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Die Box



Oktober 2001
 
satt.org: paktinfo
Der pakt Performance-Report

Mensch ißt Brot | Brot ißt Mensch
1. Performance-Abend
der Serie Typus
Brot Zeit
Performances

21. Oktober 2000

Koch/Kunst Galerie ZAGREUS
Ulrich Krauss
Schröderstrasse 13
10115 Berlin


Teilnehmende Künstler:
Michael Walter
Steffi Wurster
Irina Thormann
Ingolf Keiner
Anja Ibsch
Tafel 7
BBB Johannes Deimling und Stephan US
Das Projekt Brot Zeit beschäftigt sich mit dem alltäglichsten Nahrungsmittel des Menschen. Das mit hohen symbolischen Werten aufgeladene Thema Brot wird performativ und kulinarisch verwendet und eingesetzt. Die daraus resultierende Existensnähe ist Inhalt des gesammten Projektes. Brot und Zeit sind Grundformen des Lebens, die auf alle alltäglichen und gesellschaftlichen Bereiche Einfluß nehmen. Brot ist in allen Kulturen verständlich.
Kommunikation und Verständigung sind wichtige Bestandteile des Projektes. Es wird versucht eine eigene Sprache zu finden. Brot als Sprache, als Medium der Verständigung, Kommunikationsmittel.
Dies wird auch durch das in der Galerie servierte Brot-Menue unterstrichen. Hier ist auch Raum gegeben um sich über die unterschiedlichsten Ansätze gesellschaftlichen, politischen, kirchlichen, moralischen und soziologischen Hungers auszutauschen und zu diskutieren. Vergänglichkeit und Energiegewinn sind unter anderem Attribute die beide, Performance als auch Brot, in sich vereinen.



Michael Walter
das potemkinsche Brot

3x30 Minuten


30 Minuten ein an die Wand genageltes Brot im Stehen betrachten.


Pause.


30 Minuten ein auf dem Tisch liegendes Brot im Sitzen betrachten.


Pause.


30 Minuten ein von der Decke gehängtes Brot im Liegen betrachten.


Der Abstand vom Brot zur handelnden Person ist jeweils so gewählt, das jenes gerade nicht mit den Händen erreicht werden kann.
30 Minuten ein von der Decke gehängtes Brot im Liegen betrachten.






Steffi Wurster
wo es lang geht?

15 Minuten


Mit einer Nähmaschine nähe ich Knäckebrotscheiben
in zuvor ausgerissene Bibelseiten ein
Ertrinken:

Ein Laib Brot wird auf ein Glas mit Milch projiziert.

Ich trinke die Milch Schluck für Schluck aus. Auf dem leeren Glas verliert sich das Bild.


Kreuzstrich:

Mit einer Nähmaschine nähe ich Knäckebrotscheiben
in zuvor ausgerissene Bibelseiten ein.


Einschnitt:

Ein mit Blut gefülltes Brot. Ein Schnitt.






Irina Thormann
o.T.

45 Minuten


Ich setze mich nackt auf einen Hocker, in meinen Armen eine große
Menge Hefe Teig
Ich setze mich nackt auf einen Hocker,
in meinen Armen eine große Menge Hefeteig.
Ich versuche den Teig zu halten.
Der Teig bewegt sich durch seine Schwere
und geht durch meine Körperwärme
weiter auf.

Um die Menge in meinen Armen zu halten
fasse ich den Teig von Zeit zu Zeit neu.

Ich beginne den Teig über
meinen Körper zu ziehen.
Ich ziehe ihn soweit es der Teig
und mein Bewegungsraum zulassen.


In der soweit getriebenen Teigkleidung
verlasse ich den Ort.






