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April 2006
 

Cinemania 32:
Kinostart Mai/Juni 2006

Der Juni stand ganz im Schatten der Fußball-WM, und abgesehen von Offside (der durch das frühe Ausscheiden der Iraner allerdings nicht so aktuell wie erwartet war) versuchten die Verleihfirmen, diesem übermächtigen Gegner vor allem mit Familienfilmen etwas entgegenzusetzen. Das Schloss im Himmel und Tierisch Wild boten Animations-, Shaggy Dog und Die Chaoscamper CGI-gestützte Familienunterhaltung. Doch wenn sogar in vielen Kinosälen König Fussball allgegenwärtig ist, wer verirrt sich da schon zu einem Film wie Schläfer oder Hotel? Leider viel zu wenige …



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Cinemania 32:
Kinostart Mai/Juni 2006

[Alle Rezensionen von Thomas Vorwerk]

Schläfer
(Benjamin Heisenberg)

Deutschland / Österreich 2005, Buch: Benjamin Heisenberg, Kamera: Reinhold Vorschneider, Schnitt: Stefan Stabenow, Karina Ressler, Musik: Lorenz Dangel, mit Bastian Trost (Johannes), Mehdi Nebbou (Farid), Loretta Pflaum (Beate), Gundi Ellert (Frau Wasser), Wolfgang Pregler (Prof. Behringer), 105 Min., Kinostart: 11. Mai 2006

Seit dem letztjährigen Filmfest München wartete man auf den deutschen Kinostart dieses Films, nicht unähnlich wie bei den Cannes-Entdeckungen Hotel und Falscher Bekenner. Und bezeichnenderweise sind auch die Regisseure dieser Filme mit Schläfer verbunden. Jessica Hausner (Hotel) produzierte mit dem österreichischen Kreativkollektiv coop 99 mit, und mit Christoph Hochhäusler arbeitete Schläfer-Regisseur Heisenberg zusammen am Drehbuch dessen Erstlings Milchwald. Im weitesten Sinne kann man Heisenberg auch zur „Berliner Schule“ zählen, wenn man mal darüber hinwegsieht, daß Schläfer in München spielt und österreichische Co-Produzenten hat.
Schon bevor der Virologe Johannes (Bastian Trost) seinen neuen Job antritt, wird er von der etwas mysteriösen, aber vor allem altbacken erscheinenden Frau Wasser dafür angeheuert, seinen neuen Kollegen Farid (Mehdi Nebbou) genauestens unter die Lupe zu nehmen. Wenn ein gläubiger Moslem an einer deutschen Universität studiert, und dabei noch mit womöglich gefährlichen Giftstoffen hantiert, scheint Vorsicht angeraten. So entwickelt der Film zunächst eine Atmosphäre, die an die klassischen Paranoia und Conspiracy-Filme der 1970er erinnert. Doch Heisenberg lässt sich nicht in eine Genre-Schublade zwängen, und so kommt mit dem Auftritt der Kellnerin Beate (Loretta Pflaum) ein Faktor ins Spiel, der schnell gefährlicher wirkt als irgendwelche auf pulverisierte Mäuseleber pipettierte Flüssigkeiten. Nachdem Johannes bereits eine sowohl arbeitstechnische als auch private Freundschaft mit Farid geschlossen hatte, bootet dieser ihn nun im Rennen um die an beiden interessierte Beate aus, und als Farid dann auch noch im Labor jenen Erfolg erfährt, an dem Johannes maßgeblich mitgeholfen hatte (nur, um jetzt die Anerkennung entzogen zu bekommen), erscheint die passive Denunziation plötzlich als passable Möglichkeit, im Job und der Liebe (wo ja bekanntlich alles erlaubt ist) Vorteile zu erringen.
Einer der Kernsätze des Films könnte dieser von Johannes formulierte sein: „Das Schlimme am Leben ist: Man kann jeden Menschen verstehen - jeder hat seine Gründe.“ Und auch wenn das aufgrund der komplexen Charakterstudien mitunter nur teilweise stimmt, lebt Schläfer davon, daß man die Motivationen und Handlungen der drei Hauptfiguren insbesondere auch bei eher niederträchtigen Aktionen recht leicht nachvollziehen kann. Teilweise wirkt das Drehbuch zwar wie eine Versuchsanordnung, doch spätestens durch die oftmals unerwarteten Wendungen und den Blick auf Details überzeugt der Film, ebenso wie durch seine subtile, aber wirksame Kameraarbeit. Kaum wahrnehmbare Zooms verschieben das Augenmerk, halb-improvisierte Steadicam-Fahrten entwickeln einen eigenen Charme, und allein für die wiederkehrende Einstellung, die die beiden Noch-Freunde an zwei Einzeltischen in einem Café zeigt, bevor die Kellnerin zwischen ihnen auftaucht, lohnt sich der Kinobesuch. Regisseur Heisenberg kann sich zwar noch nicht mit Regisseuren wie Petzold oder Winckler messen, aber sein sperriges Kleinod ist vielversprechend und man sollte sich diesen Namen merken …

Malen oder Lieben
(Arnaud & Jean-Marie Larrieu)

Originaltitel: Peindre ou faire l’amour, Frankreich 2005, Buch: Arnaud & Jean-Marie Larrieu, Kamera: Christophe Beaucarne, Schnitt: Annette Dutertre, Musik: Philippe Katerine, mit Sabine Azéma (Madeleine), Daniel Auteuil (William), Sergi Lopez (Adam), Amira Casar (Eva), Philippe Katerine (Mathieu), Hélène de Saint Père (Julie), Sabine Haudepin (Suzanne), Roger Miremont (Roger), 98 Min., Kinostart: 15. Juni 2006

