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Die Box




20. Juni 2012
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Noch tausend Worte (Brian Robbins)
Noch tausend Worte (Brian Robbins)
Bildmaterial © Paramount Pictures
Noch tausend Worte (Brian Robbins)
Noch tausend Worte (Brian Robbins)


Noch tausend Worte
(Brian Robbins)

Originaltitel: A Thousand Words, USA 2008-2012, Buch: Steve Koren, Kamera: Clark Mathis, Schnitt: Ned Bastille, Musik: John Debney, mit Eddie Murphy (Jack McCall), Kerry Washington (Caroline McCall), Clark Duke (Aaron Wiseberger), Cliff Curtis (Dr. Sinja), Emanuel Ragsdale (Tyler McCall), Allison Janney (Samantha Davis), Ruby Dee (Annie McCall), Jack McBrayer (Starbucks Barista), Alain Chabat (Christian Léger de la Touffe), Lou Saliba (Shrink), Eshaya Draper (Young Jack), Sarah Scott Davis (Young Annie), Justin Soul Robbins, Miles David Robbins (Boys), 91 Min., Kinostart: 21. Juni 2012

In den etwa 16 Jahren, seitdem ich PCs zur Textverarbeitung nutze, hatte ich nie einen Rechner, der die Software beinhaltete, Zeichen zu zählen. Wie es meine gelegentlichen Print-Auftraggeber jeweils gern hätten. Immer nur Worte, was höchstens mal bei Uni-Kursen wie »Essay Writing« (oder meinem 24-Stunden-Buch HAMAIBSGW) von Vorteil war. Aber nun ist es endlich soweit, dass die Wörter-Zähl-Funktion mir meine Arbeit erleichtert. Juchhu!

In A Thousand Words geht es um den im Buchmarkt erfolgreichen Agenten Jack McCall (Eddie Murphy), der (wie überraschend angesichts der Besetzung!) Gesprächspartnern gern mal ein Ohr abkaut, aber sich in seinem Berufsfeld quasi selbst disqualifiziert, weil er geradezu stolz darauf ist (natürlich nicht im Umgang mit Autoren), die von ihm unter Vertrag gebrachten Bücher nicht gelesen zu haben. Wenn A Thousand Words ein Roman wäre (etwa von Bret Easton Ellis), wäre McCall der personifizierte Antichrist, da es sich nur um eine Filmkomödie handelt, soll man der Figur dies offenbar verzeihen / durchgehen lassen.

Immerhin ist es so, dass der Film selbst in einem Anflug von poetic justice dem wie ein Wasserfall blubbernden McCall eine Strafe / Lektion auferlegt, denn in seinem Garten taucht plötzlich ein ausgewachsener Baum auf, der für jedes Wort, das McCall von sich gibt, ein Blatt verliert. Und schnell wird die Spielregel des Films klar, dass, sobald der Baum alle Blätter verloren hat, auch McCall das Zeitliche segnen wird. Deshalb der deutsche Titel Noch tausend Worte.

Nun könnte man diesen Film angesichts der eigenen Botschaft mit ein oder zwei garstigen Vokabeln umschreiben, mein Überfluss an Artikulation ist eigentlich kontraproduktiv und der Film hat es kaum verdient, dass man sich so ausgiebig mit ihm befasst. Aber in diesem Fall sehe ich eine etwas längere Rezension nicht nur als Herausforderung an mich selbst, sondern auch meine Ausfälle, in denen ich mich etwas umschweifig verklausuliere, mögen als Euthanasie-Bestreben verstanden sein. Nicht der Autor begibt sich in Gefahr, zuviel zu schwafeln, der Film selbst gehört totgequatscht.

Diese Art von Komödien, bei denen eine moralisch verwerfliche Hauptfigur durch einen (vermeintlich originellen) »Fluch« auf den Weg zur Besserung geschickt wird, hat Jim Carrey bereits zweimal über sich ergehen lassen. In Liar Liar musste ein notorischer Lügner plötzlich die Wahrheit sagen, in Yes Man war die (nicht besonders streng durchgehaltene) Spielregel, dass die Hauptfigur zu allem und jedem »Ja« sagen musste. Nun also die Variante, dass ausgerechnet die Quak-Tasche Eddie Murphy sich kurz halten muss.

