image hinter sich lassen, und sich als Vollblutdarsteller erweisen. Und in der ersten Hälfte des Films würde ich dies durchaus unterschreiben. Leo spielt einen knallharten, fiesen, unerbittlichen Diamantenhändler, der aber durch die Begegnungen mit anderen zwei Hauptfiguren vieles von seiner Rohheit verliert, und am Ende doch wie ein auf Hochglanz polierter Hollywoodstar erscheint.
Leo spielt den in Afrika geborenen Ex-Söldner Danny Archer (ziemlich einfallsloser Rollenname), dem man sogar seinen afrikanischen Akzent (“Yah!”) abnimmt, und dessen Kaltblütigkeit im Angesicht von Massenmördern an Nicolas Cage in Lord of War erinnert. Doch im Gegensatz zu Lord of War ist Blood Diamond keine von Zynismus triefende Satire, sondern Unterhaltungskino, daß zwischendurch auch mal zum nachdenken anregt, dabei aber nie die Hollywooddramaturgie und die regelmäße Fütterung mit Action-Szenen vergisst.
Die zweite Hauptfigur des Films ist der Fischer Solomon Vandy (Djimon Hounsou, bekannt aus Amistad, Constantine, In America), den man zunächst zusammen mit seiner geliebten Familie und dem etwas rebellischen Sohn Dia erlebt, ehe dann das Action-Feuerwerk beginnt, und er um seine Familie kämpfen muß. Auffällig ist hier bereits, daß die über das Dorf herfallenden Rebellen (wir befinden uns im Bürgerkrieg in Sierra Leone, Anfang der 1990er, falls ich es zu erwähnen vergaß) allesmat mit Schußwaffen ausgerüstet sind, Solomon aber nur eine Machete hat - und diese dazu benutzt, seine Hütte von hinten aufzuhacken, damit er Frau und Kinder retten kann. Doch diese fast schon an Pazifismus erinnernde Handlung führt nur dazu, daß er mit knapper Not mit dem Leben davon kommt, fortan unter Waffengewalt nach Diamanten suchen muß - und seine Familie in alle Winde verstreut wird.
Die Chancen, aus seiner neuen “Anstellung” zu entkommen, scheinen gering, doch ungeachtet der tödlichen Strafen für kleinste Vergehen verbuddelt er einen offenbar ziemlich wertvollen rosafarbenen Diamanten unter der Prämisse, auf Klo (also ins Gestrüpp) zu müssen. Ein besonders hinterhältiger Aufpasser durchschaut ihn dabei, doch wie so oft an solchen Stellen folgt jetzt mal wieder ein Angriff von Regierungstruppen, wodurch Solomon abermals überlebt.
Im Gefängnis brüstet sich der angeschossene Wärter damit, daß er Solomons Diamanten (“Diamanten? Was für’n Diamanten?”) doch noch kriegen wird, und an dieser Stelle bekommt der zufällig und ausnahmsweise auch mal einsitzende Archer Wind von der Sache. Ein solcher Diamant könnte es ihm ermöglichen, seine kriminelle Vergangenheit hinter sich zu lassen, bevor er dabei unter die Räder kommt. Und - um es vorwegzunehmen - irgendwann versuchen die beiden dann zusammen, den Diamanten wiederzufinden. Wobei die Zweckgemeinschaft aber ungefähr so gesichert ist wie seinerzeit in John Hustons The Treasure of the Sierra Madre. Spätestens, wenn einer der beiden den Stein in der Hand hat, wird der andere hintergangen werden. Und wenn jemand anderes den Stein in die Finger bekommt (der einäugige Wärter, Dannys Vorgesetzter aus Armeezeiten), dann steht es wahrscheinlich schlecht für beide.
Soweit ist das alles ganz interessant, und insbesondere die schwierige Familienzusammenführung (Frau und Tochter sind in einem Lager untergebracht, Sohn Dia wurde inzwischen per drastischer Erziehungsmethoden zum Kindersoldaten abgerichtet) und einige bösartige Sequenzen lassen einen fast vergessen, daß man sich in einem Stück Hollywoodunterhaltung befindet. Doch dann kommt Jennifer Connelly (The Rocketeer, The Hulk, Oscar für A Beautiful Mind) als moralisch einwandfreie amerikanische Journalistin Maddy, und aus dem ungleichen Paar wird ein nochseltsameres Trio, denn Maddy will Hintergrundinfos, am besten in Verbindung mit der aus journalistischer Hinsicht interessanten Geschichte Solomons, Danny will Maddy an die Wäsche, und Solomon will immer noch seine Familie. Und unter Dauerbegleitung zwei solch herzensguter Menschen wird auch Danny langsam bekehrt, und selbst, wenn er zwanzig Minuten vor Schluß seinem “Kaffer” (1990 war Political Correctness noch in den Kinderschuhen) Solomon noch droht, ihn über den Haufen zu schießen, so bekommt er am Ende doch einen Heldentod, wie man ihn in Rauchende Colts nicht pathetischer gesehen hat. Und für diejenigen, denen das noch nicht reicht, um die teilweise guten Absichten und Ansätze des Films wieder zu vergessen, folgt dann noch Solomons Dead Poets’ Society-Szene mit Standing Ovations der britischen Oberschicht und das Abspannersuchen, daß doch die reichen Schnösel der Versuchung, sich Diamanten zu kaufen, widerstehen sollen, weil nur so das Problem auf lange Sicht bewältigt werden kann. Autsch! Da kann man doch nur seinen Lesern raten, der Versuchung zu widerstehen, sich diesen Film anzuschauen, denn nur so kann man auf lange Sicht verhindern, daß weiterhin solche Filme gedreht werden.
Einen wirklich guten (unabsichtlichen?) Lacher des Films muß ich zum Abschluß noch erwähnen, denn einen der bösartigen englischen Diamantenhändler spielt Michael Sheen, der durch den zwei Wochen zuvor gestarteten The Queen vielen Kinobesuchern noch als Tony Blair bekannt sein wird.