Ingolf Keiner
­FRSS­SCHSS­
15 Minuten


Zwei Brotlaibe liegen schulterbreit auf dem Boden. Ich nehme sie auf und singe mit hoher Stimme den Vokal »A«. Mit Schwung erschlage ich ihn an der Wand. Ähnlich wird auch mit den anderen Vokalen verfahren.
Nun spreche ich nur noch mittels Konsonanten:
Die Brote werden an Mund und Steißbein gehalten: »­FRSS­SCHSS­«
Ein Brot wird an die Milz gedrückt, das andere schnell darauf geklopft: »NSTNKT«
Die Brote werden in den Armen verschränkt an die Leber gepreßt: »NTTN«
Die Brote werden als Horn vor die Stirn gehalten: »MMGNTN«
Die Brote werden im Scheitelbereich bewegt: »NSPRTN«
Zuletzt wird das eine Brot zwischen die Knie geklemmt, das andere vor dem Bauch mit beiden Händen aufgebrochen. Ich höhle es aus, werfe den Inhalt auf die umstehenden Zuschauer, wärend ich fortwärend »uz stieg uz eiretam uz stieg« rufe.
Ich lege die Brote an ihren Platz zurück.
Ingolf Keiner: ­FRSS­SCHSS­






Anja Ibsch
ideal
15 Minuten

Anja Ibsch: idealAnja Ibsch: ideal
un coup de dés jamais n`abolira le hazard
Text von Mallarmé:
ein Würfelwurf wird niemals den Zufall abschaffen oder ein Wurf Gottes wird niemals den Zufall abschaffen oder der Zufall wird niemals den Zufall abschaffen
"die einzige Zahl die nicht kann eine andere sein“ (magische Idealziffer)
"doch es war der Zahl Einfall es wäre der Zufall"
"alles Denkens Entwurf ein Würfelwurf"
Material: ein Leib Brot, Weinflasche, Würfel, Diktafon
Aspekt Brot und Wein:
der Wein ist die Göttliche Extase
das Brot ist die sichtbare Manifestation des Geistes
der männliche Wein, das weibliche Brot
die Verbindung des Flüssigen mit dem Festen, die den Androgyn darstellen kann
sie bedeuten die zwei seiten des Wesens von Christus, den Leib und das Blut
aspekt Würfelwurf:
Würfeln bedeutet Schicksalsmacht, das Unwiderufliche, Wankelmut
im Christentum ist der Würfel eines der Leidenswerkzeuge Christi
Aspekt Androgyn:
ursprüngliche Vollkommenheit, Ganzheit, Autonomie, wiedergewonnenes Paradies






Tafel 7
Essen 8 Theorie

30 Minuten

Akteurin 1, in dunklem Blazer und Hose betritt mit einer Tasche den Raum, gefolgt von Akteurin 2, weiblich in langem Rock, schulterfreiem Oberteil gekleidet. 2 nimmt die Tasche, stellt sie auf den Tisch und richtet mit Broten, Messern, Brettchen, Butter, Porzellan Platte und Mappe zwei Arbeitsplätze ein. 2 beginnt Brot zu schneiden. 1 beginnt Butter auf die Schnitten zu streichen. Nachdem drei Scheiben Brot abgeschnitten sind, beginnt 2 Fragen an das Publikum zu stellen. 1 antwortet mit Blick zum Publikum. Die geschmierten Brote werden den Zuschauern gereicht.
Tafel 7: Essen 8 Theorie






Stephan US und BBB Johannes Deimling
durchbeißen

60 Minuten


Mit beiden Händen halten wir ein 1,40 Meter langes und 35 cm breites Brot vor unsere Münder. Wir beginnen uns der Länge nach durch das Brot zu beißen und hören auf, wenn wir durch sind und die Teile zu Boden fallen. Durch die harte Kruste bluten unsere Münder.
Brot vor unseren Mündern





Idee & Konzept: BBB Johannes Deimling
erste Veranstaltung der Performance-Reihe Typus
Organisation: pakt. performance- und aktionskunst. berlin
I. Keiner, A. Ibsch, BBB J. Deimling
Fotos: © Peter Büermann, Nikolaus Atzl und die Künstler.