Was die genannten drei »Fluchkomödien« sowohl mit ähnlich gestrickten Horrorfilmen (etwa Sam Raimis Drag me to Hell, der Verfilmung von Richard Bachmans Thinner oder diverse Streifen asiatischer Herkunft bzw. deren westliche Nachfolger) sowie mit ähnlichen Komödien, in denen Körper, Geschlechter oder das Alter von Protagonisten vertauscht werden, gemeinsam haben, ist die Variation des immergleichen Schemas. Zunächst wird die Hauptfigur (bei Vertauscherei auch gerne zwei) inklusive ihrer Charakterfehler vorgestellt. Dann folgt die unterschiedlich offensichtliche Einführung der Fluchsituation (z. B. das Chinarestaurant in Freaky Friday), die übrigens manchmal auch eine »Wunscherfüllung« wie in 13 going on 30 sein kann (für diejenigen, die nicht W.W. Jacobs' The Monkey's Paw gelesen haben und nicht wissen, dass eine bösartige Wunscherfüllung auch nur ein Fluch ist). Als nächstes ermitteln die Figuren dann, wie genau die »Spielregeln« des Fluchs funktionieren (in Horrorfilmen bringt das schnell die ersten drei bis fünf Leichen), und meistens versuchen sie dann, durch »Tricks« ihre Situation zu verbessern (Bestechung, Bedrohung oder Erpressung des Verfluchenden oder einer Person, die dafür gehalten wird), ehe sie einsehen, dass sie sich zum besseren Menschen wandeln müssen und / oder sie sich einfach mit ihrem Schicksal abfinden (The Shaggy Dog), und mit der Ausnahme einiger Horrorfilme folgt dann das Happy End.

Da in Hollywood pädagogisch wertvolle Filme, in denen die Hauptfigur zum besseren Menschen werden kann, nach wie vor schwer angesagt sind, gibt es natürlich auch viele Filme, die im übertragenen Sinne in dieses Genre gehören, wo dann der »Fluch« nur hinderlichen Umständen mit an den Haaren herbeigezogenen Gründen entspricht, und die Figuren sich als Frauen (Some like it Hot, Tootsie), Männer (Yentl), Schwarze (Soul Man), weiße Frauen (White Chicks), dicke Frauen (Mrs. Doubtfire, Big Mama's House) oder was nicht alles »Witziges« ausgeben müssen, ehe sie von der misslichen Maskerade irgendwann erlöst werden. Gerade geschlechterspezifisch gibt es das natürlich schon in diversen Shakespeare-Komödien, und auch die pädagogisch wertvollen Flüche sind uns auch aus diversen Märchen bekannt - bzw. der modernen Version von Märchen, Disney-Filmen. Hier muss auch öfters der »Verfluchende« direkt bekämpft werden (Tangled), es gibt aber auch die Sache mit dem besseren Menschen (Beauty and the Beast, Shrek parodiert das schön mit dem sozusagen »besseren Oger«), oder Mischformen (The Princess and the Frog, The Emperor's New Groove). Oder die Variation, wo man einerseits die Verfluchende bekämpft, sich aber andererseits auch mit dem Fluch abfindet (Enchanted), was dann aber auch damit zu tun hat, dass man sich in Richtung Romantic Comedy verirrt hat. Wobei A Thousand Words hier auch mal die Comedy of Remarriage touchiert. Obwohl man sagen muss, dass McCalls Eheprobleme so nebensächlich für den Film sind, dass das mehr eine Fußnote als ein Genre darstellt.

Speziell zu A Thousand Words (um mal von der Genre-Umschreibung wegzukommen) kann ich übrigens noch erwähnen, dass der Film keine besonderen Höhepunkte hat. Ich habe mich gefreut, Allison Janney mal wiederzusehen (als McCalls Boss), noch schöner war aber das Wiedersehen mit Ruby Dee (auch wenn sie als altersdemente Mutter nicht wirklich gefordert wurde), fand Cliff Curtis als Dr. Sinja ganz nett und auch Clark Duke als Aaron (McCalls Untergebener) kam mir irgendwie vertraut und sympathisch vor. Und Alain Chabat (die französische Stimme von Shrek) hat auch eine kleine, aber ebenfalls ziemlich überflüssige Rolle. Das alte Problem vieler Komödien: wenn die Nebendarsteller eigentlich viel interessanter sind als der vermeintliche Star.

Aber dass der bereits 2008 gedrehte Film nach vier Jahren auf der Halde doch noch aufs Kinopublikum losgelassen wurde - das hätt's eigentlich nicht gebraucht. Das Einzige, an was ich mich wahrscheinlich noch länger erinnern werde, ist Murphys pantomimische Bestellung (zwischenzeitig seine Methode, Worte zu sparen) einer Extraportion Milch im Starbucks.

Sechs Worte fehl(t)en nur noch. Bitteschön!