Das Streben nach Glück (Gabriele Muccino)

Originaltitel: The Pursuit of Happyness, Buch: Steven Conrad, Kamera: Phedon Papamichael, Schnitt: Hughes Winborne, Musik: Andrea Guerra, mit Will Smith (Chris Gardner), Jaden Christopher Syre Smith (Christopher), Thandie Newton (Linda), Brian Howe (Jay Twistle), James Karen (Martin Frohm), Dan Castellaneta (Alan Frakesh), Kurt Fuller (Walter Ribbon), Takayo Fischer (Mrs. Chu), David Michael Silverman (Doctor at First Hospital), Geoff Callan (Ferrari Owner), Joyful Raven (Hippie Girl), Scott Klace (Tim Brophy), 118 Min., Kinostart: 11. Januar 2007

Als ich den (Original-)Trailer zu diesem Film sah, wunderte ich mich nicht schlecht über die Schreibweise des Wortes Happyness (normalerweise mit “i” in der Mitte) und mutmasste mit meiner Sitznachbarin darüber, ob es womöglich rechtliche Probleme gibt, wenn man aus einer bekannten Phrase aus der Declaration of Independence einen Film machen will. Sollte Will Smiths vorletzter Film ursprünglich We, the People heißen und wurde dann kurzfristig in I, Robot umbenannt?
Doch als ich trotz des eher langweiligen Trailers den Film besuchte, durfte ich feststellen, daß die Schreibweise immerhin im Film verankert ist, denn in der Nähe der Kindertagesstätte, wo Chris Gardner (Smith) seinen kleinen Sohn Christopher (Smith jr.) abgibt, steht eben “Happyness” irgendwo als Graffito an der Wand geschrieben. Und dem Filmtitel gibt der falsche Buchstabe auch ein wenig Drive, ansonsten würde The Pursuit of Happiness ja unglaublich dröge klingen, man stelle sich das auf Deutsch vor: Das Streben nach Glück(seligkeit). Wer wird denn schon zu so einem Film gehen?
Eine Inhaltsangabe zum Film wird leider auch sehr dröge klingen, denn die Geschichte “Vom Tellerwäscher zum Millionär” haben wir wohl schon zu oft auf der Leinwand gesehen, und dadurch daß sie auf einer “wahren Geschichte” basiert und im San Francisco des Jahres 1981 spielt, wird das Ganze auch nicht spannender.
Gardner ist als Vertreter für einen portable bone density scanner auf dem Weg von einem Arzt zum nächsten, doch es ist sehr schnell offensichtlich, daß die angestrebten zwei verkauften Exemplare pro Monat kaum machbar sind. Gleich zu Beginn des Films lässt er sich dann auch noch ein Ding klauen und als seine Gattin (Thandie Newton) wegen der Schuldenlast und seiner Uneinsichtigkeit bereits auf 180 ist, kommt er eines Abends mit zwei Scannern nach Hause (daß einer geklaut wurde, hat er nicht ausgeplaudert, doch als er dieses Exemplar dann wiedererobert hat, steht er vor einer Erklärungspflicht), und kurz darauf hat sie ihn auch bereits verlassen.
Nun beginnt der harte, steinige Weg Gardners, denn er hat es sich in den Kopf gesetzt, Börsenmakler zu werden, ungeachtet dessen, daß er dafür ein sechsmonatiges unbezahltes Praktikum absolvieren muß, an dessen Ende nur einer von zwanzig Bewerbern übernommen wird. Und zuallererst muß er diese Praktikumsstelle erstmal bekommen, wofür er während einer Taxifahrt einen Rubik-Würfel zurechtbiegt. Jeder, der sich 1981 mit diesen kleinen Dingern beschäftigt hat, weiß, daß selbst Albert Einstein dies wahrscheinlich nicht auf Anhieb gelungen wäre … aber was soll’s?
In seiner vermeintlich ersten “ernsten” Rolle (und was war dann Ali? eine Komödie?), für die Smith auch gleich für den Golden Globe und Oscar nominiert wurde (beim Golden Globe hat ihn bereits Forest Whitaker abgehängt, Oscar-Urteil wird noch gefällt), überzeugt Smith zwar, und in manchen Momenten mutet der Film auch fast wie eine (sehr) amerikanische Version von Fahrraddiebe an, doch es ist sehr auffällig, daß die gelungensten Momente des Films die witzigen sind: Wenn sein Sohn ihn fragt, ob den ein anderes Graffito (“Fuck”) richtig geschrieben sei, wenn ein Penner einen Scanner als vermeintliche Zeitmaschine benutzen will (erinnert ein wenig an jene Voyager-Folge mit Captain Braxton), wenn Gardner schlichtweg entsetzt darüber ist, daß sein Sohn in der Tagesstätte Bonanza schaut (“Wann denn? Nach dem Essen? Nach dem Mittagsschlaf?” --- “Nach Love Boat”) oder wenn er seinem Vorgesetzten (Dan Castellaneta) einen Donut bringen soll (obwohl ich an der Stelle der einzige war, der im Kino laut lachte). So richtig “ernst” wird es im Film nie, und auch, wenn die Zeitreise überzeugender ist als in Déjà vu, wüsste ich keinen Grund, warum ich diesen Film empfehlen sollte. Wer in Will Smith vernarrt ist und Pretty Woman zu seinen drei Lieblingsfilmen zählt, dürfte zufrieden sein, ein durchschnittlicher Hartz IV-Empfänger hingegen würde sich wahrscheinlich ziemlich aufregen …

Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler (Dani Levy)

Deutschland 2007, Buch: Dani Levy, Kamera: Carl-F. Koschnick, Schnitt: Peter R. Adam, Musik: Niki Reiser, mit Helge Schneider (Adolf Hitler), Ulrich Mühe (Prof. Adolf Grünbaum), Sylvester Groth (Dr. Joseph Goebbels), Adriana Altaras (Elsa Grünbaum), Stefan Kurt (Albert Speer), Ulrich Noethen (Heinrich Himmler), Lambert Hamel (Obergruppenführer Rattenhuber), Udo Kroschwald (Martin Bormann), Lars Rudolph (Kammerdiener), Wolfgang Becker (KZ-Kommandant), Ilja Richter (Kurt Gerheim), Katja Riemann (Eva Braun), Marion Kracht (Maskenbildnerin Riefenstahl), 90 Min., Kinostart: 11. Januar 2007

Vieles wurde über Dani Levys Hitler-Film geschrieben. Es wurde diskutiert, ob man über Hitler lachen darf, es wurde versucht, die Witze des Films akribisch mitzuzählen (wobei kaum jemand in den zweistelligen Bereich vordrang), es wurde über die Küchenpsychologie gemeckert, sogar der Zentralrat der Juden war nicht amüsiert, und schließlich distanzierte sich gar der Hauptdarsteller von dem Film.
Ich gehöre nicht zu denjenigen, die dieses verwundert. Vor zwei jahren war völlig verblüfft, wie begeistert Alles auf Zucker aufgenommen wurde, den ich damals auch schon als größtenteils unwitzig einstufte. Levy hatte eine Kinohit geschaffen, für den sogar die Fernseh-Erstausstrahlung verschoben wurde, und wurde dann auch noch mit dem Ernst-Lubitsch-Preis ausgezeichnet. Daß er dabei schnell ein bißchen größenwahnsinnig wurde und sich plötzlich selbst für Ernst Lubitsch hielt, wird nur dadurch fatal, daß sein Talent selbst in den besten Momenten kaum an das von Mel Brooks heranreicht. Über dessen The Producers konnte man wenigstens noch lachen, bei Mein Führer wundert man sich nur noch.
Etwa über das aufwendige Make-Up der Hauptfigur. Hätte nicht ein bißchen Schuhcreme ins Haar und ein vielleicht sogar nur angemalter Schnurrbart (wie bei Groucho Marx) gereicht? Wozu die blödsinnigen Miniaturbauten und Computertricks, die Orchestermusik? Hatte Levy Angst, daß sein Film sich in Sachen Ausstattung mit Der Untergang messen müsse? Und wurden die überflüssigen Gaststars aus ähnlichen Gründen engagiert? Meret Becker statt Alexandra Maria Lara, Ilja Richter als (überzeugender) KZ-Häftling, Katja Riemann als Eva Braun und ein Schäferhund, der sogar zum (seitenverkehrten) Hitlergruss abgerichtet worden war. Ich bin mir sicher, mit der Besetzung aus Sieben Zwerge - Der Wald ist nicht genug wäre das Ganze witziger geworden. Und wahrscheinlich nicht einmal enttäuschender.
Der schlimmste Vorwurf, den ich persönlich Herrn Levy mache, ist seine Feigheit (“Feiger Humanist!” wird Hitlers Schauspielcoach Grünbaum mal im Film von seinem Sohn geschimpft). Er hätte vor den Dreharbeiten zweimal Borat schauen sollen (ich weiß, daß dies von der Chronologie der Ereignisse her nicht möglich ist), dann wäre er vielleicht ein wenig von seinem Hang zur politischen Korrektheit befreit worden. Nachdem Hitler in seinem pissgelben (pardon, goldenen!) “Sportanzug” K.O. geschlagen wurde, wird mal angedeutet, daß der Hund sein Bein heben könnte, doch aus irgendwelchen Gründen zieht Levy an dieser Stelle den Schwanz ein, während er später Hitler als Bettnässer mit Erektionsproblemen darstellt, die aber - gähn! - auf seiner schweren Kindheit basieren. Wenn auch nicht leichtfüssig, so doch wie ein Boxer umtänzelt (oder eher umtorkelt) Levy sein Thema, setzt hin und wieder mal einen Schlag an, geht aber im selben Moment wieder zwei Schritte zurück. Wenn man im Trailer den K.O.-Schlag von Adolf G auf Adolf H sieht, hat man somit auch das Gefühl, daß mehr als eine Handbreit Platz zwischen der Faust und dem Kinn bleiben. Und genauso ungenau sind auch die Pointen. Stattdessen meint Herr Levy andauernd beweisen zu müssen, wie gut er recherchiert hat, und es gibt Anspielungen auf zeitgenössische Personen, die heutzutage dem Großteil des Publikums nichts mehr sagen werden. Gibt es unter 50 jährige, die weder Geschichte noch Filmwissenschaft studiert haben und noch Veit Harlan oder Wolfgang Liebeneiner kennen? Diese Teile des Drehbuchs wurden offenbar extra für die Feuilletonisten eingebaut, wofür man Levy zwei Wochen mit allem, was über seinen Film geschrieben wurde, einsperren sollte.
Die Stelle des Films, die den größten Eindruck auf mich gemacht hat, ist auch so ein Beispiel dafür. Grünbaum hat gerade gefordert, daß das komplette KZ Sachsenhausen freigelassen werden soll, und man will ihn herunterhandeln. Passenderweise hat man eine Art Quartett dabei, aus dem Grünbaum irgendeine Karte ziehen soll, und dieses KZ würde dann auch freigelassen, Sachsenhausen sei nicht machbar. Und dieses Quartett, auf das man keinen genauen Blick werfen kann, hat meine Phantasie in Gang gesetzt. Wie wäre es gewesen, wenn zwei Uniformierte in ihrer Mittagspause damit gespielt hätten, und man Dialogfetzen wie “Acht Duschräume - Stich” gehört hätte? Ob dabei jemand gelacht hätte, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Es wäre aber mit Sicherheit ein interessanterer Film gewesen, bei dem die Feuilletons tatsächlich einen Grund gehabt hätten, Seite auf Seite zu füllen. So ist Mein Führer nur ein Abklatsch oder eine Fußnote zu den Filmen, die bewiesen haben, daß man über Hitler lachen darf- und vor allem kann!