Oskar Roehlers Elementarteilchen zeigte uns im Frühjahr, wie ein vielgelobter französischer Roman zu einer lauwarmen Swingerkomödie verarbeitet werden kann. Der bereits früher entstandene Peindre ou faire l’amour hat zwar mit Michel Houllebecq nichts zu tun, zeigt aber auf anschauliche Weise, wie die Franzosen zumindest im seltsamen Sub-Genre Swinger-Komödie klar die Oberhand haben.
Der Physiker William (Daniel Auteuil) und die Hobbymalerin Madeleine (Sabine Azéma) leben in einer seit dreißig Jahren währenden Ehe. Deren zündender Funke ist zwar lange erloschen, aber als vertraute Lebensgemeinschaft hat sie noch nicht ihre Existenzberechtigung verloren. Nachdem die Tochter ins Ausland verschwunden ist, dämmert den beiden, daß für sie ein neuer Lebensabschnitt beginnen könnte. Madeleine entdeckt auf dem Land ein Bauernhaus und voller neugewonnenem Schwung stürzen sie sich in das Abenteuer, ihr Leben neu zu definieren - auch sexuell. Über Adam (Sergi Lopez), den blinden Bürgermeister der Nachbargemeinde (der übrigens auch Madeleine auf das Haus aufmerksam gemacht hat) und dessen Frau Eva (das ehemalige Gaultier-Model Amira Casar), finden sie dann auch schnell neue Freunde, die sie schließlich auf leichtfüßige Art zum Partnertausch animieren …
Wie nebenbei kommt der Film zu seinem zentralen Thema, das unverklemmt und vorurteilsfrei zu einem Reifeprozeß von Madeleine und William führt. Neben den auf leichte Liebeskomödien spezialisierten Regie-Brüdern ist dies vor allem der Besetzung zu verdanken. Sabine Azéma, Daniel Autieul und Sergi Lopez sind oft schon allein einen Kinobesuch wert, doch gerade im gemeinsamen Spiel der vier Hauptdarsteller entwickelt sich die Unbeschwertheit einer Sommerbrise, wobei insbesondere die teilweise mysteriöse Figur des blinden Adam die Neugier der Zuschauer (ebenso wie die von Madeleine und William) wachhält, obwohl Peindre ou faire l’amour eigentlich ein Film ist, der zu keinen Superlativen strebt. Weder übermäßig witzig noch besonders dramatisch, weder Kunstkino noch Boulevardkomödie, ohne auffällige inszenatorische Kinkerlitzchen oder zu viele gewollt tiefgründige Dialoge. Ein Film wie eine spontane Idee, die man aber nicht bereut.

Französisch für Anfänger
(Christian Ditter)

Deutschland / Frankreich 2006, Buch: Christian Ditter, Kamera: Christian Rein, Schnitt: Patricia Rommel, Musik: Philipp F. Kölmel, Casting: Daniela Tolkien, mit François Göske (Henrik), Paula Schramm (Valerie), Lennard Bertzbach (Johannes), Thaddäus Meilinger (Niklas), Élodie Bollée (Charlotte), Antoin Morin (Cyril), Cyril Descours (Mathieu), Christian Tramitz (Monsieur Nouvelleville), Sabrina Stehnicke (Barbara), Vanessa Krüger (Lena), Eleonore Du Page (Sylvianne), 93 Minuten, Kinostart: 8. Juni 2006

Regisseur Christian Ditter legt mit Französisch für Anfänger seinen Abschlußfilm an der HFF München vor, und wenn man bedenkt, daß er zuvor vor allem als Praktikant bei der RTL-Serie Schulmädchen tätig war, so ist es erfreulich, daß es in seinem Kinodebüt nicht nur um „das erste Mal“ geht, sondern vor allem um die erste Liebe. Französisch für Anfänger steht damit eher in der Tradition von La Boum als von unzähligen Entjungferungsfilmchen, die sich hinter dem Prädikat „Coming-of-Age“ verstecken, aber doch nur auf das eine hinauslaufen.
Henrik (François Göske) interessiert sich für nichts weniger als für den Französischuntericht mit dem überheblichen Monsieur Nouvelleville (Christian Tramitz in einer Zweieinhalb-Minuten-Gastrolle) - und für nichts mehr als für die süße Valerie (Paula Schramm) aus der Parallelklasse. Als er es nach etlichen misslungenen Versuchen mit der tatkräftigen Hilfe seines besten Kumpels Johannes (Lennard Bertzbach) endlich schafft, sich mal mit Valerie zu unterhalten, lässt er ausgerechnet seinen Hass auf alles Französische raushängen - nichtahnend, daß Valerie Halbfranzösin ist. Nach einem ansonsten vielversprechenden Partyabend (Johannes schubst erst gekonnt und organisiert dann eine Schwof-Nummer beim DJ) sieht er seine einzige Chance, seinen Fehler wiedergutzumachen und seinem Schwarm näherzukommen, darin, in der von Valerie mitorganisierten Austauschgruppe nach Frankreich zu fahren, und trotz der ursprünglichen Weigerung („Mit 20 Chansons trällernden Hippies in einem Bus? Vergiss es!“) steht ihm auch Johannes (der zumindest etwas Französisch spricht) bei dieser Aktion zur Seite.
Neben den unvermeidlichen Sprachschwierigkeiten, die Henrik etwa bei seiner des Deutschen absolut unmächtigen Austauschfamilie erlebt (aufgrund einer Verständigung per Zeichensprache missversteht er die Eingeborenen dermaßen, daß er sein Müsli mit Rotwein isst …), gehen die größten Hindernisse der jungen Liebe allerdings von zwei französischen Gleichaltrigen aus - von Mathieu (mit dem sich Valerie schon beim letzten Frankreichaufenthalt sehr gut verstand) und Charlotte (die nicht unnötig auf Liebe wartet, wenn sie Sex haben kann).
Französisch für Anfänger ist natürlich vorwiegend für ein junges Publikum konzipiert, dabei aber mit ausreichend Feingefühl inszeniert, um auch ältere, nostalgisch veranlagte Zuschauer mit einem gut abgestimmten Mix aus Romantik und Humor zu unterhalten. Es scheint nicht unmöglich, daß der Film bei den jetzt 16jährigen auch in zwanzig Jahren noch als Jugenderinnerung so präsent ist, wie bei früheren Generationen La Boum oder Dirty Dancing …

Slither - Voll auf den Schleim gegangen
(James Gunn)

Originaltitel: Slither, USA 2006, Buch: James Gunn, Kamera: Gregory Middleton, Schnitt: John Axelrad, Musik: Tyler Bates, mit Nathan Fillion (Sheriff Bill Purdy), Elizabeth Banks (Starla), Michael Rooker (Grant Grant), Tania Saulner (Kylie Strutemeyer), Gregg Henry (Mayor Jack MacReady), Brenda James (Brenda Gutierrez), Kinostart: 22. Juni 2006

James Gunn kam durch sein Drehbuch zu Zack Snyders Remake von Dawn of the Dead (sowie ferner die Vorlage zu den beiden Scooby Doo-Filmen) in die glückliche Lage, nun auch mal selbst eines seiner Bücher verfilmen zu dürfen. Zwar hatte Gunn schon bei der legendären Billigproduktionsfirma Troma an mehreren Filmen mitgearbeitet (von ihm stammt beispielsweise auch das Buch zum berüchtigten Tromeo and Juliet und ein recht erfolgreiches Sachbuch namens „All I need to know about Filmmaking I learned from The Toxic Avenger“), aber nach diversen F-, G- und H-Filmen und einigen kleineren Schauspieljobs nun auch einmal Regie bei einem „eigenen“ B-Film führen zu dürfen, war für Gunn sicher eine völlig neue Erfahrung. Ähnlich wie bei Dawn of the Dead (Sarah Polley, Ving Rhames, Matt Frewer, Tom Savini) konnte Gunn auch für Slither sowohl aufstrebende junge Darsteller wie Nathan Fillion (Serenity) und Elizabeth Banks (40-Year Old Virgin) als auch ein wenig in Vergessenheit geratene Genre-Größen wie Michael Rooker (Henry: Portrait of a Serial Killer) oder Gregg Henry (Der Bohrmaschinenkiller aus Brian De Palmas Body Double) verpflichten.
Insbesondere zu Beginn des Films bemerkt man noch die satirische Schärfe des Buchs (etwa wenn der Bürgermeister sich mit unflätigen Ausdrücken durch den Strassenverkehr schimpft oder beim stilechten Einsatz von Air Supplys Every Woman in the World), doch Slither ist vor allem ein riesiger Abenteuerspielplatz für seinen Regisseur, der hier Versatzstücke aus den letzten drei Jahrzehnten Horrorfilmgeschichte munter durcheinandermischt, wobei es ihm in seinen besten Momenten sogar gelingt, klassische Szenen wie den Badewannen-Angriff aus David Cronenbergs Shivers (aka Parasite Murders) mithilfe moderner Spezialeffekte und einem wirklich unerschrockenem Humor noch zu verbessern. So können Genre-Fans Momente aus so ziemlich jedem Film über eine außer- (oder inner-) irdische Invasion ohne UFO-Fuhrpark widererkennen: Invasion of the Body Snatchers, Little Shop of Horrors, Critters, Tremors, Gremlins, sogar Arachnophobia oder Dreamcatchers geben sich die Ehre. Zwischendurch gibt es aber immer noch genügend Überraschungen, durchaus neue Ideen und hin und wieder grobschlächtigen, vor allem verbalen Humor („He looks like something that fell off my dick during the war“), um auch Zuschauer, die die Zitate nicht wiedererkennen, bei der Stange zu halten. Hierbei ist Slither dermaßen abgedreht und übertrieben, daß der Streifen trotz einiger dramaturgischer Schwächen und nicht immer perfekter Tricks auf jeden Fall ein Erlebnis ist, das man nicht (wie das Gros der Horrorfilme) sofort wieder vergisst. Ganz im gegenteil: an einige der grotesken Kreaturen wird man sich noch erinnern, wenn man schon gar nicht mehr weiß, wie der Film hieß, in dem man sie gesehen hat.

Die Chaoscamper
(Barry Sonnenfeld)

Originaltitel: R.V., Buch: Geoff Rodkey, Kamera: Fred Murphy, Schnitt: Kevin Tent, Musik: James Newton Howard, mit Robin Williams (Bob Munro), Cheryl Hines (Jamie Munro), Joanna „JoJo“ Lovesque (Cassie Munro), Josh Hutcherson (Carl Munro), Will Arnett (Todd Mallory), Jeff Daniels (Travis Gornicke), Kristin Chenoweth (MaryJo Gornicke), Hunter Parish (Earl Gornicke), Alex Ferris (Billy Gornicke), Chloe Sonnenfeld (Moon Gornicke), Brendan Fletcher (Howie), Rob LaBelle (Larry Molphine), Brian Markinson (Garry Molphine), Erika-Shaye Gair (Cassie Munro, 5), Barry Sonnenfeld (Irv), 98 Min., Kinostart: 29. Juni 2006

Bei Barry Sonnenfeld muss ich immer an den Satz von Michael Ballhaus denken: „Lieber ein guter Kameramann als ein schlechter Regisseur.“ Und während es unumstritten ist, daß Sonnenfelds Filme als Kameramann (u. a. Raising Arizona, Miller’s Crossing, When Harry Met Sally und Misery) weitaus gelungener sind als seine Regiearbeiten (u. a. Wild Wild West, 2x Addams Family und 2x Men in Black), so dürfte Sonnenfeld, der vom gut bezahlten Handwerker zum handwerklich begabten Millionär aufstieg, seiner ersten Karriere womöglich keine Träne nachweinen.
Immerhin scheint er bei seiner Arbeit Spaß zu haben, und dieser überträgt sich mitunter auch auf den Zuschauer.
Robin Williams ist nicht unbedingt ein Darsteller, dessen Name schon allein für Qualität bürgt. Er fing mal als Fernsehkomiker mit der Serie Mork and Mindy (dt.: Mork vom Ork) an, machte dann im Kino genauso weiter (u. a. Popeye, Good Morning Vietnam, Toys), entwickelte irgendwann ein Faible für ernstere Filme wie Dead Poets Society, The Fisher King oder Good Will Hunting (Hier stehen schon die Regisseure für Qualität), ließ sich davon aber nicht abhalten, auch in immer missrateneren Komödien wie Mrs. Doubtfire, Patch Adams, Jumanji oder Flubber aufzutreten. Nachdem er irgendwann gänzlich zum Pausenclown herabgewirtschaftet hatte, kam irgendjemand auf die geniale Idee, ihn als leicht durchgeknallten Bösewicht in Filmen wie Insomnia oder One Hour Photo zu casten. Und plötzlich funktionierten seine bis zur zuschauerlichen Ermüdung ausgereizten Manierismen wieder, weil sie nun einen dunklen Hintergund andeuteten, der die Figuren wieder spannend machte.