Das Spiel der Macht (Stephen Zaillian)

Originaltitel: All the King’s Men, USA 2006, Buch: Stephen Zaillian, Kamera: Pawel Edelman, Schnitt: Wayne Wahrman, Musik: James Horner, mit Jude Law (Jack Burden), Sean Penn (Willie Stark), Kate Winslet (Anne Stanton), James Gandolfini (Tiny Duffy), Mark Ruffalo (Adam Stanton), Patricia Clarkson (Sadie Burke), Anthony Hopkins (Richter Irwin), 128 Min., Kinostart: 4. Januar 2007

Kritiker-Kollege Dirk Lüneberg wirft mir gern vor, daß ich mit meiner pessimistischen Erwartung manchem Film bereits jede Chance nehme. Zuletzt tat er dies bei Déjà vu, und anhand meiner Meinung zu diesem Film kann jeder selbst entscheiden, ob er recht hat. In diesem Fall war meine Erwartung recht hoch. Die Verfilmung eines Pulitzer-Preis-Gewinners, Drehbuch von Stephen Zaillian (Gangs of New York, Oscar für Schindler’s List), Regie ebenfalls Zaillian, dessen zweite Regiearbeit A Civil Action mich seinerzeit auch voll überzeugte, und eine Besetzung mit vielen persönlichen Favoriten wie Sean Penn, Mark Ruffalo oder Patricia Clarkson. Da kann ja eigentlich fast nichts mehr schiefgehen.
Denkste, Puppe! Man darf schon mal nicht vergessen, daß die Kamera hier Pawel Edelman (The Pianist, Ray, Oliver Twist) übernahm, jemand, der es schon sehr früh im Film schafft, eine nächtliche Autofahrt so auszuleuchten, als sei sie ein Bestandteil von Sky Captain and the World of Tomorrow. Gelackt, künstlich, nervend!
Doch viel schlimmer sind die Versäumnisse und Fehler des Regisseurs, den offenbar auch keiner auf die Schwächen seines Drehbuchs hinwies. Sean Penn in der Rolle des strauchelnden Politikers wirkt plötzlich nicht mehr wie ein Oscar-Gewinner, sondern wie ein mäßig begabter Schmierenkomödiant, der auch keineswegs die Hauptrolle des Films innehat, denn die von Jude Law verkörperte Erzählerfigur hat sicher 30% mehr screen time, was aber auch zu einem Problem wird, denn der Erzähler ist hier vor allem ein Beobachter (und Platzhalter für den Leser / Zuschauer), selten ein Akteur. “Mir ist es auch egal - sonst würde ich ja was unternehmen - ich beobachte lieber aus der Ferne - wie bei einem Autounfall”, so fasst er seine Philosophie mal zusammen.
Als Zuschauer erwartet man nach solchen Worten natürlich bei jeder Autofahrt einen großen Bumms. Doch der Film selbst ist es, der wie ein (nicht zu verhindernder?) Autounfall wirkt. Momente des Pathos und der überfrachteten Symbolik (Zitronenlimonade mit zwei Strohhalmen, drei Kreuze am Strassenrand) wechseln sich mit melodramatischen plot points ab, die geradewegs aus den 1950ern stammen. Insbesondere die Rollen von Anthony Hopkins und Mark Ruffalo sind so daneben, daß man nicht einmal mehr darüber lachen mag. Statt etwa das Alkoholproblem des Politikers weiter zu beleuchten, erschöpft sich der Film in Ellipsen und Andeutungen, und die Moral scheint zu sein: Egal, ob Du Gutes oder Böses im Schilde führst - selbst, wenn Du Dich am liebsten aus allem heraushalten willst: am Ende hat das Drehbuch des Lebens auch für Dich eine böse Überraschung bereit. Was vielleicht in einem Film von Kaurismäki oder Jarmusch funktionieren würde, hier aber einfach von vorn bis hinten nervt.
In seiner Liste der zehn schlechtesten Filme hat die US-Musikzeitschrift Rolling Stone diesen Streifen gerade noch auf den letzten Platz reinrutschen lassen und mit folgenden Worten umschrieben: “Southern-fried politics, and even with Sean Penn it's duller than dog shit.” Das trifft es ziemlich gut, denn wenn man nach dem Kinobesuch in ein Häufchen treten würde, könnte man sich darüber wenigstens aufregen. Diesen Film hat man dann bereits vergessen.