Die erste Szene von R.V. spielt zehn Jahre vor dem Rest des Films. Robin Williams spult mal wieder seine One-Man-Show ab, um mit zwei Handpuppen seine Filmtochter Cassie vorm Zubettgehen zu vergnügen. Cassie sagt an dieser Stelle etwas, was viele Fünfjährige ganz ernst meinen: Sie will niemals heiraten, weil sie immer mit ihrem Vater zusammenbleiben will. Jener hingegen glaubt, daß sie irgendwann mal einen ganz tollen Mann kennenlernen würde, sie und ihr Paps aber immer „beste Freunde“ bleiben würden. Hierzu gibt es schmalzige Musik, die man aber wieder verzeiht, wenn Cassie in der nächsten Szene 15 ist und mit keiner Person auf der Welt weniger anfangen kann als mit ihrem Vater. Würde man als erfahrener Kinozuschauer nicht wissen, daß sie diese Meinung bis zum Ende des Film nochmal revidieren wird (der Drehbuchautor arbeitete auch beim in dieser Hinsicht sehr ähnlichen The Shaggy Dog), wäre dies ein sehr gelungener Beginn für einen zynischen Film, bei dem der in zehn Jahren sehr viel unkomischer gewordene Bob Munro (Williams) um seinen Job und seine Familie kämpfen muss, und es irgendwann klar wird, daß er zumindest eines verlieren wird.
Statt des geplanten Hawaii-Urlaubs muß Bob nämlich zu einer Präsentation für einen Firmenzusammenschluß nach Boulder, Colorado, und um den Urlaub irgendwie zu retten, mietet er ein monströses Wohnmobil, in das er seine Familie einlädt. Seiner Frau erzählt er aber, dies sei, um seine Kinder (Cassie hat noch einen jüngeren Bruder Carl) nicht völlig zu verlieren - in Hawaii hätten sie wohl kaum etwas zusammen gemacht, zusammengepfercht im Wohnmobil würden sich schon Chancen ergeben, neue Kontakte zu knüpfen. Bobs Frau Jamie (Cheryl Hines) willigt nur unter bestimmten Bedingungen ein (u. a. soll Bob sämtliche Küchenarbeiten während des Urlaubs übernehmen), und schon geht es los - jedoch nicht, ohne daß beim Ausparken die Nachbarschaft in Mitleidenschaft gezogen wird. Hier gibt es auch mal wieder eine Möglichkeit für jenen Zynismus, der dem Film aufgrund seiner Familienvereinigungs-Story immer mehr verloren geht: Cassie meint nämlich, ihr Vater solle nochmal zurückfahren, er habe es versäumt, die Katze des Nachbarn zu überfahren.
Es folgt dann der abenteuerliche Urlaub mit allerlei Karambolagen aufgrund einer nicht funktionierenden Handbremse, einer recht stilvollen Entleerung des Toiletteninhalts des Wohnmobils, dem Zusammentreffen mit einer waschechten Wohnmobilfamilie mit altersmäßig passenden andersgeschlechtlichen Kindern unter der Führung von Travis Gornicke (Jeff Daniels) und seiner Frau, die ein wenig an Reese Witherspoons Oscardarstellung als June Carter erinnert - nur um den Faktor 4 an dauerlächelnder Frohsinnigkeit potenziert.
Ganz wie in The Shaggy Dog gibt es auch einen politisch unkorrekten und auch sonstwie unsympathischen Bösewicht (Bobs Boss), der zunächst wie die Parodie eines Schwulen auftritt, später aber einzig das corporate evil vertritt. Eine Vermengung von Klischees, die einen gewissen Nachgeschmack mit sich bringt. Ungeachtet unzähliger wirklich gelungener Lacher zwischen Wortwitz, Situationskomik und Slapstick leidet R. V. nämlich neben seiner ach zu vorhersehbaren Familiengeschichte darunter, daß Barry Sonnenfeld seit seinem Regiedebüt The Addams Family ein Experte für Spezialeffekte ist - Und wenn bei einem Film, der vom Zusammenwachsen der Familie in der Wildnis handelt, nahezu jede Szene im Studio gedreht ist, kann sich eine wirkliche Naturverbundenheit nicht ansatzweise einstellen. Selbst die Waschbären sind hier dressiert, sämtliche Aufnahmen innerhalb des Wohnmobils (und auch einige von draußen) wurden mit blue screen und digitalen Tricks verwirklicht, sogar jene Fäkalien-Fontäne ist zwar in ihrem Timing perfekt, aber offensichtlich CGI-gebastelt.
Und diese Künstlichkeit zieht sich auch durch andere Aspekte des Films wie (schon mehrfach angedeutet) das Drehbuch oder die Figurenzeichnung. Die einzige Person, die sich nicht so verhält, wie man es von ihr erwartet, ist die Gornicke-Tochter Moon, die irgendwie immer etwas linkisch und neben dem Timing (wenn dabei auch immer charmant) wirkt. Wenn man dann im Nachspann erfährt, daß die junge Darstellerin Chloe Sonnenfeld heißt, erklärt das, warum der Regisseur nicht manche Takes 30mal wiederholen ließ. Auch er muß seine Karriere mit seiner Familie koordinieren …
Ich schlage vor, daß Barry Sonnenfeld eine dritte Karriere anstrebt: als Schauspieler. Sein Cameo-Auftritt im Film zeugt nicht nur von darstellerischem Talent, all den Hitchcocks, Scorseses und Shyamalans, die immer mal wieder gern in ihren Filmen durchs Bild laufen, zeigt er, wie man es richtig macht. Allein dafür und für den eingekeilten Einkaufswagen (CGI ist ja nicht immer etwas Schlechtes) kann man sich den Film trotz allem anschauen.

The Shaggy Dog
Hör mal wer da bellt
(Brian Robbins)

Originaltitel: The Shaggy Dog, USA 2006, Buch: Marianne & Cormic Wibberley, Geoff Rodkey, Jack Amiel, Michael Begler, Lit. Inspiration: Felix Salten, Kamera: Gabriel Beristain, Schnitt: Ned Bastille, Chef-Tiertrainer: Mark Forbes, Ausstattung: Leslie McDonald, mit Tim Allen (Dave Douglas), Coal (Shaggy), Kristin Davis (Rebecca Douglas), Zena Grey (Carly Douglas), Spencer Breslin (Josh Douglas), Robert Downey jr. (Dr. Marcus Kozak), Bess Wohl (Dr. Gwen Lichtman), Jarrad Paul (Larry), Jane Curtin (Richterin Claire Whittaker), Danny Glover (Ken Hollister), Philip Baker Hall (Lance Strictland), Shawn Pyfrom (Trey), Joshua Leonard (Justin Forrester), Annabelle Gurwitch (Forresters Anwältin), Craig Kilborn (Nachbar Baxter), 99 Min., Kinostart: 22. Juni 2006

Wie in der letzten Saison mit Herbie fully loaded folgt nun das nächste Disney-Realfilmremake einer erfolgreichen Disney-Familienfilm-Reihe. Das Schwarz-Weiß-Original The Shaggy Dog von 1959 (dt.: Der unheimliche Zotti) mit Fred MacMurray als Vater eines in einen Hund verwandelten Knaben war zwar klar vor meiner Zeit, aber an The Shaggy D. A. von 1976 (dt.: Zotti, das Urviech) kann ich mich noch gut aus meiner Kindheit erinnern. Der neue Film lehnt sich von der Geschichte her auch eher an den späteren Farbfilm an, auch hier ist die Hauptfigur ein von Tim Allen gespielter Staatsanwalt, und der deutsche Zusatztitel knüpft auch recht geschickt an den deutschen Titel von Allens auch hierzulande erfolgreicher Fernsehserie Home Improvement (dt.: Hör mal, wer da hämmert) an.
Statt mithilfe eines seltsamen Amuletts verwandelt sich der Staranwalt Dave Douglas diesmal wegen eines Hundebisses selbst in einen Hund. Keine Referenz an Spider-Man, sondern einfach eine Modernisierung, statt Magie ist heute harte Wissenschaft angesagt, und über den geheimen Tierlaborleiter Dr. Kozac (Robert Downey jr. etwas ungewohnt als Bösewicht) geht es diesmal thematisch auch gegen Tierversuche, wobei dem Familienpublikum aber keine bloßgelegten Affenhirne und Kaninchen mit Shampoo in den geröteten Augen zugemutet werden, sondern die eher komischen Nebenfolgen auf der Suche nach dem Stoff, der einen tibetanischen Hirtenhunden 300 Jahre („umgedrehte Hundejahre“) alt werden ließ: bellende Ratten, eine Kobra mit einem Wuschelschwanz oder eine Kröte mit Mopsgesicht - CGI macht möglich, was biologisch undenkbar erscheint.
Doch zurück zur Geschichte: Nach einem Brandanschlag auf das Hauptquartier einer Kosmetikfirma will der Staatsanwalt den Sozialkundelehrer Forrester verknacken, seine wüsten Geschichten von einem geheimen Labor mit missgebildeten Versuchstieren würde eh keine Jury glauben. Daß Dave sich dabei noch mehr als zuvor von seiner rebellischen Tochter Carly (ein Tierversuchsgegner und Forrester-Fan) entfremdet, nimmt er zugunsten seiner Karriere allzu gerne in Kauf, und so gestaltet sich die unvermeidbare finale Metamorphose zum Superdad, der auch seinen Sohn lieber im Musical Grease auftreten lässt als ihn zum Football-Training abzukommandieren, im Nachhinein fast unglaubwürdiger als die Verwandlung des Staatsanwalt zum zotteligen Vierbeiner. In Sachen Tricktechnik ist natürlich seit den 1970ern viel passiert, und so gehören die Passagen, wie Tim Allen hundgerecht auf allen vieren um die Ecken rast oder (genau wie die Kobra) seine Schlapperzunge im Zaum zu halten versucht, zu den komödiantischen Höhepunkten des Films. Wenn er bereits komplett zum Zotti - pardon, Shaggy! - verwandelt eine Katze verfolgt, die auf der Flucht elegant tänzerisch den Tisch einer Dinnergesellschaft überquert, ohne auch nur ein Rotweinglas umzukippen, ist die bloße Antizipation des nachfolgenden Chaos ehrlich gesagt besser als die eigentliche Szene, aber für das junge Publikum braucht man auch ein wenig plumperen Humor, und mit (fünf!) Drehbuchautoren, die u.a. Charlie’s Angels: Full Throttle oder Daddy Day Care mit Witzen aufpeppten, begab man sich auf die vermeintlich sichere Seite, ähnlich wie bei der Besetzung, wo man neben dem routinierten Komödienspezialist Tim Allen weitere Fernsehberühmtheiten wie Kristin Davis (Sex and the City) oder Shawn Pyfrom (Desperate Housewives) und bekannte Hollywoodgesichter wie Downey jr., Danny Glover, Philip Baker Hall oder Kinderstar Spencer Breslin (The Kid, Meet the Parents, The Cat in the Hat, Raising Helen) verpflichtete.
Ähnlich wie bei Herbie müssen sich aber alle Darsteller dem Titelhelden und diesmal Tim Allen unterordnen (einzig Bess Wohl und Jarred Paul als zwei außergewöhnlich nett fies-doofe Tierversuchsleiter fallen positiv auf), und vor allem weil Tim Allen allemal ein besserer Grund als Lindsay Lohan ist, ins Kino zu gehen, ist das Resultat im direkten Vergleich der klare Sieger. Einiges wäre noch verbesserungsfähig gewesen, aber als Familienunterhaltung ist der Film nicht eben lau, sondern eher „wau“.

Angel-A
(Luc Besson)

Frankreich 2005, Buch: Luc Besson, Kamera: Thierry Arbogast, Schnitt: Frédéric Thoraval, Musik: Anja Garbarek, mit Jamel Debbouze (André), Rie Rasmussen (Angela), Gilbert Melki (Franck), Serge Riaboukine (Pedro), 90 Min., Kinostart: 25. Mai 2006

Luc Besson war mal ein vielversprechender Regisseur. Er drehte Filme wie Subway, Le Grand Bleu, Nikita oder Léon. Und das alles innerhalb von zehn Jahren (1985-1994). In den nächsten fünf Jahren drehte er noch zwei Filme mit Milla Jovovich (1997: The Fifth Element, 1999: Joan of Arc), mit der er bekannterweise auch in seiner Freizeit sehr beschäftigt war. The Fifth Element war als sein Debüt in der englischen Sprache auch noch durchaus sehenswert, bei Joan of Arc ging hingegen schon vieles schief, nicht nur die Beziehung zur Hauptdarstellerin. In den folgenden fünf Jahren betätigte sich Besson ausschließlich als Produzent und hin und wieder Drehbuchautor, und ließ erfolgreiche französische Action-Serien wie Taxi und Transporter entstehen. Verdient hat er in dieser Zeit sicherlich mehr als in den fünf Jahren davor - und vor allem hatte er nicht so einen Streß. Nun aber ist er als Regisseur zurück, noch dazu nicht mit einem Action-Spektakel, sondern einer schwarz-weißen Liebeserklärung an Paris.
Angel-A scheint eine wilde Mixtur aus Der Himmel über Berlin, Lola rennt und It’s a wonderful Life. Wie Manni hat der Kleinganove André (Jamel Debbouze, der etwas zurückgebliebene Gemüseverkäufer aus Le fabuleux destin d’Amelie Poulain) nur wenig Zeit, um eine horrende Summe zusammenzubekommen, und wie George Bailey findet man ihn kurz darauf auf einer Brücke im Zweigespräch mit einer höheren Macht (dem Zuschauer oder doch Gott?), bereit, sein Leben, das keinen Pfifferling mehr wert ist, wegzuschmeissen. Doch dann kommt kein ältliches Väterlein namens Clarence, sondern die vom dänischen Unterwäsche-Supermodel Rie Rasmussen (taucht auch in De Palmas Femme Fatale auf) gespielte „Angela“, die André dann aus dem Wasser rettet. Wenig überraschend ist Angela ein in Kampfsportarten begabter kettenrauchender Schutzengel, der André dann durch eine doch sehr irdische, aber lukrative Tätigkeit auf der Herrentoilette der Nobeldisco „Pandora“ schnell wieder in die roten Zahlen - was die Beziehung der beiden aber auch gleich ins Straucheln bringt, denn André will nicht Angelas Zuhälter sein - und sie nicht sein Geldautomat.
Abgesehen von der schön photographierten Sightseeing-Tour durch Paris, Fräulein Rasmussens superknapp geschnittenes Kleidchen und einem Gastauftritt von Gilbert Melki hat der Film leider vor allem Pathos und Kitsch zu bieten, die anfänglich noch ganz amüsante Geschichte verliert sehr schnell an Fahrt, und auch, wenn Angela gegen Schluß sogar ihre gewaltigen Schwingen entfaltet, kann sie das allzu flügellahme Vehikel dieses Films nicht vom Boden bringen. Besson soll aber bereits wieder an seiner nächsten Regiearbeit friemeln, vielleicht rappelt er sich ja nochmal auf …

The Sentinel
Wem kannst du trauen?
(Clark Johnson)