Texas Chainsaw Massacre - The Beginning (Jonathan Liebesman)

USA 2005, Buch Sheldon Turner, Kamera: Lukas Ettlin, Schnitt: Jonathan Chibnall, Musik: Steve Jablonsky, mit Jordana Brewster (Chrissie), Matt Bomer (Eric), Taylor Handley (Dean), Diora Baird (Bailey), R. Lee Ermey (Sheriff Hoyt), Andrew Bryniarski (Thomas Hewitt / Leatherface), Lee Tergesen (Holden), Cyia Batten (Alex), Terrence Evans (Monty), Kathy Lamkin (Tea Lady), Marietta Marich (Luda Mae), Leslie Calkins (Sloane), Lew Temple (Sheriff Winston), 83 Min., Kinostart: 18. Januar 2007

Vor drei Jahren startete pünktlich zum Neujahrstag ein Film, der wahrscheinlich in früheren Zeiten das Prädikat “nicht feiertagsfrei” erhalten hätte. (Gibt es das eigentlich noch, wenn selbst zu Weihnachten auf RTL bevorzugt blutige Action-Reißer wie Rambo 2 oder Die Hard - der immerhin Weihnachten spielt - gezeigt werden?) Im deutschen Titel mit dem Namen des Produzenten Michael Bay “veredelt”, sollte ein Remake des in Deutschland indizierten und in New York im “Museum of Modern Art” archivierten Texas Chainsaw Massacre von 1974 endlich mal wieder neue Kohle hereinbringen. Die Hauptrolle spielte immerhin Jessica Biel (damals noch relativ unbekannt) und für die Rolle des garstigen Sheriff Hoyt konnte man R. Lee Ermey (den Drill Instructor aus Kubricks Full Metal Jacket) gewinnen. Als Teil einer neuen Horror-Welle konnte der Streifen erstaunlich viel einspielen, und so dauerte es nicht lange, ehe man sich Gedanken über ein Sequel machte. Doch dummerweise hatte ja “Leatherface” im Verlauf der Handlung einen Arm eingebüsst (immer Schutzkleidung tragen!), und während es andere Horror-Schurken wie Jason Vorhees, Michael Myers oder Freddy Krüger höchstens zu neuen Missetaten anspornt, wenn sie am Ende eines Films mal ins Gras beißen müssen, war die Aussicht auf einen einarmigen Kettensägenschwinger (“Kann mal einer den Anlasser betätigen?”) wohl eher abtörnend, und so kam man auf die früher mal bahnbrechende, heutzutage schon etwas abgeschmackte Idee eines Prequels. Wenn es sogar Leute gibt, die für die Vorgeschichte des Exorzisten Geld ausgeben, dann doch sicher auch für jemand so schnuckligen wie Leatherface, bei dem die genauen Details seiner Herkunft bisher nie ergründet wurden.
Die Darsteller der kompletten (und komplett degenerierten) Familie Hewitt konnten erneut zusammengetrommelt werden (sie machen allerdings auch nicht den Anschein, als können sie sich vor Angeboten kaum retten), als Drehbuchautor meldete sich freiwillig der Knilch hinter dem Remake von The Amityville Horror (einer der wenigen Horrorfilme der letzten Jahre, den ich mir gleich geschenkt habe) und als Regisseur kam Jonathan Liebesman von Darkness Falls (oh, noch ein Horrorstreifen, den ich “verpasst” haben muß). Und unter den Produzenten finden sich erneut Michael Bay und Tobe Hooper, der ursprüngliche Erfinder des Kettensägenmassakers.
Die Geschichte beginnt im August 1939, als Thomas Hewitt (obacht, selbe Initialen wie Tobe Hooper!) unter ähnlich unwürdigen Umständen wie Jean-Baptiste Grenouille, die Hauptfigur aus Das Parfum, geboren wird. Nicht auf dem Fischmarkt, sondern im Schlachthaus, wo die unförmig fettleibige Mutter, die von ihrem Chef des Alkoholkonsums während der Arbeit (obacht! Grund für Missbildung) bezichtigt wird, ihn nach einigen unschönen Flüssigkeiten aus sich presst. Das offenbar extrem hässliche Wesen landet im Mülleimer, wo es dann eine andere Frau (die eigentlich gerade Fleischreste aus dem Müll “antestet” und zusammenklaut) findet. Relativ uninspiriert spult der Film dann durch die (natürlich schwierige) Kindheit des Jungen vor, bis das Drehbuch (für solch einen Film relativ kompliziert) mehrere Handlungsstränge nebeneinander erzählt, und der Zuschauer endlich - so es ihn interessiert - erfährt, wie es zur “Geburt der Angst” (so die Tagline auf dem Plakat) kam.