Originaltitel: The Sentinel, USA 2006, Buch: George Nolfi, Lit. Vorlage: Gerald Petievich, Kamera: Gabriel Beristáin, Schnitt: Cindy Mollo, Musik: Christophe Beck, Ausstattung: Donald McAlpine, mit Michael Douglas (Pete Garrison), Kiefer Sutherland (David Breckinridge), Eva Longoria (Jill Marin), Martin Donovan (William Montrose), Kim Basinger (First Lady Sarah Ballantine), Ritchie Coster (The Handler), Blair Brown (Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates), David Rasche (Präsident Ballantine), Clark Johnson (Charlie Merriweather), 108 Min., Kinostart: 15. Juni 2006

Seit 9/11 sind auch die Anforderungen für den Secret Service gestiegen. Konnte 1993 bei Wolfgang Petersens In the Line of Fire noch ein greiser 63jähriger Clint Eastwood als Bodyguard des Präsidenten gecastet werden, darf man heutzutage selbst als Beschützer der First Lady nicht älter als Michael Douglas sein - also jugendlich frische 62. Interessanter als die Besetzung von Michael Douglas ist aber sicher die von Kiefer Sutherland. Jahrzehntelang war er immer so etwas wie die amerikanische Antwort auf Martin Semmelrogge, und dümpelte in unbedeutenten Schurkenrollen vor sich hin, zuletzt etwa in Taking Lives und Phone Booth - und plötzlich ist er Jack Bauer - Amerikas Antwort auf den Terror und die Fernsehlangweile - und wenn im Zusammenhang mit The Sentinel mal von „Echtzeit“ gesprochen werden sollte (was nicht ausgeschlossen ist, denn das wird heutzutage bei jedem dritten Hollywood-Polit-Thriller behauptet), bilden sich womöglich unzählige couch potatoes ein, hier könne klammheimlich die inoffizielle Kinofassung von 24 entstanden sein.
Doch auch wenn an Kiefer Sutherlands Seite mit Eva Longoria sogar noch ein zweiter Fernsehstar auftaucht (Desperate Housewives), ist der Film doch vor allem auf Michael Douglas abgestimmt - und das bedeutet leider, daß es sich hier nicht um innovative state-of-the-art handelt, sondern eher um handelsübliche Hausmannskost, wie sie Douglas, der seine besten Zeiten lange hinter sich hat, in letzter Zeit immer lustloser präsentiert. Als Regisseur hat man zudem Clark Johnson verpflichtet, der zwar schon mal einen Fernsehpilotfilm über den Secret Service inszeniert hat (was laut Presseheft „auf sein Interesse an der Materie schließen lässt“), sein letzter Kinofilm war aber S.W.A.T., auch so ein lustloses Actionvehikel um einige Stars (Colin Farrell, Samuel L. Jackson) herumdrapiert.
Kniff 1 von The Sentinel ist, daß Pete Garrison (Douglas) einen Anschlag auf den Präsidenten vermutet und einen Maulwurf im Secret Service aufdecken will, nur um aufgrund einiger Missverständnisse selbst für diesen Maulwurf gehalten zu werden. Und da er ja weiß, daß nun der falsche gejagt wird, muß er gegen die von ihm ausgebildeten Spezialisten alles auf eine Karte setzen, um das Leben des Präsidenten (und vielleicht auch sein eigenes) zu retten.
Kniff 2 ist ein Grund für die Missverständnisse: Garrison hat die Jobbeschreibung des Leibwächters wohl mal zu wortwörtlich genommen und hat nebenbei eine Affäre mit der First Lady (Kim Basinger) am Laufen - weshalb er auch beim Lügendetektortest so seine Probleme hatte.
Kniff 3 ist Kiefer Sutherland als ehemaliger Schüler Garrisons, der diesen seit einer angeblichen Affäre mit Kiefers früherem Filmweib (erkenne ich da einen Trend?) nicht mehr mag und dies nun als Gelegenheit sieht, es ihm endlich heimzuzahlen - aber mit fairen Mitteln und völlig objektiv, man ist ja Superbulle.
Nachdem man kapiert hat, daß Kiefer diesmal nicht der Böse ist, kann man sich an drei Fingern abzählen, wer wohl der Maulwurf ist. Der Film interessiert sich dafür aber auch lange Zeit nicht und betont lieber nochmal die Gefahr für den Präsidenten, indem ein Hubschrauber per Rakete abgeschossen wird (trotz des üblichen Silence of the Lambs-Montagetricks war der Präsi [namens Ballantines …] im anderen Helikopter) oder zeigt uns angeblich, wie es so hinter den Kulissen des Secret Service zugehen soll. Etwa so: Wenn ein langgedienter Secret-Service-Mann, den jede Sicherheitskraft persönlich kennt, plötzlich ein Maulwurf sein soll, muß man ihn stoppen. Auch, wenn derjenige, der jetzt den Laden führt, neben diesem herläuft und sagt, es ginge um das Leben des Präsidenten und man solle sie durchlassen. Wenn nun aber diese womöglich hochgefährlichen zwei Figuren plötzlich in die Kenntnis des täglichen Codeworts kommen (die First Lady hat’s geflüstert …), dann dürfen sie plötzlich durch jede Sicherheitsvorkehrung durch - ungeachtet der Tatsache, daß ja irgendwo im Service ein Maulwurf sein soll, der ja wohl zumindest das tägliche Codewort irgendwoher bekommen sollte. Spätestens an dieser Stelle bricht der gesamte Film zusammen wie ein Kartenhaus und das Ganze hat mit einem ausgeklügelten 24-Drehbuch plötzlich außer das Auftreten von Kiefer Sutherland so gar nichts mehr zu tun …

Tierisch Wild
(Steve „Spaz“ Williams)

Originaltitel: The Wild, USA 2006, Buch: Mark Gibson, Philip Halprin, Musik: Alan Menken, mit den Original- / deutschen Stimmen von: Kiefer Sutherland / ? (Samson), James Belushi / ? (Benny), Eddie Izzard / ? (Nigel), Janeane Garofalo / Mirja Boes (Bridget), William Shatner / ? (Kazar), Richard Kind / Guido Cantz (Larry), Greg Cipes / Raban Bieling (Ryan), Patrick Warburton / ? (Blag), Don Cherry / ? (Penguin MC), Lenny Venito / ? (Carmine), Joseph Siravo / ? (Hyrax), Chris Edgerly / ? (Cloak), Bob Joles / ? (Camo & Ringleader), Steve „Spaz“ Williams, 94 Min., Kinostart: 1. Juni 2006