Das Kettensägenfutter besteht diesmal aus zwei Brüdern und ihren Freundinnen. Interessant ist hierbei, wie die zwei Jungs eingeführt werden. Der ältere, Eric (Matthew Bomer), taucht aus einem ziemlich verschmutzten Swimming Pool auf und trägt dabei ein Messer zwischen den Zähnen. Dann erklärt er seiner Freundin, wie man sich im Dschungel an die “Schlitzaugen” ranschleichen muß. Den ersten Blick auf den anderen, Dean (Taylor Handley) werfen wir aus der Vogelperspektive. Er liegt auf einem Bett, und zwischen ihm und der Kamera dreht sich ein Deckenventilator. Diese zwei Bilder erinnern an zwei ikonographische Stadien, die Martin Sheen als Willard in Apocalypse Now durchmacht, und wenig überraschend erweist sich Eric auch als der Supersoldat, der sogar zurück nach Vietnam will, während Dean lieber seinen Einberufungsbescheid ankokelt, und sich nach Mexiko absetzen will.
Für all jene Zuschauer, die es wagen könnten, anzuzweifeln, daß dieser Film von großer politischer Aussagekraft sein könnte (Häh?!? Ist doch nur ein hirnloses Gemetzel …), werden die politischen Implikationen überdeutlich hervorgekehrt. Das Leatherface ausgerechnet im Monat vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs (kausaler Zusammenhang?) geboren wurde, war sicher ebensowenig ein Zufall beim Drehbuchschreiben wie der angedeutete Soundtrack (“Amazing Grace” contra das geringfügig anachronistische “All right now” von Free) oder die Feststellung von Sheriff Hoyt, daß es “nur noch eine Frage der Zeit ist, bis der Ort von Bikern und Hippies überlaufen ist”. Da das heutige Teenager-Publikum den Vietnamkrieg nur aus Filmen kennt, gibt es visuelle Anspielungen an Easy Rider und Mad Max (hat eigentlich nichts mit Vietnam zu tun, kommen aber Biker drin vor), Bonnie & Clyde werden mal erwähnt, einige Folterszenen scheinen direkt aus The Deer Hunter (oder doch eher Rambo?) übernommen, R. Lee Ermey darf später sogar Kniebeugen verordnen wie in Full Metal Jacket (selbe Kameraposition), und die etwas länger als die anderen überlebende junge Frau (Jordana Brewster) taucht später genau wie ihr Boyfriend aus einer schmutzigen Flüssigkeit auf (sie hat nach einem sprichwörtlichen “Blutbad” sozusagen die symbolische Ausbildung zum Soldaten beendet), und sieht sogar aus wie Ali McGraw, die wahrscheinlich schärfste Jungdarstellerin zu Vietnam-Zeiten.
Doch kann dies alles nicht als Legimitation für einen eigentlich saublöden Film herhalten, bei dem einige kernige Sprüche von Sheriff Hoyt (“Das ist sie nicht? Scheiße, die andere willst Du bestimmt nicht sehen …”) das einzige sind, was einen darüber hinwegtrösten könnte, wie handlungsverstümmelnd das Ganze auch noch mit einem elektrischen Brotmesser zusammengekürzt wurde (12 Minuten sollen rausgeschnippelt worden sein). Wenn die politischen Implikationen nicht einmal Viertklässler überzeugen würden, nicht ansatzweise Spannung (oder der “Terror” des Originalfilms) aufkommen wollen, und sogar die Genre-Fans ihr Futter (in Form der entfernten Splatter-Szenen) nicht bekommen, wer zum Henker soll sich dieses Blutgericht dann schmecken lassen?
Wie ganz persönlich für mich, der an den (ziemlich einfallslosen) Filmanspielungen noch den größten Spaß des Films hatte, bekommt eine der schockierendsten Szenen aus Apocalypse Now in diesem Film auch ihre tierschützlerisch korrekte, CGI-animierte, moderne Reinkarnation. Aber um ein Rindvieh platzen zu sehen, geht doch kein Mensch ins Kino …

Der Fluch der Betsy Bell - An American Haunting (Courtney Solomon)

Originaltitel: An American Haunting, UK / Kanada / Rumänien 2005, Buch: Courtney Solomon, Lit. Vorlage: Bret Monahan, Kamera: Adrian Biddle, Schnitt: Richard Comeau, Musik: Caine Davidson, mit Donald Sutherland (John Bell), Sissy Spacek (Lucy Bell), James D’Arcy (Richard Powell), Rachel Hurd-Wood (Betsy Bell), Matthew Marsh (James Johnston), Thom Fell (John Bell Jr.), Zoe Thorn (Zoe Thorne), Gaye Brown (Kate Batts), Sam Alexander (Joshua Gardner), Miquel Brown (Chloe), 91 Min., Kinostart: 11. Januar 2007

Momentan scheint nicht nur ein Horrorboom in den Kinos einzuhalten, der uns neben Remakes asiatischer Erfolgsfilme beispielsweise auch viele Anhängsel der Horrorfilmerfolge der 1970er (The Exorcist, The Omen, Texas Chainsaw Massacre, Amityville Horror) beschert, sondern auch eine unvergesehene Reihe von vermeintlich “authentischen” Gruselgeschichten mit sich bringt. The Exorcism of Emily Rose als Paradebeispiel, aber mit dem Spruch “basierend auf wahren Begebenheiten” schmücken sich momentan viele Horror-Filme. In diese Nische passt An American Haunting hervorragend. Der Titel evoziert natürlich Shirley Jacksons Modern Gothic-Klassiker The Haunting of Hill House und die diversen darauf aufbauenden Filme, doch der Film selbst erscheint wie eine in die Vergangenheit versetzte Version des Blair Witch Project.
Der Film beginnt gleich mit einem jungen Mädchen, das in Panik vor irgendetwas unsichtbarem davonrennt. Durch den stakkatohaften Schnitt und die aufdringliche Musik fühlt man sich als Zuschauer bereits ein wenig verschaukelt, fast wirkt das Ganze wie eine Parodie (Scary Movie 9?), denn die Panik des Mädchen überträgt sich ohne die geringste Vorgeschichte und keine sichtbare Bedrohung nicht einmal ansatzweise auf den Zuschauer. Nachdem die Mutter das Mädchen nach diesem Alptraum zu beruhigen versucht, liest sie als nächstes uralte Briefe eines Vorfahren, die den Film dann in das Tennessee des Jahres 1818 versetzen.
Hier geht es dann um den offenbar auf der Familie oder dem Grundstück ruhenden Fluch der Bells, der sich in mannigfaltiger Weise äußert: Ein bösartiger Wolf, ein kleines Mädchen, dessen Gesicht seltsam verschwommen wirkt, und das bei Berührung schlagartig zu verwesen scheint, sowie ein älteres Mädchen mit schaurig leuchtenden Augen in einem fahlen Leichentuch oder Nachthemd, diese drei Wesen erscheinen (neben diversen knarrenden Türen, aufschlagenden Fenstern, sich von selbst entfernenden Bettdecken, plötzlich lodernden Kerzen, von der Wand abfallenden Kruzifixen und an den Haaren ziehenden unsichtbaren Kräften) vor allem der jungen Betsy (Rachel Hurd-Wood) und ihrem Vater John (Donald Sutherland), der womöglich durch einen gegen das “Kirchengesetz” verstoßenden ausbeuterischen Deal mit einer vermeintlichen Hexe den Fluch ausgelöst haben könnte. Es wäre dem Film wahrscheinlich sehr lieb, wenn man ihn mit The Sixth Sense oder The Village vergleichen würde, denn auch hier geht es um einen Schlußkniff bei der Geschichte. Doch im Gegensatz zu selbst den schlechteren Drehbüchern von M. Night Shyamalan hat sich der Dungeons & Dragons-Regisseur Courtney Solomon bei seinem Buch offenbar überhaupt nicht darum gekümmert, daß die Story auch nach der “Offenbarung” noch Sinn macht. Der vermeintliche Clou des Films hat nichts mit “unfassbaren Umständen” (Presseheft) zu tun, sondern wirkt vor allem klischiert und ziemlich ärgerlich, und die unzähligen falschen Fährten, die die aufdringlichen, aber nur selten funktionierenden Effekte zwischendurch “erklären” sollen, verpuffen bei einer auch nur halbwegs ernsthaften Betrachtung der Geschichte schneller, als man “Casper” sagen kann.
Im Nachhinein wirkt der Film eher wie ein TV-Movie of the Week, wie es auch bei Pro 7 oder Tele 5 in Eigenproduktion hätte entstanden sein können, warum sich Stars wie Sissy Spacek und Donald Sutherland oder ein Kameramann wie Adrian Biddle (Aliens, The Princess Bride, V for Vendetta) für einen solchen ausgemachten Schmarrn hergeben, ist das einzige Rätsel des Films, über das es sich lohnt, länger als zwanzig Sekunden nachzudenken.

One Way (Reto Salimbeni)

USA / Deutschland 2006 / 2007, Buch: Reto Salimbeni, Kamera: Paul Sarossy, Mark Willis, Schnitt: Charles Ladmiral, Musik: Stefan Hansen, Dirk Reichardt, mit Til Schweiger (Eddie Shneider), Lauren Lee Smith (Angelina Sable), Sebastien Roberts (Anthony Birk), Stefanie von Pfetten (Judy Birk), Michael Clarke Duncan (The General), Art Hindle (Russel Birk), Sonja Smits (Linda Birk), Eric Roberts (Nick Swell), Kenneth Welsh (Anderson), Ned Bellamy (Steve Dwight), Sandra Hess (Dr.Eveline Sage), 116 Min., Kinostart: 25. Januar 2007