Mitunter kommt es durch ungeschickte (oder geschickte?) Planung unterschiedlicher Hollywoodstudios dazu, daß sehr ähnliche Filme kurz hintereinander die Kinos erreichen. Man denke an Dangerous Liasons und Valmont, A Bug’s Life und Antz oder Armageddon und Deep Impact. Nun ist es zumeist so, daß der später fertiggestellte (und somit fast zwangsläufig auch später anlaufende) Film darunter meist leidet, denn das Potential der Geschichte ist schon erschöpft oder er erscheint auch mal (ungerechterweise) wie eine Kopie. Wenn allerdings der Verleih (bzw. die Presseabteilung) des zweiten Films nach fast einem Jahr selbst bereits auf diesen Umstand hinweist (ohne natürlich den ersten Film namentlich zu nennen), dann wird man zurecht hellhörig.
Vor gut einem Jahr entwickelte sich das Dreamworks-Animations-Spektakel Madagascar zu einem in seinem Ausmaß unvorhergesehenen Erfolg. Wir erinnern uns: Vier Tiere aus dem Zoo im New Yorker Central Park brechen aus und landen schließlich per selbstgesteuertem Schiff auf einer Insel, die von tanzenden (tierischen) Ureinwohnern besiedelt ist. Der neue Disney-Film The Wild (ebenfalls computeranimiert) erzählt nun fast die selbe Geschichte. Statt vier Tiere sind es fünf, Löwe und Giraffe bleiben, neu dabei sind Schlange, Eichhörnchen und Koalabär, aus Madagascar mit seinen Lemuren wird eine unbenannte Vulkaninsel mit einer tanzfreudigen Gnu-Sekte, statt der Pinguine sind diesmal Chamäleons semi-militärisch organisiert und in geheimer Mission unterwegs, und außerdem gibt es eine Vater-Sohn-Geschichte, die man zwar bei Madagascar nicht hatte, die einem aber in den letzten Disneyfilmen wie Chicken Little oder The Shaggy Dog bereits ausgiebig auf die Nerven gegangen ist.
Was gibt es Positives zu berichten?: Der Streifen ist (trotz fehlendem Zebra ;-)) anständig animiert (wenn auch etwas zu realistisch mit seinem Beharren auf 6.000.000 Löwenhaare, wo die zeichentrickähnlich dehnbare Animation bei Madagascar sicher zum Erfolg beitrug), als Sprecher gibt es William Shatner - auch wenn man ihn als Bösewicht Kazar („Leader. Prophet. Choreograph.“) fast gar nicht erkennt - und hin und wieder gibt es auch etwas zu lachen („You need a good sports bra.“) oder eine nette Filmanspielung (am schönsten Star Wars).
Das Eichhörnchen Benny, das sich ausgerechnet in eine Giraffe verliebt hat, ist wohl die interessanteste Figur des Films und degradiert als geheimer Anführer der Gruppe selbst den vermeintlichen König der Tiere zum Nußknacker, und die Idee, daß Kazar, der Anführer der Gnus dadurch zur Spitze der Nahrungskette aufsteigen will, indem er einen Löwen verspeist, ist immerhin ganz originell. Aber abgesehen davon zeigen die Filmemacher ähnlich viel Intelligenz wie die Schlange Larry, die dann auch das Mantra hinter dieser überflüssigen Produktion irgendwann zusammenfasst: „Oh, I do believe in zoos. I do, I do, I do.“ Die Frage ist nur, ob auch das Publikum daran glaubt, in dieser Saison die minderwertige Version eines auch nur halbwegs überzeugenden Films sehen zu müssen …

The Da Vinci Code - Sakrileg
(Ron Howard)

Originaltitel: The Da Vinci Code, USA 2006, Buch: Akiva Goldsman, Lit. Vorlage: Dan Brown, Kamera: Salvatore Totino, Schnitt: Daniel P. Hanley, Mike Hill, Musik: Hans Zimmer, Casting: Janet Hirshenson, Jane Jenkins, Production Design: Allan Cameron, mit Tom Hanks (Robert Langdon), Audrey Tautou (Sophie Neveu), Ian McKellen (Sir Leigh Teabing), Jean Reno (Bezu Fache), Paul Bettany (Silas), Alfred Molina (Bishop Aringarosa), Jürgen Prochnow (André Vernet), Jean-Pierre Marielle (Jacques Sauniere), Jean-Yves Berteloot (Remy), Etienne Chicot (Lt. Collet), Daisy Doidge-Hill (Sophie mit 8), 149 Min., Kinostart: 18. Mai 2006

Der letzte verfilmte Bestseller, der nur annähernd soviel Brimborium mit sich brachte, war womöglich Umberto Ecos Der Name der Rose, der ja mit seiner kriminalistischen Schnitzeljagd in der religiösen Geschichte eine sehr ähnliche Geschichte erzählte. Verglichen mit dem internationalem Staraufgebot, das The Da Vinci Code auffährt, wirken selbst Roehlers Elementarteilchen und Tykwers langerwartetes Parfüm wie small potatoes, und wenn man sich besispielsweise anschaut, wie das CinemaxX am Potsdamer Platz die Vorführungen der Startwoche so gelegt hat, daß man zwischen 13 und 23 Uhr eigentlich nie länger als eine Stunde bis zum nächsten Beginn des auch gerade das Filmfestival in Cannes eröffnenden Films warten muss, dann fragt man sich als Kritiker „Wozu noch etwas darüber schreiben?“ Spätestens am Sonntag werden sicher 3 Millionen Zuschauer den Film gesehen haben, und selbst wenn ich mich in den 24 Stunden zwischen Pressevorführung und bundesdeutschen Starttermin noch wirklich beeile, werde ich dem Hype, der wie ein Tsunami über die Kinolandschaft einfällt, nichts entgegensetzen können.
Wer das Buch kennt, wird wahrscheinlich schon aufgrund der einzigartigen Besetzung zufrieden sein. Wenn selbst vergleichsweise unwichtige Charaktere wie ein mordender Albinomönch oder ein Verschwörungsexperte von Spitzenschauspielern wie Paul Bettany oder Ian McKellen impersoniert werden, kommt selbst bei zweieinhalb Stunden Länge niemals Langeweile auf. Doch Spannung will sich auch nicht recht einstellen. Audrey Tautou spricht immer wieder von einer „Angelegenheit auf Leben und Tod“, diejenigen, die sterben, kann man aber zu jedem Zeitpunkt des Films immer drei bis fünf Minuten vorher ausmachen. Auch spricht Mademoiselle Tautou davon, daß man das Rätsel „Schritt für Schritt“ lösen muß, und mit Babyschritten tapert sich die Handlung von einem Code zum nächsten, pflegt zwischendrin immer farbenfrohe Flashbacks zu historischen Ereignissen ein (Maria Magdalena hält sich den Babybauch, während ihr Lover am Kreuze baumelt - Sakridingsbums!), und es gibt im ganzen Film nicht eine einzige wirkliche Überraschung - im Grunde genommen wirkt das Ganze so kreuzbrav (pardon!) wie letztes Jahr National Treasure - nur mit weniger Actionsequenzen und in Europa.
Doch dann, ganz am Schluß, klärt sich auf, was so besonderes am Film ist: Denn wenn man noch etwas zu lethargisch ist, sich aus dem Kinosessel zu erheben, und sich gerade fragt, wofür man denn so viele Stuntmänner gebraucht hat, wenn es nur zweieinhalb Verfolgungsjagden und ein paar Handgemenge gegeben hat - dann sollte man sich die Mühe machen, mal mitzuzählen, wieviele Stuntmen aufgelistet werden: exakt 23 - und nach den ganzen halbgaren Verschwörungstheorien um Tempelritter, weibliche Jünger, Anagramme und heilige Behältnisse fragt man sich, ob nicht vielleicht der ganze Film ein Code ist …
Da der Da Vinci Code es zum besten internationalen Kinostart aller Zeiten geschafft hat und das nicht nur durch die negative Mundpropaganda verhindernde Last-Minute-Pressearbeit zu erklären sein kann, liegt es wohl daran, daß die Menschen gerne bei solchen Rätseln mitknobeln. Leute, spielt Sudoku, Millionen Fliegen können sich nicht irren! Wer jedoch glaubt, Dan Brown sei besonderes clever, weil er sich diese Rätsel ausgedacht habe (laut Nachspann sogar zusätzliche für den Film), dem will ich nur kurz demonstrieren, wie einfach es ist, selbst ohne Computerhilfe bedeutsame Anagramme zu finden. Nehmen wir etwa Alfred Molina, den Darsteller des feist-bösartigen Bischofs. Wenn man jetzt einfach behauptet, dessen Geburtsname sei Alfredo Salvatore Molina, so bildet „A. S. Molina“ das Anagramm wovon? Wer dieses Rätsel innerhalb von einer Minute lösen kann, kann sich den Kinobesuch schenken.