Es gibt Filme, die beginnen stark und lassen dann nach, andere überzeugen zu Beginn noch wenig und werden dann immer besser. One Way ist leider ein Film, der von Anfang bis Ende gleich schlecht ist. Der Film beginnt mit Zeitlupenbildern, bei denen eine Frau in der Nähe eines Flusses vor einigen Männern wegrennt. Zuerst könnte man noch denken, daß sich das Ganze harmlos auflöst, doch dann kommt es, wie zu Beginn befürchtet, und sie wird vergewaltigt. Plötzlich taucht dann ein schwarzer (uniformierter) “Schutzengel” (Michael Clarke Duncan) auf, der auf Geheiß der Frau die Männer mit einem Maschinengewehr niedermäht. Am Ende der Szene ist man sich allerdings als Zuschauer nicht sicher, wieviel die Frau von dem Ganzen geträumt hat.
Dann geht die eigentliche Geschichte los, mit Til Schweiger als smarten Werbeheini Eddie, der die Tochter seines Chefs heiraten will. Und ihre Antwort auf seinen Antrag (“If you get the airline account tomorrow, I’ll say yes”) sagt dem Zuschauer ganz klar, daß dies weder die richtige Frau noch der richtige Film ist.
Til “Eddie” Schweiger scheint aber auch nicht der richtige Mann zu sein, denn vor dem wichtigen Geschäftsgespräch geht er erstmal fremd und kommt deswegen zu spät. Er telefoniert aber mit einer ihm zugetanen Sekretärin, die auf sein Geheiß kalten Kaffee servieren soll, damit er dann “improvisieren” kann. Als er endlich bei dem alles entscheidenden Gespräch auftaucht, muß er noch schnell vor Augen der extrem erbosten potentiellen Gesprächspartner einen Handyanruf annehmen, aber irgendwie rettet er dann doch noch den Tag.
Zumindest fast, denn der Tag endet damit, daß Anthony, der Bruder der Verlobten und somit Sohn des Chefs, die nette Sekretärin Angelina vergewaltigt. Und wenn Eddie, der seine völlig verstörte “Nur-Freundin” ins Krankenhaus bringt, ihn am nächsten Tag damit konfrontiert, zeigt ihm Anthony ungerührt Fotos von Eddies sexuellen “Ausflügen” und macht klar, daß Eddie die Schwester und den Aufstieg in der Firma nur bekommt, wenn eine schmutzige Hand die andere wäscht.
Der Film entwickelt sich dann zu einem Gerichtsdrama, wobei es aber zu jedem Zeitpunkt noch offensichtlicher als in der schlechtesten John Grisham-Verfilmung ist, daß immer dann “Objection” gerufen wird, wenn es so im Drehbuch steht. Nicht früher und nicht später. Der weitere Film zeichnet sich dann dadurch aus, daß Til Schweiger seine Englischkenntnisse vor allem anhand des Wortes “Fuck” demonstriert, im Verlauf des Film so ziemlich jede Hauptfigur irgendwann vergewaltigt wird (Eddie hat man dabei allerdings vergessen), und sich Action-Sequenzen immer dadurch auszeichnen, daß Eddie mit seinem Auto Mülltonnen umfährt.
Das zu keinem Zeitpunkt überzeugende Drehbuch übt sich dann in weiblicher Solidarität, die sich unterem dadurch auszeichnet, daß sich zu den unzähligen sich widersprechenden Falschaussagen vor Gericht aus undefinierbaren Gründen auch noch eine Nonne gesellt. Und als hätten wir noch nicht genügend dumme Klischees aneinander gereiht, gibt es dann noch eine Selbstjustiz, für die ausgerechnet Eddie in den Knast wandert, bevor dann durch irgendwelche Tricks ein “Happy End” zusammengebastelt wird, daß einem beweist, daß das Drehbuch tatsächlich immer noch schlechter werden konnte.
Ich will mich jetzt nicht noch über diverse Deatils aufregen (Warum darf der Hauptverdächtige eines Mordfalls nach der Verhandlung mit seinem Anwalt allein im Gerichtssaal verbleiben? Warum wird Eddie vor Gericht so oft mit dem Vornamen angesprochen? Kennt die Richterin ihn persönlich oder befürchtet man, daß sich das Kinopublikum seinen Nachnamen nicht merken kann?), aber was mir dann noch den Rest gegeben hat, war der wahrscheinlich stümperhafteste Nachspann, den ich lange Zeit gesehen habe. Selbst Studenten-Kurzfilme wirken da professioneller. Allerdings … wie ich bereits zu Beginn darlegte, könnte man dieses Urteil auf den ganzen Film ausdehnen.
“People like her don’t deserve to live” heißt es mal im Film. Filme wie dieser verdienen es nicht, gesehen zu werden … Quetscht die Master Copy in eine Mülltonne und lasst Til Schweiger ein paar mal mit ‘nem Auto drüber fahren. Das kann er immerhin.

Coming soon in Cinemania 39 (Dire (A)ctors):
Unser erstes Berlinale-Special für 2007: Von Schauspielern wie Antonio Banderas, Steve Buscemi, Julie Delpy, Kaori Momoi oder Sarah Polley inszenierte Filme. Die Wettbewerbsbeiträge von Eastwood und De Niro werden dann später nachgeliefert.