Asterix und die Wikinger
(Stefan Fjeldmark, Jesper Møller)

Originaltitel: Astérix et les vikings, Frankreich / Dänemark 2006, Buch: Jean-Luc Goossens, in Zusammenarbeit mit: Stefan Fjeldmark, Comic-Vorlage: René Goscinny, Albert Uderzo, Musik: Alexandre Azaria, mit den deutschen Stimmen von Christian Tramitz (Asterix), Tilo Schmitz (Obelix), Smudo (Grautvornix), Nora Tschirner (Abba), Dieter Hallervorden (Kryptograf), Götz Otto (Olaf), Wolfgang Völz (Majestix), ca. 80 Min., Kinostart: 11. Mai 2006

Nach zwei Realverfilmungen mit Gerárd Depardieu als Obelix (die ich mir beide erspart habe) kommt nun auch mal wieder eine Zeichentrick-Adaption eines klassischen Asterix-Albums (Asterix und die Normannen, Original 1967, deutsch erstmals 1971) ins Kino, und auf den ersten Blick auffällig ist die Kooperation mit den in letzter Zeit im Zeichentricksektor aufstrebenden Dänen, die über das Wikinger-Thema eine gewisse Expertise zu scheinen haben.
Im Vergleich mit inzwischen noch längst nicht „klassisch“ zu nennenden, aber zumindest frühen Asterix-Zeichentrick-Abenteuern fällt positiv auf, daß das Material diesmal nicht mit störenden Songs gestreckt wurde (auf eine Ausnahme komme ich noch zu sprechen). Allerdings hat man stattdessen die Story gestreckt, was auch nicht unbedingt besser ist, wenn zu den Ergebnissen eine überflüssige Love-Story mit der neudazuerfundenen „Abba“ (Nora Tschirner spricht die leidlich interessante Identifikationsfigur für weibliche Zuschauer) und ein ebenfalls im Album nicht vorkommender Bösewicht namens Kryptograf (der Sprecher Dieter Hallervorden bringt die Gänsehaut für den Zuschauer bereits mit - leider aus falschen Gründen) zählen. Die Geschichte von den furchtlosen Wikingern, die davon gehört haben, daß Angst Flügel verleiht (Red Bull gab’s damals noch nicht), und sich deshalb den unpassend benannten Häuptlingneffen Grautvornix (Smudo von den Fantastischen Vier) für private Flugstunden („Tower, bitte um Starterlaubnis …“) kidnappen, war schon im Comic reichlich strapaziert.
Anachronismen waren bei Asterix immer die wichtigsten Humorlieferanten. Wenn Grautvornix sich nach dem Unfall seines aus dem Ausland importierten Streitwagens darüber ärgert, daß die nächste Vertragswerkstatt wahrscheinlich weit weg ist, schmunzelt man unwillkürlich. Für das moderne Publikum hat man nicht nur die Musik aktualisiert (was 1967 so in Lutetia „in“ war, ist aus heutiger Sicht wahrscheinlich so „steinzeitlich“ wie das gallische „Keltengedudel“), als auffälligste Erneuerung gibt es auch eine Brieftaube namens „SMS-ix“, die kurze Baggersprüche gleich direkt in das nächste Holzstück tackert. Was sicherlich erfrischender und werkgetreuer ist, als Methusalix beim Breakdance zuzuschauen. Man könnte noch die Wikingerbraut namens „Vikea“ erwähnen, die seit längerer Zeit nach einem Trinkschädelpaar Ausschau hält, doch die meisten der „moderneren“ Scherze können sich mit der Qualität eines Goscinny nicht messen (wie man ja auch bei den letzten, allesamt greulichen Asterix-Alben sehen konnte). Da ich weder den Comic noch den Film in der franzöischen Version kenne, kann ich hier als Anschauungsmaterial nur eingedeutsche Wikingernamen vorbringen. Damals hatten sie so poetische Namen wie „Maulaf“, „Dompfaf“ oder „Völligbaf“, heute heißen sie eher stumpf „Steffigraf“, „Travoltaf“ oder (immerhin!) „Tiefschlaf“.
Die überflüssigste filmsprachliche Ergänzung des Films ist aber sicher die „Trainings“-Montage zu den Klängen einer Cover-Version von Survivors Eye of the Tiger. Für den Team America-Fan bringt dies aber immerhin noch einen unfreiwilligen Lacher, denn man erinnert sich natürlich an die unsterbliche Zeile „ …even Rocky had a montage“.
Alles in allem bestätigt Astérix et les vikings nur wieder mein großes Vorurteil: Es ist in den allermeisten Fällen einfach überflüssig, Comics ins Medium Film zu übertragen, und wenn man auch noch einen Zeichentrickfilm aus einem Comic macht, sollten die zwei zusätzlichen Ausdrucksformen (Animation und Ton) zumindest etwas zum Primärtext hinzufügen. Da die Animation hier teilweise lieblos ist (Idefix, Miraculix’ Bart) und ich nicht zu den Leuten gehöre, für die Smudos Stimme schon als Grund für einen Kinobesuch ausreicht, kann ich nur jedermann empfehlen, sich lieber den Comic zu kaufen - kostet auch nicht mehr als ein Kinobesuch …

Coming soon in Cinemania 33 (Berlinale Digestif):
Die letzten Berlinale-Rezensionen für dieses Jahr, diesmal aus den Gegenden, die für Jägermeister und Akwavit bekannt sind: Container, Drømmen, Der freie Wille, Fyra veckor i juni, Montag kommen die Fenster, Slumming …